Sechunddreissig Hände schiessen in die Höhe: Ja, sie alle - die jüngsten Schüler im Dzong von Simtokha - haben den König schon einmal mit eigenen Augen gesehen. Einmal war es bei einem Schulbesuch gewesen, ein andermal hatten sie einem jener öffentlichen Treffen beigewohnt, die Jigme Singye Wangchuk regelmässig in den verschiedenen Distrikten abhält. Die Kinder kommen aus allen Ecken Bhutans in die Schule von Simtokha, um hier, im ältesten Dzong des Landes, die bhutanische Nationalsprache zu lernen. Simtokha Dzong - der «Palast tiefer tantrischer Lehren» - gilt als architektonisches Vorbild für die vielen Dzongs, die Bhutans Landschaftsbild noch heute prägen: eine massive quadratische Festung mit weissgetünchten Steinmauern, die im oberen Teil ins dunkle Holz der Fensterfriese und überhängenden Dächer münden. Der Dzong symbolisiert die beiden beherrschenden Kräfte des Staatswesens: er beherbergt stets ein buddhistisches Mönchskloster und ist der Sitz des «Dzongda», des obersten Bezirksbeamten.
Im Simtokha Dzong, 1629 von Staatsgründer Ngawang Namgyal erbaut, ist dazu noch eine Schule untergebracht. Erstmals öffnet sich hier das Tal in breit ausladende Reisterrassen, nachdem es sich über hundert Kilometer aus der nordindischen Tiefebene durch Schluchten bis auf zweitausend Meter Höhe hinaufgewunden hat. Unmittelbar unter dem Burghügel zweigt eine Strasse nach Osten ab, der einzige ganzjährige Zugang nach Zentral- und Ostbhutan. Im Hintergrund wird auf einem Bergkegel Thimbu sichtbar, der Hauptort Bhutans, das in der Landessprache Druk Yul heisst. An dessen Basis liegt gross und behäbig der Thimbu Dzong, Sitz des «Druk Gyalpo», des Königs, und des «Je Khenpo», des religiösen Oberhauptes Bhutans.
Dass der König in dieser Kleinstadt residiert, heisst allerdings nicht, dass die dreissigtausend Einwohner ihn öfter zu Gesicht bekommen als die Schulkinder in den vier Ecken des Landes. Mehrmals im Jahr ist er wochenlang im Land unterwegs und sucht in zahlreichen offenen Dorfversammlungen den Kontakt mit dem Volk. Doch dem gesellschaftlichen Treiben der Hauptstadt entzieht er sich und seine Familie vollständig. Selbst Mitglieder der weiteren königlichen Familie sagen, sie hätten ihn schon jahrelang nicht mehr gesehen. « Früher, als er noch Basketball spielte», meint etwa seine Cousine Ashi Khendum Dorji, «war es für uns ein regelmässiges wöchentliches Ereignis, ihn mit seinem Team spielen zu sehen. Wir gingen hin, feuerten ihn an. Heute sieht man ihn höchstens einmal beim Golfspiel, aber nie bei gesellschaftlichen Anlässen. Und dabei ist er noch so jung . . . keine vierzig! Und auch die Königinnen - sie kommen nie an unsere Parties.»
Der Thimbu Dzong ist ein ungewöhnlicher Palast: Im weiten Geviert bilden nicht etwa die königlichen Gemächer die Mitte, sondern der massive Tempelturm, der zur einen Seite vom Wohnsitz des «Je Khenpo», zur andern von den Arbeitsräumen des Königs flankiert wird. Der Thimbu Dzong ist das Zentrum einer Bauern- und Königsgesellschaft und zeigt beide Elemente: Nur der Thronsaal ist üppig mit kostbaren Thankas und viel Gold geschmückt; der Aufgang zu diesem Turmraum, in dem man die Tauben im Dachgebälk gurren hört, läuft über steile, knarrende Holztreppen und karge Gänge. Keine Spaliere von Leibwächtern schirmen den Herrscher ab, die ehrfürchtige Hingabe einer gott- und autoritätsgläubigen Gesellschaft ist Schutz genug.
