NZZ Folio 05/94 - Thema: Blaues Blut   Inhaltsverzeichnis

Totengräber am Werk?

 Die Royals im Spiegel der Presse.

Von Daniel Litvin

Zerstören die britischen Zeitungen die Monarchie? Boulevardblätter haben Abschriften obszöner Telefongespräche von Mitgliedern der Königsfamilie veröffentlicht; sie haben Fotos, die jene in intimsten und oft höchst ungelegenen Momenten zeigen, auf die Frontseiten geklatscht. Journalisten sind wüst über bestimmte Royals hergezogen. Über Fergie etwa, die Duchess of York, deren Bauch und Hüften laut einer der Boulevardzeitungen «von zunehmend unvorteilhafter Beschaffenheit sind, irgendwo zwischen einer überreifen Orange und einem wackeligen Caramelpudding».

Selbst seriöse Zeitungen bezweifeln inzwischen die Zukunft der Monarchie. Sie fragen, ob der des Ehebruchs beschuldigte Prince Charles auf den Königsthron passt. Der standhaft konservative «Daily Telegraph» wagte es, die königliche Familie als «sentimentale viktorianische Vorstellung, die immer weniger der Realität entspricht», zu beschreiben. Die Monarchisten haben angefangen, die Presse zu verabscheuen. Sie klagen die Zeitungsmacher an, Königshaus-Hasser zu sein; sie klagen neugierige Journalisten an, das Scheitern der Ehen von Prince Charles und Prince Andrew beschleunigt zu haben. Gewiss, irgend etwas hat die königliche Familie unterhöhlt. Meinungsumfragen zeigen einen dramatischen Zerfall ihres Rückhalts in der Öffentlichkeit. Laut Mori, einem Meinungsforschungsinstitut, dachten 1984 noch 77 Prozent der Bevölkerung, Grossbritannien wäre ohne Monarchie schlechter dran. Heute sind es gerade 47 Prozent. Immer mehr Leute halten die Mitglieder der Königsfamilie für ausschweifend, verantwortungslos und faul; immer weniger halten sie für intelligent oder volksnah. Zum ersten Mal hat sich die Königin unter dem Druck der öffentlichen Unzufriedenheit zu Konzessionen verpflichtet gefühlt: Sie hat sich Ende 1992 bereit erklärt, für ihr gewaltiges Vermögen Steuern zu zahlen; sie hat versprochen, für den Unterhalt der meisten Mitglieder ihrer Familie aufzukommen (bisher berappte der Steuerzahler die Rechnung); und sie hat ihr Heim, den Buckingham Palace, teilweise der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Die Presse war tatsächlich einer der Auslöser dieser Krise. Aber nicht, wie einige meinen, weil Redaktoren sich darum bemüht hätten, die Monarchie zu untergraben. Und nicht, weil Journalisten bösartig in das Privatleben der Royals eingedrungen wären (obwohl einige dabei zu weit gegangen sind). Sondern weil die Presse endlich ehrlicher über das berichtet, was die Mitglieder des Königshauses tun. Während fast des ganzen zwanzigsten Jahrhunderts galt die Monarchie den Journalisten als unantastbar. Ihre Berichte beschränkten sich in der Regel auf die Einzelheiten der königlichen Repräsentationspflichten. Klatsch- und Skandalgeschichten behielten die Reporter für sich. Man braucht sich nur die Affäre zu vergegenwärtigen, die Edward VIII in den dreissiger Jahren mit Wallis Simpson hatte. Das britische Establishment nahm die Verbindung stirnrunzelnd zur Kenntnis. Mrs. Simpson war eine zweimal geschiedene Amerikanerin und darum, laut Verdikt des Premierministers und des Erzbischofs von Canterbury, nicht würdig, Grossbritanniens König zu heiraten. In der ausländischen Presse wurde über die Affäre ausführlich berichtet. Die britischen Zeitungen jedoch schwiegen. Hohe Politiker und die Royals wünschten, dass man sich mit dem Skandal hinter verschlossenen Türen beschäftigte. Die Presse enthüllte die Verbindung von Edward VIII mit Wallis Simpson erst eine Woche bevor er gezwungen war, abzudanken.

