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Automechaniker am Mikrophon, Nachrichten in Latein, nächtliche Psychotherapie – Sendungen, die Sie nicht verpassen sollten.
«Car Talk»: Ölwechsel auf UKW Wer in den USA ein Problem mit seinem Wagen hat, kann in die nächste Garage fahren – oder Tom und Ray Magliozzi anrufen. Die zwei Brüder sind die Moderatoren von Amerikas berühmtester – und wahrscheinlich einziger – Autoreparatursendung, «Car Talk», die seit 1977 wöchentlich von WBUR in Boston produziert wird. Tom und Ray sind Automechaniker, die sich auf die humoristische Ferndiagnose von seltsamen Geräuschen unter der Haube spezialisiert haben (wobei die Anrufer immer aufgefordert werden, das Geräusch nachzuahmen). Doch ihr Fachgebiet sind nicht nur Motorschäden, sondern auch alle anderen Fragen rund ums Auto: Wie bringe ich meinen Ehemann dazu, die Garage aufzuräumen? Auf welche Weise explodiert ein Auto am effektvollsten? Soll ich eine Erbschaft eher in ein Cabriolet oder in eine Schönheitsoperation investieren? Mit über zwei Millionen Zuhörern ist «Car Talk» eine der erfolgreichsten Sendungen des öffentlichrechtlichen Radios NPR. Kürzlich hatten die Moderatoren ihren ersten Auftritt im Kino – als Synchronstimmen zweier schrottreifer Autos im Disney-Trickfilm «Cars». (www.cartalk.com)
Die Geschichte der Radioempfänger 1940-1959: Röhre ade
LMFM: Und jetzt noch die Todesanzeigen … «Moira Lynch, geborene Brady, ist in Kells gestorben … Michael ‹Mick› Owens aus Yellowbatter in Drogheda ist gestorben …» Täglich dreimal, gleich nach den Hauptnachrichten um 9, um 13 und um 17 Uhr 30, werden am Lokalradio der irischen Grafschaften Meath und Louth, LMFM, Todesanzeigen verlesen. Sharon, die diese Meldungen seit acht Jahren von den Bestattungsunternehmen entgegennimmt, kann sich nur an ein einziges Bulletin ohne Todesfälle erinnern. Normal seien zehn bis zwanzig Mitteilungen, die alle der irischen Tradition folgen: die Überführung der Leiche vom Haus in die Kirche, die Totenmesse und das Begräbnis werden mit exakten Zeit- und Ortsangaben verlesen. Gelegentlich fügt die Sprecherin bei, der Tod sei «friedlich» erfolgt. Und zum Schluss kondoliert sie im Namen des Senders allen Familien. Die Todesanzeigen sind sehr populär, denn in Irland – zumal auf dem Land – wird ein viel grösserer Bekannten- und Freundeskreis persönlich verabschiedet als etwa in der Schweiz. Das Radio sorgt dafür, dass man keinen Fauxpas begeht. (www.lmfm.ie)
«La Colifata»: Die Sendung der Durchgeknallten Mal ist es ein Stadtrundgang durch Buenos Aires, untermalt mit Jimi Hendrix. Mal ein Liveständchen zum Tag des Kindes. Mal ein Korrespondentenbericht aus dem Himmel. Soll ja keiner sagen, dass das Programm von La Colifata irgendwie vorhersehbar wäre. Aber ein Sender, der sich «die Durchgeknallte» nennt, muss ja auch seinem Namen alle Ehre machen. 