«VOR ZWEI JAHREN sind unsere beiden Kinder ausgezogen, seither wohnen meine Frau und ich allein hier. Unser Sohn ist 25 und arbeitet in einer Werbeagentur. Er wohnt im Nachbarhaus, so dass wir noch ab und zu ein Auge auf ihn werfen können und er auf uns. Die Tochter ist 22 und studiert in Berlin Architektur.
Das Haus steht am Stadtrand von Kassel in einer parkartigen Umgebung. Es wurde 1912 gebaut und war Teil einer Gartenstadtanlage, die nach englischem Muster entwickelt werden sollte. Das Projekt wurde durch den Ersten Weltkrieg gestoppt. Als wir das Haus vor fast 20 Jahren kauften, war es Liebe auf den ersten Blick, obwohl man ihm den Charme des auslaufenden Jugendstils kaum mehr ansah. Es war verwohnt und in den fünfziger Jahren mit sehr viel Ungeschick verändert worden. Es bedurfte einer Menge Zeit und Anstrengung, das Haus für ein zeitgemässes Wohnen herzurichten und ihm gleichzeitig die ursprüngliche Ausstrahlung zurückzugeben. Ein Hauskauf, ein Hausumbau ist ja eine sehr heikle Sache, auf die man sich nur einmal im Leben einlässt, und mit dem Haus muss man dann folglich auch leben. Wie viele Zimmer es hat? Alles in allem etwa acht, glaube ich.
Bevor wir einzogen, stand hier ein Fonduegerät auf einem bemalten Holzsockel mitten im Raum. An den Wänden klebte eine Tapete mit Spachteleffekt, an den Fenstern hingen Tüllgardinen. Eine Couch mit Bild darüber und Teppiche auf dem Stäbchenparkett. Das klassische deutsche Wohnzimmer, ein Ambiente, in dem sich die Akteure meiner Cartoons wohler fühlen als ich. Bei uns klingeln dafür nun ab und zu Leute an der Tür und fragen, ob das Haus zu vermieten sei, weil es so unbewohnt aussehe. Wir haben sparsam möbliert, weil es für uns nichts Schlimmeres gibt als so zugeknallte Wohngehäuse.
Als die Kinder kleiner waren, war nicht dieser Raum, sondern die grosse Wohnküche das Zentrum des Hauses. Dort spielte sich alles ab, dort haben die Kinder die Hausaufgaben gemacht, sich gestritten und was eben so alles dazugehört. Jetzt ist hier der Ort, an den meine Frau und ich uns zurückziehen von all dem, was um uns herum passiert. Eine Art Refreshing Room. Wenn ich ein paar Stunden lang oben in meinem Arbeitszimmer gezeichnet habe, muss ich irgendwie die Tapete wechseln. In die Stadt gehe ich nicht sehr gern. So ziehe ich dann einfach eine Etage tiefer hierher, um Luft zu holen. Dann geniesse ich den Blick nach draussen in den Garten. Im Sommer ist, wenn immer das Wetter es zulässt, die Tür offen, so dass der Garten mit in den Raum einbezogen wird und umgekehrt. Früher wurde der schöne Garten mit seinen alten Bäumen bestenfalls zum Wäscheaufhängen benutzt. Es gab auch keinen direkten Ausgang dazu. Im Bewusstsein der Urbewohner war die Schokoladenseite eben dort, wo man die ersten Autos herumfahren sah, zur Strasse hin.
Bis vor ein paar Jahren hatten wir hier eine Art Wohnlandschaft im Stil der siebziger Jahre, die den Kindern sehr zugute kam. Ein System von Polstern, die aufeinander stapelbar waren und Sitzgelegenheiten aller Art hergaben. Die Polster waren mit demselben Material bezogen wie der Boden, in einem dunklen Graubraun. Eines Tages fragte mein Vater, als er sich gerade wieder mal hilflos von den Polstern zu erheben versuchte, wann wir denn endlich anständige Sitzmöbel hätten. Eigentlich war die Berührung von Kinn und Knie auf die Dauer auch für uns selber nichts mehr. Bevor wir dann diese Corbusier-Sofas kauften, hatte ich Schlafproben und alles mögliche darauf angestellt. Ich liess mich überzeugen, dass sie trotz ihrer steifen Form ausgesprochen bequem sind. Design-Möbeln gegenüber sind meine Frau und ich nämlich eher misstrauisch.
In unserem Garten tummeln sich eine Menge Vögel, Eichelhäher, Eulen, ein Falkenpärchen, dann die üblichen Amseln, Meisen und Finken. Ab und zu guckt ein Reh in die Wohnung, und während zweier Jahre lebte ein Waschbär mit uns. Willi, wie wir ihn nannten, hatte die liebenswürdige Angewohnheit, nachts mit einem Heidenlärm das Ablaufrohr an unserem Schlafzimmer vorbei hochzuklettern, um dann auf dem Dachboden irgendwelche Dinge hin und her zu schieben. Tagsüber schnarchte er und gab Schmatzgeräusche von sich. Obwohl wir uns oft über ihn ärgerten, fehlte er uns, als er eines Tages verschwunden war. Eigene Haustiere haben wir nicht. Dafür kommt die Nachbarskatze, ein gemütlicher alter Kater, regelmässig zu Besuch. Manchmal sitzen er und ich zusammen ein bisschen am Teich und gucken gemeinsam hinein.
Die Cartoons, wo sie entstehen? Eigentlich an zwei, nein: an drei, nein: an vier Orten. Die Idee dazu habe ich vielleicht genau hier. Da sitze ich und grüble, mache ab und zu eine Notiz auf einen Zeitungsrand. Oder ich habe sie im Garten, wo vielleicht gerade ein Igel vorbeiläuft. Oder im Arbeitsraum, wo ich mich selbst in der Scheibe anstarren kann, bis mir etwas einfällt, weil alles drumherum so schön dunkel ist. Danach mache ich Skizzen. Die langweiligste Stufe ist eigentlich die definitive Ausführung, weil ich dann ja schon alles weiss. Ideen wie jene zum Cartoon über das Internet in diesem Heft schöpfe ich aus meinem Unvermögen, mit moderner Technik umzugehen. Ich will damit aber auch ausdrücken, dass die Welt so etwas wie das Internet meiner Meinung nach nun wirklich nicht braucht.
Ich bin glücklich in diesem Haus, könnte aber auch in einem jener alten, ehrlichen Gemäuer auf dem Land in Frankreich leben.»