Brent Spar
Von Greenpeace besetzte Ölplattform.
Vier kolossale Stahlringe tragen die Quaianlage im Hafen von Mekjarvik im südnorwegischen Erfjord. Früher, in einem anderen Leben, waren sie die Brent Spar - eine Ölplattform im rauhen Gewässer der Nordsee, 180 Kilometer nördlich der Shetlandinseln. Was aus Sicht des Stahls ein brutaler sozialer Abstieg sein mag, ist aus der Sicht von Umweltschützern einer der grössten Erfolge überhaupt: Seit 1998 gilt ein Versenkungsverbot für die heute etwa 540 Plattformen im Nordostatlantik und in der Nordsee. Wie kam es dazu?
Im April 1995 sollte die ausgediente Ölplattform Brent Spar - als erste von Hunderten - still und leise in einem 2300 Meter tiefen Riff entsorgt werden. Dann aber kletterten Greenpeace-Aktivisten auf das Stahlungetüm, ketteten sich dort fest. Und erlebten europaweit eine bisher ungekannte Solidarität: Politiker verurteilten die beabsichtigte Entsorgung im Meer, die Medien berichteten auf den Titelseiten, und schon bald boykottierten Autofahrer Shell-Tankstellen. Nach 52 Tagen des Protests gab Shell sich geschlagen und versprach die Entsorgung der Brent Spar an Land.
Doch wohin mit einem 141 Meter hohen und 143 000 Tonnen schweren Monstrum aus Stahl und Stahlbeton? Diverse Konsortien und Experten machten sich Gedanken über diese Frage; drei Jahre dümpelte die pensionierte Ölplattform im Erfjord, bis man sich für folgende Lösung entschied: Zunächst wurde der obere, 17 000 Tonnen schwere Aufbau mit den Mannschaftsräumen abgetrennt und an Land gehievt, wo er in Einzelteile zerlegt und je nach Qualität rezykliert bzw. verschrottet wurde. Der untere Teil - ein Turm gewissermassen - wurde in vier Scheiben «zersägt», von Schlamm, Ölresten und leicht radioaktivem Material gereinigt und zu guter Letzt mit Hilfe eines Lastkrans vor dem Hafen von Mekjarvik versenkt.
Und auch wenn Greenpeace sich im Nachhinein bei Shell hatte entschuldigen müssen, weil die von der Umweltschutzorganisation veröffentlichten Zahlen bezüglich der Ölrückstände stark übertrieben waren, so geht doch, wer heute über den Quai von Mekjarvik spaziert, über ein Stück Kulturrevolution. Anja Jardine
Brienzer Fünflinge
Die ersten Fünflinge der Schweiz.
Am 12. April 1975 kommen im Frauenspital in Bern per Kaiserschnitt die ersten Schweizer Fünflinge zur Welt: Adrian, Barbara, Karin, Daniela und Beat Winterberger. Eine Überraschung. Auch für die Eltern. Vier hatte man der Krankenschwester und dem Schreiner nach einer Untersuchung angekündigt; eine an sich schon beachtliche Zahl, die den Winterbergers nicht ganz geheuer war. «Sicherheitshalber haben wir uns auf nur ein Kind vorbereitet», sagt Vater Roland. Schliesslich wisse man bei Mehrlingsgeburten ja nie, wie die ausgingen. Es ging gut aus.
Adrian: arbeitet in einem Altersheim.
Barbara: hilft ihrem Mann im Kiosk.
Karin: wird Röntgenassistentin.
Daniela: lernte Koch, begann vor zwei Jahren eine Lehre als Bäcker-Konditor.
Beat: ist Bäcker-Konditor.
Und die Eltern Ruth und Roland Winterberger? «Wir sind zufrieden und stolz, dass aus allen etwas geworden ist.» Gudrun Sachse
Chapman, Mark David
John Lennons Mörder.
Sein halbes Leben hat der inzwischen 50 Jahre alte Mark David Chapman hinter Gittern verbracht. Der Mörder von John Lennon wurde zu lebenslanger Haft verurteilt und arbeitet als Bürohilfe im Attica State Prison, dem unweit der Stadt Buffalo gelegenen Hochsicherheitsgefängnis im US-Bundesstaat New York.