1991 kam ein Psychologiestudent auf die Idee, seinen Patienten in der Psychiatrieklinik La Borda in Buenos Aires ein Diktiergerät in die Hand zu drücken. So poetisch, so phantasievoll, so klarsichtig war das, was die «Irren» ihm da erzählten, dass ihm ein Radiosender die Bänder aus der Hand riss und ausstrahlte. Daraus wurde ein eigenes Programm, La Colifata, das heute über 50 Sender weiterverbreiten. Die, denen sonst keiner zuhört, bekommen hier eine Stimme. Geschätzte zwölf Mil lionen Hörer sind Samstag für Samstag dabei, wenn mittags ab halb drei im grauen Hof der Klinik die Mikrophone, der Verstärker und der CD-Spieler mit dem Wackelkontakt aufgebaut sind. Der Latino-Popstar Manu Chao hat für die Sendung nicht nur den Eingangsjingle komponiert, sondern aus Schnipseln des Programms schon eine CD gebastelt. Der Krankenkanal trägt die Stimmen der «Durchgeknallten» weit über die grauen Anstaltsmauern hinaus. Einige der Kranken, die entlassen worden sind, sagen, das Radio habe ihnen bei der Heilung geholfen. Endlich habe ihnen jemand zugehört. (www.lacolifata.org)
«Mare Radio»: Meeresrauschen im Äther Eine Radiosendung nur über das Meer? Wer könnte das besser als die Leute, die schon eine Zeitschrift, einen Buchverlag und Fernsehdokumentationen zum Thema Meer produzieren. Mare Radio ist das jüngste Kind aus dem Mare-Verlag, der seit 1997 die vielfach ausgezeichnete Zeitschrift «Mare» herausgibt. Seit 2004 wird die monatliche Sendung in Kooperation mit dem Nordwestradio produziert und folgt dem gleichen Muster wie das Magazin: Jede Folge hat ein übergeordnetes Thema. Sprache, Kapitäne, Wind oder, wie die jüngste Ausgabe, Tod. Darin geht es um die Seebestattung, um den Untergang der Kursk und um tödliche Fabelwesen, die Sirenen. (www.mare.de)
«Nuntii Latini»: Lateinische News aus Finnland «Ex interrogatione, quam acta ‹Newsweek› faciendam curaverunt, apparuit non plus quam triginta fere centesimas Americanorum politicae praesidentis Bush favere.» Unter der Rubrik «Nuntii Latini» sendet Yle, das öffentlichrechtliche Radio Finnlands, seit 1989 einen Wochenrückblick in Latein, und dies auch weltweit auf Kurzwelle, brevibus undis, über Satellit, per satellitem, und übers Internet, per interrete. Aus dem fröhlichen Beginnen des Latinisten Reijo Pitkäranta und des Kulturchefs Hannu Taanila ist seither eine weit über das «alte» Europa hinaus beachtete Institution geworden. Spielerei? Ernst? Was uns da erreicht, ist die augenzwinkernd ausgesandte Positionsmeldung einer unverwüstlich lebendigen «toten» Sprache, und die kommt für einmal nicht aus der Urbs aeterna, sondern von der ultima Thule. Hörerstatistiken gibt es keine; aber auf – versteht sich: lateinische – Anfrage per litteras electricas melden die Redaktoren Tuomo Pekkanen, Professor emeritus Universitatis Jyväskyläensis, und Reijo Pitkäranta, Doctor et docens Universitatis Helsinkiensis, nicht ohne Stolz ein lebhaftes weltweites Echo. Man muss ja nicht unbedingt mit Caesar durch das dreigeteilte Gallien gezogen sein, um zu erraten, was Schlagzeilen wie Nicolas Sarkozy candidatus praesidentialis, Rerum in Somalia condicio, Studium climatologicum oder Insulae Canariae immigratione laborant anzeigen: So weit sind wir ja alle Lateiner, so weit ist der Apfel unseres Euro-Wortschatzes vom Stamm des Lateinischen nicht gefallen. Die pagina interretialis www.yleradio1.fi/nuntii verzeichnet Wellenlängen und Sendezeiten; dort kann man die Nachrichten jeweils des letzten Monats auch gesprochen hören und das Seine dazu eingeben, bis man mit seinem Latein am Ende ist. Die Nuntii Latini der ersten zehn Jahre sind in fünf Bänden gesammelt erhältlich, zu je 21 Euro. Pecunia solvatur charta creditoria, cuius numerus et tempus validitatis indicentur . Alles klar? Jedenfalls das: Für das Latein ist ein terminus validitatis einstweilen nicht in Sicht.
