NZZ Folio 02/96 - Thema: Vernetzte Welt   Inhaltsverzeichnis

Getting wired

Internet für Anfänger.

Von Daniel Weber und Peter Haffner

WER SICH ANS INTERNET anschliessen will, braucht dazu vier Dinge. Drei davon sind käuflich, eines ist unbezahlbar.

Erstens braucht es einen Computer. Er sollte über mindestens 8 Megabyte Arbeitsspeicher (Ram) verfügen und, falls man sich gerne Bilder ansieht, mit einem Farbbildschirm ausgestattet sein.

Zweitens braucht es ein Modem. Ob man sich für ein eingebautes oder ein externes Modem entscheidet, ist weniger wichtig als dessen Geschwindigkeit - 14 400 Baud mindestens sind ratsam. (Wer die Sache professionell betreiben will, sollte eine ISDN-Leitung in Erwägung ziehen.) Langsame Modems und kleine Arbeitsspeicher machen das Surfen im Netz zu einer zähflüssigen, rasch ermüdenden Angelegenheit - und überdies zu einer teuren, da lange Übertragungszeiten sich in hohen Telefonkosten niederschlagen. Via Modem wird der Computer an eine normale Telefonsteckdose angeschlossen. Solange man am Netz hängt, kann man also weder selber telefonieren noch Anrufe empfangen. Es sei denn, man verfüge über zwei getrennte Anschlüsse.

Drittens braucht es eine Anmeldung bei einem sogenannten Internet-Provider, über den der Anschluss ans weltweite Computernetz erfolgt. Sein Rechner, der Server, ist die Schaltstelle, die die Kontakte nach aussen vermittelt. Die Gebühren, die der Provider für seine Leistung erhebt, sind je nach System unterschiedlich. Es gibt solche, die eine Monatsgebühr - rund vierzig Franken - verlangen und dafür zeitlich unbeschränkten Zugang zum Netz bieten. Zusätzlich hat man dann nur noch die Kosten der Telefonverbindung zum Provider zu berappen, während man online ist. Ist der Provider in der Stadt domiziliert, in der man wohnt, wird also lediglich der Ortstarif verrechnet, selbst wenn man mit Australien in Verbindung steht. Andere Provider erheben geringere Grundgebühren für das Abonnement, verrechnen indes zusätzlich die Zeit, die man im Netz verbringt.

Hat man sich bei einem Provider angemeldet, erhält man per Post ein Passwort und eine Diskette mit der nötigen Software, um den eigenen Computer ans Netz anschliessen zu können. Wichtigster Teil dieser Software ist der sogenannte Browser, ein Programm, mit dem man sich durchs Internet bewegen und Dokumente in lesbarer Form auf seinen Bildschirm holen kann. Als Standard-Browser wird heute meist Netscape verwendet. Vom Provider erhält man ebenfalls eine weltweit gültige E-Mail-Adresse. Mit einem Mausklick kann man fortan am Bildschirm verfasste Briefe via Provider verschicken. Umgekehrt funktioniert der Provider als Postfach für eingehende Mitteilungen. Per Mausklick holt man sie heraus, wenn man sich ins Netz einschaltet.

Viertens braucht es - und dies kann man sich nirgendwo kaufen - Geduld. Wenn die Stecker passen, der Computer eingeschaltet ist und die Disketten installiert sind, heisst das noch lange nicht, dass die Sache läuft. Noch besser als Handbücher, die schwer zu verstehen sind und schneller veralten, als sie erscheinen, sind gute Freunde, die einem mit Trost und Rat aushelfen, wenn man partout nicht vorankommt und bei jedem Lüftchen vom Surfbrett fällt.

Glückt zu guter Letzt, nachdem man immer wieder die Meldung «Busy. Redialing» erhalten hat, die Verbindung zum Provider, kommen einem die kreischenden Geräusche des erfolgreich einloggenden Modems wie Schalmeienklänge vor. Doch steht man erst am Anfang. Man hat gewissermassen ein funktionierendes Telefon, kennt aber keine Nummern, die man anrufen könnte. Was man nun braucht, sind Adressen.

