NZZ Folio 02/03 - Thema: Haushalt   Inhaltsverzeichnis

Der Krisenherd

© Ernst Jaeger, Zürich
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Der Haushalt ist der Ort der Beziehungsdramen. Männer sehen widerwillig ein, dass sie sich an der Hausarbeit beteiligen sollten. Merkwürdigerweise haben dennoch meistens die Frauen den Dreck. Was tut sich an den Schmutzrändern des Geschlechterkampfs?

Von Michael Marti

Der Haushalt, das bisschen Haushalt, ist nicht der Rede wert. Das sagt, wer ihn nicht selber zu erledigen hat. Für die anderen ist der Kampf, Heim und Herd sauberzuhalten, eines der letzten grossen Abenteuer der Menschheit. Ein Abenteuer, das mit sonderbarer Regelmässigkeit Frauen und Männer an Abgründe führt und über Minenfelder. Am Ende sitzen auch die Tapfersten in der Falle.

Er ist Webdesigner, 41, selbständig, trotz Rezession ausgelastet. Sie ist Architektin, 35, und SP-Gemeinde-politikerin, ab diesem Monat wieder zu 60 Prozent be rufstätig. Dieser Mann und diese Frau hatten früher viele progressive Ideen, jetzt haben sie Geld und eine sehr geschmackvoll eingerichtete 5-Zimmer-Wohnung mitten in Basel; allein im Wohnzimmer stehen vier original Panton-Stühle. Und seit acht Monaten haben sie einen Moritz, einen Sohn.

Sie sind ein schönes Paar, im Grunde genommen. Nur ihre Freunde sagen seit kurzem, die beiden sähen ziemlich fertig aus. Doch es wird viele andere Männer und Frauen trösten, was sich die beiden nach elf Monaten im gemeinsamen Haushalt zu sagen haben.

Die Frau: Damit du es weisst: Initiativ bist du nicht im Haushalt. Selbst wenn man bedenkt, dass du nur ein Mann bist.
Der Mann: So? Ich haushalte, während du noch schläfst. Zwischen sieben und halb neun. Ich räume den Geschirrspüler aus, nehme Moritz auf, gehe zum Bäcker, hole die Zeitung.

Die Frau: Das machst du nicht für mich. Das hast du immer so gemacht.
Der Mann: Das spielt objektiv keine Rolle. Du kannst bis halb neun schlafen.
Die Frau: Das konnte ich früher auch.


Über die Hausarbeit wird ausgiebig und unergiebig gestritten. Statistisch gesichert ist, dass sich am Ende meistens die Frauen die Hände schmutzig machen. Geschirr spülen, putzen, aufräumen, Wäsche waschen: Die Schweizerinnen arbeiten im Haushalt doppelt so lang wie die Schweizer, nämlich durchschnittlich 27 Stunden die Woche im Unterschied zu 13,5 Stunden. Sie tun dies, obwohl rund 80 Prozent der Frauen zwischen 20 und 50 ausser Haus eigenes Geld verdienen.
Wie eine Studie (Bass-Bericht 2002) des Eidgenössischen Büros für Gleichstellung zeigt, ist die Hausarbeit besonders ungleich verteilt bei Ehepaaren mit Kindern: Eine verheiratete Mutter von drei Kindern etwa arbeitet zu Hause fast 60 Stunden, ihr Gatte 23. Am geringsten sind die Unterschiede bei kinderlosen Konkubinatsbeziehungen, hier leistet die Frau in der Woche 19 Stunden Haushaltarbeit, der Mann 14.

Steigen die Männer in die Niederungen der Weiblichkeit hinab und wischen den Boden, packen die Wäsche in die Maschine, räumen die Wohnung auf, so tun sie es meistens in der Art eines Hilfsarbeiters: auf Geheiss, unter Anleitung und Aufsicht der Frau. Nur im Bereich «handwerkliche und administrative Tätigkeiten» entwickeln die Herren Eigenverantwortung und leisten mehr als ihre Partnerinnen: Glühbirnen auswechseln, Rasen mähen, die Steuererklärung ausfüllen, das sind Herausforderungen, die der Durchschnittsmann als seiner würdig erachtet. Auch beliebt ist der Grosseinkauf am Wochenende, besonders wenn das Auto benützt werden kann.

