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Das Experiment -- Wehret den Anfängen!
© Kees Keizer, Universität Groni...
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| Vor der mit Graffiti besprayten Wand warfen doppelt so viele Leute Abfall zu Boden als vor der frisch gestrichenen. |
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Vor vier Jahren zeigten holländische Forscher: Geringfügige Regelüberschreitungen wie Graffiti oder Abfall auf der Strasse lassen Menschen zu Kriminellen werden.
Von Reto U. Schneider
Es war eine kalte Dezembernacht im Jahr 2005, als Kees Keizer mit drei Spraydosen in der Tasche zur Tingtanggasse schlich und dort innerhalb einer Viertelstunde die Hauswände mit Graffiti verunstaltete. Keizer hatte sich lange überlegt, was er der Polizei gesagt hätte, wenn er erwischt worden wäre, aber ihm war beim besten Willen nichts Gescheites eingefallen: «Das ist Teil meiner Doktorarbeit an der Universität Groningen. – Ich spraye für ein psychologisches Experiment. – Ich habe die Tingtanggasse zuvor selber gestrichen.»
Obwohl all das stimmte, machte sich Kees Keizer keine Illusionen über die Glaubwürdigkeit dieser Antworten. «Es wäre sehr schwierig gewesen, den Groninger Polizisten die Sache zu erklären», sagt der Doktorand der Sozialwissenschaften rückblickend, denn dazu hätte er ihnen eine lange Geschichte erzählen müssen, die 1969 begann.
Im jenem Jahr parkierte der Psychologe Philip Zimbardo einen alten Oldsmobile am Strassenrand gegenüber der New York University, entfernte die Nummernschilder und öffnete die Motorhaube. Danach beobachtete er aus der Ferne, wie Plünderer und Vandalen das Auto innerhalb von 26 Stunden zu einem Wrack machten. Als er das Experiment in der kalifornischen Universitätsstadt Palo Alto wiederholte, geschah erst gar nichts. Doch als Zimbardo zu einem Vorschlaghammer griff und kurz auf das Auto einschlug, war auch der schlummernde Vandalismus in Palo Alto geweckt: Passanten zerstörten das Auto in kurzer Zeit.
Zimbardo vermutete, dass Anzeichen des Verfalls die Bereitschaft zu destruktivem Verhalten nicht nur bei seinen Abbruchautos erhöhten, sondern auch sonst überall, wo sie zutage treten. Aus diesen Erkenntnissen entwickelten der Kriminologe George L. Kelling und der Politikwissenschafter James Q. Wilson später eine Theorie über die schrittweise Verslumung von Stadtteilen, die sie 1982 in der Zeitschrift «Atlantic Monthly» unter dem Titel «Broken Windows» beschrieben.
Die Broken-Windows-Theorie, wie sie schon bald genannt wurde, besagt, dass harmlose Übertretungen wie Graffiti, Vandalenakte und Liegenlassen von Abfall den Boden für weit schlimmere Taten bereiteten – weil sie das Gefühl erzeugten, die Situation sei ausser Kontrolle geraten und niemand werde für irgendetwas zur Rechenschaft gezogen.
Als der New Yorker Polizeichef Bill Bratton in den 1990er Jahren in seiner Stadt die sogenannte Nulltoleranzpolitik einführte, bei der selbst kleine Verstösse sofort geahndet wurden, berief er sich auf die Theorie von Kelling und Wilson. Obwohl die Kriminalität in New York in der Folge tatsächlich stark zurückging, blieb umstritten, ob das wirklich eine Folge von Brattons Massnahmen war.
Die Broken-Windows-Theorie war nämlich damals eine weitgehend unüberprüfte und darüber hinaus ziemlich allgemein gehaltene Theorie. Es gab kaum saubere wissenschaftliche Untersuchungen, und niemand wusste, was man unter den vermeintlich harmlosen Übertretungen genau zu verstehen hatte und wie stark und wie schnell sie sich auf das Verhalten anderer Menschen auswirkten.
