NZZ Folio 01/06 - Thema: Statistik   Inhaltsverzeichnis

Der kalkulierende Provokateur

Für Bjørn Lomborg ist Aids, der Welthunger oder die Klimakatastrophe nur eine Frage der Kosten-Nutzen-Rechnung. Begegnung mit dem bestgehassten Statistiker.

Von Ulrich Schnabel

Der Buchhalter des Globus tritt in Socken und einem grell-orangefarbenen T-Shirt auf. Mit strahlendem Lächeln öffnet er die Wohnungstür. «Hallo, grossartig, dass Sie da sind. Würden Sie bitte die Schuhe ausziehen?» Bjørn Lomborg mag zwar ein «global player» sein, Liebling des Weltwirtschaftsgipfels und Schrecken aller Umweltorganisationen – doch zu Hause gibt er sich locker wie ein Student. In Socken führt er ins Wohnzimmer, spielt charmant den Gastgeber und giesst sich selbst ein grosses Glas Cola mit Eiswürfeln ein. Nur mit einer Bemerkung stört er die Ungezwungenheit: «Damit wir uns richtig verstehen, meine Wohnung soll bitte im Artikel nicht erwähnt werden.»

Hat der Statistiker Angst, die Beschreibung seiner grosszügigen Etage im Herzen Kopenhagens könnte den Zorn seiner Gegner noch weiter anstacheln? Schliesslich wird der 41-Jährige schon heute als «ökologischer Revisionist» und Handlanger der Industrie beschimpft; dänische Forscher verklagten Lomborg gar vor dem nationalen Komitee für wissenschaftliche Unredlichkeit. Dass ihn andere dagegen als «Martin Luther der Umweltbewegung» feiern und «Time» ihn zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Gegenwart wählte, hat die Kontroverse um seine Person nur angeheizt. All das, weil Bjørn Lomborg ein Buch über den «wahren Zustand der Welt» geschrieben hat. In «The Sceptical Environmentalist» rechnet der Statistiker vor, dass es dem Globus sehr viel besser gehe, als uns die Umweltorganisationen seit Jahren einzureden versuchten. Der Titel der deutschen Ausgabe bringt die Botschaft auf den Punkt: «Apokalypse No!»

Da käme es manchen wohl ganz gelegen, wenn man den Umweltoptimisten als heimlichen Yuppie enttarnte, der an der Ökologenschelte auch noch fürstlich verdient. Doch Bjørn Lomborg gibt nicht zu erkennen, ob ihn solche Erwägungen umtreiben. Also kein Wort mehr über die Wohnung. Ihr Inhaber und seine Ideen sind auch wesentlich interessanter. Der «skeptische Umweltschützer» glaubt nicht nur, dass es der Menschheit täglich bessergeht, sondern will zudem eine viel bessere Umweltpolitik betreiben.

Es passt zu dieser optimistischen Botschaft, dass ihr Verkünder kein Kind von Traurigkeit ist. Der 1 Meter 87 grosse, blonde Däne, dem die «Washington Post» das Aussehen eines Filmstars attestierte, weiss sich mit enormem Selbstvertrauen und ebensolchem Redeschwall in Szene zu setzen. In perfekt amerikanischem Englisch schwärmt er von seinen Projekten mit Nobelpreisträgern, UN-Botschaftern und Fernsehsendern und wirkt so gut gelaunt wie ein Erfolgsunternehmer, dessen Aktien in unaufhörlichem Steigen begriffen sind. «Wir haben es geschafft, in Kopenhagen einige der besten Ökonomen zusammenzubringen und eine gemeinsame Prioritätenliste der drängendsten Probleme unseres Globus zu erstellen. Sagenhaft! Das muss man sich mal vorstellen, dass Ökonomen sich auf etwas einigen! Noch dazu über die wichtigsten globalen Probleme! Das ist grossartig. Aber das ist erst der Anfang. Nun müssen wir diese Prioritätenliste bekanntmachen und dafür sorgen, dass sie umgesetzt wird.» So sprudelt die Erfolgsbilanz des vergangenen Jahres aus Lomborg heraus.
Tatsächlich gelang es ihm, 30 renommierte Wirtschaftsexperten, darunter drei Nobelpreisträger, für seinen Kopenhagen-Konsensus zu gewinnen. Die Koryphäen sollten sich vorstellen, die Weltgemeinschaft habe jedes Jahr 50 Milliarden Dollar zur Linderung von Notlagen zur Verfügung, und mussten entscheiden, für welche Probleme – Unterernährung, Krankheiten, Klimawandel oder Umweltverschmutzung – dieses Geld am besten anzulegen sei.

