NZZ Folio 12/93 - Thema: Diamanten   Inhaltsverzeichnis

A Diamond's best Friend

Antwerpen, Weltzentrum des Diamantenhandels.

Von Claudia Kühner

Zusatzinformation: Textkasten: Eine vierhundert Jahre alte Tradition

ENDLICH KANN SIE SICH den Diamantring leisten, den sie immer wollte, und geht zum Juwelier an der Zürcher Bahnhofstrasse. Der nimmt die Bestellung auf und gibt sie seinem Diamantenlieferanten durch: 2 Karat, Farbe River E. Der Zürcher Grosshändler greift seinerseits zum Telefon und ruft seinen Geschäftspartner Kurt Einhorn in Antwerpen an. Einhorn ist Inhaber einer Schleiferei und spezialisiert auf Steine wie den gesuchten. Den Hörer noch in der Hand, braucht er nur einen Blick auf den Bildschirm zu werfen, um festzustellen, dass er den gewünschten Diamanten hat, für 9000 Dollar das Karat. In wenigen Tagen wird der Stein - per Post verschickt und selbstverständlich gut versichert - auf dem Werkstatttisch des Juweliers liegen. Noch wertvollere Sendungen vertraut man lieber spezialisierten Transportfirmen an. Nichts Ungewöhnliches, wenn bei Einhorn ein Grossist aufs Mal Steine für Hunderttausende von Dollar in Auftrag gibt.

Meist hat Einhorn das Gewünschte an Lager, und wenn nicht, sucht er danach: Er lässt einfach ein Blatt Papier mit den genauen Spezifikationen am Aushang einer der vier Diamantbörsen Antwerpens anbringen. Die Notiz sehen dann Broker und Händler, und im Normalfall hat Einhorn das Ganze in Kürze beisammen.

Die Diamanten, die Einhorn verkauft, sind zum grössten Teil in seiner eigenen Schleiferei bearbeitet worden - in einer seiner Schleifereien, genauer gesagt. Als Händler zählt er in Antwerpen nicht zu den grössten, als Diamantenfabrikant ist er aber einer der Grossen. Gut hundert Leute sind bei ihm in Schleiferei und Büro beschäftigt, hinzu kommen Subkontraktoren im Kempen, in Israel und in Amerika. Kempen nennt sich ein Ring von Dörfern ausserhalb Antwerpens, wo seit dem vorigen Jahrhundert geschliffen wird und wo heute die neben den New Yorkern weltbesten Schleifer arbeiten.

Einhorn ist auch der Mann für problematische Fälle. Jenen 74karätigem Stein zum Beispiel, der wegen seiner schwierigen Form schwierig abzusetzen war, hat schliesslich Einhorn gekauft. Endlos haben er und seine Leute an dem Stein herumgetüftelt, haben nach der besten Art, ihn zu schleifen, gesucht. Die Sache gelang, der Stein hat am Ende ein Vermögen gebracht. Allerdings kann es immer wieder auch vorkommen, dass ein kostbarer Stein auf dem Schleifteller zerspringt. Oder dass man einen Stein falsch einschätzt, er geschliffen nicht hält, was er roh versprach. Erst beim Schleifen gibt er seine Mängel, seine Tönung, seine Reinheit - seinen wahren Wert - preis. Kein Stein ist wie der andere, jeder hat seinen eigenen Charakter. Ist der eine in einem halben Tag geschliffen, braucht es für den nächsten vielleicht drei Monate.