Die Verhältnisse mögen nachdenklich stimmen, vielleicht auch einige Männer. Obwohl sich in den letzten zwei Jahrzehnten in der Geschlechterordnung angeblich einiges bewegt hat – Männer lernten weinen, Frauen Karriere machen –, ist der Status quo im Haushalt seit 1980 praktisch unverändert geblieben. Der Bass-Bericht bilanziert: «Die Männer haben den Umfang ihrer Hausarbeit in den letzten 20 Jahren nicht oder nur unwesentlich vergrössert.»

Männer sind zu Hause faul. Die Frauen lassen es sich gefallen. Das ist umso erstaunlicher, als es bekanntlich nicht sehr spannend ist zu entscheiden, ob zuerst die bunte oder zuerst die weisse Wäsche gewaschen wird. Und Haushalten ist zwar eine Arbeit, ohne welche die Heldentaten draussen in der grossen Welt nicht möglich wären, der jedoch gerade von der Wirtschaftswelt kaum Wert beigemessen wird. Sie scheint beispielsweise nicht im regulären Bruttoinlandprodukt auf, sie verschafft auch keinen Anspruch auf Pensionskassengelder. Der Frondienst im Haus gibt etwa so viel Ansehen wie eine Anstellung bei der Müllabfuhr.

Und Haushalten gefährdet die Gesundheit. Mütter mit einem 60-Wochenstunden-Job in den eigenen vier Wänden laufen Gefahr, in Erschöpfungszustände und Depressionen abzustürzen, an Schlaf- oder Essstörungen zu erkranken, und sie neigen überdurchschnittlich stark zu Suchtverhalten.

In einer Untersuchung des Bundesamtes für Statistik aus dem Jahr 1998 gaben 33 Prozent der befragten Frauen an, sie wünschten sich eine Entlastung von der Hausarbeit; der Wunsch nimmt mit Bildungsgrad und Einkommen zu. Anderseits: Auch 19 Prozent der Männer meinten, sie möchten weniger Zeit in den Haushalt investieren. Das kann nicht aufgehen.

Dafür ist Vater Staat plötzlich ein Frauenversteher. Mit Erscheinen des Bass-Berichtes lancierte der Bund die Fairplay-at-home-Kampagne, eine wohlmeinende PR-Aktion, die Männer mit kabarettistischen Mitteln zum Zupacken im Haushalt bewegen will. Die Angesprochenen fanden das nicht sehr komisch: Männer polterten in Leserbriefen gegen die staatliche «Emanzenpolitik», sie klagten, welche Lasten sie in der Familie ohnehin zu tragen hätten («Velos flicken», «Steuererklärung ausfüllen», «Feriengepäck packen»). Sie jammerten, wie unangenehm ihre Verpflichtungen ausser Haus seien («Stress», «Mobbing», «Karrieredruck»).

Es kam, wie es kommen musste: Politisch organisierter Widerstand regte sich. Der Basler Landrat und Schweizer Demokrat Roland Bächtold gab in der «Basler Zeitung» bekannt: «Ein Mann, der einen Kinderwagen schiebt, ist kein Mann mehr.» Und den Zürcher SVP-Nationalrat, Ex-Bundesratskandidaten und Schreinermeister Toni Bortoluzzi muss der Appell zum häuslichen Fairplay ebenfalls mitten in die Männlichkeit getroffen haben: «Zwischen meiner Frau und mir gelten klare Zuständigkeiten: Sie nimmt mir das Holz nicht aus der Schreinerei, und ich rühre ihre Kelle nicht an.»

Mit dem Thema Haushalt kochen auch andere ein politisches Süppchen: In Deutschland erwog die Grüne Partei, ein Gesetz zu fordern, das träge Männer zur Mitarbeit im Haus verpflichtet. Ob in jede deutsche Küche ein Polizist abkommandiert werden soll, wurde so wenig diskutiert wie die Frage, welche Ausnahmebestimmungen für Haushaltungen gelten, die sich eine Putzfrau leisten.

