NZZ Folio 09/10 - Thema: Die Welt von morgen   Inhaltsverzeichnis

Seitenblick -- Glace und ein Glas Wasser

© Fabienne Boldt
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Ist Wasser erfrischend oder abgestanden? Ein Opiat ­einschläfernd oder euphorisierend? Alles eine Frage der Perspektive.

Von Luca Turin

Wenn Sie, wie ich letztens, an einen neuen Ort ziehen und lernen müssen, wie Sie von A nach B und zurück gelangen, geschieht dies meist in zwei Schritten: einem schnellen (lerne AB und BA) und einem langwierigen, in dessen Verlauf Sie allmählich die beiden Routen miteinander verhäkeln, zum Beispiel indem Sie merken, dass der Supermarkt, den Sie am Morgen passieren, dasselbe Gebäude ist wie die rotweisse Mauer auf dem Weg zurück.

Unvertraute Blickwinkel sind ein Quell der Freude. Zu meinen liebsten gehört das Glas Wasser, das man in Italien unfehlbar mit der Glace serviert bekommt. Das Ganze ist wie ein Experiment: Das Eis wird in einem ramponierten Schälchen mit Stiel aus rostfreiem Stahl serviert, das aussieht wie aus einem Labor geklaut; das Wasser kommt in einem kleinen, geradwandigen Glas, wie es Zauberer für ihre Kunststücke verwenden.

Trinken Sie einen Schluck Wasser, bevor Sie sich über die Glace hermachen: Es schmeckt vollkommen normal, kühl, erfrischend, angenehm. Dann löffeln Sie das Eis, bis sich ob der Kälte Ihres Gaumens die Arterien Ihrer Gehirnbasis zusammenkräuseln und Ihnen Kopfschmerzen machen. Nachdem Sie derart das Eis vertilgt haben, probieren Sie erneut das Wasser. Nun schmeckt es warm, abgestanden und hat einen definitiven Hautgout. Es sieht nicht einmal mehr aus wie Wasser, sondern eher wie das, was Chemiker eine farblose Flüssigkeit nennen.

Sie können die Erfahrung auch mit Ihrem ganzen Körper machen, wenn Sie in der Sauna durch die Räume von warm bis sehr heiss hindurchgehen, in deren Mitte sich jeweils ein kleiner Pool befindet. Behaarte, dickbäuchige Männer, die inmitten der Dampfschwaden Schach spielen, blicken Ihnen nach, wenn Sie im Schweis­se Ihres Angesichts Raum um Raum die Temperatur steigern. Schliesslich schaffen Sie es bis zum Gipfel und steigen wieder herab. Beim Aufstieg haben Sie sich gewundert, wie die haarigen Männer die Hitze ertrugen. Auf dem Rückweg scheinen sie Ihnen viel zu dünn angezogen. Am Ende treten Sie in die Abendluft hinaus, die sich so frisch und dicht anfühlt wie Wasser.

Selbst Drogen haben ihre Perspektiven. Nehmen Sie ein Opiat (zum Beispiel Codein) ein, wenn Sie es nicht benötigen, und Sie fühlen sich lediglich wie in Watte gepackt. Nehmen Sie einen Tranquilizer, wenn Sie keine Angst haben, und er macht Sie schläfrig. Aber nehmen Sie ­beides, wenn Sie von Schmerzen und Ängsten geplagt werden, und Sie fühlen sich im siebten Himmel.

Vor einigen Jahren wurden mir vier Weisheitszähne gleichzeitig gezogen. Um Zahnärzte mache ich einen grossen Bogen, ich hasse Krankenhäuser und fürchte mich vor Narkosen, kurz: Es ging mir hundeelend. Der Anästhesist kam vorbei, und ich bat um eine Lokalnarkose. Aus meinen Fragen schloss er, dass ich mich pharmakologisch ein klein wenig auskannte, und so schlug er mir ein Gourmetmenu aus Rohypnol und Diamorphin vor, ja er verriet mir sogar die Dosierung.

Schwer umnebelt wurde ich in den Operationssaal geschoben, wo man mir ein oranges Tüchlein über die Augen legte und an mir herumzuhacken begann. Ich driftete in eine andere Welt, an einen sonnigen Strand, lauschte mit geschlossenen Augen den Gesprächen um mich her und dem Knirschen in meinem Kiefer und genoss die einzig völlig sorgenfreien Ferien meines ganzen Lebens.

Luca Turin ist Duftforscher bei MIT; er lebt in Boston.



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