Einhorn, als Chef der Firma, legt die Preise der geschliffenen Diamanten fest. Das macht er nach Vorgabe seiner Gemmologin, die die Steine zuvor nach den im Diamantengeschäft gängigen «vier C» klassiert hat: Carat (Gewicht: 0,2 Gramm = 1 Karat ), Cut (Schliff), Clarity (Reinheit) und Colour (Farbe). Lange nicht alle Diamanten sind farblos, es gibt gelbe, braune, blaue, rosafarbene und sogar schwarze. Reinheit und Farbe sind nochmals in mehrere genau definierte Kategorien unterteilt. Fabrikanten machen zurzeit keine grossen Geschäfte. Teils, weil geschliffene Diamanten wegen der Rezession nicht teuer genug verkauft werden können, teils, weil das Diamantenkartell von De Beers den Nachschub knapphält - Gewinne liessen sich nämlich an sich auch bei kleineren Margen machen, wenn man eine grosse Menge Steine rasch umsetzen kann. Im Moment gehe, sagt Einhorn, vor allem mittlere Ware; grosse Steine seien nur wenig gefragt.

Rund die Hälfte der Rohdiamanten kauft Kurt Einhorn auf dem freien Markt. Die andere Hälfte bezieht er bei der Londoner Central Selling Organisation (CSO). Die CSO ist die zentrale Verkaufsorganisation von De Beers, dem südafrikanischen Diamantminenkonzern. Einhorn ist einer der 160 sogenannten Sightholders, die es weltweit zurzeit gibt. Sightholders - zum grösseren Teil Inhaber von Schleifereien, aber auch einige Händler - sind die von De Beers peinlich genau auf Leumund und wirtschaftliche Potenz hin überprüften Abnehmer der Rohware. Zehnmal im Jahr reist Einhorn nach London zu den «Sights», wie man die Verkaufsveranstaltungen der CSO nennt.

Grundsätzlich hat der Sightholder zu nehmen, was ihm die CSO gibt. Er kann aber die Summe nennen, für die er kaufen möchte, und die CSO weiss, auf welche Steine er spezialisiert ist. Dennoch, ginge es allein nach den Kundenwünschen, bliebe die CSO, vereinfacht gesprochen, möglicherweise auf der nicht so gängigen Ware sitzen. Der grosse Vorteil für den Sightholder ist, dass er verlässlich Nachschub bekommt, und zwar nicht nur zu stabilen Preisen, sondern allgemein auch etwas günstiger als Steine, die nicht durch das Kartell auf den Markt kommen. Schleifer, die sich die Rohdiamanten «outside», auf dem freien Markt, besorgen, müssen zwar nur Steine kaufen, für die sie Verwendung haben, dafür ist für sie die Ware nicht immer erhältlich, und sei es nur, weil in Afrika wegen der Regenzeit weniger gefördert wird als sonst. ANTWERPEN - das sind für den Diamantaire die Schupstraat und die Hovenierstraat, beide gleich beim Bahnhof, zusammen wohl keine dreihundert Meter lang, aber sie sind das Zentrum der Diamantenwelt. Der Umsatz ist hier höher als in New York, Tel Aviv oder Bombay, den anderen drei wichtigen Märkten; 85 Prozent der weltweit geförderten Rohdiamanten werden hier umgeschlagen und die Hälfte aller geschliffenen Steine. Millionenwerte, die Platz finden in der Hosentasche, verpackt in kleinen Papierbriefchen, die man hier nach dem Flämischen «Briefkes» nennt.

Diese Welt ist eine Welt für sich. Äusseres Zeichen dafür sind die Abschrankungen und die Polizeiposten am Ende der beiden Strassen - nicht nur wegen der Diamanten und Dollars, die die Menschen mit sich herumtragen. 1981 explodierte vor der kleinen Synagoge in der Hovenierstraat eine Autobombe, die drei Menschen tötete und hundert verletzte. Die Täter hat man nie gefunden.

