NZZ Folio 02/08 - Thema: Steuern   Inhaltsverzeichnis

Erlaubter Raub

© Ruedi Widmer
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Eichensärge und Honigbienen, Perücken und Urin. Nur wenig stachelte den Erfindergeist der Herrschenden mehr an als die Frage: Was könnten wir noch besteuern?

Von Stefan Schmitt

«Tiure», so hiess eines der Leitwörter der Minnesänger: angesehen, kostbar oder schlicht teuer. Damit waren feine Damen gemeint, die von edlen Rittern wortreich angeschmachtet wurden. Doch zu Beginn des 13. Jahrhunderts waren plötzlich nicht mehr nur die Burgfräulein teuer. Auch die Minne selbst wurde es. Kaiser Otto IV. ersann die Minnesteuer: Für ihre feinsinnigen Darbietungen sollten die reimenden Ritter künftig Konzessionen kaufen. Der Kaiser war knapp bei Kasse, lag er doch im Clinch mit Papst und Gegenkaiser. Da zählte jedes Goldstück.

«Keine Kunst lernt eine Regierung schneller als die, Geld aus den Taschen der Leute zu ziehen», notierte 1776 Adam Smith, der nüchterne Vater der Volkswirtschaftslehre. Ob Frondienst, Geld oder Naturalien, ob Tribut, Abgabe, Zehnt oder Steuer genannt: über fünf Jahrtausende begleiten sie den Menschen schon, als ewige Last und Preis der Zivilisation.

Die kuriosen Einfälle raffgieriger Herrscher hatten bisweilen krasse Konsequenzen und riefen nach Gegenmassnahmen. So deckten zum Beispiel Ende des 18. Jahrhunderts die Österreicher die Dächer unbenutzter Gebäude ab, nachdem Kaiser Josef II. die Dachfläche zur Grundlage der Steuerhöhe erklärt hatte. Infolgedessen verfielen viele stolze Burgen, noch heute künden Ruinen davon. Im 19. Jahrhundert wurde in Frankreich, England, den Niederlanden und Spanien eine Steuer auf die Zahl der Fenster eines Hauses erhoben. Viele Besitzer mauerten daraufhin Fensteröffnungen zu. Mittlerweile ist diese Steuer längst abgeschafft, aber noch immer stehen alte Häuser mit blinden Fenstern.

Andere Steuern haben sich bis heute gehalten. Nach wie vor zahlen Wirte in vielen europäischen Ländern Abgaben für ihre Schankerlaubnis: ein Erbe mittelalterlicher Schank- und Zapfgelder. Jährlich knapp 20 Franken Zuckersteuer zahlt der Schweizer im Durchschnitt noch heute, obwohl diese ebenfalls aus dem Mittelalter herrührt – ebenso wie jene Steuern auf Salz, Tee, Zündhölzern und Wachs, die zum Teil jahrhundertelang erhoben wurden.

Die Geschichte der Steuern ist reich an solchen Beispielen. Seit es Hochkulturen gibt, lebt der Mensch in der Abgabenzwangsjacke. Und seit es Steuern gibt, gehen sie mit Kuriositäten einher, über die wohl jeder nur schmunzeln kann – bloss die Betroffenen nicht. Über sie kam jeder neue Einfall wie schlechtes Wetter.

Schon bei den alten Ägyptern wusste – im Wortsinne – nur der Himmel, was von der neuen Ernte alles beim Pharao abzuliefern war. Nach einem ausgeklügelten System mussten die Bauern des Reichs je nach Höhe der Erträge Abgaben leisten. Veranschlagt wurden sie am Ausmass der jährlichen Überflutungen durch den Nil. Spezielle Beamte, die sogenannten Nilmesser, protokollierten die Wasserlinie entlang dem Flusslauf. Aber schon bald reichten derlei Einkünfte den architektonisch ambitionierten Alleinherrschern nicht mehr aus. Parallel zu Pyramiden und Palästen, Sphinxen und Tempelbezirken entstanden immer neue Zölle und Abgaben auf Einfuhren, Handwerk und Besitz.