Bei der ersten Adresse ist man nach der erfolgreichen Verbindung bereits automatisch gelandet: auf der Einstiegs- oder Hauptseite des Providers, seiner Homepage. Dorthin kann man stets zurückkehren, indem man in der Funktionsleiste den Knopf «Home» anklickt. Die Homepage des Providers liefert einem auch die erste Einstiegshilfe: sogenannte Links - das sind unterstrichene Wörter, die man anklicken kann, worauf man in ein neues Dokument gerät. Nun ist es nicht so, dass man sich Internet-Adressen zu merken braucht. Das ist kaum möglich - oft sind sie lang und kompliziert - und überdies unnötig. Das wichtigste Hilfsmittel des Netsurfers sind nämlich die in der Kopfleiste aktivierbaren Bookmarks, die Buchzeichen. Dort lassen sich Adressen, die man wiederholt benötigt, mühelos speichern und ebenso mühelos wieder abrufen.

Bei all den Hürden, die er bis hierher zu überwinden hatte, kann man es keinem Internet-Novizen verargen, dass er darob die Sinnfrage glatt vergessen hat. Wer sich nicht scheut, sie nun trotzdem zu stellen, nehme einmal die folgenden Web-Seiten, die wir als interessant empfunden haben, unter die Lupe. (Wir setzen hier die Adressen jeweils in Anführungszeichen, die am Computer nicht einzugeben sind.) Am schnellsten eintippen lässt sich eine Adresse, indem man in der Funktionsleiste ins Fenster «Location» klickt. Betätigt man abschliessend die Absatztaste, wird sie angewählt.

Eine Hilfe bei der Durchforstung des Internet nach Dokumenten zu einem Thema, das einen interessiert, sind Suchprogramme. Man gibt das gewünschte Stichwort ein, den Rest besorgt das Programm. Bewährt haben sich Lycos «http://www.lycos.com/» und Alta Vista «http://www.altavista.digital.com/». Versuchen kann man's auch mit Savvy Search, wo die Suche mit Hilfe einer Kombination von anderen Suchprogrammen durchgeführt wird: «http://www.cs.colostate.edu/~ dreiling/smartform.html».

Wer sich zunächst darüber informieren möchte, welche Web-Seiten hoch im Kurs stehen, erhält bei Point Communications in New York über die Top Ten Auskunft: «http://www.pointcom.com/gifs/topsites/». Dort erfährt man, welche Sites am meisten besucht werden, und erhält Ranglisten, die nach den Kriterien Präsentation, Inhalt und Wirkung erstellt werden. Für die Besitzer eines schnellen Modems mag der Besuch von Peeping Tom reizvoll sein: «http://www.ts.umu.se/~space man/camera.html». Die Site listet Dutzende von Videokameras auf, durch die sich via Internet schauen lässt. Zum Beispiel vom 77. Stockwerk des Empire State Building auf die Skyline von Manhattan. Wer kein Aquarium sein eigen nennt, kann mit der Fishcam eines auf seinen Bildschirm holen, und wer dabei vom Hunger gepackt wird, der kann auf derselben Web-Seite ein Fischrezept anklicken.

Die meisten Kenner sind sich einig, dass das Internet-Angebot zu neunzig Prozent aus Schrott besteht. Aber die restlichen zehn Prozent bedeuten immer noch eine gewaltige Materialfülle. Man sehe sich nur einmal in der WWW Virtual Library um, einer unerschöpflichen Fundgrube für fast alle Themen, von Aboriginal Studies bis Zoo: «http://www.w3.org/hypertext/DataSources/ bySubject/Overview.html».

Für aktuelle Informationen hält man sich vorzugsweise an das Angebot, das inzwischen viele bekannte Zeitungen und Zeitschriften im Internet zugänglich machen. Man findet sie entweder via Suchprogramm oder beim Blättern in der umfangreichen Liste der Library of Congress: «http://lcweb.loc.gov/global/ncp/ lists.html». Die wichtigsten europäischen Titel sind verzeichnet unter: «http://muenchen.bda.de:80/bda/int/ spon/online/meta.html». Eine gute Auswahl von Sites, die auch als Recherchierhilfe dienen können, bietet Format NZZ: «http://www.nzz.ch/format». Die Hotlist für Journalisten versammelt Links zu Datenbanken, Medien, Bibliotheken und Suchprogrammen. Wer nur vom exklusivsten Journalismus naschen möchte, versucht «http://www.pulitzer.org/» - dort können die Texte nachgelesen werden, die letztes Jahr den Pulitzerpreis erhielten.

