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NZZ Folio 02/09 - Thema: Parallelwelten Inhaltsverzeichnis
Lebenslang Klaus Beimer
© WDR/Seip
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| Folge 102 der «Lindenstrasse». Im Dezember 1985 stand Moritz Sachs das erste Mal als Klaus Beimer (Klausi) vor der Kamera. |
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Moritz Sachs ist 30 Jahre alt. Seit 23 Jahren spielt er in der «Lindenstrasse» Klaus Beimer. Sie sind gemeinsam aufgewachsen, vor aller Augen. Moritz hat Klaus immer dabei.
Von Thomas Röbke
«Wir gehen auf Anfang. Ruhe am Set! Und wir drehen, Ton ab!» Moritz Sachs kennt diese Kommandos seit 23 Jahren. Damals, als Siebenjähriger, stand er zum ersten Mal als Klaus Beimer für die Serie «Lindenstrasse» vor der Fernsehkamera. Oder besser gesagt: lag, denn in der ersten Folge am 8. Dezember 1985 hatte Klaus die Masern. Heute, an einem trüben Wintertag, steht er im Krankenhaus Ochsenzoll in Hamburg hinter der Kamera. Eine Szene für Folge 64 der ZDF-Serie «Notruf Hafenkante» wird gedreht. Und er, der Regieassistent, ist es, der die Anweisungen gibt.
Aus der auf ein Jahr angelegten Rolle des zweiten Beimer-Sohnes ist für Moritz Sachs eine Lebensaufgabe geworden. Genug Fährnisse schreiben ihm die Autoren jedenfalls ins Drehbuch. Ein kleiner Abriss: Der zehnjährige Klaus schiesst mit dem Luftgewehr aus Versehen den Tennislehrer Nossek blind. Zwei Jahre später wird er zum Scheidungskind, was ihn empfänglich macht für Nazi-Aktivitäten, aus denen ihn erst Julia, seine erste Freundin, herausholt, eine militante Tierschützerin, die bald darauf an Tollwut stirbt. Da ist sein grosser Bruder Benni schon ein Jahr tot, gestorben bei einem Verkehrsunfall. Ruhiger wird es in Klaus’ Leben erst, als er ein Studium beginnt und von München nach Dresden zieht. Dort lernt er Nina kennen, die er 2003 heiratet und 2006 betrügt, weshalb sie sich 2008 scheiden lassen. Aus der Affäre mit Ninas Freundin Nastya geht eine Tochter hervor; mittlerweile hat Klaus beide verlassen.
Man sieht Moritz dabei zu, wie er mit dem Drehbuch unter dem Arm von Schauspieler zu Schauspieler geht, und wundert sich als «Lindenstrasse»-Zuschauer die ganze Zeit, was Klausi hier macht, von der «Übermutter» Helga Beimer bis heute «Hase» genannt. Moritz hat Klaus immer dabei. Seit 23 Jahren lässt er sich nur so die Haare schneiden, wie es der Produktionsleitung der «Lindenstrasse» gefällt. Seit 23 Jahren meidet Moritz die Sommersonne wegen Klaus. Schliesslich werden nach der sechswöchigen Sommerpause bereits die Weihnachtsfolgen produziert; eine sonnenverbrannte Nase wäre da doch sehr erklärungsbedürftig.
Der Drehplan hat diktiert, wann Moritz aus der Schule nach Hause gehen konnte, wann er direkt ins Studio musste, und er diktiert heute noch, wann er in die Ferien fahren und welche Tätigkeiten er sonst noch annehmen darf. Aber höchstens dass er, wie die meisten seiner «Lindenstrasse»-Kollegen, keine anderen Rollen annehmen kann, wenn er hierfür die Frisur ändern, die Haare färben oder sich einen Bart wachsen lassen müsste, findet Sachs schade. «In der Pubertät war ich schneller mal genervt von dem Eingebundensein, aber das Ganze hält sich ja in Grenzen. Das sind 60 Arbeitstage im Jahr, den Rest der Zeit mache ich andere Dinge. Es ist nicht so, dass ich in der Serie mein Leben verbringen würde.» Trotzdem ist Moritz Sachs sozusagen öffentlich aufgewachsen. «Er war ein zarter Junge», erinnert sich seine Filmmutter Marie-Luise Marjan. «Am Anfang fragte er zu Hause verwirrt: ‹Wer ist denn nun meine Mama, du oder die Marie-Luise?›» Vor den Augen eines Millionenpublikums reifte der Knabe zum 30-jährigen Mann heran, krächzte sich durch den Stimmbruch und bekam den ersten Flaum auf der Oberlippe, schliesslich den heutigen Siebentagebart.