Das Eidgenössische Büro für Gleichstellung hat übrigens nie behauptet, Männer lägen faul herum, derweil ihre Frauen sich plagen. Das wäre in der Tat falsch: Zählt man die Erwerbsarbeit und die Haushaltarbeit zusammen, die beide Geschlechter leisten, ergibt sich eine ähnlich grosse Gesamtbelastung: 57 Wochenstunden für die Frau, 58 für den Mann. Das letztlich bescheidene Ziel der Fairplay-Kampagne ist, «dass vor allem junge Paare ihre Aufgabenteilung im Haushalt diskutieren». Ein wahrlich niederschwelliges Angebot zum Überdenken der Geschlechterrollen.

Die Frau: Am Anfang wollte ich, typisch Frau, alles perfekt machen.
Der Mann: Stimmt. Mit Betonung auf «am Anfang».
Die Frau: Aber dann kam die Krise. Die Wohnung versiffte.
Der Mann: Stimmt.
Die Frau: Moritz schrie in der Nacht. Ich stand auf. Und dann begann ich zu putzen. Ich putzte drei Stunden lang in der Nacht.
Und heulte. Und du schliefst. Ich dachte: Mit welchem Idioten bin ich zusammen. Er pennt. Er pennt!


Vielleicht sollten einige Männer im Land einmal bei der Zürcher Haushaltexpertin Hilda Kieni, 46, vorbeischauen. Die kleine, energische Frau mit grauem Haar und schwarzer Brille hat es sich zur Aufgabe gemacht, auch ärgste Haushaltmuffel zu bekehren. Kieni führt seit einem Jahr einen Hauswirtschaftsberatungsdienst, mit dem sie «auf den landesweiten Notstand im Bereich der häuslichen Kompetenzen» reagieren will. Trotz der offenbar dramatischen Lage bemüht sie sich um einen ideologiefreien Zugang zum Thema, für Kieni ist die Ursache für die Krise am Herd ein fatales Bildungsproblem: «Was man nicht gelernt hat, davor drückt man sich eben.»

In Abendkursen weiht Kieni in die Geheimnisse des Haushaltens ein, es kommen Single-Frauen und Single-Männer, aber auch Paare, bei denen der Haushaltsegen schief hängt. Das Angebot schliesst schlau eine Marktlücke, auch deshalb, weil Kieni, ehemals Hoteldirektorin, heute doppelbelastete Mutter eines siebenjährigen Sohnes, ihre Dienstleistung mit einer aufpolierten Terminologie anpreist: Management-Imperative wie «Effizienz», «Professionalität», «Kompetenz» sollen das spiessig-verstaubte Image häuslichen Tuns wegwischen; Kieni bedient sich für den Verkauf ihrer schlanken Hauswirtschaft der Sprache, die schon in der Welt der bezahlten Arbeit den Erfolg herbeireden soll.

Sie ist die Botschafterin des Power-Haushaltens; und wenn sie doziert, dann klingt es so gemütlich wie in einem Kaderseminar: «Effizientes Haushalten muss ins lebenslängliche Lernprogramm aufgenommen und ständig aktualisiert werden.» Die Verwirtschaftlichung des häuslichen Fleisses versteht Kieni nicht nur als dessen Aufwertung, sondern gar als «Enttabuisierung».

Auf ihrem Lehrplan stehen so aufregende Dinge wie: Abstauben, Wäsche sortieren, Bügeleisenkunde, Nähen, Fleckenbehandlung, Lebensmittellagerung, Labelkunde (Bio, IP usw.), die gelungene Einladung, Aufmerksamkeit gegenüber Gästen – effizient und kompetent selbstverständlich.

Bloss, was heisst effizient und kompetent?

Kieni versieht den Tag des Menschen mit jeder Menge Ausrufzeichen. Nach dem Aufstehen: Bettwäsche zurückschlagen! Lüften! Nach der Morgentoilette: Ganze Wohnung lüften! Nach dem Anziehen: Bett richten! Bad aufräumen! Bei der Rückkehr am Abend: Schuhe sofort auf die Schuhablage! Kleider sofort auf dem Balkon auslüften! Hose sofort an die Klammer! Vor dem Schlafengehen: Zeitungen auf den Altpapierhaufen! Geschirr zusammenräumen! Tische abwischen!

