«JE MEHR SICH der Sommer zu Ende neigt, breiten sich die Lemminge erst in dem obersten Waldgebiet aus und dann immer weiter hinunter, um im Herbst eine der grossartigen Wanderungen zu unternehmen, wobei die sonst so scheuen Tiere massenweise rücksichtslos vorwärtsdrängen und kaum irgend etwas ausweichen. Sie bahnen sich unentwegt vorwärts, verwegen und alles scheltend und sich selbst oft wütend und nutzlos zur Wehr setzend.» So beschreibt ein Zoologiehandbuch um die Jahrhundertwende die legendären Wanderungen der Berglemminge im hohen Norden. Und ein norwegischer Forscher berichtet, wie im Jahre 1868 ein Dampfer im Trondheimfjord mit voller Fahrt mehr als eine Viertelstunde durch eine gewaltige Schar schwimmender Lemminge pflügte.
Die «Lemmingzüge» werden bereits in einer norwegischen Bibelübersetzung des 12. Jahrhunderts erwähnt, wo man sie mit der Heuschreckenplage in Ägypten vergleicht. Beobachter aus dem Mittelalter berichten, wie Lemminge «in unerhörter Zahl aus der Luft herunterfallen» und dass der Biss dieser Tiere giftig sei. In Norwegen fürchtete man die Lemminge wie die Pest. Um die Invasion abzuwenden, wurden in den Kirchen Gebete verlesen. Bis in die neuere Zeit hielt sich der Glaube, die Lemminge seien von Todessehnsucht beherrscht, die sie zum kollektiven Selbstmord in die Flüsse und Fjorde treibe.
Die moderne Wissenschaft begegnet den historischen «Augenzeugen» mit Skepsis. Mitte dieses Jahrhunderts verwiesen etliche Forscher die Berichte über Lemmingzüge kurzerhand ins Reich der Phantasie. Zu Unrecht. Denn umfangreiche Studien skandinavischer und russischer Forscher haben mittlerweile gezeigt, dass Lemmingzüge tatsächlich existieren und manche der sagenhaften Geschehnisse eine reale Wurzel haben. Über das Wie und vor allem das Warum bleiben aber manche Fragen. Der schwedische Zoologe Kai Curry-Lindahl hat sich um die Lemmingforschung besonders verdient gemacht. Er arbeitete über dreissig Jahre lang praktisch jeden Sommer im skandinavischen Bergland und sammelte in den «Lemmingjahren» 1959 bis 1961 eine Fülle von Daten, die er im Buch «Der Berglemming» faszinierend darstellt.
Um die Bedeutung der spektakulären Lemmingzüge zu verstehen, muss man das Leben der Lemminge in normalen Jahren kennen. Der Berglemming (Lemmus lemmus) ist ein Nagetier und gehört zur Familie der Hamster und Wühlmäuse. Er führt in Norwegen, Schweden, Finnland sowie auf der russischen Halbinsel Kola in den Heiden und Tundren oberhalb der Baumgrenze ein diskretes Leben weitab von menschlichen Niederlassungen. Im Sommer bevorzugt der Lemming in der sonst kargen Bergheide jene üppigen Stellen, wo in feuchten Talmulden zwischen den zahlreichen Steinen Moore mit Wollgras liegen und Seggenwiesen und dichte Moosteppiche wachsen. Hier schafft er sich ein Netz offener Laufgräben als Verbindungswege zu Verstecken, Nestern und Fressplätzen. Auch geht er ohne weiteres ins Wasser und schwimmt mit raschem Schlag der Hinterbeine kilometerweit.
Der Schutz durch Laufgräben und die Steine als Verstecke sind lebenswichtig, denn der Feinde sind viele. Eisfuchs, Wolf, Eule, Falke und Raubmöwe bedrohen den kleinen Nager; Hermelin und Mauswiesel folgen ihm sogar in den Laufgang. Wird ein Lemming attackiert, setzt er sich zischend und knirschend mit Krallen und Zähnen zur Wehr. So hatte der Tierforscher Brehm höchstpersönlich einen wütenden Lemming am Hosenbein, als er im Jahre 1860 die rätselhaften Tiere in Norwegen studierte.
Obschon der Lemming das Wegnetz mit Artgenossen teilt, ist er ein ausgesprochener Einzelgänger. Treffen zwei Tiere im Graben aufeinander, gehen sie sich aus dem Weg oder es kommt zu einer bösen Rauferei. Vor allem die Weibchen dulden in der Umgebung ihres Nestes keine Störung. Sie weisen die offenbar fast immer paarungsbereiten Männchen mit Drohgebärden ab, boxen mit den Vorderpfoten und beissen das weichende Männchen in den Hintern. Nur wenn sie brünstig sind, akzeptieren die Weibchen mehrere Männchen bis zu fünfzigmal kurz nacheinander für nur wenige Sekunden lange Kopulationen.
Vor dem langen nordischen Winter wandert der Lemming in die trockenen Gebiete der Heide, wo er sich ein Gangsystem in die Schneedecke gräbt. Der saisonale Ortswechsel führt meist nur über wenige hundert Meter. Der Nager sucht sich windgeschützte Hangmulden, die sich meterhoch mit Schnee füllen. Unter der weissen Isolation ist er sowohl vor grosser Kälte wie vor Feinden geschützt und findet am Boden als Nahrung weiterhin die von ihm bevorzugten Moose.