Die höfischen Rituale sind einfach und erinnern an die elementaren Formen bäuerlichen Lebens. Ein besonderer Anlass ist die Teezeremonie, bei der die Gaben der Erde gesegnet werden. Tee in drei Zubereitungen, Gerstenbier, Reis, Zuckerrohr, Yak-Käse und ein Stück Caramel werden in den Thronsaal getragen, vor dem Hausaltar niedergelegt und anschliessend dem König dargebracht, der sie seinen Gästen weiterreicht. Auch dieser symbolische Akt wird ohne Öffentlichkeit zelebriert, nur deren Vertreter sind zugelassen: Mönch und Soldat, der Beamte und der Fremde, heute ist es der österreichische Botschafter, der bei dieser Gelegenheit sein Beglaubigungsschreiben überreicht, und erstmals auch ein Journalist.
Wie sein Land, das am glücklichsten zu sein scheint, wenn niemand es wahrnimmt, scheut auch König Jigme Singye Wangchuk die Zurschaustellung seiner königlichen Rolle. Als König oder als Privatperson tritt er selten in die Öffentlichkeit, dafür um so lieber als oberster Entwicklungshelfer seines Landes. «Selbst an den beiden wichtigsten Tagen des Jahres, seinem Geburtstag am 11. November und dem Jahrestag der Einführung der Demokratie, zeigt er sich nicht öffentlich», sagt Aussenminister Dawa Tsering. Und wenn man ihn selber fragt, wann er zum letztenmal seine Krone getragen habe, antwortet der Monarch belustigt: «Als ich achtzehn Jahre alt war.» Man rechnet schnell nach: das muss vor zwanzig Jahren gewesen sein - bei seiner Krönung. Es ist denn auch typisch für ihn, dass er seine Residenz ausserhalb des Palastes aufgeschlagen hat. Sie liegt abgelegen am Eingang eines wilden und unberührten Tälchens; ein paar Blockhütten, vor denen ein leerer Fahnenmast steht.
Und die Königinnen? Sie leben abgeschirmt im Nachbartal: durch einen Hügelrücken vom «Tal des Königs» getrennt, liegen ihre Residenzen oberhalb Thimbus im dichten Föhrenwald versteckt. Auch ihnen hat der König Zurückgezogenheit verordnet. Sie dürfen nicht einmal - die Lieblingsbeschäftigung heutiger Königsgemahlinnen - die Patenschaft für gute Werke übernehmen. «Das wäre nicht ein Dienst am Land, sondern an der Popularität der Königsfamilie», sagt der König. «Meine Aufgabe ist aber das Wohl Bhutans, nicht der Aufbau einer Dynastie.» Der Königinnen sind nicht nur vier an der Zahl, sie sind zudem Schwestern. Das ist selbst für Bhutan aussergewöhnlich, auch wenn es nicht unüblich ist, dass ein begüterter Mann mehrere Frauen hat. Und diese dürfen auch Schwestern sein, vorausgesetzt - so belehrt mich mein Chauffeur -, «er kommt mit seiner ersten Frau gut aus». Denn bei der Eheschliessung zieht der Bhutaner - Überrest einer matrilinealen Tradition - ohnehin in ihr Haus, und die zugeheirateten Schwestern leben dann einfach im selben Haushalt weiter, in dem sie zusammen aufgewachsen sind.
Auch in Thimbu kursieren natürlich Witze über die Frauen des Königs («Warum heiratete er vier Schwestern? Damit er nur eine Schwiegermutter hat»). Doch im übrigen sind für die alles andere als prüden Bhutaner die vier Königinnen Privatsache des Monarchen, und dieser hat sie so sehr von der Öffentlichkeit abgeschirmt, dass auch die Frage der protokollarischen Rangordnung kein Diskussionsthema ist. Als er 1988 offiziell heiratete, war dies in der amtlichen Sprachregelung lediglich die «öffentliche Verkündigung der vier Ehen», die Jigme Singye im Verlauf von neun Jahren privat geschlossen hatte und denen bis dahin bereits acht Kinder entsprungen waren.