Solcherart sind die Rezepte der Tabubrecherin. Sie schreibt ihren Einkaufszettel immer dann, wenn auf dem Herd Teigwaren oder Kartoffeln kochen. Klar, sie setzt eine doppelte Portion auf, damit am nächsten Tag bloss aufgewärmt werden muss: «So etabliere ich eine effiziente Grundstruktur.»

60 Prozent von Kienis Kunden sind Männer. Doch kaum Männer, die sich zur heimischen Freiwilligenarbeit durchringen, sondern Männer, die nach Schicksalsschlägen die Hausarbeit nicht mehr an eine dienende Hand delegieren können. Wegen der Scheidung. Des Todes der Mutter. Vor allem für solche Notfälle, oft am Rande des Nervenzusammenbruchs, hat Kieni eine Hotline eingerichtet: Sie erklärt dann, dass eine Waschmaschine nur wäscht, wenn der Wasserhahn geöffnet ist. Oder dass die Kaffeemaschine dann und wann entkalkt werden will. So lehrt die Haushaltexpertin verschüttetes kulturelles Wissen auch fernmündlich neu.

Im «Paar-Coaching», wie sie es nennt, rät Kieni zur «Verteilung der Kompetenzbereiche»: Wer wäscht, wer bügelt, wer kauft ein? Wer ist für die Finanzen zuständig, wer für den Unterhalt des Wagens? Sind die Ressorts verteilt, soll jeder Beziehungspartner sie selbständig und nach eigenem Zeitplan bewirtschaften. Es winkt der Turnaround.

Es mag ja sein, dass gewisse Leute nicht selber auf diese Ideen kommen. Jedenfalls scheint heutzutage eine Frau, die sich ohne Scham und Reue zur Lust am Kochen, Bügeln, Putzen bekennt, eine Sensation zu sein: Zu Gast bei Talkmaster Kurt Aeschbacher, durfte Kieni unlängst dem Schweizer Fernsehpublikum von ihren gesamtgesellschaftlich relevanten Tabubrüchen berichten. Und die Frau, die fortwährend im Grundwortschatz der Wirtschaftswissenschaften kramt, vergass nicht darauf hinzuweisen, dass sie neu auch Geschenkgutscheine anbietet. Geschenkgutscheine für junge Paare, die sich ein Survival-Basis-Kit fürs Abenteuer Haushalt wünschen.

Trotz staatlichen Aufrufen zur Fairness und wohl klingenden Nachhilfeangeboten: Nach Schätzung der «Fachstelle Und, Familien- und Erwerbsarbeit für Männer und Frauen» teilen sich nur ein bis zwei Prozent der Schweizer Männer mit ihrer Partnerin partnerschaftlich Hausarbeit und Erwerbsarbeit. Ein bis zwei Prozent.

Gemäss der Fachstelle Und sind es vor allem mittelständische Ehepartner, akademisch gebildet, oft in einem Sozial- oder Lehrberuf tätig, die sich eine faire Aufteilung der Rollen leisten wollen und können. Dass bisher so wenig Schweizer Haushalte geschlechtlich austariert sind, hat laut dem Zürcher Und-Berater Daniel Huber, 39, zu einem grossen Teil damit zu tun, dass die Wirtschaft zwar durchaus Teilzeitstellen anbietet, es aber spätestens auf Kaderstufe Schluss ist mit der familienfreundlichen Flexibilität. Einige Männer werden ganz froh darum sein.

Aber auch Institutionen wie die Fachstelle Und räumen ein, dass längst nicht alle Frauen sehr progressiv sind: «Frauen sind oft genauso wie Männer in konservativen Rollenbildern verhaftet», sagt Huber. Es gibt, besonders in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, für Frauen gute Gründe, am hergebrachten Beziehungsdeal festzuhalten, einem Deal, den die systemische Familienpsychologie als «offizielles Patriarchat, heimliches Matriarchat» beschreibt: Der Mann wird emotional von der Frau versorgt, die Frau materiell vom Mann.

