ICH ARBEITE IN SCHWEIZ jetzt das sechste Jahr. Neun Monate hier, drei Monate zu Hause. Ich bin froh, hier arbeiten zu können. Zu Hause in Kosovo habe ich fünf kleine Kinder. Ohne meine Arbeit hier könnten sie nicht leben. Auch meine Brüder nicht, meine Mutter nicht. Von dem Geld, das ich hier verdiene, leben daheim 25 Menschen, 16 von ihnen sind Kinder. Aber das ist noch nicht so viel. Mein Kollege gibt Geld für 57 Menschen. In Kosovo gibt es keine Stellen mehr.
Morgens um halb sieben werde ich mit meinen Kollegen hier in Saisonnierunterkunft abgeholt, um viertel nach sieben beginnt die Arbeit. Ich bin Schaler, mache Schalungen für den Beton. Das ist nicht gerade meine Traumarbeit. Aber ich habe die Muskeln dazu. Eigentlich bin ich gelernter Kaufmann. Import, Export. Meine Firma hier in Cham, die Gebrüder Käppeli, haben mir die Ausbildung zum Schaler bezahlt, sogar den Lohn während der Ausbildung. Sehr gute Firma. Wenn ich nicht gerade schale, dann trage ich Pflaster oder Steine zu. Besser, hart zu arbeiten, als den ganzen Tag spazieren wie meine Brüder zu Hause. Zwei haben eine sehr hohe Ausbildung in technischer Richtung gemacht, bei einem Lehrmeister. Jetzt haben sie keine Stelle. Der dritte Bruder war in einer Fabrik, 12000 Stellen gab es da, jetzt nur noch 600, alle für die Serben. Für uns nix Stellen.
Ich träume oft davon, in Kosovo ein Geschäft zu eröffnen, aber das ist im Moment unmöglich. Von den 2600 Franken, die ich in Monaten mit vielen Stunden verdiene, kann ich etwa 1000 Franken nach Hause geben. Manchmal mehr, manchmal weniger. Ich kann es nicht per Post oder über die Bank schicken, da würde es verschwinden. Ich kann auch nicht mit dem Zug über Belgrad fahren, da würden sie uns das Geld abnehmen. Aber wir helfen einander, erzählen uns Tricks, so können wir das Geld über Mazedonien nach Hause schmuggeln. Deutsche Mark. Das Pfund Brot in Kosovo kostet 80 Pfennige. Mit Dinar kannst Du nichts kaufen, alle zwei Wochen doppelt so teuer. Alle Saisonniers aus Kosovo, die ich kenne, geben immer etwas an Mutter Teresa. Sie hilft in Kosovo, hilft viel. Etwas von meinem Geld geht auch an die Lehrerin unseres Dorfes. Die Kinder müssen heimlich im Keller zur Schule. Alles, was in Kosovo noch funktioniert, wird von Arbeitern hier im Westen finanziert.
In den Pausen haben wir früher immer über Arbeit geredet. Jetzt über den Krieg. Wie geht es Familie? Wie sollen wir weiterleben? Viel Heimweh jetzt, manchmal auch weinen. Aber ich will nicht mehr erzählen, sonst Schwierigkeiten. Habe Angst.
Um 17 Uhr ist Feierabend. Gutes Zimmer hier, sauber, mit Küche. Wir teilen es zu zweit. Mein Kollege ist auch aus Kosovo. Mit den Kollegen aus Portugal und Spanien haben wir ein gutes Verhältnis. Mit den Kollegen aus Serbien wollen wir keinen Streit. Wir sind alle hier zum Arbeiten.
Nach dem Nachtessen gehen wir vielleicht spazieren oder ein Bier trinken. Aber nicht oft. Jedes Bier kostet soviel wie drei Pfund Brot für meine Familie. Meistens bleiben wir hier im Aufenthaltsraum. Früher hatte es dort einen Fernseher, aber der ist verschwunden. Auch der neue ist verschwunden, jetzt stellt der Chef keinen mehr hin. Klar. Aber andere Kosovo-Albaner haben zu Hause Fernseher mit Satellitenempfang. Sie schauen das Programm aus Zagreb oder Belgrad, nur, Belgrad sendet nichts über Kosovo. Wir kaufen jeden Tag am Kiosk die Kosovo-Zeitung, die hier in der Schweiz gemacht wird, weil sie zu Hause nicht mehr frei arbeiten kann. So hören wir, was läuft. Zuhause haben wir einen Gemüsegarten und drei Kühe. Nicht so riesige Kühe wie hier, mit dicken Eutern, sondern kleine Bergkühe.
Ich bin froh, hier zu sein. Schweiz tipptopp, gute Mentalität, korrekt. Ähnliche Mentalität wie in Kosovo. Einziger Unterschied ist die Gastfreundschaft. Wenn bei uns jemand zu Besuch kommt, dann gibt es immer ein grosses Fest, alles wird aufgetischt, auch wenn man nichts hat. Auch hier, wenn uns jemand besucht, gibt es immer ein Fest. So können wir, auch wenn zu Hause alles traurig ist, hie und da wieder mal ein wenig lachen.