Im versteckten Winterquartier liegt einer der Gründe für die periodische Bevölkerungsexplosion der Lemminge. Denn selbst unter der Schneedecke vermehren sich in gewissen Jahren die Lemminge weiter, mit unglaublicher Fruchtbarkeit: Nach etwa zwanzig Tagen Tragzeit wirft das Weibchen bis zu einem Dutzend Junge, die nach zwei Wochen selber geschlechtsreif sind. Schon Stunden nach einem Wurf können die Weibchen wieder brünstig sein. So folgt sich Wurf um Wurf. Schmilzt dann im späten Frühjahr der Schnee, wieseln plötzlich überall buntgescheckte Tierchen durchs Moos, wo vor Monaten noch kaum eines zu sehen war. Diese Fruchtbarkeit ist wohl der Grund für die Legende, die Lemminge regneten direkt aus dem Kosmos auf die Erde.
Wechselt nun ein stark gewachsener Lemmingstamm wieder ins Sommerquartier, hat sich die Lage verändert. Mancher Lemming findet am Ziel keinen günstigen Unterschlupf und tigert deshalb ziemlich nervös herum. Die im Wettbewerb um einen geschützten Platz erfolgreichen Weibchen haben aber weiterhin massenhaft Jungvolk. Gegen Sommerende eskaliert die Krise. Ein Grossteil der Lemminge ist jetzt den Räubern wie den Artgenossen schutzlos ausgeliefert - aus den normalerweise scheuen Tieren ist eine aggressive Horde im Dauerstress geworden.
Und plötzlich bricht das tausendfach gewachsene Volk zum Lemmingzug auf. Mit unheimlichem Pfeifen und Lärmen strömen die Tiere in den tiefer gelegenen Wald, Birken- und Nadelwald, ziehen über Wiesen und Felder und machen selbst vor Ortschaften nicht halt. Städte wie Östersund, Trondheim und Oslo wurden immer wieder von Lemmingen heimgesucht. Im Gegensatz zum saisonalen Hin und Her sind Lemmingzüge lange Wanderungen, die hundert Kilometer und weiter führen können. Nach Monaten erreichen die Tiere auf dem Umweg über das Tiefland wieder günstige Bergheiden und werden sesshaft.
Sogar im Exodus halten die Tiere untereinander Distanz. Zum lebenden Teppich wird der Lemmingzug erst dort, wo etwa eine Küste als Landzunge im Fjord endet, wo menschliche Siedlungen die Tiere ängstigen. Dann laufen die Individualisten zum Haufen auf, die Menge wird immer erregter und drängt schliesslich panikartig weiter. Viele Tiere überleben. Türmen sich allerdings auf dem Wasser hohe Wellen oder warten im Dorf hungrige Hunde, wird die Reise tödlich. Wie massenreich solche Lemmingzüge sein können, hat Curry-Lindahl dokumentiert: Beobachtete er in normalen Jahren im Hochland einige hundert Tiere pro Quadratkilometer, waren es 1960 auf schwedischen Bergheiden über 4000 und an den zufälligen Sammelorten gegen 30 000 Tiere.
Vorläufig noch rätselhaft ist, warum Lemmingzüge im Rhythmus von drei bis vier Jahren auftreten. Manchmal verzögert sich die Bevölkerungsexplosion um ein oder mehrere Jahre, etwa wenn im Winter ein Wärmeeinbruch die Neugeborenen im Schmelzwasser ersäuft. Mindestens so rätselhaft ist auch das Ende eines Lemmingzugs. Denn kaum hat ein Stamm neues Heideland erreicht, verschwindet fast das gesamte Volk ebenso rasch wieder vom Erdboden, wie es Monate vorher entstanden ist. Als Hypothese für das Massensterben wird von den Biologen eine Schwächung der Tiere durch den Übervölkerungsstress genannt, was durch verminderte Immunabwehr zu erhöhter Krankheitsanfälligkeit führen könnte.
In der Tat werden in Lemming-Jahren vermehrt Epidemien wie die Tularämie festgestellt, eine bakterielle Infektion, die auf den Menschen übergehen kann. Vielleicht liegt hier der Kern der Legende über die «Giftigkeit» der Lemminge. Plausibel erscheint auch die Vermutung, beim Wiederverschwinden der Lemminge spiele ein rapider Rückgang der Fruchtbarkeit eine Rolle - eine Selbstregulation, die auf stressbedingten Änderungen im Hormonhaushalt beruhen dürfte.
Bleibt die Frage, warum sich Lemminge überhaupt diesen Populationsexzess leisten, um anschliessend beinahe ausgerottet zu werden. Beobachtungen deuten darauf hin, dass die Lemmingzüge eine Strategie zur besseren Biotopnutzung sind. Denn das Moos auf der kargen Heide wächst nur langsam, und die Nahrungsbasis ist entsprechend limitiert. Indem die Lemminge alle paar Jahre auf neues Heideland ziehen, kann sich das strapazierte Biotop wieder erholen. Die Lemmingstämme nutzen so vermutlich das gesamte skandinavische Bergland immer nur fleckenweise nach dem Zufallsprinzip. Die risikoreiche Reise und der monatelange Verzicht auf ein schützendes Gangsystem können aber nur dank temporärem Gigantismus verkraftet werden.