Chapman darf ausser Angehörigen und Anwälten keine Besucher empfangen. «Zu seiner eigenen Sicherheit», wie die Verantwortlichen betonen, lebt er rund um die Uhr strikt getrennt von den anderen Insassen. Hinter Gefängnismauern lassen sich Racheakte nie ausschliessen - und Racheakte haben auch Beatles-Fans angekündigt für den Fall, dass Chapman einmal freigelassen werden sollte.
Die Chance auf eine Begnadigung bleibt allerdings gering. Vor fünf Jahren hatte der Mörder nach Verbüssung von zwanzig Jahren erstmals sein Recht auf eine vorzeitige Entlassung geltend gemacht. Das Gesuch wurde abgelehnt, ebenso wie die folgenden anno 2002 und 2004. Im Oktober 2006 ist die nächste Runde fällig, doch dürfte Lennons Witwe Yoko Ono die Öffentlichkeit abermals zugunsten einer Ablehnung mobilisieren.
Vorerst jährt sich am 8. Dezember zum 25. Mal der Tag, an dem Chapman am Eingang des düsteren New Yorker Luxus-Apartmenthauses Dakota an der Ecke von 72nd Street und Central Park West auf Lennon wartete, einen 38er-Revolver zückte und aus sechs Metern Entfernung fünf Schüsse abgab. Einer traf den 40-Jährigen am Hals, zwei in die Lunge, und einer zerschmetterte das linke Schulterblatt. Lennon verschied auf dem Weg ins Spital, während sich der Attentäter ohne Gegenwehr festnehmen liess. In die psychiatrische Abteilung des Bellevue-Hospitals eingeliefert, gestand er den Mord am nächsten Tag. Über das Motiv wird heute noch spekuliert. Rod Ackermanm
Collombin, Roland
Der wildeste Schweizer Skifahrer.
In den Lebensläufen zurückgetretener Sportler tauchen immer wieder die gleichen Metiers auf. Darunter gibt es naheliegende Betätigungen wie Sportartikelhändler und eher überraschende wie Tankstellenbesitzer (eine Vorliebe von Ex-Fussballprofis in der Gegend um Wien). Auffällig häufig sind auch gastgewerbliche Berufe. Der gefährliche Zürcher Mittelstürmer Fritz Künzli zum Beispiel wurde nach seinem Rücktritt bodenständiger Wirt, andere zog es in den Getränkehandel wie den früheren GC-Goalie René Deck oder alt Nationaltrainer René Hüssy, Jahrgang 1928, der bis auf den heutigen Tag den weltbesten Sancerre liefert. Und Getränkehändler wurde post festum auch der zwar nicht erfolgreichste, aber zweifellos wildeste Schweizer Skiabfahrer aller Zeiten: Roland Collombin.
Der 1951 geborene Walliser war in den 1970er Jahren die Schweizer Version des brachialen Österreichers Franz Klammer. Auf zwei glühenden Nachtigallen (Rossignol) bretterte «La colombe» zu Tale, immer nach dem Motto: Wieso schräg ankanten, wenn es auch ungebremst abwärts geht? Diese Strategie führte zu Olympiasilber, reihenweise Abfahrtssiegen und schliesslich zu zwei spektakulären Stürzen in Val d’Isère, die seine Karriere beendeten und ihn gleichzeitig verewigten - die Sturzstelle heisst bis heute «bosse à Collombin».
Niemand war überrascht, als der rollende Roland später in den Getränkehandel einstieg. Schliesslich galt er seit je auch neben der Piste als wilder Hund; der Sage nach hat er 1974 in St. Moritz den sicher scheinenden WM-Titel in der Nacht zuvor in einer Disco beerdigt. «Ich war eben nie ein Angepasster», sagt Collombin heute nicht unzufrieden und lässt durchblicken, was er von Angepassten hält.
«Sélection Collombin» heisst entsprechend selbstbewusst seine eigene Produktelinie, die er vom Kellermeister Yvan Roduit im sonnigen Fully nach eigenen Vorstellungen produzieren lässt. Seine Weine sind wie sein Charakter: gradlinig, rauh und erdverbunden, ehrlich und vor allem ungeschönt. Collombin mag den einfachen Pinot oder den sortenreinen Cornalin, die eigenwillige Petite Arvine. Hingegen hält er gar nichts vom aktuellen Modetrend der sogenannten Assemblage, mit dem sich so mancher Walliser Winzer eine rotgoldene Nase verdient.