«Wir können nicht alle Übel unserer Zeit auf einmal bekämpfen», formuliert Lomborg seinen Leitsatz. «Unsere Ressourcen sind beschränkt, und wir können jeden Euro nur einmal ausgeben. Deshalb haben wir die moralische Verpflichtung, das Geld so zu investieren, dass es möglichst viel Gutes bewirkt. Es gibt genug Naturwissenschafter, die uns sagen, was wir gegen Klimawandel tun müssen, gegen Malaria, für sauberes Trinkwasser. Aber wir bekommen diese Lösungen präsentiert wie eine Speisekarte ohne Preise.» Seine Aufgabe sieht der umstrittene Statistiker darin, dem Publikum die Menupreise nachzuliefern, «damit wir eine sinnvolle Auswahl treffen können».

Die Idee klingt bestechend. Sie hat nur einen Haken: Bjørn Lomborg. Bestätigt fühlen sich die Skeptiker nämlich durch die Tatsache, dass die Konsensuskonferenz zu ganz ähnlichen Einschätzungen kam wie Lomborg schon zuvor in seinem Buch: Höchste Priorität habe der Kampf gegen Aids und Malaria, eine bessere Versorgung der Entwicklungsländer mit Lebensmitteln und der Abbau von Handelsbarrieren – ganz unten auf der Liste rangieren Massnahmen gegen den Klimawandel. Das Kyoto-Protokoll ist laut Lomborg und seinen Experten die ganze Mühe nicht wert. Es sei ein «schlechtes Projekt», weil es mehr koste als nütze. Es braucht nicht viel Phantasie, sich die Empörung unter Klimaforschern vorzustellen. Klaus Töpfer, Chef des UN-Umweltprogramms Unep, geisselt Lomborgs Argumentation als zynisch. Wenn dieser kritisiere, das Kyoto-Protokoll habe zu wenig Auswirkung auf den Klimawandel, dann folge daraus doch «die Aufforderung, mehr zu tun und nicht weniger».

Noch nie hat ein Statistiker so viel Wut, ja geradezu Hass auf sich gezogen wie der freundlich auftretende Däne. Schon die Veröffentlichung des «Sceptical Environmentalist» 2001 – Lomborg war damals ein unbekannter Statistikdozent der Universität Århus – entfachte weltweit einen Sturm der Entrüstung. Aufgebrachte Umweltschützer warfen ihm Torten ins Gesicht, und das sonst eher zurückhaltende Fachmagazin «Nature» giftete, Lomborgs Buch bediene sich der Strategie eines Holocaust-Leugners.

Dabei ist das Buch eigentlich eine sperrige Lektüre. Auf über 500 Seiten, gespickt mit Grafiken, Statistiken und Fuss noten, präsentiert Lomborg Zahlen über die Entwicklung von Artenvielfalt und Welthunger, Luftverschmutzung, globaler Waldbedeckung und Treibhauseffekt. Dahinter steht stets dieselbe Botschaft: Die Litanei der Schwarzseher sei falsch, der Globus gehe mitnichten einer Umweltkatastrophe entgegen. Im Gegenteil. Immer weniger Menschen hungerten; die Gesundheitsversorgung habe sich dramatisch verbessert; die Belastung von Luft, Wasser und Böden nehme ab; der Schwund biologischer Arten betrage nur 0,7 Prozent, und unsere Energievorräte gingen keineswegs zur Neige; selbst die Auswirkungen des Klimawandels stellten für unsere Zukunft kein verheerendes Problem dar. Nach Auswertung aller Daten kommt Lomborg zum Schluss: «Tatsächlich hat sich das Los der Menschheit in Bezug auf praktisch jeden messbaren Indikator verbessert.»

