Clara breitet eine zerknitterte Strassenkarte vor sich aus und zeigt mit violett lackierten Fingernägeln zielgenau auf die Herkunftsorte ihrer Kundschaft: Zofingen, Luzern, Basel, Zug, Bern, Aarau. «Olten genau in der Mitte», sagt Clara. «Olten sehr gut für Geschäft.»
Clara kennt sich aus, ist selber schon viel gereist. Seit sieben Jahren lebt die gebürtige Mexikanerin in der Schweiz, arbeitet mal hier, mal dort, seit fünf Monaten nun in Olten, wo sie im Bifang-Quartier hinter dem Bahnhof in einem ehemaligen Arbeiterhäuschen einen «Salon» eingerichtet hat. Oben sind das «Black Cherry» und das «Jasmin Thai Studio». Clara ist im Parterre, dort, wo es nach Knoblauch und Chili riecht. Ihr Salon besteht aus zwei kleinen Zimmern, die ein rasselnder Glasperlenvorhang trennt, einer Küche, einer Dusche. Und für Kunden mit speziellen Wünschen gibt es im Untergeschoss eine Folterkammer. Eigenhändig hat Clara die Wände des Kellers mit schwarzer Folie abgedeckt, aus schwarz gestrichenen Dachlatten einen Käfig gezimmert und auch diesen mit Plastic ausgelegt; so sei alles ganz leicht aufzuwischen.
Wenn Clara als Domina auftritt, nennt sie sich Lupita, und der entsprechende Service kostet 300 Franken die halbe Stunde. Spielt sie die Sklavin, nennt sie sich Sabrina, und um die Schmerzen zu ertragen, reibt sie sich den Körper mit einer anästhesierenden Salbe ein. Clara erfüllt auch ausgefallene Wünsche, manchmal zu zweit mit Sandy, der Transsexuellen, der sie gelegentlich eines der Zimmer untervermietet.
Ihr Geschäft sei «eine Goldmine», behauptet Clara. «20 000 Franken im Monat sind das Umsatzminimum.» Doch jetzt habe sie genug, sie sei müde, selber bald Grossmutter, und der eifersüchtige Ehemann mache ihr auch dauernd Probleme. Sie hat deshalb im «Tages-Anzeiger» ein Inserat aufgegeben: «Zu verkaufen in Olten: Massagesalon mit Folterkammer.» Ihre Preisvorstellungen: 15 000 Franken für das Mobiliar des Salons, 10 000 Franken für den Holzkäfig und die übrigen Accessoires der Folterkammer. Hinzu kommen 2000 Franken Miete für die beiden Zimmer sowie 1200 für den Keller. So steht es im Mietvertrag, den die Sexarbeiterin aus Mexiko mit der Liegenschaftsverwaltung im bernischen Worblaufen eingegangen ist.
In ihren rosaroten Strapsen und dem zwei Nummern zu kleinen Bodysuit sieht Clara nicht gerade danach aus, als ob sie mit ihrem Geschäft das grosse Geld verdiente. Nicht alles, was sie erzählt, ist wohl für bare Münze zu nehmen, so wenig wie das «mi amor», das sie ins Handy zu einem Kunden flötet. Ihr Standortmarketing für die Stadt Olten jedoch überzeugt: Wo viel Durchgangsverkehr, da auch viel Freierverkehr.
Kaum hat man die Autobahn verlassen und fährt Richtung Olten, locken die ersten Etablissements. Noch auf Aarburger Boden verkündet eine Tafel «Swiss Girls. Ab 18.00 Uhr offen». Ein paar hundert Meter weiter, neben einer Kebab-Bude, ein rot erleuchteter Massagesalon. Wer über den Hauenstein nach Olten kommt, fährt auf der Baslerstrasse am Studio Melanie vorbei. An den Einfahrtstrassen nach Olten sind einschlägige Bars und Cabarets nicht zu übersehen.