Es handelt sich dabei um ein berechnend auf Erfolg getrimmtes Kunstprodukt, das tatsächlich besser zu Collombins ewigem Rivalen, dem klinisch sauberen Geschäftsmann Bernhard Russi, passen würde. Richard Reich
Comaneci, Nadia
Turnte mit 14 bei der Olympiade 1976 als erster Mensch eine 10,0 - und das gleich siebenmal. Nadia Comaneci ist heute 44 und will ihre Vergangenheit vergessen.
Frau Comaneci, man hört wenig von Ihnen, Sie geben kaum Interviews, was machen Sie eigentlich?
Ich bin ständig unterwegs für verschiedene Wohltätigkeitsorganisationen, vor allem für Laureus World Sports Academy. Ich bin froh, dass ich helfen kann. Wenn man selbst erfolgreich war, will man irgendwann etwas zurückgeben. Schön übrigens, dass Sie mit mir über meine Gegenwart und nicht über meine Vergangenheit sprechen.
Sie sind die bekannteste Turnerin der Welt. Grosse Athleten sonnen sich in ihrer Vergangenheit, Sie wollen sie am liebsten vergessen, warum?
Die Vergangenheit ist vorbei. Ich bin stolz auf meine Erfolge, aber es wurde so viel Negatives über mich geschrieben.
Ihre Beziehung zu Diktator Ceausescus Sohn Nicu, Ihr angeblicher Selbstmordversuch. . .
Alles unwahr! Die Menschen hören gern vom Klischee der missbrauchten Turnerin, die im Ostblock in Saus und Braus lebte. Dieses Klischee stimmt aber nicht. Ich habe eine Autobiographie geschrieben [«Letters to a young gymnast», 2004]. Alles, was es zu den Klischees zu sagen gibt, steht dort.
In Ihrer Autobiographie nennen Sie Ihre wichtigsten Charaktereigenschaften: Zähigkeit, Durchhaltevermögen, auch Leidensfähigkeit. Sie müssen zugeben, das klingt schon ein wenig nach dem Klischee der geprügelten Vorzeigeathletin.
Viele reden über das «furchtbare Leben der Nadia Comaneci». Wollen Sie die Wahrheit hören? Das Leben ist hart. Natürlich wäre es grossartig, mit wenig viel zu erreichen - aber ich verrate Ihnen etwas: Das ist unmöglich. Natürlich musste ich mich quälen. Schwerer als das Training empfand ich aber die Zeit ohne meine Familie nach meiner Flucht in die USA.
Sie waren damals als Partygirl verschrien.
Es gab Zeiten, in denen ich, wie soll ich sagen, etwas zu sehr geschminkt war. Aber wissen Sie, es ist schon so schwer genug, eine Immigrantin zu sein - man versteht die neue Kultur nicht und macht vieles falsch. Bei mir schaute auch noch die ganze Welt dabei zu.
In dieser Zeit haben Sie Ihren späteren Ehemann Bart Conner kennengelernt. Was ist das Geheimnis einer stabilen Ehe?
(denkt lange nach) Leidensfähigkeit? Freundschaft. Ich finde ihn schon attraktiv, aber das Wichtigste ist, dass ich ihn als Freund schätzenlernte, bevor ich mich verliebte. Er war der erste Mensch, dem ich in den USA vertraute.
Man nannte Sie «the perfect ten». Waren Sie perfekt?
Nein. Man turnt seine Übungen hundertfach, bevor man an Turniere geht, und ich finde noch heute, dass ich im Training perfekter war als bei der Olympiade.
Svetlana Khorkina, die Diva unter den modernen Turnerinnen, ist kürzlich zurückgetreten. Wer wird die nächste Nadia?
Sandra Izbasa, eine Rumänin, ist sehr begabt. Aber der Sport hat sich verändert, fast niemand turnt mehr alle Geräte, so wie ich damals, die Mädchen heute sind spezialisiert. Auch hat das moderne Turnen nicht die Akrobatik von früher.
Was fehlt Ihnen heute, mit 44, zum Glück?
Kinder.
Mikael Krogerus
Contergan
Die Horrorpille aus den 1950er Jahren.
Bedenkenlos empfahlen Ärzte Ende der 1950er Jahre schwangeren Frauen Contergan - gegen Morgenübelkeit, Schlafprobleme oder Gereiztheit. Als das Medikament aus dem Wirkstoff Thalidomid 1957 auf den Markt kam, galt es als Durchbruch: Das Schlaf- und Beruhigungsmittel war sicherer als die damals üblichen Barbiturate, die in Überdosen tödlich wirkten. Das deutsche Pharmaunternehmen Grünenthal warb gezielt mit der Unschädlichkeit des Stoffs.