Genau deshalb stand Kees Keizer in jener Nacht mit pochendem Herzen in der Tingtanggasse und sprayte zum allerersten Mal in seinem Leben mit zittriger Hand ein R, ein B und ein paar Schlangenlinien an die Hauswand. Den einzigen Anspruch, den Keizer an die Motive stellte, war, dass sie nichtssagend genug waren, um nicht als Kunst wahrgenommen zu werden.
Ein paar Wochen zuvor war er schon einmal nachts in der Tingtanggasse unterwegs gewesen. Damals hätte die Polizei noch mehr gestaunt: Keizer strich nämlich mitten in der Nacht die ganze Gasse in Grau. Dann stellte er ein Verbotsschild für Grafitti auf jener Seite der Gasse hin, die von einem Fahrradparkplatz eingenommen wurde.
Am nächsten Tag hängte Keizer an den Lenker jedes dort abgestellten Fahrrads einen Flyer eines nicht existierenden Sportgeschäfts mit der Aufschrift «Wir wünschen allen frohe Festtage» und beobachtete, was geschah, als die Besitzer der Räder auftauchten. Da es in der Nähe keinen Abfalleimer gab, hatten sie nur die Wahl, den Flyer entweder in die Tasche zu stecken oder ihn auf den Boden zu werfen, was 33 Prozent von ihnen taten (ihn am Lenker zu belassen, hätte sie beim Fahren behindert).
Nachdem Keizer die Wand in der Nacht mit seinen Graffiti verschandelt hatte, hängte er am Tag darauf wieder Flyer an die Lenker. Jetzt waren es plötzlich 69 Prozent, die sie wegwarfen. Ein paar unansehnliche Graffiti, und die Leute vergassen ihre gute Kinderstube. Nicht nur die Wucht des Effekts war erstaunlich – die Zahl der Übertretungen hatte sich mehr als verdoppelt –, sondern auch, dass die Verletzung einer Norm (hier darf nicht gesprayt werden) die Verletzung einer anderen Norm (man wirft Abfall nicht einfach auf den Boden) begünstigte. Offenbar wirkte die Normverletzung wie eine Infektion, die andere Normen befallen konnte.
Obdachlose grüssten den Forscher
Dieses Resultat hatten der Soziologe Siegwart Lindenberg und die Psychologin Linda Steg nicht anders erwartet. Sie waren Kees Keizers wissenschaftliche Begleiter und hatten die sogenannte Goal-Framing-Theorie entwickelt, die das Verhalten der Leute in der Tingtanggasse erklären konnte. Ihre Theorie besagt, dass die Ziele, die das menschliche Verhalten steuern, in drei Kategorien fallen:
1. Normorientiert: Ich verhalte mich, wie es sich gehört.
2. Genussorientiert: Ich tue, was sich gut anfühlt, zum Beispiel was nicht anstrengend ist.
3. Gewinnorientiert: Ich tue, was meine materielle Stellung verbessert.
Oft stehen diese Ziele in Konkurrenz zueinander, und die Prioritäten können durch äussere Vorgänge verschoben werden. Der Blick auf die verbotenen Graffiti schwächte zum Beispiel das Ziel der Radfahrer, sich überhaupt an Verhaltensnormen zu halten. Nach der Theorie musste dieser Effekt auch auftreten, wenn es nicht um eine Normverletzung geht, sondern um eine Weisung der Polizei. Dafür dachten sich Keizer, Lindenberg und Steg ein zweites Experiment aus.
Keizer schloss den Eingang des Parkplatzes eines Krankenhauses mit einem mobilen Gitter, so dass nur noch ein Durchgang von 50 Zentimetern blieb. Am Gitter befestigte er zwei Verbotstafeln: «Keine Fahrräder anketten» und «Kein Durchgang, bitte Nebeneingang benutzen». Und wieder führte die Verletzung der ersten Regel zur Verletzung der zweiten. Wenn Keizer vier Fahrräder am Gitter ankettete, drängten 82 Prozent der Passanten durch den verbotenen schmalen Durchgang. Wenn er die vier Räder nur abstellte, aber nicht ankettete, waren es nur 27 Prozent – dreimal weniger.