Peter Hänggi, Kommandant der Stadtpolizei, nennt diese Lokale «Einfahrtsbremsen». Hänggi ist nicht einer, der die Dinge schönredet, er pflegt eine direkte Sprache. «Es ist richtig: Als Zentrumsstadt hat Olten auch in diesem Sinn ein Verkehrsproblem.» Manchmal, wenn er in der Freizeit mit seinem Töff in der näheren Umgebung unterwegs sei, staune er selber, wo überall sich solches Gewerbe mittlerweile eingenistet habe. Als Ordnungshüter weiss Hänggi aber auch, dass dagegen von Gesetzes wegen nicht viel einzuwenden ist, sofern die gewerbepolizeilichen und baurechtlichen Auflagen nicht verletzt werden und die Sexarbeiterinnen über gültige Papiere verfügen. «Die heutige Gesetzgebung ist sehr liberal», meint Hänggi, «das Sexgewerbe ist eine Realität, die wir akzeptieren müssen.»
Wie Clara ist auch der Polizeikommandant der Meinung, dass es vor allem Oltens zentrale Lage ist, die den Ort fürs Gunstgewerbe so attraktiv macht. Als eingefleischter Oltner, als Ex-Stürmer des EHC möchte er die Situation allerdings nicht dramatisieren; das in einigen Medien kolportierte Bild vom Oltner Sündenpfuhl jedenfalls hält er für weit übertrieben. Das gleiche Phänomen sei praktisch in allen Ortschaften in der Nähe der Autobahn zu beobachten.
Offiziell gibt es laut der Statistik der Solothurner Kantonspolizei auf Oltner Gebiet acht Cabarets, zwölf Thai-Studios sowie acht weitere Salons. Das allein ist für eine Stadt dieser Grösse kein überbordendes Angebot – aber da gibt es auch noch die «rote Meile» im Industriequartier, den Strassenstrich, von dem behauptet wird, er sei der längste der Schweiz. Der Strich beginnt wenige Schritte vom Bahnhof beim sogenannten Dampfhammer und erstreckt sich bis zum Gaskessel hinunter. Das klingt wenig romantisch – aber hier geht es ja auch um die schnelle Befriedigung der Triebe, die schnelle Nummer im Auto, im Hof der ehemaligen Banagofabrik oder einer andern Industriebrache, irgendwo im Unterholz an der Aare oder im Stundenhotel Rote Meile. Das Stundenhotel wird von einem Libanesen betrieben, der Zimmer an Prostituierte vermietet. Beim Eingang sind auf der «Menü-Karte» die Tarife angeschlagen: GV oder Französisch 100 Franken, GV und Französisch 150, eine halbe Stunde 300.
An einem lauen Frühsommerabend zählen wir auf dem Oltner Strassenstrich 22 Prostituierte, spärlich verhüllt und in allen Hautfarben. An ihnen vorbei wälzt sich, angetrieben von unerlöster Männlichkeit, eine endlose Autokolonne, Autos aller Preisklassen, vom klapprigen Celica bis zum fetten Mercedes. Und die Kennzeichen der Autos verraten: Die Freier kommen aus der ganzen Deutschschweiz; neben Bernern und Baslern machen wir auch einen Bündner und einen St. Galler aus.
Maria steht unten am Rondell bei der Bushaltestelle, wo die Kolonne wieder kehrtmacht. Sie ist – soweit dies im fahlen Licht der Strassenlampe zu erkennen ist – um die vierzig. Sie spricht leidlich Deutsch, recht gut Italienisch, und für ein bescheidenes Informationshonorar erzählt sie uns, dass sie in der Nähe von Zürich wohne und zweimal, manchmal auch dreimal in der Woche mit dem Zug oder mit einer Kollegin im Auto nach Olten fahre, um auf dem Strassenstrich anzuschaffen. Als sie aus Brasilien in die Schweiz kam, arbeitete sie zuerst als Tänzerin in einem Nachtclub, nach der Heirat in einem Salon. Das sei zwar bequemer gewesen, aber die Strasse habe auch Vorteile: Da habe man keine Fixkosten und könne sich die Arbeit frei einteilen. Maria sagt, sie arbeite ohne Zuhälter, und da der Strich so lang sei, finde man auch als Gelegenheitsprostituierte immer einen Platz. Sie schätzt die Anonymität des Oltner Strassenstrichs. «Hier kennt mich keiner, und ich fühle mich hier auch einigermassen sicher.»
