Zusatzinformation: Textkasten: Das Essen -- Ein Mensch beim Essen ist ein gut Gesicht,
MIT STÜHLEN, Tischen und Sofas hat alles angefangen. Lampen, Geschirr und Essbestecke folgten. Allmählich hat man sich an den Anblick des Designten gewöhnt - es schliesslich als harmlose Spielerei angesehen. Wer modisch à jour sein will, muss halt beim Sitzen oder Liegen kleine Unbequemlichkeiten in Kauf nehmen. Da die Objekte des täglichen Komforts sich nicht noch weiter verfremden liessen, fanden die Designer ein neues Arbeitsfeld: das Food-Design. In den Forschern, die unsere Umwelt durch genetische Manipulationen partout verändern wollen, boten sich tatkräftige Verbündete an. Der Test «Tomate» konnte starten.
Als ich zum erstenmal in eine dieser makellosen, gleichförmigen, glatthäutigen, transportfesten, saftigen roten Kugeln hineinbiss, die es plötzlich überall zu jeder Jahreszeit zu kaufen gab, erschrak ich. Diesem Gegenstand, einer Tomate äusserlich zum Verwechseln ähnlich, fehlte jedes Aroma. Ich schälte sie, kochte und dünstete sie, würzte sie mit Oregano, Salz, Pfeffer, Essig und kaltgepresstem Olivenöl - was auch immer ich unternahm: kein Tomatengeschmack. Es muss sich um ein Placebo handeln, sagte ich mir, und ich werde bis heute den Verdacht nicht los, dass es sich um einen Grossversuch der niederländischen Sektion der Food-Designer handelte, weil alle diese roten Kugeln in holländisch beschrifteten Kisten lagen.
Da ich ein passionierter Esser bin, habe ich mich beinahe zwangsläufig eine Zeitlang für die zahllosen Reduktions-, Schlankheits-, Fitness- oder was es sonst noch an Diätkuren gibt interessiert. War es anfangs nur die «Placebomate», der ich wohl wegen ihres geringen Kaloriengehaltes in vielen Diätrezepturen begegnete, nahm die Zahl neuer Design-Produkte sprunghaft zu: Butter mit halbem Fettgehalt, cholesterinarme Wurst, Käse ohne Nährwert, joulefreier Ballaststoff unter dem Decknamen Brot, zuckerfreie Marmelade - und alle diese Produkte versprachen mir auf dem kurzen Weg jene jugendlich-gertenschlanke Figur, der wir als Leitbild überall in der Reklame begegnen. Mir wurde klar, dass ich zu dem Marktsegment der Übergewichtigen gehöre, die sich Food-Designer und Genetiker als interessante Verbrauchergruppe aufs Korn genommen haben.
Für meinen Entschluss, weiter ganz normal zu essen und zu trinken und mit meinen Fettpolstern vergnügt zu leben, gibt es viele Gründe. Wer sind denn die dicken Menschen, mit denen ich mich eins weiss? Es sind Kunsthändler oder Verleger, es sind die Chefs, die Bankiers und die Kneipenbesitzer; erfahrene Frauen, nette Wirtinnen, begabte Köchinnen und grosse Sängerinnen. Mager oder ausgemergelt sind dagegen Ärzte, Staatsanwälte, Polizisten und Journalisten. Alles Leute, die vom Unglück ihrer Mitmenschen zehren. Und erst die dürren Frauen! Busenlose Mannequins, Neurotikerinnen, Emanzen. Mein Mitleid mit ihnen hält sich in Grenzen. Letztlich sind die Dünnen für ihre körperliche und seelische Dürftigkeit, für ihr trauriges Schicksal selbst verantwortlich. Dabei sind es einzig und allein sie, die sich für ihr Gewicht interessieren. Dauernd stellen sie sich auf eine Waage und erzählen jedem, wie leicht sie sind. Laufen wir Dicken etwa herum und posaunen in die Welt, dass wir seit Weihnachten drei Kilo zugenommen haben? Fette Menschen machen sich einer solchen Verletzung des guten Tones nie schuldig. Wir wiegen uns auch nicht ständig - und wenn, dann unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Die Ursachen der Magerkeit kennt jeder. Es ist eine Unterentwicklung des Fettgewebes. Wer stets ablehnt, wenn man ihm Sahne und Zucker, Gänseleberpastete oder Hummermayonnaise anbietet, dem sollte man nicht über den Weg trauen. Ich vermeide es nach Möglichkeit, mich mit solchen Menschen an einen Tisch zu setzen. Als erstes teilen sie einem mit, welche neuen kalorienarmen Light-Produkte es gibt und wie viele Pfunde sie in kürzester Zeit durch deren Aufnahme verloren haben. Dabei ärgern sie sich nur, weil uns Dicken alles Gute schmeckt. Schliesslich kommt es mit ihnen so weit, dass sie ihren Ärger für einen gottgegebenen Zustand halten und ihn als eine Art Lebenselixier benötigen. Deswegen heiraten die Dünnen früher und unüberlegter als wir Dicken. Wenn wir einen Lebensgefährten wählen, wird das stets das Ergebnis der Suche eines reifen Menschen nach einem anderen reifen Menschen sein. Junge weibliche Gerippe mit Salzfässern an den Schlüsselbeinen scheiden für uns aus. Wir suchen uns kompakte Mädchen, die nicht von der Schulbank weg lebenslange häusliche Sklavin eines Dünnen werden wollen. Fest steht, dass der Prozentsatz an glücklichen Ehen zwischen korpulenten Leuten etwa dreimal so hoch ist wie bei den mageren.