Warum war die Presse derart willfährig? Journalisten und Verleger verehrten die Monarchie. Sie betrachteten es als ihre patriotische Pflicht, die Mitglieder der Königsfamilie vor schädlicher Publizität zu bewahren. Aber auch der Buckingham Palace exkommunizierte jeden, der aus der Reihe tanzte. Zum Beispiel Marion Crawford, Gouvernante der Königin und ihrer Schwester Margaret, die 1950 ein Buch publizierte, in dem sie deren Erziehung schilderte. Der Bericht war zutiefst unterwürfig, aber die alte Gouvernante wurde von der Queen Mother trotzdem verstossen; die Königin und Prinzessin Margaret sah sie nie wieder. A. N. Wilson, ein ausgewiesener Kenner des Geschehens am Hof, sagt, das System der königlichen Zensur hätte «Stalins Politbüro mit Neid erfüllt».

In den siebziger Jahren begann der Konkurrenzkampf der Boulevardblätter, die königliche Kontrolle über die Information zu durchlöchern: Sie kämpften darum, wer als erstes Charles' Liebesleben enthüllen konnte. «The Sun» und der «Daily Star» sandten Spezialteams aus, die den Mitgliedern des Königshauses nachschnüffelten. Mit dem Auftauchen von Diana wuchs der Konkurrenzdruck noch. Sie brachte die Zeitungsleser in Verzückung, sie brachte Schönheit und Glamour in eine graue, muffige königliche Familie. Die Redaktoren wollten Bilder und Berichte über alle Einzelheiten aus Dianas Leben. Und die Zahl der Hofreporter schwoll an. Zweifellos kann man der Presse einiges vorwerfen: Je härter die Konkurrenz wurde, desto mehr degenerierte das Verhalten der Fotografen und Journalisten. Bei der Hochzeit von Charles und Diana setzte ein Boulevardblatt einen Mann ein, der von den Lippen ablesen konnte, um zu erfahren, was die beiden zueinander sagten, als sie vom Balkon des Buckingham Palace der Menge zuwinkten. «The Sun» und der «Daily Star» schickten Teams auf die entlegene Insel in der Karibik, wo Charles und Diana 1982 vermeintlich geheime Ferien verbrachten. Die beiden Teams gerieten einander im Dschungel hinter dem königlichen Strandhaus in die Quere. Bewaffnet mit starken Teleobjektiven, fotografierten sie Diana, die im fünften Monat schwanger war, im Bikini. Die Leute von «The Sun» schickten die Bilder mit dem Übermittlungsgerät einer dortigen Lokalzeitung nach London; darauf befahl ihnen ihr Chefredaktor, das Gerät mit einer Axt zu zertrümmern, um die Rivalen zurückzuwerfen. (Da diese schon abgereist waren, erübrigte sich die Massnahme.)

Diana war empört über den «Sunday Mirror», der kürzlich Bilder veröffentlichte, auf denen sie mit gespreizten Beinen beim Training in einem privaten Fitnessclub zu sehen ist - die Fotos waren mit versteckter Kamera aufgenommen worden. Die Massenblätter haben Abschriften veröffentlicht von sehr persönlichen Unterhaltungen zwischen Charles und seiner Geliebten, zwischen Diana und ihrem Liebhaber und von einem Streit zwischen dem Ehepaar, das sich auseinandergelebt hat. Wer bereit ist, den Royals nachzuspionieren, wird fürstlich belohnt. Die Bilder, die zeigen, wie der Finanzberater von Fergie an ihren Zehen lutscht, sollen dem Fotografen über eine Million Pfund eingetragen haben. Der Besitzer des Fitnessclubs, in dem Diana trainiert, hat angeblich 100 000 Pfund kassiert. Ein freier Journalist bot kürzlich für 50 000 Pfund die Tonbandaufzeichnungen eines königlichen Telefongesprächs an.