«Zentrum der Diamantenwelt» - die Stadt wirbt in Umkehrung des berühmten Filmsongs mit dem Slogan «Antwerp, a Diamond's best Friend» für sich - stellt sich freilich als zu pompöse Bezeichnung heraus für die gesichtslosen Bürobauten mit banalen Geschäftsräumen, die die Schupstraat und die Hovenierstraat säumen. Keine Spur von Glamour lässt auf die funkelnde Ware schliessen, auf die finanzkräftigen Firmen, auf die immensen Werte, die hier tagtäglich umgesetzt werden. Farbe bringen allein die Menschen ins Bild, die im Diamantenhandel typische Mischung aus Indern, Afrikanern, Israeli, Libanesen, Amerikanern, immer mehr Asiaten und orthodoxen oder nicht so frommen Juden, die immer noch ihren angestammten Platz im Diamantengeschäft haben, obwohl ihr Anteil in den letzten Jahren zurückgegangen ist.

Die Händler eilen von Büro zu Büro und in die Börsen, die Steine in der Aktentasche verstaut, die sie mit einer Kette am Gürtel festgemacht haben. Man verhandelt auf englisch, flämisch, französisch, arabisch, hebräisch, indisch, jiddisch oder auf deutsch. Jeder ist vielsprachig und wechselt spielend vom einen Idiom ins nächste. Dieser wahrlich multikulturelle Haufen auf engstem Raum funktioniert, weil niemand nach der Herkunft, der Religion oder den politischen Ansichten des nächsten fragt. Der Araber wird sich hüten, dem Israeli gegenüber auch nur ein Wort über Politik zu verlieren, und umgekehrt. Oder anders ausgedrückt: Alle vermeiden tunlichst, sich durch Vorurteile das Geschäft verderben zu lassen. Nur dass der eine den anderen stets für den einzigen gerissenen Händler hält, der jeden in die Tasche steckt, lassen sie hie und da schon durchblicken.

Geschäftsgrundlage ist letztlich aber bedingungsloses Vertrauen. Es gehört zu den Eigentümlichkeiten des Diamantenhandels, dass ganze Vermögen allein auf Grund mündlicher Vereinbarung, ohne schriftlichen Vertrag, die Hand wechseln. Das erklärt auch, weshalb die Familie eine wichtige Rolle spielt. Man nimmt den Schwager in die Firma auf, der Sohn leitet die Filiale in London, der Bruder die Schleiferei im Kempen, in New York oder in Tel Aviv. Auch für die Zulassung zur Börse oder zum erlauchten Kreis der Sightholders spielen die verwandtschaftlichen Beziehungen eine wichtige Rolle. Die Reputation des Vaters ebnet dem Sohn den Weg.

Die Diamantaires haben sich im Lauf der Jahrhunderte ein eigenes dichtes Regelwerk von Kodizes, Bräuchen, Verhaltensmassregeln geschaffen, manche noch talmudischen Ursprungs. Wer gegen eine Regel verstösst, zu betrügen versucht, nicht pünktlich zahlt oder gar Bankrott geht, wird nach einem besonderen System von Sanktionen bestraft. Vor allem erscheint sein Bild mit dem «Straftatbestand» am Anschlagbrett der Börsen. Bei geringfügigem Anlass wird dem Fehlbaren der Zugang zu den Börsen für eine gewisse Zeit verwehrt, im schlimmsten Fall für den Rest des Lebens zu sämtlichen 22 Börsen der Welt, und das bedeutet in aller Regel seinen Ruin.

Streitigkeiten werden intern geregelt. Jede Börse ernennt zwei sogenannte Wochenverantwortliche, die zu schlichten haben. Gelingt es nicht, wird per Los ein Schiedsgericht von drei Mitgliedern zusammengestellt. Gesprochen werden hohe Geldstrafen, und das Geld geht an wohltätige Institutionen. In ganz seltenen Fällen wird einer Partei erlaubt, sich an ein staatliches Gericht zu wenden. Tut sie es ohne Erlaubnis, wird sie von allen Diamantenbörsen ausgeschlossen. DIE DIAMANTENBÖRSEN SIND nichts anderes als Treffpunkte von Anbietern und Käufern, Schleifern, Brokern, Händlern aus aller Welt. Man sitzt sich gegenüber an langen Tischen unter riesigen Fenstern, die nach Norden ausgerichtet sind, und begutachtet die Steine, die sich in diesem Licht am besten beurteilen lassen. Besucher, die mit Diamanten nichts zu tun haben - zum Beispiel neugierige Presseleute -, sind nicht gerne gesehen, bekommen Zutritt nur in Begleitung und werden höflich, aber bestimmt nach wenigen Minuten wieder hinauskomplimentiert.

