NZZ Folio 11/98 - Thema: Therapiert   Inhaltsverzeichnis

Entkorkt -- Graham's Vintage Port 1985 - Balsam für Gaumen und Seele

Von Andreas Heller

WENN DER NEBEL in die Landschaft schleicht und sich zartbittere Melancholie der Herzen bemächtigt, schlägt seine Stunde. Nun lohnt es sich besonders, ein Fläschchen Port aus dem Keller zu holen, um sich den trüben Tag ein bisschen zu versüssen. Aber Achtung: Für ein erstklassiges Vergnügen sind dabei bestimmte Regeln zu beachten, denn dieses Getränk ist very british. Noch bevor wir in den Keller steigen, gilt es, Kamin oder Ofen einzuheizen, entspannende Lektüre ist bereitzulegen, eine Zigarre kann nicht schaden. Die Flasche sollte ausserdem mehrere Stunden zuvor von der Horizontalen in die Vertikale befördert werden, damit sich das Depot absetzen kann. Wie ein rohes Ei ist sie darauf ins Wohnzimmer zu befördern, wo die Zeremonie ihren Fortgang nimmt.

Wir hatten uns für eine Flasche Graham's Vintage Port 1985 entschieden, einen König unter den Portweinen. Graham gehört zu den renommiertesten Häusern am Lauf des Alto Douro in Portugal, und die Bezeichnung Vintage bedeutet, dass die Trauben aus einem einzigen Jahrgang stammen und von herausragender Qualität sind. Nicht weniger vielversprechend ist der Jahrgang: 1985 gilt als einer der besten. Problemlos könnte dieser Wein noch zwanzig oder dreissig Jahre im Keller reifen. Aber wer will schon bis zu seiner Pensionierung warten, bis er einen guten Port geniessen darf?

Leider ist es bei jüngeren Weinen nicht nötig, die Flasche mit einer glühenden Zange zu köpfen. Der Korken unserer Flasche ist noch gut in Form und verlässt den Flaschenhals mit einem satten Plopp. Aufs Dekantieren wollen wir allerdings nicht verzichten. Das gehört zum Ritual. In England wird der Wein ausserdem traditionsgemäss dem Hausherrn serviert, der die Flasche dann im Uhrzeigersinn an seine Tischgenossen weiterreicht, weil die Flasche niemals den Tisch überqueren darf. Diese Tradition soll angeblich auf die Druiden zurückgehen, die in dieser Kreisbewegung eine kosmische Analogie zur Drehbewegung der Erde sahen. Andere wieder vermuten, dass auf diese Weise der rechte Arm frei blieb, um im Notfall zum Säbel greifen zu können.

Wie auch immer, ein wenig Zaubertrank ist ein guter Port in jedem Fall. Er ist süsslich, was daher rührt, dass die Gärung mit Branntwein gestoppt wird und sich somit der Zucker nur zum Teil in Alkohol verwandeln kann. Da der Branntwein reichlich, etwa zu einem Viertel beigegeben wird, ist der Alkoholgehalt trotzdem hoch, nämlich bis zu 22 Prozent.

Der hohe Zucker- und Alkoholgehalt ist bereits von Auge einfach zu erkennen. Der Wein ist leicht ölig und bildet am Glasrand dicke «Tränen». Seine Farbe ist tiefrot, was auf seine Jugend deutet. Gleichwohl zeigt sich sein Bouquet mit Noten von Früchten und Gewürzen bereits schön entwickelt, der Körper ist üppig und trotzdem elegant.

Zum Portweintrinken gehört weiter, dass man sich dazu Zeit lassen muss. Man nippt an seinem Gläschen, erschnuppert immer neue Düfte (Lebkuchen? Rumtopf?) und lässt den Gedanken freien Lauf. Ein Meditationswein für stille Nachmittage und lange Nächte.




Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.