Mit der Regieassistenz nabelt sich Moritz Sachs von Klaus Beimer ab: «In die Schauspielerei bin ich reingerutscht. Aber dies ist ein Beruf, den ich mir selbst erarbeitet habe.» Nicht nur das Regiefach reizt ihn. Ein Jahr lang war er Produktionsleiter des Musicals «Die schwarzen Brüder» in Schaffhausen. «Im Sommer habe ich eine Dokumentation gedreht und geschnitten. Jetzt produziere ich gerade etwas, schreibe ein Drehbuch, mache hier die Regieassistenz.» Mit einem Kollegen betreibt er eine Produktionsfirma für Film und Musical.
Klaus hat Moritz gründlich die Schulzeit verdorben. «Da war viel Neid bei den Mitschülern. Für meine Schwester war es auch alles andere als angenehm, wenn ihr in unserer Strasse die Haare abgeschnitten wurden oder man sie als ‹Schwester vom Lindenstrassen-Schwein› titulierte.» Weder Moritz noch seine Eltern hatten auf seine Fernsehkarriere hingearbeitet. Per Zufall waren seine Schwester und er einer Fotografin auf dem Spielplatz aufgefallen. Zum ersten Casting-Termin war er gar nicht hingegangen, er wollte lieber zu einem Kindergeburtstag. Doch der «Lindenstrasse»-Erfinder Hans W. Geissendörfer lud ihn nochmals ein: «Ich war fasziniert von seinem Charme und seiner Intelligenz. Ich wusste, der kann sich wehren, der ist belastbar. Was ich nicht brauchen konnte, war ein Kind, das sich duckt und keine Fragen stellt.»
So bodenständig wie Klaus ist auch Moritz. Bis zu seinem 18. Geburtstag bekam er «ganz normal» Taschengeld. Die Fernsehgagen hatten seine Eltern immer sicher für ihn angelegt. Davon hat er sich eine Eigentumswohnung in Köln gekauft, ein paar Rücklagen gebildet. Sein einziger Luxus sind Reisen und gutes Essen. Ein grosses Auto kann ihn dagegen nicht locken: «Damit kann ich nichts anfangen. Ausserdem wäre das umwelttechnisch daneben», sagt er und klingt dabei sehr nach «Lindenstrasse»-Klaus.
Gab es Situationen in seinem Leben, wo sich Moritz gefragt hat: Was würde Klaus jetzt machen? «Nein, gar nicht. Es sind wirklich nur diese 60 Tage im Jahr. Das ist Handwerk. Ich stelle etwas her, die Figur Klaus.» Was stört ihn am meisten an Klaus? «Als er noch Nazi war, hat mich das natürlich extrem gestört, da war ich selber gerade in der Punk-Ecke unterwegs. Aber mittlerweile… Dass er seine Frau betrogen hat, war natürlich keine Glanzleistung. Aber deswegen würde ich ihm nicht die Freundschaft kündigen.» Verliert man das Kindlich-Naive, wenn man noch kein Schauspielprofi, aber auch kein Kind mehr ist? «Das passiert jedem irgendwann, ob das nun in der Schule ist oder im Berufsleben oder wann auch immer.» Wo fand der erste Kuss statt? «Privat mit 12 oder 13 Jahren, in der Serie erst mit 16. Wenn man mal von dem Kinderkuss mit Iffi absieht, als Klaus 10 war.»