Mit dieser frohen Botschaft traf Lomborg einen Nerv. Denn er hatte sich hauptsächlich auf Datenmaterial aus offiziellen Quellen gestützt. Das reichte schon, um so manches Katastrophenszenario von Greenpeace oder dem Worldwatch-Institute – die sich auf dasselbe Zahlenmaterial berufen – als völlig übertrieben zu entlarven. Dass dennoch Websites wie www.lomborg-errors.dk eingerichtet wurden, lag weniger an Lomborgs Zahlen, sondern vielmehr an ihrer Auswahl und Präsentation. Genau wie die Umweltgruppen würde auch er seine Tabellen und Statistiken höchst einseitig interpretieren; nur dass Lomborg den Zustand der Erde nicht schlecht-, sondern schönrede.

Tatsächlich ist die Brille, durch die Lomborg blickt, ziem lich rosarot. So geisselt er die Schreckensszenarien mancher Umweltgruppen genüsslich – ohne zu erwähnen, dass es eine ebenso einseitige Gegenpropaganda der Industrielobby gibt. Oder er argumentiert, die globale Waldbedeckung habe sich seit den 1950er Jahren kaum verändert – geht aber nicht näher darauf ein, dass sich artenarme Waldplantagen auf Kosten des natürlichen Waldes ausbreiten. Angesichts solcher Auslassungen hat die Behauptung, er, Lomborg, enthülle uns die «wirkliche Lage der Welt», etwas provozierend Anmassendes.

«Dass ich schon beim Schreiben des Buches die Schlussfolgerung kannte, mag manche der Dinge beeinflusst haben, die ich schrieb», räumt Lomborg heute ein. Er habe sich aber bemüht, eine möglichst objektive Auswahl zu treffen. Schliesslich habe er als «altes linkes Greenpeace-Mitglied» ja quasi gegen seine eigenen Überzeugungen anschreiben müssen. So steht es in seinem Buch, und so erzählt er es in jedem Interview. Demnach geht die Legende, wie er zum Umweltskeptiker wurde, folgendermassen: Zufällig sei ihm 1997 in einer Buchhandlung in Los Angeles ein Interview mit dem Wirtschaftswissenschafter Julian Simon in die Hände gefallen. Dieser stellte anhand von Statis tiken das Gerede vom ökologischen Niedergang als Unsinn dar. Da habe er, Lomborg, sich als Statistiker herausgefordert gefühlt und «mit zehn meiner aufgewecktesten Studenten» Simon widerlegen wollen – dann aber à contre-cœur feststellen müssen, dass dieser recht habe.

Das wirkt sympathisch und lässt die Darlegungen des «sanften, fahrradfahrenden, linken Vegetariers» («Time») umso glaubwürdiger erscheinen. Doch ganz so unbedarft, wie das klingt, ist der smarte Däne wohl nicht. Vielmehr hat der einzige Sohn einer Lehrerin und eines (früh verstorbenen) Floristen seine Karriere zielstrebig geplant: Mit 18 ging er für ein Jahr als Austauschstudent in die USA, an die University of Georgia, mit 29 war er bereits Assistenzprofessor bei den Politikwissenschaftern in Århus. Stets habe er den grossen Auftritt gesucht, berichten ehemalige Universitätskollegen. Als er 1996 sein erstes – und bisher einziges – wissenschaftlich begutachtetes «Paper» über Spieltheorie in der «American Sociological Review» veröffentlichte, habe er einen Riesenwirbel darum veranstaltet. Und als er 1997 Julian Simons Umweltthesen entdeckte, sorgte er dafür, dass das Ergebnis seiner Arbeit in einer vierteiligen Serie in der dänischen Zeitung «Politiken» veröffentlicht wurde – wo es hitzige Debatten hervorrief.

