|
|
NZZ Folio 09/10 - Thema: Die Welt von morgen Inhaltsverzeichnis
Der Sprung
© Beat Kennel und Anne Christian...
Seit es kein Internet mehr gibt, trifft man sich in fremden Köpfen.
Von Yoko Tawada
Es ist eine Frechheit, dass man meinen Traum als Versammlungsort benutzt, ohne mich um Erlaubnis zu fragen. Ich wache auf mit einem dröhnenden Nachhall im Ohr, den Hunderte von betenden Menschen hinterlassen haben. Sie haben wahrscheinlich durch Zufall meinen Traum als idealen Ort entdeckt, wo sie sich heimlich treffen können. Woher hatten sie aber das Kennwort, das Zutritt in meinen Kopf erlaubt? Vor zehn Jahren ist ein neues Gesetz, das Riten und Zeremonien in der Öffentlichkeit verbietet, in Kraft getreten.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich das einzige Opfer bin. In dieser Stadt gibt es noch viele andere Menschen, die einen grossen Kopf haben, der leicht missbraucht werden kann. Ich werde eines Tages eine Opferinitiative gründen und alle Eindringlinge anklagen. In einem Zeitalter, in dem es kein Internet mehr gibt, ist es allerdings nicht leicht, Leidensgenossen zu finden.
Am liebsten hätte ich an Ort und Stelle gegen die Versammlung protestiert, aber in meinem eigenen Traum konnte ich nicht sprechen. Ich fand meine Zunge nicht. Genauer gesagt fand ich mich selbst nicht. Ich war umgeben von fremden Menschen, die mit geschlossenen Augen einen endlosen Text rezitierten. Sein eindringlicher Rhythmus und die unermüdlichen Wiederholungen beeindruckten mich zuerst, aber allmählich wurde ich wütend.
Erschöpft von der vergangenen Nacht, bleibe ich weiter im Bett liegen und erinnere mich an einen bunten Karneval, den ich vor langer Zeit in einem Film gesehen habe. Es kann sein, dass es kein Karneval, sondern eine Demonstration oder ein Staatsbegräbnis war. Meine Erinnerungsbilder sind farbenreich, aber verschwommen.
Grosse Feierlichkeiten in der Öffentlichkeit gehören der Vergangenheit an. Die aufgeklärten, wohlhabenden Bürger haben die Familie zum einzigen geschützten Ort erklärt. Sie fürchten, dass jede Emotion, die in der Öffentlichkeit gezeigt wird, sofort politisch missbraucht werden könnte. So hiessen sie das neue Gesetz willkommen, während ihre Sehnsucht nach Riten und Zeremonien heimlich wuchs.
Die Sonne öffnet eine Schiebetür aus Wolken und beleuchtet meine ungeputzte Fensterscheibe. Ein Sprung, den ich bis jetzt nicht bemerkt habe, erscheint im Glas. Er hat die Form eines Spinnennetzes. Vielleicht ist er durch jene Explosion entstanden, die das weltweit gespannte Kommunikationsnetz in der Luft auflöste. Man spricht von einer stillen Explosion, weil niemand einen Knall gehört hat, als es angeblich passierte.
Wo war aber das grosse Netz überhaupt gespannt gewesen? Das wissen nur die Spezialisten. Ich weiss nicht einmal, ob das grosse Netz vorher wirklich existierte oder ob es sich bloss um die Simulation eines komplexen Verbindungssystems handelte. Wer keine Ahnung hat, muss den Mund halten und abwarten, bis das Netz geflickt wird. Wie ein Damenstrumpf aus Seide, der bei unseren Vorfahren als Kostbarkeit galt, muss das grosse Netz jetzt sorgfältig geflickt werden. Denn es gibt kein neues zu kaufen.
Die Zeitungen aus Papier, die jetzt wieder wie Pilze nach einem Spätsommerregen aus dem Boden schiessen, verraten uns nicht, wo wir die alten Bücher, die nach der Digitalisierung aus den Bibliotheken weggeschafft worden sind, wiederfinden können. Stattdessen schreiben sie ausführlich über die Asche aus einem isländischen Vulkan, die jetzt erst den europäischen Boden fruchtbar mache. Anscheinend ist der neue Ackerboden besonders geeignet für den Anbau von Bohnen und Erdnüssen. Das erklärt zumindest, warum es jetzt plötzlich einen Überschuss an Hülsenfrüchten gibt. Vielleicht sind das aber Sprachbilder, die in die Wirklichkeit hineingeschlichen sind. Offensichtlich wiederholte man während der letzten langen Wirtschaftskrise zu oft die Sprüche «Das interessiert mich nicht die Bohne» und «Das sind eben alles nur Peanuts».