Erst Jahre später, als sich Fehlbildungen bei Neugeborenen häuften, erkannten Ärzte den fatalen Irrtum. Kinder kamen mit verformten Extremitäten zur Welt, mit Händen, die wie Flügel aus den Schultern sprossen, oder ganz ohne Arme oder Beine. Nachdem ein deutscher Arzt die Presse alarmiert hatte, zog Grünenthal am 27. November 1961 sämtliche Thalidomid-Produkte zurück.
Zehn- bis zwölftausend schwerbehinderte Contergan-Kinder wurden geboren, die Hälfte davon in Deutschland, neun in der Schweiz. Zehn Jahre lang kämpften ihre Eltern um eine Entschädigung. Zum Schluss bezahlte Grünenthal nach einem aussergerichtlichen Vergleich 100 Millionen Mark in einen Opferfonds. Zu einem Schuldspruch kam es nie.
Die USA konnten die Contergan-Katastrophe abwenden. Eine skeptische Beamtin bei der Food and Drug Administration hielt das Medikament vom Markt fern. Nach dem Pillenskandal führten Länder in aller Welt ein strenges Zulassungsverfahren für Medikamente ein.
Lange war Thalidomid nicht mehr erhältlich. Doch weil die Substanz gegen schwere Entzündungen und Krebs wirkt, erlebte sie in den letzten Jahren ein stilles Comeback. Seit 1998 ist Thalidomid in den USA zugelassen. In der Schweiz fehlt die Bewilligung zwar, doch Ärzte dürfen Thalidomid-Präparate importieren, wenn ihren Patienten kein anderes Mittel geholfen hat.
In Brasilien wurde derweil ein billiges Nachahmerprodukt von Thalidomid auf den Markt gebracht. Wegen mangelnder Vorsichtsmassnahmen sollen dort inzwischen rund 500 Contergan-Kinder zur Welt gekommen sein. Beate Kittl
Corti, Mario
Letzter Swissair-Chef.
«Herr Corti, was ist Ihr Coiffeur von Beruf?» titelte der «Blick» am 27. April 2001, kurz nachdem der Swissair-Verwaltungsrat und Nestlé-Manager Mario Corti als CEO in die Konzernspitze der maroden Schweizer Airline berufen worden war. Das war der Anfang vom Ende eines Mannes, der sich vom damals noch engmaschig verbundenen Schweizer Wirtschaftsetablissement überzeugen liess, die Leitung der Swissair zu übernehmen.
Seine Faszination für das Fliegen erleichterte den folgenreichen Entschluss. 1992, als Corti noch im Management von Nestlé USA in Glendale war, flog er am Steuerknüppel einer Cessna 340 von Kalifornien aus um die Welt, mit Stops in Grönland, Island, England, Skandinavien, Russland und Alaska.
«Fliegen ist ein Triumph des Menschen über die Natur», liess sich Corti später in einem Alumni-Magazin der Harvard Business School zitieren.
Für ihn selber wurde das Fluggeschäft zum Albtraum: Die Swissair ging Bankrott, und Mario Corti - eben noch der gelobte «Super-Mario» - war plötzlich der gescholtene «Abzocker».
Nach der Abwicklung des Konkurses wanderte Corti zusammen mit seiner Frau, einer Amerikanerin, nach Boston aus. Dort ist er seither an der Harvard Business School tätig, die er 1975 selber abgeschlossen hat. Regressforderungen in Millionenhöhe konfrontieren ihn immer wieder mit der Vergangenheit. Hinzu kommt die Verbitterung über die Schweizer Wirtschaftselite, die ihn nach seinem Empfinden wie eine heisse Kartoffel fallenliess. Kontakt mit den Medien will er nicht mehr.
Mario Corti hat sich 2004 einen Traum erfüllt: Er absolvierte die Prüfung für das Pilotieren von Passagierjets. Christof Moser
Cubillas, Teófilo
Die «Schwarze Perle» beim FC Basel.