Wenn sich für die Untertanen des Königs Fragen stellen, dann höchstens die, wie er bei seinem Arbeitspensum wohl seinen ehelichen Pflichten nachkommen kann. «Er hat kaum Freunde, kein Sozialleben, keine Freizeit - und warum?» klagt Cousine Khendum. Weil er wie wild arbeite, er sei ein regelrechter Workaholic. Das ist ein Refrain, den man von jedem Bhutaner zu hören bekommt. «Der König ist der grösste Schwerarbeiter in Bhutan», sagt ein Mönch, und mein Chauffeur meint besorgt: «Er sollte auf seine Gesundheit Rücksicht nehmen, er ist schliesslich König.» Auch Beamte und Minister, Entwicklungshelfer und indische Diplomaten stimmen darin überein, dass er eher Regierungschef als König sei und über alle wichtigen Dossiers seiner Ministerien Bescheid wisse. Er beherrscht die Zahlen des siebten Fünfjahresplans ebenso, wie er sich über Details der Innendekoration des Konferenzpalastes informiert, der gegenüber dem Thimbu Dzong seiner Vollendung entgegensieht. Und er merkt sich die Anliegen der Petitionäre, wenn diese ihn im Palast in Thimbu aufsuchen oder bei den Dorfversammlungen ansprechen. «Wenn wir ein Anliegen nach vier Tagen noch nicht behandelt haben, kommen wir ins Schwitzen», sagt ein Minister. «Denn wir können sicher sein, dass der König sich danach erkundigt.»
Braucht Jigme Singye diese Macht des Wissens noch, angesichts der Autorität, die er als König und Staatsoberhaupt ohnehin hat? Akademische Beobachter Bhutans weisen darauf hin, dass das Erbkönigtum rechtlich und historisch wenig verankert ist. Jigme Singye ist erst der vierte Monarch seines Landes; sein Urgrossvater Ugyen Wangchuk war von den Lokalfürsten und Dorfältesten des Landes inthronisiert worden. Der amerikanische Politologe Leo Rose meint zudem, dass der Mahayana-Buddhismus das Konzept eines säkularen Königtums gar nicht kennt; an dessen Stelle steht vielmehr der Priesterkönig - die theokratisch ausgeübte weltliche und geistige Macht, wie sie etwa der Dalai Lama in Tibet innegehabt hatte. «Die Könige Bhutans», schreibt Rose in seinem Buch «The Politics of Bhutan», «werden an ihren Leistungen gemessen werden.»
Die Leistungen können sich sehen lassen. Während die ersten zwei Amtsträger die jahrhundertelange Abschottung Bhutans fortgesetzt hatten, steuerten die letzten beiden Könige, Jigme Dorji Wangchuk und sein Sohn Jigme Singye, ihr Land mit Umsicht in die Moderne, mit der ambitiösen Vorgabe, die traditionelle Gesellschaftsform zu bewahren. Als Jigme Dorji 1952 an die Macht kam, erkannte er rasch, dass die Zeit der Splendid Isolation für Bhutan zu Ende war: Im Norden hatte sich China soeben Tibet einverleibt, im Süden machte sich das unabhängige Indien unter dem Banner der Demokratie auf den Weg, seinen Entwicklungsrückstand aufzuholen. Beide Länder verschrieben sich einer raschen Modernisierung und Industrialisierung.
Doch das zwischen den beiden Giganten eingekeilte kleine Bhutan ging seine eigenen Wege. Es konnte gar nicht anders: 1952 hatte das Land noch kein Telefon und keine einzige asphaltierte Strasse; als Jawaharlal Nehru dem Land 1959 einen Staatsbesuch abstattete, erreichte er Thimbu auf dem Eselsrücken. Es gab keine Polizei, keine Armee, keine Justiz und keine einzige Fabrik. 99 Prozent der Einwohner waren Bauern und Analphabeten; das Land besass nicht einmal eine standardisierte Sprache und Schrift. Die meisten waren Pächter, die das nicht besonders fruchtbare Land durch Brandrodung bewirtschafteten und einen guten Teil des Ertrags den Lokalfürsten und Klöstern abgaben.
Vierzig Jahre später kann der Aussenminister in guten Treuen behaupten, Bhutan sei kein armes Land mehr. Wer Reichtum nicht mit Luxus gleichsetzt, sondern mit einer Versorgung mit allem, was zu einem Leben in Würde nötig ist, kann dem nur zustimmen. Die Gesundheitsversorgung ist für alle Bewohner kostenlos, die Erziehung wird vom Staat bezahlt, Telefon, Elektrizität und Landwirtschaft werden subventioniert. Die grosse Mehrzahl der Bhutaner sind heute Besitzer ihres Bodens, der ausreichend Ertrag zum Überleben abwirft, ohne dass sie dazu die Wälder angreifen müssen, die zwei Drittel des Landes bedecken. Das Resultat ist ein Gebirgsidyll, das jeder ankommende Besucher tief einatmet - falls er zu den glücklichen 3000 Touristen gehört, die jährlich ins Land gelassen werden.