Zweifellos erkannte der aufgeweckte Statistiker schnell , dass sich ökokritische Thesen hervorragend zur Pro filierung eignen. Ausserdem konnte er an Vorbilder anknüpfen, etwa an Ronald Bailey, der 1995 das Buch «The True State of the Planet» veröffentlichte – wenige Jahre bevor Lomborg die «wirkliche Lage der Welt» enthüllte. Zum Teil seien in den beiden Büchern «die Argumente weitgehend die gleichen», befand der dänische Umweltforscher Mikael Skou-Anderson in einer Rezension. Kritiker mutmassen, dass Lomborg auch persönliche Kontakte in die USA knüpfte, wo Autoren wie Bailey zum Teil im Auftrag der Ölindustrie gegen die Umweltbewegung Stimmung machen. Nur mit einem solchen Netzwerk sei zu erklären, wie Lomborg – der in seinem Buch offen bekennt, «selbst kein Experte für Umweltprobleme» zu sein – in knapp einem Jahr sämtliche Bereiche der Umweltdebatte überblicken konnte.

In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung um sein Buch hat sich Lomborg jedenfalls gut geschlagen. Als im «Scientific American» eine 11-seitige Abrechnung erschien und Chefredaktor John Rennie ihm vorwarf, er sehe «im wahrsten Sinne des Wortes vor lauter Zahlen über Bäume den Zustand des Waldes» nicht mehr, antwortete Lomborg mit einer detaillierten 32-seitigen Verteidigungsschrift. Auch das Verfahren vor dem nationalen Komitee für wissenschaftliche Unredlichkeit brachte keine Klarheit. Das Komitee zitierte zwar lang und breit die Vorwürfe im «Scientific American», drückte sich aber vor der Frage, wer denn in dem Streit recht habe. Es kam zum Schluss, dass – angesichts der gewichtigen Kritik – zwar ein «objektiver» Verstoss gegen die Richtlinien guter wissenschaftlicher Praxis vorliege. Allerdings könne man Lomborg «subjektiv» keine Fälschungsabsicht nachweisen. Dass der dänische Wissenschaftsminister dieses halbgare Urteil umgehend für ungültig erklärte und das Komitee auf eine Wiederaufnahme verzichtete, darf Lomborg als Triumph verbuchen.

Seine Gegner sehen darin eher ein Zeichen des politischen Wandels in Dänemark. Seit im November 2001 die linke Regierung von der liberalen Partei Venstre und der konservativen Volkspartei abgelöst wurde, ist Lomborg im Aufwind. Sein optimistischer Blick auf die Umwelt und seine nüchternen Kalkulationen sinnvoller Öko-Investitionen passen perfekt ins Weltbild der Rechtskonservativen. Kurz nach Amtsantritt entzog die neue Regierung dem früheren dänischen Umweltrat die Unterstützung und ernannte stattdessen Lomborg zum Direktor eines neu gegründeten Instituts für Umweltbewertung.
Dort verfolgte er vor allem den lange gehegten Plan, die Kopenhagen-Konsensus-Konferenz ins Leben zu rufen. Ihm gehe es gar nicht so sehr um einzelne Fragen, sagt Lomborg, sondern vielmehr um den Grundgedanken einer sinnvollen Prioriätensetzung in der Umweltpolitik. Dass es darüber in dem neuen Institut bald zum Streit kam und 2003 fünf der sieben Beiratsmitglieder kündigten, störte Lomborg nicht sonderlich. Er hatte auch keine Skrupel, nach der Durchführung der Konsensuskonferenz 2004 das Institut wieder zu verlassen und an die Universität Århus zurückzugehen. Ein Administrator habe er nie sein wollen, sagte er, er sehe sich als Forscher und Ideengeber. Mittlerweile hat er allerdings auch den Universitätsjob wieder an den Nagel gehängt, genervt von den vielen Verpflichtungen eines Hochschullehrers. «Sitzungen, Examen, Vorlesungen – man hat mich sogar in das Kantinenkomitee gesteckt, wo ich über unser Essen mitentscheiden sollte», erzählt Lomborg halb lachend, halb entsetzt.