Was soll die Hysterie um Cholesterin und Herzinfarkt? Selbst wenn wir Beleibten nicht so lange leben sollten wie die Dünnen - wir leben besser! Die Food-Designer und Lebensmitteltechniker, die den Geschmack eines Rubens, die Vorliebe eines Renoir, das beleibte Menschenbild eines Hogarth ignorieren, haben nur eines im Sinn: Sie wollen die vollendete äussere Form der Dicken zerstören. Natürlich wissen sie, dass wir den Himmel schon auf Erden haben. Wir strampeln nicht auf feststehenden Fahrrädern sinnlos herum, keiner von uns versucht zu rudern, ohne dass Wasser da ist, und bei Essen und Trinken lassen wir uns ausschliesslich von Qualität und Geschmack leiten. Schönheitsfarmen und Sanatorien, die für einen Esslöffel ungesalzenen vitaminisierten Spinat täglich den Preis eines Menus bei Paul Bocuse in Rechnung stellen, haben bei uns keine Chance.
Wem das zu subjektiv, zu parteiisch klingt, der sei auf das im Dezember 1992 von einer Forschergruppe der Universität Giessen veröffentlichte Ergebnis hingewiesen, in dem der Begriff Ernährung für die gegenwärtige Situation des Essers neu definiert ist. Claus Leitzmann und sein Arbeitskreis vom Institut für Ernährungswissenschaften sind ökologisch motiviert. Sie empfehlen dringend, Obst und Gemüse der Jahreszeit entsprechend aus dem regionalen Angebot zu beziehen, und bezeichnen Äpfel aus Neuseeland und Erdbeeren im tiefsten Winter wegen der langen Transportwege und des dadurch verminderten Nahrungswerts als überflüssigen Luxus. Besonders energisch wenden sich Leitzmann und seine Mitarbeiter gegen gentechnologisch veränderte Lebensmittel. Zu hoch sind ihrer Ansicht nach die damit für Mensch und Umwelt verbundenen Risiken. Abgelehnt wird von ihnen auch «das in den USA kreierte Food-Design»: «ein Verfahren, bei dem man aus normierten Grundsubstanzen - etwa reinen Proteinen, Vitaminen, Geruchs- und Geschmacksstoffen - völlig neuartige Kunstprodukte zusammenmixt».
Zwar liegt mir die pragmatische Erfahrung am eigenen Körper näher; aber es freut einen ja doch, wenn die Ernährungsforscher das persönliche Misstrauen gegenüber manipulierten Nahrungsmitteln bestätigen. Auch halte ich es für keinen Zufall, dass Poeten wie Carl Zuckmayer den wissenschaftlichen Erkenntnissen intuitiv um Jahrzehnte vorausgeeilt sind. Nach meinem Plädoyer für ungehemmten Genuss, ohne Food-Design und genetische Hilfestellung, wird es nicht verwundern, dass ich Zuckmayers Gedicht «Das Essen» von 1926 besonders schätze.
Wolf Uecker ist Gastronomiejournalist und Autor zahlreicher Bücher zum Thema Essen und Trinken. Er lebt in der Lüneburger Heide.