NZZ Folio 07/93 - Thema: Woodstock   Inhaltsverzeichnis

Gegensätze -- Yin und Yang

Von Ursula K. Rathgeb

WIR WESTLICHEN INDIVIDUEN neigen sehr zur Ansicht, es gebe uns an und für sich und es gäbe uns auch dann noch, wenn man das meiste Drumherum wegnähme. Wir lieben das Absolute, die absolute Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung. Das hat uns sehr erfinderisch gemacht, sehr mobil und agil, aber mittlerweile auch ziemlich müde, denn wir beginnen an den sozialen und umweltlichen Altlasten unserer «exklusiven» Weltanschauung immer schwerer zu tragen. So kommt es, dass man in den Hochburgen der Singles, der einsamen Genies, der Selbständigen und Unabhängigen und der Alleinerziehenden heute glänzende Augen kriegt, wenn man von Ländern und Kulturen hört und liest, wo die Grossfamilie noch existiert, die Nachbarschaftshilfe noch funktioniert, wo Dorf- und Arbeitsgemeinschaften noch intakt scheinen. Alles, was man für ganzheitlich hält, hat Konjunktur. Vermutlich hängt es damit zusammen, dass sich in den Ländern der untergehenden Sonne immer mehr Leute für eine uralte Paarbeziehung aus dem Reich der Mitte zu interessieren beginnen, für Yin und Yang.

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Die alten Chinesen, oder besser: gewisse alte Chinesen neigten im Gegensatz zu uns zu sehr «inklusiven» Ansichten über sich und die Welt. Etwa im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung konzipierten chinesische Philosophen, die man später als Taoisten bezeichnete, eine dualistische Assoziationsreihe, die sowohl Naturphänomene wie auch abstrakte Vorstellungen umfasste, die sich als Manifestationen entgegengesetzter, aber komplementärer Kategorien allen Seins definierten. Die Schöpfer der Yin-Yang-Theorie sahen sich auf der Erdkruste als eines von zahllosen Wesen in der Lebewesenschicht, die eine wuselige Mischung aus den Elementen des Himmels, Yang, und der Erde, Yin, darstellten. Vollkommen eingebettet ins grosse, anfangs- und endlose kosmische Geschehen. Und eine Möglichkeit, diese bewegte Wirklichkeit einigermassen realistisch darzustellen, sahen sie darin, die Phänomene der sichtbaren und der unsichtbaren Welt in ihren Beziehungen zu den sie bedingenden, erhaltenden, verändernden oder zerstörenden Mitphänomenen zu beschreiben. Mit Hilfe der Yin-Yang-Theorie liessen sich die Dynamik und die Gesetzmässigkeiten des Geschehenden fassen und bewusstmachen. Und mit diesem System polarer Gegensätze schuf man sich nicht zuletzt auch ein Mittel, um die Fallen, die man sich durch den Gebrauch der Sprache stellte, zu erkennen. Die Sprachen stellen zwar das Vokabular für die polaren Gegensätze bereit, aber im Alltagsgebrauch vergisst man allzuoft den einen Pol. Man sagt «hell» und unterlässt es, «dunkel», das für hell nötig wäre, dazuzudenken.

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In einem modernen chinesischen Wörterbuch übersetzt man Yin mit: schattig, schattenhaft; dunkel; geheim; geheimnisvoll; trübe; das negative oder weibliche Prinzip in der Natur; südlich des Flusses, nördlich des Berges; listig. Und Yang bedeutet: klar, hell; Sonne; Leben; Oberwelt; vorn; nördlich eines Flusses, südlich eines Berges; männliches (positives) Prinzip. Im Kontext der Yin-Yang-Theorie haben die Termini Yin und Yang aber keine Eigenbedeutung mehr, sondern wurden zu Kategorisierungssymbolen, die der Kennzeichnung der zwei Entsprechungsreihen dienten. In die Yang-Reihe gehören zum Beispiel der Himmel, die Sonne, der Tag, Frühling und Sommer, das Warme und Heisse, das Helle, das Männliche, das Obere, das Bewegte und Aktive. In die Yin-Reihe die Erde, der Mond, die Nacht, Herbst und Winter, das Kühle und Kalte, das Dunkle, das Weibliche, das Untere, das Stille und Passive. Um wirklich zu verstehen, wie diese spezielle Yin-Yang-Paarbeziehung funktioniert, muss man einiges über ihr intimes Zusammenleben wissen, denn das, was man als Gegensatz bezeichnet, umfasst eine ganze Palette von Beziehungsmöglichkeiten.