Obwohl südamerikanische Menschen in den seltensten Fällen als Schwarze bezeichnet werden können, wollen oder sollen, war der Peruaner Teófilo Cubillas für die Schweiz und die Schweizer des Jahres 1973 diskussionslos «die schwarze Perle». Schwarz nannte man ihn, weil er in der Tat bei weitem nicht so weiss war wie etwa sein magistraler Mitspieler Karli Odermatt. Und Perle, weil Cubillas als Weltklassefussballer galt und sein Transfer von Lima nach Basel die damals unglaubliche Summe von 300 000 Dollar gekostet hatte.
Allerdings erwies sich dieser grosse Coup für den FC Basel wie für den Spieler als Fiasko. «Ich habe andauernd gefroren», erzählte der inzwischen 56-jährige Cubillas kürzlich einem schweizerischen Fifa-Mitarbeiter, der ihn an seinem heutigen Wohnort in Florida besuchte, «ausserdem hat man mir ausschliesslich Salat aufgetischt.»
Weit fataler aber war ein Handicap, über das sich der fussballerische Gastarbeiter, höflich, wie er ist, nie beschweren mochte: Er wurde damals von seinen Basler Clubkollegen auf dem Spielfeld nach Strich und Faden geschnitten, was - so hoffen wir doch - weniger mit latentem Rassismus zu tun hatte als mit der Tatsache, dass der einsame Teófilo als einer der allerersten ausländischen Stars in der Nationalliga halt auch etwas mehr verdiente als Hinz und Kunz (wie der damalige FCB-Goalie hiess). Nach ein paar wenigen Monaten Durst- und Hungerstrecke am Rhein wechselte Cubillas fluchtartig an den Douro zum FC Porto.
Heute figuriert er mit zehn Toren bei drei WM-Teilnahmen auf Platz sieben der ewigen Bestenliste, ist deshalb in seiner Heimat ein Nationalheld und verdient sein Brot, indem er als freischaffender Fussballlehrer versucht, jungen Amerikanern das Abc des kunstvollen Balltretens beizubringen. Richard Reich
Dagobert, Kaufhauserpresser
Arno Funke erpresste zwischen 1989 und 1992 mit spektakulären Methoden das grösste deutsche Kaufhaus.
Um es vorweg zu sagen: Dem Mann geht es gut, er lebt in Berlin und hat fünf Millionen Euro Schulden. Arno Funke, 55, besser bekannt als Dagobert, wurde Anfang der 1990er Jahre mit seinen Geldübergaben, mit denen er die Polizei an der Nase herumführte, weltberühmt und gilt - zumindest für die BBC - als einer der geschicktesten Verbrecher der Kriminalgeschichte.
Herr Funke, Sie erpressten ein Warenhaus und unterstrichen Ihre Forderungen mit selbstgebauten Sprengsätzen. Wie irre kommen Ihnen heute diese Aktionen vor?
Ich habe gelernt, mit meiner eigenen Vergangenheit umzugehen. Ich habe sechs Jahre in Gefängnissen gesessen, zwei Bücher geschrieben, Sühne geleistet. Meine Schulden habe ich allerdings bis heute nicht begleichen können.
Die BBC hat Sie unlängst gemeinsam mit einem Gangsterboss, einem Meisterdieb, einem Bombenleger und einem Computerhacker porträtiert. Hat Sie das irgendwie doch geehrt?
Nein, aber es hat mir gezeigt, dass solche Geschichten Menschen unterhalten. Wir sollten ja innerhalb des Films sogar versuchen, Gemälde aus einer Ausstellung zu stehlen. Einiges war zwar abgesprochen, aber Geschicklichkeit brauchte das schon. Reality-TV der besonderen Art mit guten Quoten.
Die Menschen sind fasziniert von Ihnen und Ihren Verbrechen.
Mir scheint, dass die Menschen einerseits einem seriösen Beruf nachgehen und anderseits vom grossen Abenteuer träumen, das auch so etwas wie einen Bankraub einschliesst. Zu meinen Lesungen kommen Zuhörer aus allen Schichten.
Um sich Tips geben zu lassen für eine unblutige Erpressung?
Nein, nein. Aber darunter waren auch Firmenchefs, leitende Bankangestellte, die sagten: Wir träumen auch heimlich davon, mal einen Safe zu knacken. Vermutlich wirklich ein alter Menschheitstraum: in ganz kurzer Zeit ganz viel Geld erbeuten.
Ihre kriminellen Ideen verschafften Ihnen damals weltweite Aufmerksamkeit. Man fragte sich: Woher nimmt der Mann diese Phantasien?
