JEDES JAHR zur Weihnachtszeit holen Mütter und Väter die Weihnachtspyramiden vom Estrich, prüfen die Vollständigkeit der Teile und bauen nach Plan hohe Spielzeugturbinen auf, um die himmlischen Heerscharen zum Christuskind in Marsch zu setzen.
Ihre Mühe ist leider oft vergebens. Wenn zum Beispiel die gläserne Pfanne des Spitzenlagers der zentralen Antriebswelle durch unpflegliche Behandlung einen Sprung bekommen hat oder die hölzerne Welle in den heissen Sommertagen so krumm geworden ist, dass sie sich beim Drehen an den Führungen reibt, läuft nichts. Selbst wenn die Lagerung in Ordnung ist, ist nicht sicher, dass die aufsteigenden Verbrennungsgase der Kerzen das Windrad zum Laufen bringen. Seine mechanische Leistung ist sehr klein und hängt empfindlich davon ab, dass die Flügel im richtigen Winkel zum wirksamen Wind stehen, der sich aus dem Aufwind und dem Fahrtwind zusammensetzt. Dieses Spielzeug hat keine Leistung zu verschenken. Zwar sind die Verbrennungsgase heiss, aber sie haben auf dem kurzen Weg von den Kerzen zum Rotor nicht genügend Zeit, auf ausreichende Geschwindigkeit zu kommen - ähnlich wie die Abgase der Heizung in einem kurzen Schornstein, der «nicht richtig zieht».
Um Aufstiegshöhe zu gewinnen, betreibt man die Turbine vorteilhaft mit Kerzenstummeln statt mit langen Kerzen. Aber je länger der Weg, desto leichter kann ein schwacher Luftzug im Raum, der die Flammen flackern lässt, die Gase statt zum Windrad irgendwohin lenken. Selbst wenn man die Weihnachtspyramide gegen unerwünschte Winde abschirmt, geht der grösste Teil der hineingesteckten Energie mit dem Strom der heissen Gase verloren. Der Wirkungsgrad des Motors, definiert als das Verhältnis von Nutzleistung zu Leistungsaufwand, liegt unter eins zu zehntausend.
Dieses magere Ergebnis hat seriöse Ingenieure nicht davon abgehalten, nach ähnlichem Muster Sonnenkraftwerke zu entwerfen. Die Sonne heizt die Luft in einem mit Folie abgedeckten riesigen Treibhaus im Umkreis von vielen hundert Metern um einen hohen Kamin. Die darin aufsteigende Luft treibt eine Turbine zur Stromerzeugung an. Der Wirkungsgrad liegt auch bei einer Kaminhöhe von 200 Metern (wie im Versuchskraftwerk von Manzanares in Südspanien) noch im Promillebereich. Spielt das eine Rolle, da Sonnenenergie nichts kostet? Indirekt hängt die Wirtschaftlichkeit der Anlage doch vom Wirkungsgrad des Prozesses ab, da kleine Wirkungsgrade grosse Anlagen nötig machen und dadurch Kosten verursachen. Der Vergleich mit Solaranlagen anderer Art zeigt, dass Aufwindkraftwerke erst bei Kaminhöhen von einem Kilometer und mehr konkurrenzfähig werden, was ökologisch bedenklich ist. Ein scharfsinniger Kritiker des Projekts kam zum Schluss, man solle die Erzeugung des Windes kostenfrei der Natur überlassen.