Das Gespräch findet statt im Gerichtsgebäude eines kleinen Städtchens, das im Südwesten Europas liegt. A ist eine junge Frau, der man Dezidiertheit und Mundfertigkeit nicht absprechen kann. Für ihre kurze Unterredung mit B, der 59 Jahre vor ihr das Licht der literarischen Welt erblickte, ist sie aus dem Nachbarland angereist. B wurde vor kurzem erst ins höchste Amt des Ortes eingesetzt. Dabei ist er nicht eben das, was man sich unter einem stattlichen Würdenträger vorstellt. (Sein Name bezeichnet wenig schmeichelhaft, aber zutreffend einen seiner auffälligsten Körperteile.) Aber auf dem Richterstuhl scheint er sich durchaus wohl zu fühlen.A: Statthalter! Ich erscheine deshalb hier vor Euer Gnaden, weil ich guten Rats bedarf.
B: Sprecht, tapferes Weib, Ihr sollt ihn haben.
A: Mein Herr, ein Mann, der früher Mut und Stolz besass, ist plötzlich wie von einem wüsten Wahn umfangen. Und über seinen krassen Albernheiten vergisst er Mutter, Tochter, Sohn und Frau. Ganz ohne den geringsten Widerstand erliegt er einem abgefeimten Heuchler, setzt alles, was er hat, bedenkenlos aufs Spiel und meint dabei, es würd' ihm Segen bringen. Ist es denn möglich, dass ein kluger Mann mit ausgewachsnem Barte im Gesicht so kindische Ideen haben kann?!
B: Gemach, gemach. Was geht Euch all dies überhaupt an?
A: Ach , ja. «Du steckt Dein Näschen frech in jeden Dreck», hat man mir auch schon einmal vorgeworfen. Doch hier scheint Neugier mir am Platz zu sein, denn ganz durch Zufall ist mir eben was von einem Heiratsplan zu Ohren gekommen. Empörend jedenfalls kommt es mir vor, dass meine junge Herrin büssen soll für ihres Vaters blinde Eitelkeit. Doch halt, vielleicht könnt Ihr gar nicht verstehen, was mich gemeinen Menschen so betrübt . . .
B: Und ob. Ich bin selbst im Dienste eines Herrn, der mich - wenn Ihr von Wahne sprecht - ein wenig an den Eurigen gemahnt, in der Welt herumgekommen. Wir sind von Irland nach Wirrland, von Brechhausen nach Pechhausen gezogen, haben viele Abenteuer erlebt, um nicht zu sagen: unzählige Drangsale erlitten, und dabei tüchtige Ohrfeigen und Fusstritte eingesteckt. Frau und Kinder habe ich in der Heimat zurückgelassen, um zu dienen und so heraufzukommen. Ich habe viel gesehen, aber ich habe mich immer an eines gehalten: Ich kehre vor meiner Tür und weiss nichts von Nachbars Besen.
A: Aber ich ersticke, wenn ich nicht reden kann! Ich will, dass Ihr mir helft und daran denkt, wie man die Sache noch zum Guten lenkt. Jetzt gilt's die Heirat zu verhindern! Wir müssen alle Hebel in Bewegung setzen!
B: Ja, setzt Ihr nur. Euch trau ich alles zu. Und darum kann mein Rat nur sein: Verschwört Euch mit der Tochter und der Mutter; der Frauen List wird es gelingen, den Heuchler glatt zu überführen.
A: So hört denn, ob mein Plan Euch tauglich scheinet: . . . A wird es tatsächlich gelingen, die Katastrophe abwenden zu helfen, die dem Haus ihres Herrn droht, der im letzten Moment seine Vernunft wiederfindet. B gibt nach nur sieben Tagen sein Amt wieder auf: «Eine Sichel steht mir besser zur Hand als eines Statthalters Zepter.» Nach einer an Niederlagen und Bekümmernissen reichen Reise kehrt er mit seinem traurig anzusehenden Herrn ins heimatliche Dorf zurück.
Auflösung Rätsel Folio Nr. 3: A ist Zarathustra aus Friedrich Nietzsches «Also sprach Zarathustra» (1883); B ist Simon Tanner aus Robert Walsers Roman «Die Geschwister Tanner» (1907).