Der Zürcher Und-Berater Daniel Huber ist Ethnologe, er ist während seines Studiums auf ein fernes Volk gestossen, das Erwerbsarbeit und Hausarbeit in vorbildlich gerechter Weise zu verteilen weiss: auf die zentralafrikanische Wildbeutergesellschaft der Aka. Dort gehen Frauen und Männer gemeinsam auf die Jagd, dort kümmern sich Frauen und Männer gemeinsam um die Aufzucht der Kinder. «Die Aka sind vom Aussterben bedroht», sagt Huber bitter. Aber zumindest scheint bewiesen, dass die Haushaltphobie der Männer nicht genetisch bedingt sein kann.

Der Mann: Klar habe ich gepennt. Ich hatte damals den Expo-Job. Ich arbeite oft zehn Stunden am Tag. Das macht müde. Aber am Abend koche ich trotzdem. Und ich sammle die Modeheftchen zusammen, die du auf den Panton-Stühlen liegen lässt.

Die Frau: Das Einkaufen überlässt du mir, sehr grosszügig.
Der Mann: Stimmt. Aber ich koche. Wir sind ein Team.
Die Frau: Weisst du… ob du schuld bist oder nicht, irgendwie ist bei mir diese Wut da. Dass du mir die Arbeit nicht abnimmst.
Der Mann: Was soll ich denn? Du findest es schon ungerecht, dass ich keine Brüste habe. Dass du allein stillen musst.


Die Männer, die sich einmal im Monat im Winterthurer Restaurant Obergass treffen, gehören wie die zentralafrikanischen Aka einem seltenen Stamm an. Sie nennen sich, und zwar mit Stolz: Hausmänner. Sie sagen von sich, «wir sind Mitkämpfer der Frauen für die Sache der Gleichstellung», und weil sie es tapfer ertragen, damit einsam in der Landschaft zu stehen, hat ihr Verein, das «Hausmännernetz», eine Auszeichnung erhalten: den zweiten Rang des Winterthurer Gleichstellungspreises, Jahrgang 1998. Sie treffen sich im Restaurant Obergass erst nach 21 Uhr, nachdem sie die Kinder zu Bett gebracht haben.

Bruno Lüscher, 36, 50-Prozent-Schreiner plus 50-Prozent-Hausmann: «Es war klar, dass ich Kinder nicht nur in die Welt setze, sondern mich auch um sie kümmere. Meine Frau hat auch genügend Druck aufgesetzt.»

Herbert Wolf, 36, 60-Prozent-Kondukteur plus 40-Prozent-Hausmann: «Wir haben wegen der vielen Organisiererei, der ständigen Absprachen vielleicht sogar mehr Reibereien als in einem traditionellen Haushalt. Aber immerhin leben meine Frau und ich nicht in zwei verschiedenen Welten.»

Der einzige 100-Prozent-Hausmann in der Runde ist Markus Würzer, 38, ein gutaussehender Schnauzbartträger mit blondem Haar; er erinnert an den Pepe Lienhard der achtziger Jahre. Seit acht Jahren kümmert sich Würzer um den Haushalt und drei Kinder, seine Ehefrau ist Sekundarlehrerin. Würzer gefällt diese Aufgabenteilung so gut, dass ihn zurzeit nur eines beunruhigt: der Wunsch seiner Frau, ihr Arbeitspensum zu reduzieren, um zu Hause mitzuhelfen. Dann wird er sich wieder in der Welt der bezahlten Arbeit einen Job suchen müssen; nach den Jahren ohne Leistungsausweis auf seinem angestammten Beruf als Schriftenmaler wird man dort nicht auf ihn warten.

Man darf sich Hausmänner, und seien es nur halbe, keinesfalls als gebrochene Existenzen vorstellen. Hat der Mann erst einmal seinen Platz im Haushalt gefunden, neigt er zu einer äusserst positiven Selbsteinschätzung: Dass sie sauberer putzen als Frauen, darin sind sich die Winterthurer Hausmänner ohnehin einig («in den Ecken wischt meine Partnerin nie»). Auch was die Kochkunst anbelangt, ist man mit sich zufrieden («für meine Frau ist jede Pfanne ein Gegner»). Die Kür unter den Hausmannspflichten scheint jedoch das Planen, Organisieren und Durchführen eines Kindergeburtstages zu sein: «Drei Kuchen müssen es sein: einer zum Frühstück, einer am Mittag, wenn Onkel und Tante kommen, einer am Nachmittag für die Party der Kids», sagt Würzer.