Der Sprung im Fenster lässt meinen Blick nicht los. Als Kind suchte ich zusammen mit meinem Bruder nach unbewohnten, alten Häusern am Stadtrand, um die Risse in Holztüren zu studieren. Wir lasen sie wie Orakel.
Was würde mein Bruder zu meinem neuen Sprung sagen, wenn er hier wäre? Er ist vor fünf Jahren bei einem Autounfall gestorben. Manchmal hole ich die alten Briefe von ihm aus der Schublade. Nicht ihre Inhalte, sondern die Handschrift gibt mir das Gefühl, als würde er bei mir sitzen. Die meisten Briefe stammen aus der Zeit, in der ich am Nordpol arbeitete. Ich bat meine Familie und meine Freunde darum, mir keine E-Mails, sondern Briefe zu schreiben und in einen kleinen Ort in Grönland, wo ich einmal im Monat hinfuhr, zu schicken. Dort gab es neben dem Postamt auch ein Internetcafé, aber der Ladenbesitzer konnte sich keine Patrone für den Drucker leisten, so dass man nichts auf Papier drucken konnte. So war es für mich besser, Briefe vom Postamt abzuholen und diese später in aller Ruhe zu lesen. In vielen einsamen Nächten las ich sie mehrmals durch und vergass den pfeifenden Wind draussen.
Jeder Mensch hat eine unverwechselbare Handschrift. Mein Bruder schrieb das grosse «G» schwunghaft, das kleine «m» kümmerlich und die Kommas zu hastig. Damals ahnte ich noch nicht, dass die handgeschriebenen Briefe später mein Schatz werden würden. Meine Freunde klagen, dass sie durch die stille Explosion alle E-Mails verloren hätten. Liebesbriefe mit vielen liebenswürdigen Rechtschreibfehlern, tröstliche Worte von treuen Freunden und die letzten Briefe von ihren Eltern sind alle spurlos verschwunden, wenn sie im Netz gespeichert waren. Auch alle Blogs, die sie anstelle von Tagebüchern geschrieben hatten, existieren nicht mehr.
Viele Menschen haben auch die Gräber ihrer Familie verloren. Sie hatten eine Online-Grabstätte im Web gekauft und dort die wichtigsten Dokumente und die Fotos der Toten aufbewahrt. Auch wenn man beruflich sehr beschäftigt war, konnte man oft die Gräber besuchen und neue digitale Blumen einsetzen oder mit anderen Besuchern online plaudern.
Mein Bruder wurde auf einem realen Friedhof begraben, weil die Speditionsfirma, die für den Unfall verantwortlich war, eine Erdbestattung finanzieren wollte. Ich gehe oft zu seinem Grab und sehe auf dem Friedhof immer mehr Spaziergänger. Es ist ein Volkssport geworden, von einem Grab zum anderen zu wandern und die Namen der Toten, die man nicht kennt, laut vorzulesen.
Der Besuch eines Friedhofs ist eine der gesündesten Aktivitäten, die die Internetsüchtigen beruhigen können. Wer stark unter Entzugserscheinungen leidet, sucht jedoch nach einer effektiveren Ersatzbefriedigung. In allen Feinkostläden wird zum Beispiel eine spezielle Sorte Wein angeboten, die einen Online-Effekt auf die Glückshormone ausübt. Es gibt auch ein teures, neues Computerprogramm, das eine Verbindung zum Internet simuliert. Man kann dort wie gehabt immer wieder neue anonyme Freunde finden und mit ihnen auf dem Bildschirm kommunizieren. Ich denke aber, dass man dafür eigentlich kein neues Computerprogramm braucht. Denn in einer anonymen Kommunikation stellen die meisten Menschen keine originellen Fragen und erwarten keine geistreichen Antworten. Eine der am häufigsten gestellten Fragen lautet: «Fühlst du dich manchmal einsam?» Eine richtige Antwort darauf ist einfach, diese Frage zu wiederholen: «Fühlst du dich manchmal einsam?» Auf jede aussergewöhnliche Frage wie zum Beispiel «Wie reagiert ein Krokodil auf die stille Explosion?» antwortet der Computer: «Wie kommst du auf eine so verrückte Frage?»