Die Boulevardblätter kennen keine Skrupel. «Erwachsene Royals sind jagdbares Wild», sagt Arthur Edwards, der Hoffotograf von «The Sun». «Wenn sie ein Techtelmechtel mit jemandem haben, mit dem sie das nicht haben sollten, oder wenn sie wunderbare Ferien auf den Bahamas verbringen - was sollte uns da hindern? Sie kennen das Spiel. Im übrigen leben sie sowieso alle vom Geld der Steuerzahler.» Laut gut informierten Quellen ist höchstens die Hälfte der Boulevardartikel auch nur einigermassen zutreffend. Doch die Royals gingen kaum je vor Gericht. Sie ziehen es vor, öffentlichen Zank zu vermeiden. Die königliche Familie hat zwar oft eine zurückhaltendere Berichterstattung gefordert, aber die Appelle stossen gewöhnlich auf taube Ohren. Die Boulevardblätter ihrerseits glänzen nicht mit plausiblen Erklärungen für ihre Verletzungen der Privatsphäre. Der Chefredaktor des «Sunday Mirror» behauptete, er habe die Fotos von Diana beim Training veröffentlicht, um Licht auf die unzulänglichen Sicherheitsvorkehrungen für die Königsfamilie zu werfen. «The Sun» argumentierte, die Fotos von Diana im Bikini zeigten «das legitime Interesse der Zeitung an den Mitgliedern der königlichen Familie nicht bloss als Symbolen, sondern als Menschen aus Fleisch und Blut». Die seriösen Zeitungen haben regelmässig gegen das Fehlverhalten der Boulevardblätter gewettert. Aber in denselben Artikeln pflegen sie die beanstandeten Berichte ausführlich zu zitieren, um die Neugier ihrer eigenen Leser zu befriedigen.

Nicht selten kehrt sich die Zudringlichkeit der herumschnüffelnden Presse gegen sie selbst. Die Veröffentlichung der Fotos von Diana beim Training bescherte dieser viele Sympathien - und dem «Daily Mirror» wütende Proteste (vor allem von anderen Zeitungen). Gemäss dem Meinungsforschungsinstitut Gallup sind 86 Prozent der Bevölkerung überzeugt, dass die Medien viel zu weit in das Privatleben der königlichen Familie eindringen. Aus Angst vor Leserreaktionen lehnten es kürzlich die Chefredaktoren der Boulevardblätter ab, Bilder zu veröffentlichen, auf denen Diana wütend einen Fotografen anschreit, er solle sie endlich in Ruhe lassen.

Die Hofberichterstatter befürworten fast ausnahmslos die Monarchie - sie leben schliesslich von dem, was sie demontieren. «Als vehementer Republikaner kann man diesen Job nicht machen», sagt einer von ihnen. Sie sind weniger liebedienerisch als früher, aber ihre Berichterstattung verrät eine Mischung von Verehrung und Snobismus. Klatschkolumnisten brüsten sich damit, Freunde in der Königsfamilie zu haben (obwohl verlässliche Quellen bestreiten, dass ihre Beziehungen so gut sind). James Whitaker, der Hofberichterstatter des «Daily Mirror», schreibt stolz über «die Bande zwischen Lady Diana und mir». Und die Reporter reissen sich immer noch um erfreuliche Geschichten aus dem Königshaus. Ross Benson, der Klatschkolumnist des «Daily Express», eines Blattes mit mittlerem Anspruch, behauptet, dass die Presse sklavisch ergeben jeden Versuch von Charles und Diana begleitet hätte, ihre Ehe zu retten. «Im Grunde genommen», sagt er, «sind wir ein Haufen von Softies.» Wenn die Presse gelegentlich unzimperlich war, so waren es zweifellos auch die Royals. Die jüngeren Mitglieder der Königsfamilie, von denen viele enorme Summen vom Staat beziehen, haben einen ausgesprochen dekadenten Lebensstil gepflegt. In den achtziger Jahren schmissen sie verschwenderische Parties (der Bruder von Diana, Viscount Althorp, liess sich das rauschende Fest zu seinem 21. Geburtstag 250 000 Pfund kosten), begingen Ehebruch und wurden wegen Fahrlässigkeit am Steuer verhaftet. Während eine Rekordzahl von Briten die Hypotheken für ihre Häuser nicht mehr zahlen konnten, gaben Prince Andrew und seine Frau fünf Millionen Pfund für ein protziges Landhaus aus.