Das war nicht immer so. Ende der neunziger Jahre, als auf dem Oltner Strich vor allem Drogenkonsumentinnen anschafften und kaum auswärtige Migrantinnen wie heute, kam es wiederholt zu gewalttätigen Übergriffen von Freiern. Auch der Autoverkehr und der Müll – gebrauchte Kondome und Spritzen – hatten ein Ausmass erreicht, das die Anwohner nicht mehr länger hinnehmen wollten. Um dem ausufernden Treiben Einhalt zu gebieten, verstärkten Stadt und Kanton zunächst die Polizeipatrouillen. Als das nichts half, beschloss man vor gut zwei Jahren die Installierung von drei Videokameras zur Überwachung des nächtlichen Strassenstrichs – eine Novität, die nicht nur in Olten einiges zu reden gab.
Die Dirnen protestierten gegen die zu ihrem Schutz aufgestellten Kameras aus Furcht, sie würden ihnen die Kundschaft vertreiben; andere sorgten sich um den Datenschutz und klagten, nun stecke «Big Brother» seine Nase auch noch ins diffizile Rotlichtmilieu. Tatsächlich bemühte man sich von Anfang an, die Gebote des Datenschutzes zu respektieren: Auf den Strassenabschnitten, die gefilmt werden, wurden Hinweistafeln angebracht, und das Überwachungssystem wurde so programmiert, dass die Daten nach 72 Stunden automatisch gelöscht werden.
Es sei auch keineswegs so, versichert Hänggi, dass stets ein Polizeibeamter verfolge, wer auf dem Strassenstrich herumkurve. Das Bildmaterial werde lediglich konsultiert, wenn es zu einem kriminellen Vorfall komme. Das war in den gut zwei Jahren bis jetzt dreimal der Fall, in weiteren Fällen war das Material bereits wieder gelöscht, als die Anzeige erstattet wurde. Die Wirkung der Videoüberwachung ist somit laut Hänggi in erster Linie eine präventive – dank dem System sollen gewalttätige Freier vom Oltner Strassenstrich ferngehalten werden.
Für Doris Rauber, als Stadträtin zuständig für die öffentliche Sicherheit, war die Einführung der Videoüberwachung ein wichtiger Schritt, das Gunstgewerbe in den Griff zu bekommen. Die Bilanz, so Rauber, sei «durchs Band positiv». Die gewalttätigen Übergriffe seien zurückgegangen, ebenso die Zahl der Dirnen auf dem Strich. Und auch Bedenken bezüglich des Datenschutzes seien keine mehr zu vernehmen. Das neue Polizeireglement, das die Überwachung im öffentlichen Raum definitiv regelt, ist soeben mit 41 : 0 Stimmen vom Stadtparlament verabschiedet worden.
Wie Hänggi plädiert auch Doris Rauber dafür, das Sexgewerbe «als Teil der heutigen Realität» zu akzeptieren. Nur soll man davon im Städtchen selber möglichst wenig merken. Früher standen die Dirnen am Amthausquai in der Nähe des katholischen Walter-Verlags. 1992 beschloss der Stadtrat, dass «der Aufenthalt von Prostituierten in der erkennbaren Bereitschaft, sich gewerbsmässiger Unzucht hinzugeben», nur noch an Strassen und Plätzen gestattet sei, an denen kein Wohnhaus stehe, keine Kirche, kein Schulhaus, keine Haltestelle öffentlicher Verkehrsmittel, kein Spital. «Mit Repression allein», sagt Doris Rauber, «ist diesem Problem nicht beizukommen. Aber es ist unsere Aufgabe, dass die öffentliche Sicherheit gewahrt bleibt.»
Dass den Oltner Behörden neben der Sicherheit auch die Bedürfnisse der Sexarbeiterinnen nicht egal sind, zeigt die Arbeit des privaten Vereins Lysistrada, der von der Stadt jährlich mit 20 000 Franken unterstützt wird. Zweimal in der Woche sind zwei Mitarbeiterinnen mit einem Frauenbus auf dem Strassenstrich unterwegs, schenken Kaffee aus und verteilen Kondome, Spritzen und Informationsmaterial zu Geschlechtskrankheiten an die Prostituierten. Lysistrada berät die Frauen bei Problemen mit der Polizei, dem Vermieter, dem Lebenspartner, nimmt Meldungen von gewalttätigen Übergriffen entgegen und gibt sie als sogenannte Freierwarnungen an alle Prostituierten weiter.
Auch in Olten ist zwar nicht die heile Welt, aber man scheint sich darum zu bemühen, dass sie für alle einigermassen erträglich ist. Bisweilen zeigen sich sogar die Freier grossherzig und spenden dem Frauenbus ein paar Franken.