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Sportmärchen -- Der liegende Teppich
© Markus Roost
Von Richard Reich
Es war einmal ein Mann, der war Grieche und lebte darum in Griechenland. Er hatte drei Töchter, ebenfalls alles Griechinnen. Die grösste hiess Greta, die mittlere hiess Meta, die kleinste und feinste aber hiess Feta. Die drei Mädchen waren von fröhlicher, wenn auch sprunghafter Natur. Tagein, tagaus tollten sie umher, schleuderten Stecken, warfen Steine oder trieben noch ärgeren Sport, so dass der Vater sich ein wenig um sie sorgte. «Ach, ihr Hüpffrösche!» seufzte er glücklich, «was soll bloss aus euch werden, wenn ich tot bin?» Da sprach Greta: «Höre, Väterchen, wir möchten Athletinnen werden, ist dir das recht?» Der Vater nickte: «Freilich! Denn was gibt es Griechischeres als die Körperkultur?»
So kam es, dass die drei Töchter Leicht athletinnen wurden, obwohl der Vater noch gar nicht gestorben war. Die grosse Greta wurde Diskuswerferin, die kleine Feta wurde Kugelstösserin, und Meta, die Mittlere, entschied sich für den Weitsprung. Die Mädchen übten Tag und Nacht, nur nicht um die Mittagszeit, denn da ist es in Griechenland zu heiss.
Bald warfen, stiessen und sprangen sie so weit, dass sie einander aus den Augen verloren. Greta folgte ihrem dahinsegelnden Diskus bis nach Damaskus. Feta folgte ihrer Kugel bis an die Meeresküste; dort bestieg sie ein Schiff und fuhr dreimal rund um die Welt. Nur Meta blieb, wo sie war, mitten im alten Griechenland. Natürlich hätte auch sie gerne etwas mehr von der Welt gesehen. Doch als Weitspringerin mag man noch so weit springen, man kommt nie über die eigene Sandgrube hinaus.
«Was schadet’s?» seufzte Meta, «hic Rhodos, hic salto! Wenn ich die Welt nicht sehen darf, mache ich die grossen Sprünge daheim!» Und schon anderntags tat Meta einen gewaltigen Satz von sechs Metern dreiundsiebzig. «Rekord! Ein Riesenrekord!» brüllten die Zuschauer, lauter griechische Machos, deren Begeisterung mehr der blühenden jungen Frau als der begnadeten Weitspringerin galt. In der Tat war Metas Haar so fein wie von Ariadne gesponnen. Ihr blonder Schopf flatterte in der attischen Brise wie die Kraniche des Ibykus. Ihre Haut war weisser als die Brustfedern des Albatros.
«Spring noch einmal!» flehte der Präsident des Weitspringerverbands, ein Dickwanst mit glühenden Augen. «Ja, noch einmal!» forderte auch der griechische König, der sich gerade auf Brautschau befand. «Noch einmal! Noch einmal!» ächzte selbst der Sprungbalken, was jedermann überraschte, weil dieses knorrige Zedernstück sonst als Zyniker unter den Sportgeräten galt. Doch Meta lachte nur und sprach: «Das war der Sprung meines Lebens! Wozu sollte ich weiter weitspringen?» – «Wenn du’s tust», entgegnete der alte Balken geheimnisvoll, «bekommst du von mir, was dir nach dem Sprung begegnet.» Da dachte Meta: «Warum auch nicht?» und sprang noch einmal sechs Meter dreiundsiebzig. «Rekord egalisiert!» japste der dicke Verbandspräsident und presste Meta an die Brust. «Gratuliere», meinte der Sprungbalken lakonisch, «du darfst diesen dicken Laokoon behalten.» «Zeus behüte!» rief Meta entsetzt, «lieber spring ich noch einmal!»
Also nahm sie Anlauf und sprang wiederum sechs Meter dreiundsiebzig. «Welch ausgeglichene Frau!» rief der griechische König herbeieilend, «sie soll meine Gattin sein!» – «Was will ich auf einem Schloss?» maulte Meta, «das Leben einer Springerin ist auf Sand, nicht auf Marmor gebaut!» Also nahm sie ein letztes Mal Anlauf und sprang ein letztes Mal sechs Meter dreiundsiebzig. «Gerettet! Ich bin gerettet!» jubelte der Sprungbalken so laut, dass ihn alle verdutzt ansahen. Da schälte sich das alte Holzstück aus seiner Halterung, stakste hölzern auf Meta zu und sprach: «Ich bin ein verzauberter Teppichhändler, du aber hast mich mit deinen magischen Sprüngen erlöst. Nimm zum Dank diesen handgewobenen Perser!» – Da war Meta sehr gerührt und sprach: «Dieser Teppich ist wohlgeraten und womöglich sanfter als der Sand der Ägäis! Ich denke, ich werde mich darauf zur Ruhe setzen.»
Im August 1971 sprang die 22-jährige Schweizerin Meta Antenen 6,73 Meter. Zur Erinnerung an den bis heute nie mehr erreichten Landesrekord liegt in ihrem Wohnzimmer ein Teppich von exakt jener Länge.
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