NZZ Folio 10/05 - Thema: Reich und Schön   Inhaltsverzeichnis

Ein Lächeln reisst die Himmel auf

Indien produziert Filmschönheiten wie andere Länder Autos. Nandita Das zählt zu den wenigen kritischen Schauspielerinnen. Sie spricht über das indische Schönheitsideal und sagt, worin sich die Halbgöttinnen unterscheiden.

Von Daniele Muscionico

Schönheit tröstet die Hoffnungslosen und speist die Hungrigen. Schönheit ist eine Ahnung vom Paradies. Doch wer als Frau dem indischen Filmstar Nandita gegenübersitzt, geht auf eine Höllenfahrt weiblicher Selbstzerfleischung: Weshalb glänzt meine Nase und ist mein Haar stumpf? Wenn ich jetzt den Mund öffne, werde ich grunzen oder quaken? Wie ein alter Kaugummi klebt der Körper auf dem Sessel, die Hände klammern sich wie steinzeitliche Werkzeuge an den Tisch, spatenförmig, schwer. Im selben Zimmer mit Nandita werde ich daran erinnert, was Schönheit ist. Doch nicht deshalb bin ich wütend. Ich bin es, weil ich sie darum beneide.

Nandita – diesen Sommer Jurymitglied der Filmfestspiele Cannes, als zweite indische Schauspielerin in 58 Jahren – ist mit dem Gottesgeschenk des Ebenmasses geboren. Perfekte Symmetrie von oben bis unten, zartgliederige Beschaffenheit allüberall, betörende Rehaugen und ein Lächeln, das die Himmel aufreisst. Mit ihrer Anmut beseelt die 36-Jährige das indische Kino.

Und dennoch könnte man Frauen wie Nandita in vielen Teilen des Landes finden. Genau das werfen ihr die Kritiker vor. Nandita besitzt kein ausgeprägtes Merkmal – keine mandelförmigen Augen wie Prynak Chopra, kein hauchdünnes Nasenbein wie Shabana Azmi, keinen einladenden Erdbeermund wie Aishwarya Rai. Doch Nandita als Everybody’s Darling zu bezeichnen, ist eine gefährliche Unterschätzung. Der Star wird aus gutem Grund im Westen als Ikone «jenseits von Bollywood» propagiert: Sie weigert sich, von Delhi nach Mumbai, dem Olymp der Filmgötter, umzuziehen. Sie scheut sich nicht, die Qualität indischer Kommerzfilme öffentlich in Frage zu stellen.

Auch in der Wahl ihrer Rollen geht sie ihren eigenen Weg. Sie spielt Frauenfiguren, die in Bollywood nicht vorkommen: das Vergewaltigungsopfer, die Witwe oder, schlimmer noch, die Lesbe in «Fire» ( 1996). In Zusammenarbeit mit der umstrittenen Regisseurin Deepa Metha gelang ihr mit diesem Film der Durchbruch. «Fire» erzählt die Geschichte zweier Frauen, die, unterdrückt von ihren Männern, ihre Liebe zueinander entdecken. In Indien löste «Fire» einen Sturm der Entrüstung aus. Doch das focht den Star nicht an.

Ebenso unerschütterlich beharrt Nandita auf einem andern Punkt, der ihr Äusseres betrifft. Denn es sind nicht nur die Körpermasse eines westlichen Models, die in Indien karriereförderlich sind. Die Schönheit einer Frau verhält sich proportional zur Helligkeit ihrer Haut. Nanditas Teint ist von einem Ton, neben welchem die in Hollywood akzeptierten Schauspielerinnen Aishwarya Rai und Mallika Sherawath als Albinos gelten könnten. Nur verständlich, dass Hollywood Nandita ins Register «dusky beauty» ablegt, versehen mit dem in diesem Zusammenhang wenig schmeichelhaften Zusatz «articulate» – kann sich gut ausdrücken.

«In Indien sind die meisten Frauen dunkel und leiden darunter. Wenn ich mit jungen Menschen spreche, ist ihre erste Frage: Wie hast du es mit deiner dunklen Haut zum Film geschafft? Maskenbildner versichern mir oft tröstend: Du brauchst nicht traurig zu sein, wir sorgen dafür, dass deine Haut vor der Kamera heller wirkt. Ich antworte dann: Ich bin nicht traurig, sondern glücklich, so auszusehen.»

Ihre Weigerung, für die Rolle von Upperclass-Figuren helles Make-up aufzulegen, führt manchmal dazu, dass sie nicht besetzt wird. Denn das westliche Schönheitsideal wird nicht nur auf Indiens Leinwänden, sondern auch auf den Strassen immer vorherrschender: Helle Haut und blondes Haar sind Statussymbole. Der Erfolg der Kosmetikprodukte «Fair and lovely – the miracle worker» ist dafür nur ein Beispiel. «Fair and lovely» sind Bleichungsmittel für die Haut und werden von Hindustan Lever, einer Tochter von Unilever, in 38 Ländern verkauft: «Entdecke deine hellere, glänzende Haut!» Bei täglicher Anwendung nach nur sechs Wochen. Verspricht die Werbung.