In dem historischen Rundumschlag «Dämon Steuer» schrieb der Wiener Karl Pirnat im Jahr 1956: Zur Zeit der Ptolemäer hätten sich jene Ägypter geschämt, die keine Striemen von Peitschenhieben am Leib trugen – sichtbare Zeichen der Strafe für Steuerhinterzieher. Die kleptomanische Dynastie, aus der auch Kleopatra hervorging, liess ihre Untertanen nicht nur amtlich schätzen, sondern hernach noch peinlich kontrollieren. Ägypten, so Pirnat, sei «das Geburtsland der Betriebsprüfer».

Fast jede Steuer hatte bereits irgendeinen Vorgänger. So auch Ottos Minnegebühr. Schon die Germanen erhoben eine Heiratssteuer, die ein Brautpaar dem jeweiligen Fürsten als Abgabe anlässlich der Hochzeit zahlen musste. Die Franken fügten dem einen ironischen Zwilling hinzu: Bei ihnen mussten die Untertanen auch dann zahlen, wenn eine Königstochter verheiratet wurde – eine Prinzessinnensteuer also.

Der russische Zar Iwan IV. Wassiljewitsch, besser bekannt als «der Schreckliche», erfand im 16. Jahrhundert mit besonderem Eifer neue Steuern: «Flintengelder», «Salpetergelder», «Festungsgelder» und eine «Schützensteuer» zählt Günter Papperitz auf, der an der Pariser Sorbonne und der Universität Mannheim Steuerrecht lehrte und dessen Steckenpferd die Steuerhistorie ist. Er unterscheidet beim Bestreben der Herrschenden, sich ständig neue Geldquellen aufzutun, zweierlei: Steuern, die nach ihrem Zweck benannt waren – wie die Flintengelder –, und solche, die nach dem besteuerten Gut hiessen. So erhob Zar Peter der Grosse eine Bartsteuer sowie Abgaben auf Mützen und Stiefel, auf Bäder und Eichensärge, auf Genüsse wie Gurken, Nüsse und Honigbienen.

Dass selbst das Gegenteil von Genuss für eine Steuer taugte, hatten bereits die Franken gezeigt. Zuerst ordnete die Obrigkeit allgemeines Fasten an, um in Notzeiten den Zorn des Himmels abzuwenden. Danach konnten sich die Untertanen per Steuer von ebendieser Fastenpflicht freikaufen. Im 13. Jahrhundert schimpfte der Theologe Thomas von Aquin: «Steuern sind ein erlaubter Fall von Raub» – die Untertanenperspektive seit je. Für den Herrscher hingegen gilt spätestens seit Vespasian, römischem Kaiser von 69 bis 79 nach Christus, «pecunia non olet», Geld stinkt nicht. So rechtfertigte er sich vor seinem Sohn Titus für die Einführung einer Urinsteuer.

Eine weitere Konstante in der Kulturgeschichte der Steuern sind Versuche, sie zu modernisieren. Der Gedanke der Steuerreform ist fast so alt wie die Steuer selbst. Die bekannteste ist wohl die Reform des römischen Kaisers Augustus, wurde sie doch in der Weihnachtsgeschichte verewigt. Dagegen hat sein Nachfolger Kaiser Traian einen schweren Stand, obwohl der eine weitaus drastischere Reform durchsetzte: Er liess im ersten Jahrhundert nach der Zeitenwende alle Steuerbücher öffentlich verbrennen. «Optimus», der Beste, nannten ihn seine Zeitgenossen dafür.

