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NZZ Folio 05/11 - Thema: Traumberufe Inhaltsverzeichnis
Das Experiment -- Schweizer Impräzision
© National Geographic Stock
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| Unter der Mitternachtssonne lässt sich der Zeitsinn leicht durcheinanderbringen. |
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Eine armselige Hütte auf Spitzbergen war im Sommer 1955 der Ort eines wissenschaftlichen Versuchs mit zwölf fabrikneuen Rolex Oyster-Perpetual – die alle falsch gingen.
Von Reto U. Schneider
Anfang der fünfziger Jahre ging bei Rolex in Genf eine ungewöhnliche Anfrage ein: Mary C. Lobban erkundigte sich nicht nach besonders präzisen Uhren, sondern nach extrem ungenauen. Die Medizinerin von der University of Cambridge in England benötigte Armbanduhren, bei denen ein Tag nicht 24 Stunden dauerte sondern nur 22.
Die Uhrmacher von Rolex wechselten ein paar Zahnräder aus und lieferten acht Oyster-Perpetual, die den Tag in 22 Stunden teilten, nach Cambridge. Zwei Jahre später wollte Lobban noch ungenauere Uhren, und Rolex baute acht 21- und vier 27-Stunden-Uhren.
Mary Lobban beschäftigte sich mit der inneren Uhr des Menschen. Frühere Experimente hatten gezeigt, dass der Rhythmus bestimmter Körperfunktionen, etwa der Urinproduktion, auch dann bestehen bleibt, wenn der normale Schlaf-Wach-Rhythmus durcheinandergerät, wenn man also zum Beispiel am Tag schläft und in der Nacht wacht. Das deutete darauf hin, dass eine innere Uhr diese Funktionen unabhängig von äusseren Einflüssen steuert. Doch die Experimente hatten Mängel. Weil es schwierig war, Versuchspersonen im Labor über längere Zeit einen künstlichen Rhythmus aufzuzwingen, hatten sie höchstens sechs Tage gedauert. Zu kurz, befand Lobban, die einen Ort kannte, wo sich viel länger experimentieren liess: Spitzbergen.
Die Insel Spitzbergen liegt nördlich des Polarkreises, wo die Sonne im Sommer nie untergeht und dadurch keine Schlaf- und Wachphasen vorgibt. Dort sollten Versuchspersonen wochenlang im Takt der manipulierten Uhren leben: Beim ersten Experiment 1953 mit den 22-Stunden-Uhren, beim zweiten 1955 mit den 21- und 27-Stunden-Uhren.
Eine dieser Versuchspersonen war die 27jährige Ann Savours, die eben eine Stelle als Hilfsbibliothekarin am Scott Polar Research Institute der Universität von Cambridge angetreten hatte und sich einen Platz in Lobbans Spitzbergenexpedition von 1955 ergattern konnte.
Das Abenteuer begann mit der Reise. Zuerst von Newcastle nach Bergen mit dem Linienschiff, dann mit dem Postschiff der norwegischen Küste entlang bis TromsØ und von dort mit einem spanischen Kohleschiff nach Spitzbergen, wo sie im Haus des Gouverneurs von Spitzbergen übernachteten, bevor sie mit seiner Jacht zum Ort des Experiments fuhren, einer Holzhütte am Ende des Billefjords. Das Meer war in diesem Jahr ungewöhnlich lange gefroren, und die Gruppe musste ihre Ausrüstung die letzten 12 Kilometer über das Eis schleppen.
Die Expeditionsteilnehmer teilten sich in zwei Gruppen, wovon eine die 27-Stunden-Uhren bekam und etwas entfernt ein zweites Camp erstellte, die andere, zu der Savours gehörte, trug die 21-Stunden-Rolex am Handgelenk.
«Ich war für das Kochen zuständig und mochte die 21-Stunden-Tage überhaupt nicht, alles musste so schnell gehen», erinnert sich Savours. Lobban sorgte dafür, dass das Leben im Camp exakt nach ihrem Stundenplan verlief. Von den drei Unzen Corned Beef zum Mittagessen bis zur Urinprobe um zwei Uhr dreissig Nachts hatte sie an den Messtagen alles durchgeplant. Eigentlich hätte sie am liebsten auch immer dasselbe Essen aufgetischt, sah dann aber ein, dass «mit Blick auf die lange Dauer des Experiments das Menu von Tag zu Tag ein wenig variiert werden muss». Das Experiment verlief ohne Zwischenfälle. Einzig russische Minenarbeiter seien erstaunt gewesen, als sie bei einem Besuch mitten am Tag alle Leute schlafend vorfanden.
Ann Savours denkt gerne an die Zeit in Spitzbergen zurück. Obwohl in der Studie nicht vermerkt, ist sie sich sicher, auch die 27-Stunden-Uhr getragen zu haben. Die langen Tage hat sie als «äusserst angenehm» in Erinnerung. Sie habe lange Spaziergänge unternommen, mit den anderen Expeditionsteilnehmern herumgealbert und zum ersten Mal einen Gletscher gesehen – mehr, als man sich als Versuchsperson an einem wissenschaftlichen Experiment erträumen konnte. Mitte Juli reiste sie nach England zurück mit einem Teil der 3000 gesammelten Urinproben im Gepäck.
Obwohl nicht alle Versuchsteilnehmer gleich reagierten, bestätigten ihre Analyse, dass auch die Ausscheidungen des Menschen einer inneren Uhr unterworfen sind. Die Kaliumkonzentration im Urin etwa behielt ihre Periodik von nahezu 24 Stunden unbeirrt von der falsch gehenden Rolex bei.
Was mit den Spezialuhren geschehen ist, weiss Savours nicht. Da sie bloss ausgeliehen wurden, ist anzunehmen, dass sie Rolex zurückbekommen hat. Doch bei der Presseabteilung in Genf ist nichts über ihren Verbleib zu erfahren.
Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.
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