«Jack-FM»: Das iPod-Radio Pessimisten in der Radiobranche waren sich einig: Der iPod ist der Totengräber des Musikradios. Denn mit mehreren tausend Songs ist das Repertoire eines gutgefüllten iPods ungleich grösser und bei seinem Besitzer in der Regel beliebter als das Musikprogramm eines durchschnittlichen Radiosenders, der 150 bis 200 Titel in seiner sogenannten Rotation hat. Die kanadische Mediengruppe Rogers Media meint, eine Lösung für dieses Problem gefunden zu haben: Seit 2003 läuft «Jack-FM – wir spielen, was wir wollen». Im Programm von Jack-FM rotieren 1200 bis 3000 Titel in einer Mischung, bei der sämtliche Radioberater die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Keine Ausrichtung mehr auf eine klar definierte Kernzielgruppe, stattdessen Radio für alle zwischen 25 und 50. Bei Jack laufen zwar auch nur bekannte Hits, davon aber möglichst viele und bunt gemischt. Auf einen Klassiker aus den 1960er Jahren kann problemlos die Punk-Band Green Day folgen: Genau wie beim iPod. Das Sendeformat orientiert sich also einerseits an der Shufflefunktion des iPods, die Musikstücke in einer zufälligen Reihenfolge spielt; und andererseits an der guten alten Zeit, als im Sender einfach ein Radiomoderator sass, der seine Lieblingshits auflegte. In Kanada und den USA stellen zurzeit zahlreiche Stationen auf das Jack-FM-Format um. In Europa halten die Radiomacher sich noch zurück – nur in Oxford und in Wien hat man sich bisher getraut. Der Wiener Sender 88.6 wurde dank dem Jack-Prinzip innerhalb von 15 Monaten zur Nr. 1 unter den Privatsendern im hart umkämpften Radiomarkt der österreichischen Hauptstadt. (www.886supermix.at)
«Die Howard-Stern-Show»: Ins Telefon furzen Der amerikanische Moderator Howard Stern hält eine Reihe bizarrer Rekorde: Kein anderer Radiomann wurde häufiger verwarnt, gefeuert, verklagt – und höher bezahlt als der 53-jährige New Yorker. Sterns vulgärer Humor lässt kein Tabu ungebrochen. Seine Witze handeln vom tragischen Flugzeugabsturz vom Vortag, von Schulmassakern und von seiner Mutter, die das Haus «mit der Gründlichkeit von Hitler» in Ordung gehalten habe. Er fordert Anrufer auf, ins Telefon zu furzen, und Anruferinnen, zu masturbieren. Die rassistischen und sexistischen Bemerkungen haben seine Arbeitgeber Millionen an Bussgeldern gekostet, doch seine riesige Fangemeinde ist ihm treu geblieben, auch als er Anfang 2006 für 500 Millionen Dollar zum Satellitenradiobetreiber Sirius wechselte und mit diesem Fünfjahresvertrag zum höchstbezahlten Radiomoderator aller Zeiten wurde. Seither gibt es die Howard-Stern-Show nur noch gegen Bezahlung per Satellit und im Internet zu hören, wo Jugendschutzgesetze nicht greifen. (www.howardstern.com)
«Voces del secuestro»: Hoffnung für Entführte Die Hoffnung kommt immer in der Nacht auf Sonntag, und sie kommt per Mittelwelle: «Voces del secuestro», Stimmen der Entführung, heisst ein Radioprogramm aus Kolumbiens Hauptstadt Bogotá, in dem Mütter und Ehemänner, Tanten und Kinder, Onkel und Kollegen ihre Botschaften an die Entführten im Dschungel senden. Fast 25 000 wurden im kolumbianischen Bürgerkrieg seit Anfang der 1990er Jahre verschleppt: Geschäftsleute, Politiker, Polizisten, Kinder. Ihnen werden hier Gedichte vorgelesen, Briefe, oft gehen einfach nur ein paar Tränen über den Sender. Ein bisschen wie Flaschenpost ist das – denn der Sender weiss nie, ob seine Nachricht den Empfänger erreicht. Aber den Entführern in den Wäldern und Bergen, seien es linke Guerrillas oder rechte Paramilitärs, kann die Sendung eigentlich nur recht sein. Hält sie doch die Geiseln bei Laune. Herbin Hoyos, ein renommierter Radioreporter, gründete das Programm 1994, nachdem er selbst von linken Farc-Rebellen entführt worden war. In den Wochen seiner Geiselnahme erfuhr er die Isolation, die Hoffnungslosigkeit des Gefangenen. Sei ne Sendung soll im langen, dunklen Tunnel der Haft wenigs tens