NZZ Folio 04/92 - Thema: Drogenpolitik auf Irrwegen   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Sohn Josef auf Pferd Otto

Von Wolf Schneider

Im NZZ-Folio war im Januar zu lesen: «1934 kam Sohn Josef zur Welt», und im «Zeit»-Magazin im Februar, dass einer auf «Pferd Otto» ritt. Dies ist erstens scheusslich, zweitens erstaunlich und drittens ermutigend.

In unverkrampftem Deutsch würde man natürlich «sein Sohn Josef» schreiben oder «Josef, sein Sohn» oder «sein Sohn, den die Eltern Josef tauften», und später wäre der auf seinem Pferd geritten, egal ob es Otto oder Rochus hiesse. «Sohn Josef» ist eine Sonderform des Telegrammstils, beim Nichttelegrafieren nicht allzu sinnvoll, bei Goethe so wenig vorgesehen wie bei Dürrenmatt oder im Duden. Gleichwohl: Scheusslich bleibt ein Geschmacksurteil, und der Geschmack mag sich ja wandeln.

Erstaunlich - das ist dagegen eine unparteiliche Feststellung, die sich begründen lässt. Da rief also 1923 Henry Luce die Wochenzeitschrift «Time» ins Leben, die Mutter aller Nachrichtenmagazine, und verordnete ihr ein Quantum Sprachmarotten als kalkulierten Bestandteil des Geschäftserfolgs: Die Redakteure kitzelten ihre Leser mit kessen Telegrammfloskeln wie 220-pound-Churchill; mit mutwilligen Verstössen gegen die englische Grammatik wie in der Wortstellung said he; mit selbsterfundenen exotischen Wörtern wie punditry für die staatsmännische Weisheit, vom Hinduwort Pandit für einen brahmanischen Gelehrten abgeleitet, das Nehru als Titel führte.

Von einem so frechen Umgang mit der Sprache war der 23jährige Rudolf Augstein fasziniert, als er 1947 den «Spiegel» gründete: Sollten sich nicht mit vergleichbaren Sprachverkrümmungen auch deutsche Leser ködern lassen - Aufmerksamkeit um jeden Preis, und vielleicht gelänge es ja, den Normbruch als chic zu präsentieren? Es gelang. Zwei Stilfiguren zumal haben von der Hamburger «Spiegel»-Redaktion aus den gesamten deutschen Sprachraum durchseucht, bis nach Bozen und ins Burgenland, ja bis nach Zürich, allem sonstigen Misstrauen gegen Importe aus dem Norden zum Trotz - die Wortstellung «Hatte gestern einen Misserfolg: Hans Dietrich Genscher» (ein Einfall von genialer Ökonomie, da eine blosse Vertauschung der beiden Satzhälften ganz normales Deutsch ergäbe) und Sohn Josef eben, der auf Pferd Otto reitet. So schreiben inzwischen die meisten Journalisten deutscher Sprache, ja manche Leute sprechen schon so - weil genau zwei Männer es so wollten: Henry Luce und Rudolf Augstein. Das wird man erstaunlich nennen dürfen.

Nur liegt darin zugleich die Ermutigung. Augstein hat bewiesen, dass der einsame Entschluss eines einzelnen Mannes tiefe Spuren durch den Sprachgebrauch der hundert Millionen Menschen ziehen kann, die Deutsch zur Muttersprache haben. Das sollten sich alle Sprachfreunde, Deutschlehrer, Journalisten und Professoren der Germanistik vor Augen halten, wenn sie achselzuckend oder gar kämpferisch behaupten, man müsse zur Kenntnis nehmen, dass die Sprache sich entwickle; folglich mache man sich lächerlich, wenn man versuche, sich einem neuartigen Umgang mit Wörtern und Sätzen entgegenzustemmen, bloss weil er gegen die Regeln von gestern verstosse.

Diese Meinung ist so populär wie falsch. Denn es gibt kein von den Menschen abgehobenes Medium «Sprache», das sich entwickelt - sondern die hundert Millionen Menschen deutscher Muttersprache entwickeln sie. Mit jedem Wort, das einer spricht oder nicht spricht, mit jedem Satz, den einer schreibt oder nicht, trägt er dazu bei, die Sprache zu entwickeln, ob er will oder nicht. Ist er Lehrer, Pfarrer oder Journalist, so erreicht sein unvermeidlicher Beitrag zur Sprachentwicklung schon eine beachtliche Grösse. Die Deutschlehrer und die Radiosprecher der Schweiz haben in den letzten Jahrzehnten wesentlich dazu beigetragen, das Verhältnis der Eidgenossen zum Hochdeutschen zu verändern; die Deutschlehrer Deutschlands haben ihre Ansprüche an den korrekten Umgang mit Grammatik, Rechtschreibung und Zeichensetzung so drastisch gesenkt, dass man von einem jungen Doktor der Germanistik heute keinen Text mehr erwarten kann, in dem die Kommas stimmen. Sie alle, wir alle entwickeln die Sprache, und wer die Beherrschung der korrekten Konjunktive schön und «Sohn Josef» hässlich findet, hat dasselbe Recht und dieselbe Chance, für sein Werturteil zu kämpfen wie die, die «Pferd Otto» als fortschrittlich und den Konjunktiv als veraltet ausgeben.

Sich gegen eine Mode stellen, die von Millionen getragen wird, mag schwer sein; hoffnungslos ist es nicht. Alle Feinheiten der Grammatik sind immer nur von Minderheiten durchgefochten worden: von Lehrern, Priestern, Dichtern. Die Mehrheit ist stets bereit, einer engagierten Minderheit zu folgen. Es lohnt sich also, für diejenige Art von Sprachentwicklung einzutreten, die man für die richtige hält. Zum Beispiel für diese: Wir finden die Einhaltung von Spielregeln in der Sprache nicht weniger wichtig als beim Tennisturnier. Wir wahren den Reichtum an grammatischen Feinheiten. Wir erlauben uns keine Schlamperei im Umgang mit einem Kulturgut ohnegleichen, das wir weitergeben sollten an kommende Generationen. Das frische, konkrete, wahrhaftige Wort verteidigen wir gegen Tarnsprache und abstrakte Floskeln. Wir wissen, dass die Sprache lebt und sich verändern muss; aber dies ist nicht gleichbedeutend mit der Leidenschaft, vor jedem modischen Unfug in die Knie zu gehen.




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