In weiteren Experimenten fanden Keizer, Lindenberg und Steg heraus, dass selbst Regeln, die von Privaten aufgestellt wurden, demselben Effekt unterworfen waren und dass sich auch nicht visuell wahrnehmbare Normverletzungen auf dieselbe Weise fortpflanzen: Wenn Fahrradbesitzer hörten, dass in der Nähe des Fahrradparkplatzes jemand verbotenerweise Feuerwerk abbrannte, warfen sie den Flyer 30 Prozent häufiger weg, als wenn keine Regelverletzung wahrnehmbar war.
Als Keizer sich daranmachte, die letzte und wichtigste Frage zu klären, war er unter den Obdachlosen von Groningen bereits gut bekannt. «Sie grüssten mich regelmässig. Da ich tagelang auf der Strasse herumstand, um die Leute zu beobachten, nahmen sie zweifellos an, ich sei einer von ihnen.» Die wichtigste Frage war: Kann eine harmlose Regelverletzung auch auf eine viel bedeutendere Norm überspringen? Geht der Effekt so weit, dass eine zahme Übertretung einer sozialen Norm eine Kettenreaktion auslösen kann, die mit einer kriminellen Handlung endet?
Um das herauszufinden, wollten die drei Forscher die Leute zum Stehlen verleiten. Keizer steckte einen Briefumschlag mit einem gut sichtbaren Fünf-Euro-Schein im Sichtfenster zur Hälfte in einen Briefkasten der niederländischen Post, so dass der Geldschein gut zu sehen war. Den Briefkasten versah er im ersten Fall mit Graffiti, im zweiten verstreute er etwas Abfall in seiner Umgebung, im dritten war alles sauber. Wieder waren die Resultate eindeutig: Wenn der Briefkasten sauber war, stahlen 13 Prozent der Passanten das Geld, in den beiden anderen Fällen doppelt so viele.
Selbst alte Mütterchen stahlen
«Was ich sah, liess mich an der Menschheit zweifeln», sagt Keizer heute. Selbst alte Mütterchen wurden unter dem Eindruck des verdreckten Briefkastens zu Diebinnen. Zu Hause müssen sie dann enttäuscht gewesen sein: Der vermeintliche Geldschein war bloss eine Kopie.
Nachdem die drei ihre Resultate im Herbst 2008 veröffentlicht und damit den Beweis für die Broken-Windows-Theorie erbracht hatten, erhielten sie Hunderte von Reaktionen. Nicht alle davon positiv. Eine Grossstadt ohne Graffiti sei keine Grossstadt, hiess es aus der Sprayerszene. Als Lindenberg vorschlug, in Amsterdam Wände zum legalen Sprayen freizugeben, reagierten die Sprayer empört: Erst die Illegalität erzeuge die Spannung, die eine künstlerische Entwicklung erlaube. Beeinflusst von der Studie, hat die Gemeinde Amsterdam mittlerweile ein Gesetz verabschiedet, nach dem jedes neue Graffito sofort entfernt werden muss.
Siegwart Lindenberg warnt allerdings davor, zu glauben, ein heruntergekommenes Wohnviertel könne wieder aufblühen, nur indem man Scheiben flickt und Wände streicht. «Wenn schon alles verludert ist, hilft es nichts mehr, wenn man nur aufräumt», sagt der Soziologe. Die Normverletzungen seien dann längst auf Bereiche übergesprungen, die öffentlich nicht mehr sichtbar seien und bei denen es wenig helfe, nur die physische Ordnung wiederherzustellen.
Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.
Soeben erschien bei Bertelsmann «Das neue Buch der verrückten Experimente» mit gesammelten Texten dieser Kolumne. Mehr Informationen gibt es unter http://www.verrueckte-experimente.de/.
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