Es ist nicht so, dass sich Würzer über mangelnde gesellschaftliche Anerkennung beklagen würde. In seinem Quartier sei er «voll akzeptiert», auch die Kinder wür den seinetwegen nicht gehänselt. Schatten auf sein Haus mannsdasein werfen Dinge, unter denen auch seine Kolleginnen, die Hausfrauen, leiden: dass der Ehepartner die zu Hause geleistete Arbeit nicht immer zu schätzen weiss. «Meine Frau sagt manchmal, es könnte sauberer sein. Dann antworte ich: Schatz, wir haben drei Kinder, die arbeiten 100 Prozent gegen mich.»

Diskriminiert fühlte er sich bisher nur einmal – von der Armee. Würzer, damals im Range eines Korporals, wollte seinen militärischen Vorgesetzten klarmachen, dass ein Hausmann Kinder und Heim nicht für Wochen im Stich lassen kann. Nach erfolglosen Versuchen, den WK in die Sommerferien seiner Frau zu verschieben, so dass diese ihn zu Hause hätte ersetzen können, schlug er der Armee vor: Seine Gattin könnte für ihn Militärdienst leisten. Der originelle Versuch, die Geschlechterfronten aufzubrechen, blieb erfolglos; Hausmann Würzer wurde als militärdienstuntauglich eingestuft.

Immerhin weiss nun der Gleichstellungspreisträger aus dem «Obergass», welchen monetären Wert der Staat seiner Arbeit zumisst: für drei WK-Wochen hätte er mit einer Lohnausfallzahlung von 1200 Franken rechnen dürfen. Macht im Monat 1600 Franken, ein besserer Lehrlingslohn. Aber was soll Würzer tun? Streiken? Das haben seine Berufskolleginnen, die Schweizer Hausfrauen, schon einmal erfolglos getan.

Die Frau: Okay, wir haben einen Deal: dass ich, die Frau, im Haushalt die Hauptverantwortung trage. Kochen mag ich eigentlich, Bügeln auch.
Der Mann: Eben.
Die Frau: Aber weisst du, was das Schlimmste ist? Ich habe nie das Gefühl, dass du meine Arbeit richtig akzeptierst.
Der Mann: Nun ja, vielleicht ist das mein Fehler. Ich habe Mühe, eine Akademikerin dafür zu loben, dass sie auf den Knien den Badezimmerboden putzt.


Wenn die Welt ein Beispiel braucht, dass ein Mann, der sich um Haushalt und Kinder kümmert, auch in der Welt des Geistes Grosses schaffen kann, dann ist es Christof Arn, 35. Sein Beweisstück wiegt 1,5 Kilogramm, umfasst 640 A4-Seiten und trägt den imposanten Titel «Hausarbeitsethik: Strukturelle Probleme und Handlungsmöglichkeiten rund um die Haus- und Familienarbeit in sozialethischer Perspektive». Der lange und hagere Arn verfasste die für die Schweiz umfassendste Untersuchung zum Thema als Doktorand und alleinerziehender Vater von drei Kleinkindern; er schrieb zuweilen auf Kinderspielplätzen an seinem Opus magnum, und er offenbarte solidarisch die Symptome, die ansonsten doppelt belastete Frauen zeigen: Schlafstörungen, Gewichtsabnahme, Erschöpfungszustände.

Die universitäre Sozialforschung wandte sich erst Mitte der achtziger Jahre der Haushaltarbeit zu, vorher durften feministische Autorinnen alleine über sie reflektieren. Es brauchte offenbar Männer wie Arn, durch die eigene Biographie in die Feldforschung am Herd gezwungen, damit sich die etablierte Wissenschaft dem weiblich dominierten Berufsfeld zuwandte. Mittlerweile jedoch, sagt Arn, sei die Haushaltforschung zu einem Modethema aufgestiegen. Er selber führt Untersuchungen im Auftrag der Abteilung Lehrerinnen- und Lehrerbildung an der Uni Bern, er referiert an Hearings der Kommission für Frauenfragen, und er hält Vorträge an der Wirtschaftshochschule St. Gallen. Zumindest ein theoretisches Interesse am Haushalt ist in der Schweiz durchaus vorhanden.