Ich schreibe heute satirische Geschichten, porträtiere mit spitzem Stift Politiker. Ich veröffentliche Karikaturen, denen man ansieht: Da kämpfen berühmte Menschen mit ihren Persönlichkeiten. In mir schlummern Obsessionen, die ich damals aus finanziellen Zwängen freiliess. Sie wissen, ich war Sozialhilfeempfänger, wollte aber keiner sein.
Deshalb muss man aber nicht Bomben basteln und ein Kaufhaus erpressen.
Nein, muss man nicht. Aber mein kreatives Potential, meine Energien hatten es zugelassen. Ich habe es bitter bereut, glauben Sie mir.
Warum gibt es das perfekte Verbrechen nicht?
Gangster scheitern an sich selbst. Sie wollen immer perfekt sein, fühlen sich zum Sieg gegen ihre Verfolger verurteilt. Auch sind die meisten Täter von Eitelkeit, Selbstüberschätzung, Habgier und Hemmungslosigkeit getrieben. Und der Druck, möglichst alle Fehler auszuschliessen, führt ja erst zu Fehlern.
Sie leben heute mit Ihrem 15-jährigen Sohn zusammen. Wie schaut der auf seinen Vater? Bewundernd oder verachtend?
Ich habe ihn sehr früh mit meiner Geschichte konfrontiert. Er ist damit aufgewachsen, dass sein Vater ein Erpresser war.
Haben Sie noch Gedanken an schnell erbeutetes Geld?
Es gibt kein schnelles Geld. Es gibt nur den schnellen Absturz.
Marc Kayser
Della Corte, Rosanna
Die erste älteste Mutter der Welt.
«Warum ist deine Mutter so alt?» Die Frage ist dem elfjährigen Riccardo von Mitschülern immer wieder gestellt worden. Aber noch immer weiss er nicht recht, was er sagen soll. Seine Mutter ist 74. Sie heisst Rosanna della Corte, und ihre Geschichte machte vor elf Jahren Schlagzeilen und den italienischen Gynäkologen und Reproduktionsmediziner Severino Antinori weltberühmt. Dank künstlicher Befruchtung war es ihm gelungen, der über Sechzigjährigen, die ihren Sohn durch einen Verkehrsunfall verloren hatte, den sehnlichsten Wunsch zu erfüllen: ein neues, zweites Kind.
Der zweite Sohn erhielt den Namen des ersten. Und Rosanna della Corte, einst eine gebrochene Frau, sagt seither von sich: «Ich bin überglücklich. Professor Antinori hat mir ein zweites Leben geschenkt.» Jedem, der es hören will, sagt sie das, auch im Fernsehen. Die Vermarktung ihrer Geschichte ist zu einem einträglichen Geschäft geworden. Alles ist gut.
Was der «Mamma Nonna» manchmal Sorgen bereitet, ist allein die Frage, wie und wann sie den kleinen Riccardo über die Umstände seiner Herkunft aufklären sollte. Die krude Wahrheit - Befruchtung von einem gespendeten Ei mit Vater Mauros Samen und Implantation des befruchteten Eis in Mutter Rosannas Gebärmutter - könnte dem Kind peinlich sein, fürchtet die fromme Katholikin. Lieber erzählt sie ihm folgende Geschichte: «Als ich jung war, da gab es einen grossen Riccardo, doch der starb, und da habe ich viel geweint. Also hat der grosse Riccardo im Himmel gesagt: Hör auf zu weinen, Mamma! Und dann hat er mir ein kleines Engelchen in den Bauch gepflanzt, und daraus bist du gewachsen.»
Noch für ein paar Jahre, bis Riccardo II. vielleicht 17 ist, will sie die Fiktion aufrechterhalten. Auch wenn der aufgeweckte Bub («er ist einer der Besten in der Schule») immer häufiger nachhakt: «Warum behaupten meine Kollegen etwas ganz anderes? Warum werde ich immer wieder fotografiert und gefilmt? Warum kommen immer Leute von Zeitungen und vom Fernsehen zu Besuch?» Mag sein, dass Riccardo längst weiss, was nicht nur in seinem Dorf Canino nördlich von Rom alle wissen. Mag sein, dass er sich eine ganz ähnliche Frage stellt: «Wie sag ich’s meiner Mutter?»
Della Cortes Rekord wurde am 16. Januar 2005 gebrochen: Die Rumänin Adriana Iliescu gebar im Alter von 66 Jahren ein Kind. Andreas Heller