Ins Stocken gerät sein unerschöpflicher Redefluss nur, wenn man ihn darauf anspricht, dass seine Homepage keine einzige wissenschaftliche Auszeichnung anzeige, nicht einmal einen Professorentitel. Liegt ihm nichts an wissenschaftlicher Reputation? Natürlich liebe er es, wissenschaftlich zu publizieren, antwortet Lomborg nach einer Pause, doch seine Stärke sei es wohl eher, Daten verständlich zu präsentieren. Er sehe sich als «akademischen Entrepreneur». Derzeit hat er nur einen kleinen Lehrauftrag an der Copenhagen Business School und verdient mit einem Auftritt – etwa vor der Erdölvereinigung – vermutlich mehr als ein Hochschullehrer im ganzen Semester.

Doch wie geht der bekennende Homosexuelle, der sich selbst als «moderaten Linken» beschreibt, damit um, dass er heute von einer rechtsgerichteten Regierung unterstützt wird? Stört ihn der Beifall von der falschen Seite nicht? «O doch, absolut», gibt Lomborg unumwunden zu. Doch mit Selbstkritik hält er sich nicht lange auf, sondern geht gleich zum Gegenangriff über. «Die Linken haben in der Umweltdiskussion lange Zeit den falschen Ansatz gewählt. Wir haben eine Sache der politischen Ansicht daraus gemacht, ob es der Welt besser- oder schlechtergehe. Das war dumm. Lass die Rechten lachen, aber lasst uns über diesen Fehler ein für alle Mal hinwegkommen.»

Da klingt fast ein missionarischer Ton durch, der zu einem kühlen Statistiker nicht so recht zu passen scheint. Vielleicht macht sich da der theosophische Einfluss seiner Mutter und vor allem seines Stiefvaters bemerkbar, der Musiker war und sonntags in der liberalen katholischen Kirche als Pfarrer fungierte. Auch Bjørn hat früher dort als Ministrant gedient. Sein Vegetariertum rührt aus dieser Zeit und auch die Liebe des begabten Hobbypianisten zur Musik, erzählt seine Mutter Birgit, eine freundliche ältere Dame, die ihren Sohn als «ganz besonders» beschreibt. Auch sie selbst ist eine besondere Frau, die mit lernbehinderten Kinder arbeitete und später als Heilerin praktizierte. Als nüchterner Rationalist kann ihr Sohn dem zwar nicht viel abgewinnen; dennoch hat er seiner Mutter, die er sehr schätzt, sein Buch gewidmet. Ist «Apokalypse No!» auch eine Art Heilungsversuch mit Hilfe der Statistik, um unsere falschen Vorstellungen der Welt geradezurücken? «Ja, absolut», sagt Lomborgs Mutter. «Bjørn wollte immer die ganze Welt retten – auch wenn er das selbst nie so ausdrücken würde.»
Zumindest glaubt der Forscher an die heilende Kraft der ökonomischen Entwicklung, die auf lange Sicht überall die Lebensbedingungen und damit den Zustand der Umwelt verbessere. «Umweltpolitik ist ein Luxusgut. Wir haben in Europa früher unseren Wald niedergeholzt und sind dadurch reich geworden. Nun geschieht im Amazonasgebiet dasselbe. Sollen wir deshalb die Brasilianer verdammen?» Stattdessen solle man sich lieber überlegen, wie man die ökonomische Entwicklung Brasiliens so unterstützen könne, dass der Wald gerettet werde.

Umweltschützer halten diesen Glauben an die Ökonomie für naiv. Lomborg dagegen hält die Weltsicht seiner Gegner für deprimierend und wenig hilfreich. Die Klage über den ökologischen Niedergang führe nur zu einem permanenten Gefühl der Schuld. «Man hat ein schlechtes Gewissen, wenn man lange heiss duscht; wenn man Auto fährt, im Flugzeug sitzt – immer fühlt man sich irgendwie schlecht.» Eine nüchterne ökonomische Betrachtung sei da viel sinnvoller. «Wir können Steuern erheben, mit denen wir einen Zustand finanzieren, den die Erde auf Dauer ver kraften kann. Dann kann ich so lange in der Dusche stehen, wie ich will – wenn ich bereit bin, den Preis dafür zu zahlen.»