gelegentlich ein kleines Licht entzünden. Rund fünfzig Nachrichten werden pro Sendung übermittelt, oft sind sie nur ein paar Sekunden lang, maximal zwei Minuten – Momente, die Mut machen für Monate. Die Journalisten und Studenten, die die Sendung machen, arbeiten alle ehrenamtlich. Den Liebsten der Verschleppten, die anrufen oder ins Studio kommen, schärfen sie ein: Weinen verboten, Verzweiflung ist tabu. Man lässt das Baby krähen, man erzählt vom Kindergeburtstag, vom Hund und von den Rosenkränzen, die man in der Kirche gebetet hat. Und dann endet doch so mancher Gruss im Schluchzen. (www.lasvocesdelsecuestro.com)
«This American Life»: Alltägliche Dramen Die Ausgabe vom 26. Januar 2007 von «This American Life» stand unter dem Titel «Meine brillante Idee». Es ging um grossartige Pläne, die sich im nachhinein als doch nicht so brillant herausstellten. Ein amerikanischer Reporter mietet in Bagdad ein Haus, anstatt in einem Hotel ein einfaches Ziel für die Rebellen abzugeben. Ein Elfjähriger findet in H. G. Wells Buch «Time Machine» einen Weg, seinen toten Vater wiederzusehen. Ein Polizist macht auf dem Rücksitz ein Nickerchen; als er aufwacht, merkt er, dass man die hinteren Türen bei Polizeiwagen von innen nicht öffnen kann. «This American Life» ist eine einstündige wöchentliche Sendung mit mehreren Reportagen zum gleichen Thema. Es sind brillant erzählte Geschichten, oft von normalen Leuten, die in dramatische Situationen geraten. Die Macher sehen ihre Sendung als «Dokumentarsendung für Leute, die solche Sendungen normalerweise hassen». Die Beiträge beschreiben sie als «Filme am Radio». Tatsächlich hatte Warner Brothers einen Vertrag mit «This American Life», der dem Filmstudio die Rechte am Archiv der Show sicherte. Bereits sollen daraus mehrere Kinofilme entstanden sein. (www.thislife.org)
«Domian»: Psychotherapie am Radio Es gibt im Prinzip nur zwei Arten von Menschen, Gutschläfer und Schlechtschläfer. Die zufriedenen, dickhäutigen Gutschläfer scheinen auf den ersten Blick beneidenswert, aber Vorsicht: Wer nie schlaflos um zwei Uhr nachts Fernsehen geguckt hat, hat keine Ahnung vom wirklichen Leben! Sechs Mal die Woche versammeln sich nachts die Schlechtschläfer vor dem WDR-Fernsehen und schauen Radio. Zu sehen ist ein freundlicher Radiomoderator, der aus seinem Studio in die statische Kamera blickt und ein bisschen so ausschaut, wie man sich fühlt: früh gealtert. Man kann den Moderator Jürgen Domian anrufen und mit ihm über alles reden, was die Nacht zu Tage bringt: «Die grösste Lüge meines Lebens», «Waldgeschichten», «Dieser Gegenstand erregt mich», «Extreme Religiosität», «Weibliche Sexualstraftäter» oder «Die Macht der Mütter» lauten die Themen einer typischen Woche. Jürgen Domian, oder Domian, wie ihn alle nennen, ist vermutlich Deutschlands bekannteste Radiopersönlichkeit. Seit zwölf Jahren hört er sich die Geschichten der Schlaflosen mit wunderbar ehrlichem Interesse an. Seine Sendung hat nichts gemein mit dem peinlichen Exhibitionismus der gängigen Fernseh-Talkshows. Das Besondere an der Radio-Talk-Sendung ist zudem, dass sie in zwei Medien ausgestrahlt wird, im Radio bei Eins Live und gleichzeitig im deutschen WDR-Fernsehen. (www.einslive.de/sendungen/domian)
Die Radiotips wurden zusammengestellt von: Martin Alioth, freier Journalist, Julianstown, Irland; Klaus Bartels, Altphilologe, Kilchberg ZH; Peter Glück, Nachrichtenredaktor Hessischer Rundfunk, Frankfurt; Mikael Krogerus, NZZ-Folio-Redaktor; Reto U. Schneider, stellvertretender Redaktionsleiter NZZ Folio; Christian Thiele, freier Journalist in Buenos Aires.
Kennen Sie aussergewöhnliche Sendungen, die man auch im Internet empfangen kann? Schicken Sie eine kurze Beschreibung an folioredaktion@nzz.ch. Wir veröffentlichen die Tips hier.
Foto: Die Geschichte der Radioempfänger; Akkord Offenbach 51, www.radiosammlung.de
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