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Nach taoistischer Auffassung ist die ganze Welt von Yin und Yang erfüllt, und es gibt kein einziges Ding oder Geschehen in Raum und Zeit, das nicht einen Yin- und einen Yang-Aspekt aufweist. Himmel und Erde, Tag und Nacht, heiss und kalt, stark und schwach beschreiben Aspekte ein und desselben Phänomens und machen bewusst, dass der Aspekt gar nicht ohne sein Gegenüber «existieren» kann. Unsere Seh-, Sprach- und Denkgewohnheiten lassen uns diese einfache Tatsache aber immer wieder vergessen. Natürlich kommt noch ein weiteres Problem hinzu, sobald man in den Bereich von Verhaltensarten und Werturteilen gerät und die dortigen Gegensatzpaare ebenfalls als komplementär erkennt. Zum Beispiel gut und böse, Recht und Unrecht, wahr und unwahr. Hier dämmert einem die etwas peinliche Tatsache, dass es zum Beispiel nur einen Dieb gibt, wenn es einen Besitzer gibt. Überhaupt muss man feststellen, dass es damit um das absolute Gute geschehen ist und auch um die Wahrheit, die nichts als die Wahrheit sein sollte, und die absolute Freiheit. Die ganze Welt wird ein bisschen schmuddelig, denn wo ein Yin ist, ist auch ein Yang. Und umgekehrt. Und nicht nur das. Die Sache setzt sich nämlich ins Unendliche fort, denn jeder Yin- und jeder Yang-Aspekt hat seinerseits wieder einen Yin- und einen Yang-Aspekt. So ist die Nacht zum Beispiel gegenüber dem Tag Yin, aber die erste Hälfte der Nacht ist Yin im Yin, während die zweite Hälfte einen Yang-Aspekt im Yin birgt. Den Differenzierungsmöglichkeiten sind damit keine Grenzen gesetzt.

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Ein weiteres besonderes Kennzeichen des Yin-Yang-Gegensatzpaares ist ihre Unzertrennlichkeit. Die Welt mag in Stücke gehen, und sie wird es auch, aber Yin und Yang werden auf ewig beisammenbleiben, ganz einfach weil sie sich gegenseitig definieren. Man geriete in grösste Verlegenheit, müsste man heiss ohne kalt, oben ohne unten, innen ohne aussen oder gar Mann ohne Frau definieren. Sie bleiben auf ewig unzertrennlich getrennt. Yin und Yang steuern einander aber auch. Wenn in einem bestimmten Prozess zum Beispiel der Yin-Aspekt überhandnimmt, bedeutet das, dass gleichzeitig der Yang-Aspekt vermindert wird. Wenn man davon ausgeht, dass es einen «Zustand» der relativen Harmonie gibt, das heisst ein Zusammenspiel der Kräfte, das als optimal betrachtet werden kann, dann geht jede Abweichung von diesem Idealmuster oder von der Idealfunktion entweder auf Kosten verminderter Yins oder Yangs, da sie komplementär zusammenwirken. Zuviel oder Zuwenig sind also die Hauptverursacher von Krisen. Im Fall von Krankheiten gilt es deshalb zum Beispiel festzustellen, in welcher Richtung sich das Harmoniemuster, das gleichbedeutend mit Gesundsein war, verschoben hat. Und durch Anregen oder Dämpfen der betroffenen Funktionskreise wird dann versucht, die verlorene Yin-Yang-Harmonie wiederherzustellen.

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Als letztes sei hier die Spezialität des Yin-Yang-Paares erwähnt, die darin besteht, dass sich Yin und Yang ineinander verwandeln können. Hier handelt es sich um die Beschreibung organischer Prozesse, bei denen man zwei Arten der Veränderung beobachten kann: harmonische Veränderungen, die dem natürlichen Verlauf der Entwicklung entsprechen, und plötzliche, abrupte Veränderungen, die disharmonisch sind. Generell kann man sagen, dass jede Veränderung einen Übergang von Yin in Yang und Yang in Yin bedeutet, und zwar in zyklischem Ablauf. So folgt Tag auf Nacht, Ebbe auf Flut, Tod auf Leben. Die Regelmässigkeit der Muster, die in den verschiedenen Bereichen ablaufen, erlaubt es den Menschen zum Beispiel, durch genaue Beobachtung der Phänomene eine möglichst ideale Einpas- sung ins grosse Yin-Yang-Zusammenspiel zu erreichen und so das individuelle Yin-Yang-Gleichgewicht zu erhalten. Wenn aber die Muster nicht richtig erkannt werden oder man sich gegen besseres Wissen falsch verhält, kommt es zu Disharmonien. Wenn man sich zum Beispiel in einer extremen Yin-Phase, mitten im Winter, verhält, als wäre es Sommer, das heisst, so tut, als stünde einem die Yang-Energie des Sommers zur Verfügung, verursacht man damit längerfristig Disharmonien. Bei solchen Störungen des Gleichgewichts gibt es mehrere mögliche Weiterentwicklungen. Es kann zu einem Wiederausgleich kommen, aber auch zu radikalen Veränderungen, das heisst, extremes Yin kann zum Beispiel in extremes Yang umschlagen. Oder aber die Beziehung selbst löst sich auf, indem der Organismus sich auflöst, stirbt, was aus dem Yin-Yang-Blickwinkel ganz undramatisch ist, weil es wiederum nur einen Übergang in neue Yin-Yang-Aspekte bedeutet.

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«Einmal Yin, einmal Yang, das ist das Tao», heisst es im «Buch der Wandlungen». Aber weil wir im Gefängnis unserer Vorurteile, Leidenschaften und Meinungen sitzen, sind wir unfähig, das Tao zu erkennen und mit ihm in Einklang zu leben. Diejenigen aber, die es erkannt haben und erkennen, sollen sich - so hört man - zurückgezogen haben, ins Zentrum des Yin-Yang-Kreises, der eigentlich eine Kugel ist, in den Angelpunkt der Welt, von wo sie eine wunderbare Aussicht geniessen auf die Gegensätze der Welt. Dort, jenseits von Gut und Böse, schweigen sie seit je vor sich hin. Weshalb dies nur die halbe Geschichte von Yin und Yang ist.


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