NZZ Folio 09/00 - Thema: Gene   Inhaltsverzeichnis

E-Mail -- Surfen mit George

Von Franz Zauner

UNTER DEN WERKZEUGEN der Erkenntnis ist der Genitiv die Zange: Er fasst einfach alles, das Konkrete des Abstrakten ebenso wie das Allgemeine des Besonderen. Auf Dauer macht das müde, deshalb sieht die Sprache Abwechslung vor. Manchmal bringt sie eine Idee einfach durch eine Präposition zum Leuchten, dann wieder versteckt sie sie in einem Relativsatz, der sich wie eine Auster öffnet und die Gedankenperle freigibt. Den Computer lassen solche Wunder kalt. Er ist durch und durch eine Genitiv-Maschine: Sein Baum der Erkenntnis ist ein Verzeichnisbäumchen, an dem alles Wissen mit der Monotonie des zweiten Falles hängt, im Unterordner der Nebenordner eines Hauptordners, gut organisiert, aber schwer zu finden.

Suchmaschinen liefern vielerlei und mancherlei, alles und nichts. Um richtige Antwortmaschinen zu sein, müssten sie frei mit sich reden lassen. Sie akzeptieren aber nur Vernunft in kleinen Dosen: «Mozart UND Opern NICHT Wagner». Diese Form der Konversation geht auf George Boole zurück, der im 19. Jahrhundert aus Logik und Mathematik eine Art Rechenmaschine für grundlegende Werte bastelte, Werte wie richtig oder falsch. Sie rattert heute noch in jedem Prozessor - wer surft, surft mit George. Dank ihm kann jeder Rechner an den zwei Fingern seiner Nullen und Einsen abzählen, ob etwas gefragt ist oder nicht - Irrtum ausgeschlossen. Denn logisch betrachtet, ist alles logisch, deshalb neigen selbst die intelligentesten Produkte im hermeneutischen Zweifelsfall zu hartnäckiger Sturheit.

Im Zeitalter des Informationsüberflusses kann die Frage der Antwort indes nicht offen bleiben. Auch die International Organisation for Standardisation (ISO), eine globale Hüterin der Normen, hat sich zu Wort gemeldet. Ihr Output wird oft unterschätzt, weil er wenig Lesevergnügen bietet. Doch es sind gerade die sperrigen Normen, die dem Fortschritt Beine machen. Wo wären wir ohne das Papier ISO 7154, in dem das Sortieren von Zeichenfolgen geregelt wird? Die Telefonbücher hätten keine Ordnung, und ihre Leser könnten lange suchen.

Auch der ISO-Versuch mit der Nummer 13250 wirkt ausserordentlich bescheiden. Er definiert sogenannte Topic Maps: Auf der soliden Basis eines standardisierten Verweissystems lassen sich damit Indizes und Glossare zu sprachmächtigen Beziehungskisten mit Gleichsetzungsgliedern, transitiven Verben und symmetrischen Relationen entwickeln - hinreichend grosse und motivierte Redaktionen vorausgesetzt. Wahrscheinlich vermag nur solide vorindustrielle Handarbeit Computer so weit zu bringen, wie Thomas Mann die Schriftsteller sah: dass ihnen Sprache schwerer fällt.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.