Ich habe kein Problem damit, dass es kein Internet mehr gibt. Mein Problem ist mein Kopf mit seinen Schmerzen vom Missbrauch durch die Gläubigen. Ich habe einen zu grossen Kopf, und ich meine das nicht metaphorisch. Bei einem Model, das für erfolgreiche Designer arbeitet, macht die Kopfgrösse ungefähr einen Achtel der Körpergrösse aus. Seit meiner Kindheit schleppe ich einen Kopf mit mir herum, der mindestens einen Fünftel meines Körpers ausmacht. Ein grosser Kopf ist der Gegensatz von einem «Kompaktkopf», der die gefragte Form der Intelligenz darstellt.
Schon vor Hunderten von Jahren sagte man, ein Mathematiker brauche dank seinem hohen Abstraktionsvermögen wenig Platz im Kopf. Das mathematische Hirn ähnelt einer geordneten Landschaft. Alle Steine sind auf einer einzigen winzigen Fläche versammelt und mit dem Schild «Stein» versehen. Die Unterkategorien nehmen keinen Platz in Anspruch. Ein Literat hingegen braucht für jeden Stein einen Extragarten, weil jeder Steinname eine eigene Klangfarbe hat und dadurch ein eigenes Assoziationsfeld entwickelt. Granit, Kalkstein, Turmalin, Bergkristall, Katzensilber, Bergmilch. Es gibt ausserdem unzählige schmale Wege, die die Namen mit anderen Wörtern verbinden. Die Gärten sind verwachsen, die Wege laufen durcheinander, und der Kopf schwillt stark an.
Bilde ich mir nur ein, dass es zieht, oder ist es die Seele eines Toten, die gerade mein Schlafzimmer durchquert? Vielleicht muss ich eine neue Glasscheibe einsetzen lassen. Das Problem ist, dass der Handwerker heutzutage sofort auf der Matte steht, wenn ich ihn anrufe. Früher musste ich lange warten, bis er kam. So hatte ich genug Zeit, über einen Sprung zu philosophieren, ein Gedicht dazu zu schreiben und mich auf die Handwerkermentalität einzustellen. Nach der letzten Handwerkerreform kommen sie alle sofort, wenn man sie braucht. Ich vermisse die alte Zeit, in der ich meinen Handwerker mehrmals anrufen, bitten, motivieren oder ihm manchmal sogar drohen musste.
Er versprach mir, sofort zu kommen, aber er kam nicht, und das gehörte einfach zu seinem Beruf. Irgendwann, wenn ich ihn schon vergessen hatte, kam er doch und rauchte in aller Ruhe eine Zigarette oder trank Kaffee auf meinem Balkon und sonnte sich. Ich tat so, als würde ich gar nicht auf ihn achten. Bald verlor ich jedoch die Geduld und wollte etwas sagen, sah aber, dass er gerade sein Werkzeug in die Hand nahm. Und innerhalb von wenigen Minuten war er schon so besessen von der Arbeit, dass er nicht mehr mit mir redete und keine Pause mehr machte. In seinen Augen brannten Leidenschaft, Stolz und Wut. Diese Augen gibt es nicht mehr. In der letzten Zeit stand oft etwas in den Zeitungen über diesen Verlust. Hätte man vielleicht besser die Eigenart jedes Berufes so lassen sollen, wie sie war, anstatt überall Reformen durchzuführen? Doch da war es schon zu spät. Man konnte keine der Reformen, die viele Steuergelder gekostet hatten, rückgängig machen.
Ich starre auf den Sprung im Fensterglas, als wäre er die Handschrift eines Toten. Es ist seltsam, dass man nicht weiss, ob es bei der stillen Explosion einen Todesfall gegeben hatte oder nicht. Es ist noch seltsamer, dass keiner auf die Idee kam, danach zu fragen. Die Katastrophen haben aufgehört, sichtbare Folgen zu zeigen. Da ich aber keinen Handwerker mehr anrufen will, werde ich heute genug Zeit haben, den Sprung zu beobachten, als wäre er ein verzerrtes Spinnennetz. Ich könnte vielleicht die Gestalt des Insekts rekonstruieren, das die Netzbesitzerin aufgefressen hat.
Es ist ein Volkssport geworden, von einem Grab zum andern zu wandern und die Namen der Toten, die man nicht kennt, laut vorzulesen.
Zur Biographie von Yoko Tawada
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|