Genutzt hat es wenig. «Es gibt keine Art von Gegenständen oder Menschen, die nicht durch irgendeine Steuer erfasst worden wären», schreibt der römische Schriftsteller Sueton, Chronist der späten Kaiserzeit. Während Rom in Wirren versank, erblühte mit Byzanz eine neue Hauptstadt. Konstantin, der den Regierungssitz des Reichs im Jahr 324 an den Bosporus verlegte, erfand zur Deckung seiner Baukosten eine Kulturabgabe – in Form von Kunstschätzen. Gold- und Silberstatuen waren besonders willkommen. Trotz ihrem hohen Kunstwert wurden sie rücksichtslos eingeschmolzen, um dem dringenden Geldbedürfnis abzuhelfen. Auch verlangte Konstantin seinen Untertanen den «Steuereid» ab: Wer falsche Angaben zu Einkünften und Vermögen machte, wurde gleich doppelt angeklagt, nämlich des Hochverrats und des Sakrilegs.

Schon Konstantins Vater Constantius hatte eine Steuer auf den Lohn der Dirnen eingeführt. Seine Nachfolger zeigten sich nicht weniger erfinderisch und rücksichtslos. Von einer wachsenden Steuerlast gebeugt, von Folter und Sippenhaft bedroht, sei die Bevölkerung Galliens in Scharen zu den Barbaren übergelaufen, berichtet Salvianus, Kirchenvater und Historiker der Völkerwanderung im 5. Jahrhundert.

Mit Steuern lässt sich das Verhalten der Bürger beeinflussen. Deshalb gibt es heute Abgaben auf Tabak, Alkohol oder Treibstoff. Zar Peter ging es mehr um ästhetische Motive, als er die Bartsteuer erliess, um die Russen zum Rasieren zu bewegen. Der Herrscher fand, dass sie ohne Gesichtshaar einfach kultivierter, europäischer aussähen. Dass man die Untertanen nicht bloss besteuern, sondern auch steuern kann, diesen Gedanken formulierte der französische Philosoph Jean Bodin, der Theoretiker des Absolutismus. In der Folge begriffen aufgeklärte Herrscher die Steuerschraube plötzlich als Steuerrad: Im 18. Jahrhundert mussten unverheiratete Mädchen in Preussen eine Jungfernsteuer bezahlen, ledige Frauen und Männer wurden in Thüringen nach dem 25. Lebensjahr mit der «Hagestolzensteuer» belegt. Wer hingegen schon vor dem 20. Geburtstag vor den Altar schritt, wurde mit einigen Jahren Steuerbefreiung belohnt. Mit dem Fiskus das Bevölkerungswachstum ankurbeln – durchaus ein moderner Gedanke.

Mehr noch, auch Perücken und Haarpuder, Strümpfe, Stiefel und Hüte belegten viele europäische Fürsten plötzlich mit Steuern. «Puder- und Perückensteuer, das ist doch etwas Kurioses aus heutiger Sicht», findet Papperitz. Aber war diese Belastung höfischer Luxusgüter nur eine weitere Schikane? «Solche einzelnen Produkte wurden nicht zuletzt auch besteuert, um endlich die eigentlich steuerbefreite Oberschicht mit in die Pflicht zu nehmen», erklärt Gisela Hürlimann von der Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität Zürich. «Das war damals ein eher progressiver Ansatz.» Die Historikerin bereitet gerade ein Forschungsprojekt zur jüngeren schweizerischen Steuergeschichte vor.

«Das schweizerische Steuersystem ist an sich schon kurios, weil es ja 26 verschiedene kantonale Steuersysteme gibt», sagt die Forscherin. Das heisst auch Ausnahmen, Sonderregelungen und historisch Überliefertes mal 26 – die zusätzlichen Abweichungen zwischen den 2721 Gemeinden noch gar nicht eingerechnet. Auch heute findet Hürlimann noch Kuriositäten im Paragraphengewirr. So zahlt beispielsweise ein Hundehalter in Appenzell Ausserrhoden für sein Tier weniger, wenn er eine Nutzfläche von 100 Aren oder mehr bewirtschaftet, denn dadurch wird der Vierbeiner rechtlich zum Hofhund. Wäre er nur Haustier, würde eine höhere Hundesteuer fällig.