Natürlich, die Pubertät: Marie-Luise Marjan hat sie in der «Lindenstrasse» nur insofern mitbekommen, als sie «sofort abgemeldet war, als er in die Tanzstunde ging und das andere Geschlecht entdeckte. Das war wie im echten Leben.» Produzent Geissendörfer hat ihn dagegen «als unruhigen Wilden, der sein Leben durchaus genoss», erlebt: «Wenn er feierte, dann gründlich. Da gab es schon Momente, dass er zum Dreh kam und nicht unbedingt auf der Höhe seiner Schaffenskraft war. Aber Moritz hatte bei uns immer ein Nest neben dem Elternhaus.»
Auch Filmvater Joachim Hermann Luger hatte sehr schnell «durchaus väterliche Gefühle» für Moritz entwickelt: «Ich begrüsse ihn auch schon augenzwinkernd mit den Worten ‹Hallo, mein Sohn!›. Das reicht schon über das normale Mass an kollegialem Interesse hinaus, wie es den ‹Familienmitgliedern› geht. Die erste Liebe, Trennung, die Gesundheit.» Und Marie-Luise Marjan sagt: «Moritz empfinde ich als Sohn, ich könnte ihn nicht als Mann sehen. Ich sage, wenn ich ihn treffe: ‹Mein Grosser› zu ihm, und er sagt: ‹Na, Mutter?›.» Moritz sieht das nüchterner: «Eine nette, kollegiale, sinnvolle Beziehung, aber Familie war das nie für mich. Ich bin da alle zwei Wochen für vier Stunden ins Studio gegangen. Ich hatte da meine Kinderbetreuerin als engste Bezugsperson.»
Als Klaus’ Versöhnung mit seiner Exfrau Nina kürzlich scheiterte, weinte Moritz’ Freundin vor dem Fernseher mit Klaus mit: «Du hast genauso geweint, wie du weinst, wenn du traurig bist», erzählte sie Moritz später. Dessen Kommentar: «Na, das ist ja der Sinn der Sache, als Schauspieler.» Zur «Lindenstrassen»-Guckerin wurde sie erst, nachdem sie Moritz kennengelernt hatte: «Vor allem, wenn ich viel drehe und lange weg bin. Das ist dann vielleicht so wie Fotos anschauen.»
Kann Moritz überhaupt Einfluss auf Klaus nehmen, oder muss er klaglos alles spielen, was ihm die Drehbuchautoren vorschreiben? «Natürlich gibt es gewisse unveränderliche Grundmuster. Klaus wird sicherlich nie der Bösewicht werden. Autoren, Redaktoren, Dramaturgen sitzen zusammen und machen sich Gedanken über diese Figur. Meine Aufgabe ist es, sie mit Leben auszufüllen.» Oft seien das Kleinigkeiten: «Klaus würde eine Spülmaschine nie vorsichtig einräumen. Er würde sie immer grob einräumen, das hat er immer so gemacht. Oder er knallt die Tür. So was versucht man beizubehalten, um der Figur eine eigene Note zu geben.» An die Geschichten selber sollte man lieber nicht Hand anlegen, höchstens mal das eine oder andere anregen: «Ich habe für 2009 zwei Geschichten vorgeschlagen, die wurden bei den Storylines mitbesprochen. Ob sie genommen werden, erfahre ich aber erst, wenn ich die Bücher sehe.»
Was nicht zu übersehen ist: Klaus/Moritz ist mit den Jahren nicht nur in die Höhe gegangen, sondern auch in die Breite – womit Hans W. Geissendörfer gewisse Probleme hat; am liebsten möchte er ihn auf Diät setzen. «Hat er das gesagt?» fragt Moritz Sachs. «Das soll er mal versuchen. Wenn er es ins Drehbuch schreibt, nehme ich es als schauspielerische Herausforderung an.» Wenn Moritz also demnächst abnimmt, dann nicht, weil er es will, sondern damit Klaus dünner wird. Moritz wird Klaus immer dabeihaben.
Thomas Röbke ist freier Journalist; er lebt in Hamburg.
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