Diskretion war auch einer der Gründe für die Schaffung von Börsen überhaupt. Sie lösten die Café- und Wirtshaustische ab, an denen bis dahin in Antwerpen mit Diamanten gehandelt worden war. Vor genau hundert Jahren gründeten die Antwerpener Diamantenhändler die erste Börse an der Pelikaanstraat gleich beim Bahnhof, den Diamantclub van Antwerpen. Er zählt heute 1250 Mitglieder, die mit rohen und mit geschliffenen Steinen handeln. 1904 entstand die Beurs voor Diamanthandel. Schon ihrer Architektur wegen ist sie die berühmteste Börse geworden und ist heute mit 2000 Zugelassenen auch die grösste. Gehandelt wird hier vorwiegend mit geschliffener Ware. Gründerväter waren osteuropäische Juden, die sich - vor den Pogromen gegen Ende des vorigen Jahrhunderts fliehend - in Antwerpen niedergelassen hatten. 1911 folgte die Gründung der Vereiniging voor Vrije Diamanthandel, die zum Treffpunkt der Schleifer aus dem Kempen wurde; sie hat heute über 600 Mitglieder. Als letztes wurde 1929 der Kring voor Diamanthandel geschaffen, dessen 1800 Mitglieder mit Roh- und mit Industriediamanten handeln.

Bis vor einigen Jahren wurden noch fast sämtliche Geschäfte an der Börse erledigt. Mit dem Entstehen einer modernen Büroinfrastruktur an der Hovenier- und der Schupstraat verlagert sich der Handel unterdessen immer mehr in die Büros. Eine wichtige Funktion haben die Börsen freilich behalten: Sie sind die Schule für den angehenden Diamantaire. Hier lernt er - Frauen sind in dem Gewerbe immer noch rar -, was unbedingte Verlässlichkeit heisst, was das Wort gilt. Dann sind die Diamantenbörsen aber auch Nachrichtenbörsen: Man redet, tauscht Neuigkeiten aus, tratscht. Die richtige Information ist vielleicht schon das halbe Geschäft. Die Welt der Diamantaires ist überschaubar, man kennt einander weitgehend, weiss, wer was macht, und wenn nicht, weiss man, wo man sich erkundigen muss.

Jeder Abschluss wird mit Handschlag und den jiddischen Worten Mazal oder Mazal und Broche - «Glück und Segen» - besiegelt. Der Spruch ist ein Überbleibsel aus jener Zeit, als der Diamantenhandel noch stärker von Juden dominiert war. Jeder sagt ihn, ob Schwarzafrikaner, Libanese oder Inder. So kommt das «Mazal» auch Gassan Dagher locker von den Lippen. Der Libanese hat sich im Lauf der Zeit einen ganzen Satz von jiddischen Ausdrücken zugelegt, die ihm von Nutzen sind, schliesslich hat er es oft mit frommen Juden zu tun. Dagher, in einem kleinen Dorf in Südlibanon aufgewachsen, ist Inhaber eines Büros an der Hovenierstraat. Er ist kein Sightholder und handelt mit Rohdiamanten jeder Grösse, direkt oder über einen Broker. Dagher geht nie an die Börse, sondern wickelt seine Geschäfte am Schreibtisch ab. Dort sitzt er, schaut, wenn es klingelt, auf dem Monitor, wer vor der Tür steht, und betätigt erst dann den Summer. Ohne strenge Sicherheitskontrollen kommt hier keiner in ein Gebäude hinein. Fremde Besucher müssen schon am Eingang den Pass abgeben.