Der Ethiker Arn vergleicht das Verhältnis von Erwerbsarbeit und Haushaltarbeit mit der «einstigen Kolonisierung eroberter Länder», er diagnostiziert eine Beziehung der Ausbeutung. Und zwar deshalb, weil die Gesellschaft noch immer denjenigen belohne und fördere, der sich nur auf die eigene, die Berufskarriere konzentriere, aber zu Hause von der unbezahlten Haushaltarbeit profitiere. Weniger akademisch ausgedrückt: Die Männer sind die Herren, die Frauen die Neger.

Selbstverständlich ist es illusorisch zu meinen, Gerechtigkeit könne allein im Privaten erreicht werden, wenn Staat und Wirtschaft nicht mehr tun für bessere Rahmenbedingungen, als ein paar zusätzliche Krippenplätze zu schaffen. So gesehen spielt der Bund mit der Fairplay-at-home-Kampagne foul: Er fordert den Mann auf, freiwillig vom Lager der Kolonisten in das der Kolonialisierten zu wechseln, um sich dort gleichfalls ausbeuten zu lassen.

Das Dilemma, behaupten Haushalttheoretiker wie Arn, nimmt so lange kein Ende, bis das Verhältnis von Erwerbsarbeit und Haushaltarbeit harmonisiert ist. Zur Erreichung dieses Ziels postuliert der Ethiker als wichtigste Massnahmen erstens eine öffentliche Gegenleis tung für alle Eltern im Land, die Haushalt- und Familien arbeit leisten, ob Frau oder Mann: «Der Staat müsste einen echten Erziehungskostenausgleich zahlen, mindestens 2000 Franken monatlich pro Kind»; zweitens die Lenkung einer gerechteren Verteilung der Haushaltarbeit zwischen den Geschlechtern, indem Staat und Wirtschaft karriereträchtige Teilzeitstellen für Männer und Frauen schaffen.

Vertrackt ist die Lage, weil die Durchsetzung dieser Ziele nicht ohne die heutigen Profiteure zu erreichen ist, die Männer. Um seinen Geschlechtsgenossen ein Engagement im innersten sozialen Nahraum, der Familie, beliebt zu machen, spricht Arn in seinen Vorträgen von der sogenannten Hausmännlichkeit: Sie mache aus einem Mann erst einen ganzen. Er meint damit, dass im Haushalt und in der Familie eine Reihe sozialer Kompetenzen erlernt werden können: Empathie, Bedürfniswahrnehmung, das Übernehmen von personaler Verantwortung. «Daseinskompetenz» nennt die Haushaltwissenschaft diese Dinge. «Männer, die sich dem verschliessen, halten sich selber infantil.»

Doch die Zeit wird kommen, da die Gesellschaft der Haushaltarbeit die ihr zustehende Wertschätzung nicht länger verweigern kann, darin ist sich Arn sicher. Dann nämlich, wenn der Wirtschaft und dem Staat der wohlerzogene Nachwuchs auszugehen droht, wenn die Geburtenrate noch tiefer als heute sein wird. Dann wird es, so glaubt Arn, zur nationalen Überlebensfrage, ob der Staat seinen Frauen und Männern den Dienst im Haushalt und an der Familie schmackhaft machen kann.

Es kann allerdings dauern, bis der erste Bundesrat Teilzeit arbeitet und seine Hemden selber bügelt. Einstweilen freut sich der Ethiker Arn daran, dass dieses Jahr das Bundesamt für Statistik erstmals in einem Satellitenkonto den Wert der Haus- und Familienarbeit in der wirtschaftlichen Gesamtrechnung des Landes ausweisen wird. Es werden schätzungsweise über 200 Milliarden Franken zusammenkommen. Das ist rund die Hälfte des Bruttoinlandprodukts der Schweiz.

Die Frau: Weisst du – das Problem ist, dass alle Frauen und Männer alles wollen. Attraktiv sein, Erfolg haben, Karriere und Geld machen, super Kids haben…
Der Mann: Stimmt. Und eine saubere Wohnung. Es ist ein Wahnsinn.


Michael Marti ist Redaktor im Ressort Gesellschaft der NZZ am Sonntag.

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