Eine Internet-Adresse nennt man übrigens URL, Uniform Resource Locator. Sie enthält oft einen Wust von Abkürzungen, von denen man nichts zu wissen braucht, die einem aber Hinweise zur Lokalisierung des entsprechenden Computers liefern. Die Adresse «http://www. thor.pcc.edu/» beispielsweise, wo man einen Internet-Kurs findet, lässt sich wie folgt aufschlüsseln: http:// heisst HyperText Transfer Protocol; www heisst World Wide Web; thor ist der Name des Computers, auf dem das Dokument greifbar ist; pcc bezeichnet den Standort, in diesem Fall das Portland Community College; edu heisst educational. In den USA sind neben edu folgende Kürzel häufig: com (commercial), org (organisation), gov (government). In der übrigen Welt stehen an dieser Stelle die Länderkürzel, zum Beispiel uk oder ch.

Hier nun einige Adressen zu ein paar zufällig ausgewählten Interessensgebieten, die einen auf den Geschmack bringen können:

Astronomie: «http://bang.lanl.gov/solarsys/» (Sonnensystem). Kino: «http://www.msstate.edu/Movies/ blurb.html» (Internet Movie Database). Kunst: «http:// mistral.enst.fr/» (WebMuseum) und «http://www.dsk. ch» (Datenbank Schweizerischer Kulturgüter). Literatur: «http://jg.cso.uiuc.edu/PG/welcome.html» (The Gutenberg Project). Medizin: «http://www.nlm.nih.gov/ extramuralresearch.dir/visiblehuman.html» (The Visible Human Project). Raumfahrt: «http://www.gsfc. nasa.gov/NASAhomepage.html» (Nasa Info Services). Schweiz: «http://heiwww.unige.ch/switzerland/» (Switzerland-Home) und «http://www.yahoo.com//Regional Information/Countries/Switzerland/» (Yahoo Switzerland). Spiele: «http://www.gamesdomain.co.uk» (Ga-mes Related Homepage).

Spätestens, wenn man versuchen möchte, online einen Frosch zu sezieren - was ein für den Biologieunterricht in Schulen entwickeltes Programm erlaubt: «http://curry.edschool.Virginia.EDU/~insttech/frog/» -, wird man zusätzliche Software benötigen, zum Beispiel, um sich kurze Videosequenzen am Bildschirm anzuschauen. Dafür braucht man sich nun nicht ins Fachgeschäft zu begeben, man lädt sich einfach aus dem Netz das Gewünschte herunter. Bei Netscape gibt es die jeweils neuste Version des Browsers, den man verwendet: «http://home.netscape.com/». Zu bewegten Bildern verhilft «http://www.mcs.net/~cwiltgen/quicktime/», und Ton empfangbar macht «http://www.realaudio.com/».

Für viele besteht der eigentliche Reiz des Internet darin, dass man sich nicht nur endlos durch mehr oder weniger lohnenswerte Web-Sites klicken, sondern mit anderen in Kontakt treten kann. Dafür vorgesehen sind die Newsgroups: Tausende von Diskussionsforen, in denen kaum etwas unter der Sonne nicht verhandelt wird. Einen Überblick über die Gruppen verschafft man sich am besten im Suchprogramm von Alta Vista (siehe oben).

Wer nach so viel Internet ein schlechtes Gewissen und das Gefühl hat, er sollte sich wieder einmal um seine Kinder kümmern, der kann auch dies online erledigen. Für Kinder gibt es ein reiches Angebot unter «http://www.crc.ricoh.com/people/steve/kids.html» (Interesting Places for Kids). Und selbst die längst überfälligen Karten, mit denen man sich für die Weihnachtsgeschenke bedankt, sind am Bildschirm rasch geschrieben: ein Sujet auswählen (von van Goghs Sonnenblumen bis Tokyo in the Rain), Text und E-Mail-Adresse eintippen, abschicken. «http://postcards.www. media.mit.edu/Postcards/», The Electric Postcard, macht's möglich.




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