«It's a Mezzieh», sagt Gassan Dagher soeben grinsend zu seinem Gegenüber, was etwa mit «das ist eine gute Gelegenheit» zu übersetzen ist. Mit dem älteren Juden aus New York, Betreiber einer Schleiferei und gerade einen Rohdiamanten mit der Lupe prüfend, hat er öfter zu tun. Ungefähr einmal im Monat kommt dieser her, um Rohware zu kaufen. Daghers Stein gefällt ihm, nur der Preis nicht. Der Libanese will 900 Dollar pro Karat, er bietet 775 Dollar. Ein Ritual folgt, nicht anders als auf dem Basar; freilich ohne Rufen, ohne Gestikulieren. Der Amerikaner erhöht auf 800 Dollar, Dagher schüttelt den Kopf. Das könne er nicht machen, sagt er. Der Amerikaner steht auf und geht zur Tür, für ihn wohl doch keine Mezzieh. Aber dann ruft ihn der Libanese zurück: 825 Dollar? Also gut - und: «Mazal». Für Dagher bleibt es bei diesem einen Mazal für diesen Nachmittag.

Nebenan hat ein Grosshändler aus Indien seine Büros. Dagher hat ihn herübergebeten, weil er ihm ein grösseres Lot von Rohsteinen anbieten will, alle von geringem Gewicht, und auf die sind die Schleifer in Indien spezialisiert. Dem Inder genügt ein rascher Blick in das Briefke, um zu erkennen, dass diesmal nichts für ihn dabei ist. Die Steine seien zu klein, gefragt sei im Moment bessere Ware. Nach fünf Minuten ist er wieder weg, vielleicht ein anderes Mal. Wieder geht der Türsummer, herein kommt ein junger Broker, als orthodoxer Jude zu erkennen. Er hält für seinen Auftraggeber Ausschau nach einem Interessenten für dessen Steine. Broker sind aus dem Diamantenhandel nicht wegzudenken. In Antwerpen sind es gegen dreihundert für Rohsteine und noch einige hundert weitere für geschliffene Ware. Sie tun, was Broker überall tun, sie vermitteln zwischen Verkäufer und Käufer, weil das Verhandeln leichter geht, wenn die sich nicht direkt gegenübersitzen, und weil den vielbeschäftigten Händlern und Fabrikanten oft die Zeit fehlt, sich persönlich um die Klientel zu bemühen.

Die meisten Broker arbeiten auf eigene Rechnung, nur wenige sind fest angestellt von grossen Schleifern oder Händlern; sie leben von den ein bis zwei Prozent Kommission, die sie auf den Kaufpreis bekommen. Ihr Kapital ist die intime Kenntnis des Marktes. Sie wissen, wer was braucht und wer was zu verkaufen hat. Dennoch geht das Geschäft manchmal nicht ohne Mühsal ab, wird allseits von Jammern begleitet - über den Preis, der zu hoch ist, über das Angebot, das unmöglich ist; das nötigt den Broker dann zum Hin- und Herpendeln, ehe endlich mit Mazal besiegelt wird - oder auch nicht. Im Durchschnitt gelingen dem Broker in der Woche drei bis fünf Abschlüsse. Ein harter Job. Kaum einer der Broker hat ein eigenes Büro, den ganzen Tag sind sie unterwegs, treffen sich mit Käufern und Verkäufern in den Büros und in den Börsen. Am Ende sind es nur wenige, die sich damit eine goldene Nase verdienen.