Solche Überlegungen haben etwas Verführerisches. Aber kann man wirklich alles einer Kosten-Nutzen-Rechnung unterwerfen? Wie steht es etwa mit dem drohenden Aussterben der grossen Menschenaffen, welchen Wert haben Gorillas oder Orang-Utans? Natürlich sei das schwer zu kalkulieren, gibt Lomborg zu. «Aber man kann ja Umfragen in der Bevölkerung machen. Wie viel wollt ihr für bessere Schulen für eure Kinder ausgeben, wie viel für die Rettung der Menschenaffen? Das ist eine ziemlich faire Frage – und letztlich die Frage, die Politiker beantworten müssen, wenn sie ihren Haushalt aufstellen.»

Als Statistiker versuche er nichts anderes, als mit den Methoden der Ökonomie die «impliziten Motive unserer Entscheidungen besser zu verstehen». Und da komme man schnell auf einen utilitaristischen Ansatz. «Am Ende werten wir das menschliche Leben immer noch höher als das tierische. Und wir glauben, es ist besser, zwei Menschen zu retten als nur einen.» Nach diesem Prinzip sei auch die Liste des Kopenhagen-Konsensus entstanden, die Massnahmen gegen HIV als sehr gute Investition beschreibt, Ausgaben für sauberes Trinkwasser immerhin noch als gut und Investitionen in Klimapolitik als wenig effizient.

Nun reist Lomborg um die Welt, um diese Botschaft – dokumentiert in dem 648-Seiten-Wälzer «Global Crisis, Global Solutions» – zu verbreiten. Bei Unternehmern, Politikern und Wirtschaftsblättern wie dem «Economist» findet er begeisterten Anklang; die Wissenschaft dagegen zeigt ihm die kalte Schulter. So druckte «Nature» prompt wieder einen geharnischten Verriss, diesmal aus der Feder des einflussreichen Ökonomen Jeffrey Sachs. Dieser befand zwar das Konzept der Konsensus-Konferenz prinzipiell für gut, kritisierte aber, in Kopenhagen seien falsche Fragen gestellt, falsche Teilnehmer eingeladen und falsche Schlussfolgerungen gezogen worden.

«Ich wünschte mir, dass Jeffrey Sachs nächstes Mal am Kopenhagen-Konsensus teilnimmt und seine Argumente dort vorträgt», kontert Lomborg. «Ich kann mir gut vorstellen, dass er überrascht wäre, wenn er seine Überzeugungen in Frage stellen muss.» Der Däne möchte seine Kritiker widerlegen, indem er das Konsensusverfahren mit möglichst vielen verschiedenen Gruppen durchspielt. Ein Jugendforum mit 80 Studenten aus der ganzen Welt hat er schon veranstaltet. «Sie kamen, überraschenderweise, zu einem ziemlich ähnlichen Resultat wie die Ökonomen.» Als nächstes möchte er die Botschafter der UN für das Experiment gewinnen, und 2008 will er wieder eine Konsensus-konferenz in Kopenhagen organisieren.

Bei so viel Optimismus lässt sich Bjørn Lomborg nicht einmal von der Frage nach der demokratischen Legitimierung seiner Prioritätenliste aus der Ruhe bringen. Eine Rangfolge globaler Handlungsanweisungen wäre schliesslich glaubwürdiger, wenn dahinter nicht der Name eines umstrittenen Statistikers stünde, sondern ein Gremium wie die Vereinten Nationen. «Natürlich», sagt Bjørn Lomborg fast enthusiastisch. «Bitte schreiben Sie das: Die Vereinten Nationen sind herzlich willkommen, mein Projekt zu übernehmen.»

Ulrich Schnabel ist Redaktor der «Zeit»; er lebt in Hamburg.


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