Als Jigme Singye 1974 auf den Thron kam, versprach er seinem Volk kurzerhand das «Bruttosozialglück». Die Infrastruktur von Strassen und einer staatlichen Verwaltung, die sein Vater - mit massiver Unterstützung Indiens - aufgebaut hatte, wurde mit Entwicklungsprogrammen ausländischer Hilfsorganisationen vertieft. Die halbe Million bäuerliche Selbstversorger gaben jedoch nicht genug Arbeitskraft her für den Sprung aus dem Mittelalter; dafür bot sich das riesige Potential der Nachbarländer Indien und Nepal an. Besonders Nepalesen strömten als Fremdarbeiter ins Land. Viele siedelten sich im schmalen Streifen zwischen Indien und den Bergtälern an, wo ihre Landsleute bereits vor hundert Jahren als Landarbeiter Anstellung gefunden hatten.
Als die Regierung 1988 mit einer Volkszählung das Ausmass der Einwanderung feststellen wollte, realisierte sie zu ihrem Schrecken, dass die einheimische buddhistische Bevölkerung über kurz oder lang in der Minderheit wäre. Polizei und Verwaltung reagierten mit unverhältnismässiger Schärfe. Die Regierung verordnete Verhaltensvorschriften, die auch die hinduistischen Nepalesen auf einen buddhistisch-nationalistischen Kurs festlegten. Das Resultat war ein Exodus nach Nepal, wo heute Auffanglager die annähernd hunderttausend - echten und aus Indien und Nepal zugewanderten - Flüchtlinge beherbergen.
Für Jigme Singye Wangchuk wurde die Krise in Südbhutan zu einem Test für seine Autorität. Sie machte auch klar, dass er nicht der absolute Herrscher ist, als welcher er aus der Ferne erscheinen mag. Seit Beginn seiner Amtszeit hatte der König versucht, die Nachteile der Monarchie - die Bündelung aller Macht in einer Person - mit einer Aufteilung der Entscheidungsgewalt aufzufangen. Gegen den Widerstand des Parlaments vergrösserte er dessen Macht, er erhöhte die Zahl gewählter Vertreter um zwei Drittel und schaffte sein eigenes Vetorecht ab. Nun hatte er plötzlich ein ungebärdiges Parlament vor sich, das eine radikale Ausgliederung aller Nepalesen forderte. Mit aller Kraft setzte er sich dagegen zur Wehr - und drohte gar mit Demission.
«Es war eine harte Auseinandersetzung», sagt Wangchuk. «Aber sie ist ein Beweis, dass wir es hier mit einem demokratischen Entscheidungsprozess zu tun hatten.» Denn Demokratie und Monarchie schlössen sich nicht aus. «Das Wesen der Demokratie besteht doch im Grad der Beteiligung des Volkes am Entscheidungsprozess. Nur wird dieser Massstab selten angesetzt. Ich kenne Demokratien, in denen wenige Personen alle Entscheide fällen; Bhutan dagegen hat, bei einer Bevölkerung von 600 000 Menschen, 3254 gewählte Volksvertreter. Eine Demokratie kann noch so korrupt sein - sie ist gut. Und ich kann mich noch so ernsthaft am Aufbau des Landes beteiligen - ich bin ein feudales Relikt.»
Ein feudales Relikt? Nicht für die grosse Mehrheit der Bhutaner. Für sie trifft zu, was ein Abgeordneter dem König entgegenwarf, als dieser 1991 mit dem Rücktritt drohte: «Without monarchy there will be anarchy!» So kann sich König Wangchuk weiterhin zielstrebig seiner Lieblingsaufgabe widmen: die eigene Macht zu beschneiden, im Interesse des Landes. Aber je gründlicher er dies tut, desto beliebter droht er zu werden. Es ist ein Paradox, das sich auch in den Reaktionen der Schulkinder im Dzong von Simtokha spiegelt. Auf die Frage, ob sie der von der Regierung vorgegebenen Rangordnung - König, Land, Volk - zustimmten, sagten die meisten Nein: Für sie kam das Land vor dem König. Aber als Symbol für das Vaterland fiel ihnen dann nur ein Name ein: Jigme Singye Wangchuk.
Bernard Imhasly ist Indienkorrespondent der NZZ.