WAS ALLE MEINEN, ist wahr, und was ich selber zweimal erfahren habe, gilt für immer – das sind die beiden Pfeiler, auf denen einer unserer heikelsten und schillerndsten Begriffe ruht: das Vorurteil. Da alle Menschen meinten, die Erde stehe still und die Sonne gehe auf, hatte Kopernikus es schwer, die gegenteilige Meinung durchzusetzen; wird ein Autofahrer zweimal Zeuge, dass ein töricht kurvender «Vordermann» einen Hut aufhat, so wird er künftig allen misstrauen, die mit Hut am Steuer sitzen. Natürlich, das ist eine schrecklich übereilte Verallgemeinerung. Praktisch aber können wir einem solchen Vorurteil so wenig entrinnen wie unsere Ahnen dem über den Aufgang der Sonne.
Es waren Richard Wagner und ein Zürcher Architekt, die mich zum ersten Mal daran zweifeln liessen, ob unser aller Abneigung gegen Vorurteile nicht doch übertrieben ist. Als Richard Wagner sich vor seiner Cosima verächtlich über den Komponisten Robert Schumann äusserte, hielt sie ihrem Gatten vor, dass er Schumann eigentlich zu wenig kenne, um sich ein so drastisches Urteil zu erlauben; Richard erwiderte, laut ihrem Tagebuch: Wer alles kennen müsse, ehe er schimpfen dürfe, der würde nie zum Schimpfen kommen, und das sei nicht zumutbar.
Irgendwie, finde ich, hatte Richard Wagner recht. Wie auch der Architekt, der mir erklärte, dass er sein schönes Ferienhaus im Oberengadin an «Welsche» nicht mehr vermiete – warum? Weil einer von denen ihm das Haus als Saustall hinterlassen habe. Einer? fragte ich erstaunt – ob er da nicht etwas vorschnell urteile? Er fragte zurück: «Wie oft soll ich mir mein Haus ruinieren lassen?» Und recht hatte er irgendwie auch.
Unser Leben ist zu kurz, und seine Gefahren sind zu gross, als dass wir es uns erlauben könnten, uns unsere Meinungen erst dann zu bilden, wenn wir sie auf eine faire Menge von Erfahrungen stützen können. «Unsere Notwendigkeit, zu entscheiden, reicht weiter als unsere Fähigkeit, zu erkennen», hat Kant gesagt, und der Philosoph Max Horkheimer: «Ohne die Maschinerie der Vorurteile könnte man nicht über die Strasse gehen, geschweige denn einen Kunden bedienen.» Eben solche «Verkürzungen des Gedankens» seien ein Mittel, das Leben zu meistern. Ähnlich der Psychologe Wolfgang Marx von der Universität Zürich: Eine vereinfachte Weltsicht stelle «ein ökonomisches Optimum» dar; der Nutzen raschen Handelns sei grösser als der Nachteil jener Fehlentscheidungen, die daraus folgen könnten.
Da sollten wir die uralte Unlust, uns die Mühe des Nachdenkens über unsern Wortvorrat zu machen, mal wieder überwinden und den übel beleumundeten Begriff auf den Seziertisch legen. Goethe kannte das «günstige Vorurteil» über einen Menschen, und dass positive Vorurteile auch heute noch grassieren, wird durch jede Hochzeit bewiesen: Die Erwartung, dass die Ehe dem Paar Glück und Erfüllung bringen werde, ist ja durch Lebenserfahrung nur bedingt gedeckt.
Der heute überwiegende Wortsinn («vorgefasste Meinung, zumal wenn sie irrig ist») hat sich erst im Lauf des 19. Jahrhunderts herausgebildet – mehr und mehr mit dem Misstrauen verbunden, dass auch Wissenschaft und Technik weithin von Vorurteilen leben.
Philosophen, sagt Friedrich Nietzsche, seien zumeist «verschmitzte Fürsprecher ihrer Vorurteile, die sie ‹Wahrheiten› taufen». Alle Naturwissenschafter, sagt der Philosoph Karl Popper, arbeiten mit Hypothesen, die man auch Vorurteile nennen könnte; sie selbst müssten versuchen, ihre Theorien nicht zu zementieren, sondern sie zu widerlegen, wenn sie wirklich der Wahrheit dienen wollten.
Erst durch eine Katastrophe widerlegt wurde das offensichtlich voreilige Urteil der Ingenieure von Kaprun, dass Bergbahnen, weil noch nie eine gebrannt hatte, nicht brennen könnten; 155 Skifahrer zahlten dafür mit dem Leben.
Die schlimmsten Vorurteile sind die kollektiven: die Feindbilder, Wahnvorstellungen, Verschwörungstheorien von Menschengruppen oder ganzen Völkern, der Rassendünkel, der Hass der Fanatiker auf andere Religionen und Nationen – gestützt auf die selbstverständliche Überzeugung, die anderen seien minderwertig oder böse. Es sind diese Vorurteile, von denen das Wort seine schmutzige Farbe bekommen hat.
Woraus die Frage folgt, ob es denn sinnvoll sei, wirklich alle Arten von unbewiesenen Meinungen unter einem einzigen Begriffsdach zu versammeln: das mörderische Vorurteil; den wissenschaftlichen Irrtum und das technische Versagen; die rasche Arbeitshypothese über huttragende Fahrer, die im Verkehr durchaus das Risiko vermindern könnte; und unsere völlig einleuchtenden Schnellurteile: unser Recht, einem Menschen für immer aus dem Weg zu gehen, der uns fünf Minuten lang auf die Nerven ging, oder ein Buch beiseite zu legen, weil die ersten fünfzig Seiten uns gelangweilt haben.
«Vorurteilslosigkeit» jedenfalls ist ein unsinniges Wort, es kann sie nicht geben – bestenfalls die Bereitschaft, unsere früheren Urteile durch spätere Einsichten zu korrigieren. Das ist schwierig genug, und vor jedem, der das zwei-, dreimal im Leben schafft, sollten wir den Hut ziehen.