Dass heutige Steuern aber mehrheitlich der Exotik Ägyptens, Roms, der Franken oder des Mittelalters entbehren, erscheint rückblickend unvermeidlich. Als der Finanzsoziologe Fritz Karl Mann in den 1930er Jahren die «steuerpolitischen Ideale» vom 16. bis ins 20. Jahrhundert erforschte, bemerkte er befremdet: In der frühen Neuzeit war die Erhebung von Steuern selbst unglaublich teuer. Gemäss einigen Berechnungen soll bis zur Hälfte der Steuerbeträge für die Erhebung aufgewendet worden sein – viel Geld, das dem Staatsschatz verloren ging. Folglich suchten die Hüter der fürstlichen und königlichen Truhen nach Wegen, die Staatseinnahmen rationaler zu gestalten. So entwickelten sich die indirekten Verbrauchssteuern (zeitgenössischer Begriff: «Akzisen») und die direkten Einkommens- und Vermögenssteuern, wie wir sie heute kennen.

Ist die Gegenwart – aufgeklärt, abgeklärt und alles in allem durchrationalisiert – also immun gegen kuriose Steuern? Nicht ganz. Seit 2004 erhebt beispielsweise die Karnevalsstadt Köln Sexsteuern: Eine Abgabe von 150 Euro für «die gezielte Einräumung der Gelegenheit zu sexuellen Vergnügungen in Bars, Sauna-, FKK- und Swingerclubs oder Kraftfahrzeugen» muss jede Prostituierte monatlich an die Stadt abführen. Wer in Teilzeit arbeitet, zahlt 6 Euro pro Tag. Eine Dreiviertelmillion erwirtschaftet die Domstadt so jährlich, andere Grossstädte und Staaten zeigen sich höchst interessiert.

In Norwegen erwägt das Finanzministerium seit letztem Frühjahr eine eigene Striptease-Steuer von 25 Prozent. Die Beamten ärgert, dass die Eintrittskarten für Auskleidetanzveranstaltungen in dem skandinavischen Land bis jetzt gänzlich am Fiskus vorbeigehen, weil sie als Kunst gelten und damit von der Mehrwertsteuer befreit sind.

Silvio Berlusconi erwog 2004, eine SMS-Steuer einzuführen. Zwar wurde der Mailänder Medienzar inzwischen abgewählt, doch die Idee einer «Kommunikationssteuer» tauchte im Mai 2006 noch einmal im EU-Parlament auf: 1,5 Cent je Kurztext und ein Cent-Bruchteil pro E-Mail. Bisher konnte sich nichts dergleichen durchsetzen, doch schon wird über Fast-Food-Steuern (in Deutschland) und spezielle Abgaben auf Schönheitsoperationen (in den USA) nachgedacht. In China wurden im Frühling 2006 Steuern auf Essstäbchen eingeführt; 5 Prozent des Kaufpreises kassiert der Fiskus seither. Ebenfalls besteuert werden in China die Statussymbole der neuen Oberschicht: importierte Uhren, Jachten und die Mitgliedschaft im Golfclub.

In der Schweiz wird Ende Februar 2008 über das Unternehmenssteuerreformgesetz II abgestimmt, und zum Jahresbeginn führte Obwalden unter neugieriger Beobachtung anderer Kantone und Staaten die erste Flat-Rate-Tax ein. Was die Steuerzahler der Zukunft einst im Rückblick an unseren heutigen Zuständen modern und rational oder was sie komisch und kurios finden werden, ist höchst unsicher. Wer weiss, vielleicht wird das Besingen edler Damen dereinst wieder «tiure» werden? 1789, im Triumphjahr der Moderne, notierte der Naturphilosoph und US-Gründervater Benjamin Franklin lakonisch: «Nichts in dieser Welt ist sicher – ausser dem Tod und den Steuern.»

Stefan Schmitt ist freier Journalist; er lebt in Berlin.

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