Während des Golfkriegs wirkten die jungen Royals besonders abgehoben: Fergie kam aus ihren Skiferien erst nach dem Kriegsausbruch zurück. Ihr Mann nahm frei, um in Spanien Golf zu spielen. Viscount Linley, der Neffe der Königin, erschien mit geschminkten Lippen auf der Titelseite von «The Sun», Arm in Arm mit Männern in Frauenkleidern. Viscount Althorp hatte kurz zuvor zugegeben, mit einer Journalistin während eines Weekends in Paris Ehebruch begangen zu haben. «The Sunday Times», die meistverkaufte seriöse Sonntagszeitung, zog über die jungen Royals her, weil sie unbekümmert «ihren Lebensstil fortführten, eine Mischung von Oberklassen-Dekadenz und Verständnislosigkeit zur Schau stellend». Oft benutzten die Royals die Presse auch für ihre eigenen Zwecke. Fergie handelte mit dem «Daily Express» eine sechsstellige Summe für ein Interview aus. Das Regenbogenmagazin «Hello!» zahlte ihr 250 000 Pfund für in ihrem Heim aufgenommene Hochglanzbilder ihrer Familie. Als sich ihre Ehe dem Ende näherte, wurde sie von königlichen Beamten verdächtigt, Details an die Presse weiterzugeben; sie zahlten es Fergie heim, indem sie einem Journalisten der BBC gegenüber ihre «Untauglichkeit für das öffentliche Leben» betonten.

Die Klagen über die Berichterstattung vom Zerfall von Charles' Ehe tönen heute hohl. 1991 taten Beamte des Königshauses die Geschichten über die Zerrüttung der Ehe als «kompletten Unsinn» ab. Sie jammerten über die Zudringlichkeit der Presse bei Lord McGregor, dem Vorsitzenden der Kommission für Pressebeschwerden. Dieser reagierte prompt und zog gegen die «widerwärtigen Auslassungen von Journalisten» vom Leder, «die mit ihren Fingern in der Seele anderer Leute herumwühlen». Die Wahrheit kam später ans Licht: Nicht nur war die Ehe tatsächlich zerrüttet, sondern Charles und Diana hatten die Medien manipuliert. Lord Rothermere, der Vorsitzende der Associated Newspapers, hielt gegenüber Lord McGregor fest, dass die beiden gezielt «nationale Zeitungen in ihren Dienst genommen hatten, um ihre jeweilige Darstellung der ehelichen Zerwürfnisse publik zu machen». Diana schien sich mit News International verbündet zu haben, dem Imperium von Rupert Murdoch. Dessen «Sunday Times» publizierte als erste Zeitung Auszüge aus der Diana-Biographie des Journalisten Andrew Morton, der Dianas Seite der Geschichte schildert: ihre angeblichen Selbstmordversuche, ihre Essstörungen, ihres Ehemannes Kälte. Für den Niedergang der königlichen Familie kann man also nicht einfach dem schlechten Benehmen der Presse die Schuld geben. Schuld ist, wenn überhaupt, die ehrlichere Berichterstattung. Aber man halte sich die Ungereimtheit vor Augen: Grossbritannien ist eine der reifsten Demokratien der Welt, und doch muss einer, der Staatsoberhaupt werden will, in die richtige Familie hineingeboren sein. Die Öffentlichkeit unterstützt dieses antidemokratische Arrangement aus mehreren Gründen. Die Monarchie, sagen die einen, ist ein jahrhundertealtes Symbol britischer Tradition. In Zeiten der Krise, sagen andere, sind die Royals Symbole der nationalen Einheit. (Obwohl sie es zum letztenmal im Zweiten Weltkrieg schafften, das zu sein.) Man hört auch, die Monarchie sei dem Tourismusgewerbe und dadurch der Zahlungsbilanz förderlich. (Obwohl noch keiner ausgerechnet hat, ob die Royals wirklich ihr Geld einspielen.)