Manchmal erliegt der eine oder andere von ihnen der Versuchung, das Vertrauen zu missbrauchen. Das sieht dann zum Beispiel so aus, dass ein Broker seinem Auftraggeber nicht die ganze Summe nennt, die der Käufer bezahlt hat. Das geht, weil er, wenn er nicht ausdrücklich gefragt wird, den Namen des Käufers für sich behält. Manchmal kommt man dem Betrug mit Hilfe des Zufalls dennoch auf die Spur. Dann allerdings hat der Broker auf alle Zeit verspielt und kann sich nach einem neuen Beruf umsehen.

Diesmal ist es an Dagher, den Kopf zu schütteln, 450 000 Dollar hat der junge Broker als Preis für die Steine des Auftraggebers genannt. Der Broker nimmt's zur Kenntnis und verschwindet wieder. Doch keine halbe Stunde später ist er wieder da. Unterdessen stehen die nächsten beiden Besucher, wiederum zwei fromme New Yorker Juden, in Daghers Büro. Sie wollen sehen, was der Libanese im Angebot hat. Mit Erlaubnis des Brokers bietet er ihnen gleich einen Stein aus dessen Briefke an; der ist aber auch den beiden New Yorkern zu teuer. An einem anderen gefällt ihnen die Farbe nicht. Am Ende gibt Dagher ihnen zweitausend Dollar in bar für seine Tochter mit, die in New York lebt; das geht schneller und billiger als via Bank oder Post. Vertrauen ist alles.

30 000 MENSCHEN sind in Antwerpen in der Diamantenbranche tätig, in Bearbeitung, Handel und dazugehörenden Dienstleistungen. Es gibt 380 Schleifereien und 1500 Handelsfirmen von der Art, wie Gassan Dagher sie führt, ferner 4 Diamantenbörsen, 3 auf Diamanthandel spezialisierte Banken und 3 Schulen für den Schleifernachwuchs. Auf kleinstem Raum werden da mit wenigen Leuten 7 Prozent der gesamten belgischen Exporte getätigt. Import und Export von Diamanten haben 1992 je rund 7,5 Milliarden Dollar erreicht. Mehr als 100 Millionen Karat Rohsteine - das ist fast die gesamte Weltproduktion von 20 Tonnen! - wurden 1992 eingeführt; 58 Prozent hatten Schmuckqualität, der Rest war für Industriezwecke bestimmt.

Als Zentrum der Schleifer hat Antwerpen sein Gesicht in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten, als Folge der hohen europäischen Lohnkosten, allerdings stark verändert. 1968 noch waren hier an die 20 000 Schleifer beschäftigt; das war ein Drittel aller Schleifer weltweit; heute sind es gerade noch 5 Prozent. Die Bearbeitung der kleinen Steine lohnt sich immer weniger, so dass sich dieser Zweig nach und nach ins Billiglohnland Indien verlagert hat, wo es derzeit rund eine halbe Million Schleifer gibt, und teils nach Israel, wo die Lohnkosten zwar höher, aber immer noch geringer als in Europa oder auch Amerika sind. In New York kostet der Schliff pro Karat etwa 150 Dollar, in Antwerpen 100 Dollar, in Israel 40 Dollar, in Indien noch etwa 8 Dollar. Weil in Antwerpen die menschliche Arbeit teuer geworden ist, treibt man auch die Automatisierung der Diamantenbearbeitung voran, wenigstens so weit das möglich ist. Zwar wird man wohl nie eine Schleifmaschine erfinden. Doch immerhin kann heute ein Computer den besten und mit dem geringsten Gewichtsverlust verbundenen Schliff eines Rohsteins berechnen. Bis heute gilt als Faustregel, dass zwischen 45 und 60 Prozent des Gewichts durch Schleifen verlorengehen. Aus solchen Gründen werden in Antwerpen fast nur noch grosse und kostbare Steine geschliffen, an die man nur die besten Schleifer heranlässt und bei denen Lohnkosten keine Rolle mehr spielen. Ihr Vorsprung sind vierhundert Jahre Erfahrung, Tradition und Wissen, und den holt keiner so schnell ein.


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