NZZ Folio 09/93 - Thema: Arbeit   Inhaltsverzeichnis

Werktätige -- Isabella Rüegg, Frau

Von Margret Mellert

ARBEITEN, ZUPACKEN, tätig sein, das ist für mich lebenswichtig. Als Bauerntochter bin ich sowieso in dem Bewusstsein aufgewachsen: Nur wer arbeitet, ist ein vollwertiger Mensch. Und: «richtige» Arbeit muss einen schwitzen machen. Vielleicht habe ich mir darum noch einen kleinen Garten zugelegt. Gern werke ich dort eigentlich nur mit meinem jüngsten Sohn zusammen. Er ist jetzt 13 und oft sehr verschlossen. Der Garten ist zurzeit noch der einzige Ort, wo er sich ein wenig öffnet und erzählt. Mein Selbstwertgefühl beziehe ich hauptsächlich aus der Berufsarbeit. Während der letzten Monate, als ich arbeitslos war, kam ich mir unnütz vor, war ungeduldig mit den Kindern, hab ihnen blödsinnige Vorschriften gemacht - unerträglich. Ich bin mit Beruf einfach die bessere Mutter, als wenn ich nur den Haushalt mache. Obwohl ich seinerzeit mit 19 regelrecht aus dem Erwerbsleben in die Ehe geflohen bin. Ich hatte bloss eine Bürolehre gemacht - eine Schriftsetzerlehrstelle war mir im letzten Moment von einem Burschen weggeschnappt worden -, und das hiess: Ablegen, Lieferscheine ausfüllen, Telefon bedienen. Dagegen war die Arbeit im Haus mit den Kindern eine hochinteressante Aufgabe.

Dennoch begann mir etwas zu fehlen. Ich war blockiert, meine Energie wurde von der Familie aufgesogen. Als mein jüngster Sohn (ich habe zwei Söhne und eine Tochter) gut jährig war, ging's einfach nicht mehr. Ich suchte einen Job, eine Tagesmutter fand sich auch, und seither habe ich immer gearbeitet, teilzeitlich, wegen der Kinder. Nach der Scheidung zunächst vier Jahre an den unterschiedlichsten Temporärstellen. Dabei habe ich viel gelernt. Es gab mir das Gefühl, alles zu können, was ich will.

Ich habe dann wieder geheiratet und bin auch beruflich sesshafter geworden. Wollte sogar meine Idealvorstellung einer Familien-Arbeitsgemeinschaft realisieren, und wir haben 1986 den Milch-Käse-Laden in einem Dorf gepachtet. Aber das ist schiefgegangen. Mein Mann wurde schwer krank, und ich war völlig überfordert. Ich hatte das ja nicht gelernt, machte Organisationsfehler, zum Beispiel ging mir mitten in der Beerenzeit am Samstagvormittag der Rahm aus. Für die Kinder hatte ich kaum noch, für den Haushalt gar keine Zeit. Wenn da nicht die Frauen vom Dorf gewesen wären... Schliesslich brach ich zusammen. Da habe ich mir geschworen, nie mehr alles auf eine Karte zu setzen und immer soviel zu arbeiten, dass mein Verdienst für die Kinder und mich notfalls reichen würde. So haben wir es dann auch gehalten. Mein Mann arbeitete 80 Prozent, ich ebenfalls, die Hausarbeit wurde aufgeteilt, und die Kinder, von klein auf zur Selbständigkeit erzogen, machten auch mit. Das ging alles wunderbar, und ich hatte nun viel interessantere Arbeit als früher an meinen 50-Prozent-Stellen. Doch dann fiel im Frühling 92 die ganze Lebensplanung in sich zusammen wie ein Kartenhaus, weil ich meine Stelle verlor. Ein Kollege hatte mich seit längerem mit anzüglichen Bemerkungen belästigt. All meine Zurückweisungen nützten nichts. Schliesslich erzählte ich dem Chef davon - und wurde entlassen, weil ich «nicht teamfähig» sei. Das hat mich zutiefst getroffen. Obwohl ich dank meiner Anwältin später Recht bekam, habe ich lange gebraucht, um diese Kränkung zu überwinden. Meine jetzige Halbtagsstelle ist noch neu und wohl auch ausbaufähig. Doch will ich mich unbedingt nebenher weiterbilden. Man muss etwas vorweisen können, schwarz auf weiss. Das habe ich bei der Arbeitssuche gemerkt. Dass ich drei Kinder grossgezogen habe, mit aller Flexibilität, die dazugehört, gilt nicht als Leistungsausweis. Wenn ich all die 19 Jahre die Füsse auf den Tisch gelegt hätte nach Feierabend, statt mich mit kindgerechter Erziehung zu befassen und mich in sozialen Projekten zu engagieren, ich hätte auf dem Arbeitsmarkt genau gleich viel Chancen gehabt. All die unbezahlte Arbeit, die der Allgemeinheit zugute kommt, nützt den Frauen, die sie leisten, überhaupt nichts. Es gibt dafür keine Noten, also ist es, als hätte man gar nichts getan. Das muss einem doch zu denken geben.


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