Aber der wichtigste Grund für ihren Rückhalt in der Öffentlichkeit ist der Mythos der königlichen Familie. Während des grössten Teils unseres Jahrhunderts fiel es dem Volk nicht schwer anzunehmen, dass die Royals etwas Besseres seien. Deren Privatleben war mit einem Schleier des Geheimnisses geschützt. Fast alles, was öffentlich sichtbar wurde, war Wohlstand, Zeremoniell - und die Liebedienerei des Establishments. Verschwiegenheit gehört, wie Walter Bagehot, der berühmte politische Journalist des neunzehnten Jahrhunderts, festgehalten hat, zum Wesen des Königlichen. «Vor allem andern», schrieb er, «muss unser Königshaus verehrt werden, und wenn man darin herumschnüffelt, kann man es nicht verehren . . .» Nun ist der Mythos fadenscheinig geworden - was nicht daran liegt, dass sich die Royals schlechter benehmen als früher. Sexskandale zum Beispiel gab es in der Geschichte regelmässig: Henry VIII und seine sechs Frauen; George I und seine beiden deutschen Geliebten; George IV und seine ausschweifende Ehebrecherei; Edward VII und Edward VIII und ihr Herumtollen mit diversen Gespielinnen. «Prince Charles tut nur, was seine Vorfahren auch getan haben», sagt Richard Kay, der Hofberichterstatter des «Daily Mail».

Der Mythos ist verblasst, weil die Presse mehr von der Wahrheit enthüllt. Der Kampf um höhere Auflagen hat die Zeitungen veranlasst, über Dinge zu schreiben, die früher tabu waren. Das System der Zensur, das die Royals abschirmte, ist zerfallen. «Wir sind hinter die Fassade und das Geheimnis vorgedrungen», sagt Arthur Edwards, der Hoffotograf von «The Sun», «wir haben gezeigt, dass auch die Königlichen Fehler haben, dass sie menschlich sind.»

Die Öffentlichkeit weiss jetzt zum Beispiel, dass viele der jungen Mitglieder des Königshauses faul und gleichgültig sind, dass adlige Ehen der jüngeren Zeit mit Alleinerziehenden geendet haben, dass die engere Familie der Königin gegenüber Eingeheirateten kalt und abweisend sein kann. Die Öffentlichkeit sieht, mit anderen Worten, die Probleme einer Durchschnittsfamilie. «Es ist schwierig, die Royals heute nicht als normale Leute zu betrachten», schreibt Marjorie Mowlem, eine erfahrene Labourpolitikerin. Das Problem ist, dass normale Leute weder Verehrung noch Hochachtung gebieten. Umfragen zeigen, dass die Zahl der Befragten, die die Monarchie abgeschafft sehen möchten, sich in den letzten zehn Jahren auf 14 Prozent verdreifacht hat. Mehr als einem Drittel ist es gleichgültig, ob die Monarchie überlebt. 1984 sagten das noch 16 Prozent. Wie kann die königliche Familie überleben, wenn der Mythos schwindet? Jedes ihrer Mitglieder scheint nach einer anderen Lösung zu tasten. Die Entourage der Königin hofft, dass diese selbst von den jüngsten Schwierigkeiten unversehrt geblieben sei. Die Königin vermochte mit dem Entschluss, Steuern zu zahlen, Attacken vorläufig abzuwehren. Diana hat versucht, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Letzten Dezember erklärte sie, sie werde die meisten öffentlichen Auftritte und Wohltätigkeitsveranstaltungen absagen. Prince Edward schrieb einen Brief an die Zeitungsredaktionen, in dem er darum bat, dass man ihn und seine neue Freundin, Sophie Rhys-Jones, in Ruhe lasse. Prince Charles dagegen ist in den vergangenen Monaten medienfreundlicher geworden. Er hat seine Pressestelle erweitert; früher wurden Journalisten auf Distanz gehalten, heute werden sie mit Fototerminen und Presseempfängen gelockt. Wahrscheinlich ist es inzwischen keinem Mitglied der königlichen Familie mehr möglich, sich vor der Presse zu verstecken. Indem sie sich zu entziehen versuchte, hat Diana die Presse nur dazu ermuntert, ihr nachzuspüren. Seit sie ihre öffentlichen Verpflichtungen aufgegeben hat, sind Fotos von ihr im Kurs gestiegen. Dass Redaktoren und Journalisten sich über Edwards neue Beziehung lange Zurückhaltung auferlegen werden, ist unwahrscheinlich. Charles' Taktik, sich der Presse zu stellen, scheint vernünftiger - allerdings auf die Gefahr hin, dass am Ende seine Gewöhnlichkeit nur noch offensichtlicher wird. Als künftiger König muss er das britische Volk davon überzeugen, dass er der Verehrung und Hochachtung wert ist. Eine Herausforderung, gross genug für einen bedeutenderen Mann.

Daniel Litvin, Redaktor des «Economist», lebt in London.


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