«Den Mädchen wird gesagt, wenn du einen guten Mann willst, wenn du einen guten Job willst, muss deine Haut hell sein. ‹Fair and lovely› kennt jedes Kind. Selbst in den ärmsten Dörfern, wo Menschen nicht lesen und nicht schreiben können, werden die Produkte benutzt. Meine Position in der Filmindustrie verstehe ich auch als Verpflichtung gegen diese Diskriminierung.»

Doch auch bei uns sind die Grenzen überraschend eng gezogen. Überraschend für einen indischen Star, der dafür bekannt ist, dass er für eine Rolle durchaus sein Haar opfert und den Schädel rasiert. «In Cannes sagte man uns, dass L’Oréal rund um die Uhr mit einem Team von Visagisten zur Verfügung stehe. Am ersten Tag rief ich sie an. Als sie kamen und sahen, dass meine Haut dunkel ist, erschraken sie. Sie hatten damit keine Erfahrung und auch keine entsprechenden Produkte dabei. Ich habe sie dann zum Entsetzen meiner Freunde rausgeschmissen und mich nur noch selber geschminkt.»

Dass Nandita ihre Gaben beim Film einsetzt, ist nichts Besonderes, Schönheit ist die erste Voraussetzung für den Erfolg indischer Actricen. Die allermeisten haben eine Laufbahn als Supermodel hinter sich: Tabu beispielsweise, die Susan Sarandon Bollywoods, ebenso wie Shabana Azmi, die Tante von Tabu, die als Schauspielerin auf der Leinwand genauso überzeugend wirkt wie als Politikerin im Parlament. Madhuri Dixit natürlich, die Nummer eins in Bollywood, und Aishwarya Rai («Bride & Prejudice»), die gewesene Miss World. In Dixit, ihrem populärsten Star, sehen die Inder die Wiedergeburt einer Filmikone aus den fünfziger Jahren, Madhubala. Dixit ist das Schönheitsideal junger Frauen, schwebt über dem Kontinent wie eine Halbgöttin, ihr Name ist ein Synonym für Reichtum und Glück.

Keine Kleinigkeit in einem Staat, der flächenmässig der siebtgrösste und mit einer Milliarde Einwohnern bevölkerungsmässig der zweitgrösste der Welt ist. Wer in Indien ein nationales Vorbild sein will, muss die Bengalen gleichermassen begeistern wie die Punjabis. Er muss ein Mythos sein jenseits ethnischer und kultureller Welten und verständlich in 700 Sprachen und Dialekten. Und dabei soll er vor allem sie erreichen: die 64 Prozent der indischen Bevölkerung, die Analphabeten sind.

Den Versuch, sich dem westlichen Schönheitsideal anzunähern, verkörpert auf ästhetisch tragikomische Weise, doch kommerziell überaus erfolgreich, die Schauspielerin Mallika Sherawat, das pseudokosmopolitische Gesicht der Traumfabrik Bollywood. Sie hat es geschafft, die übelsten Eigenschaften von Brigitte Bardot und Madonna in einem Körper zu vereinen, den sie wie eine Werbung für Silikon herumträgt. Als Sherawat mit ihrer bombastischen oberen Hälfte halbnackend in Cannes für ihren Film «The Myth» warb, erntete sie dafür in der indischen Presse harsche Kritik. Ihr Selbstbewusstsein blieb unerschüttert. Sie verwahrte sich dagegen, ihr Land zu repräsentieren, und schrieb in einem offenen Brief an die Medien, dass sie mit ihrem Auftritt «unerforschtes anthropologisches Territorium» erkunde.

Das indische Schönheitsideal ist brüchig, auch wenn sich um die Schönheit indischer Frauen noch immer ein Mythos webt. Nandita sagt: «Früher sollten Frauen dem Körperideal der Göttinnen entsprechen, die wir in den Tempeln verehrten: weiche, runde, üppige Wesen. Heute gehen auch bei uns Schauspielerinnen so weit, dass sie ihren Körper mit Hilfe der Chirurgie westlichen Standards angleichen. Fettgewebe an den Oberschenkeln entfernen, zum Beispiel. Das gibt öffentlich niemand zu. Doch früher verstanden wir unter Schönheit etwas anderes: Würde, Anmut, Grazie, Güte und Weiblichkeit. Wenn heute eine indische Frau als schön bezeichnet wird, meint man damit sexy oder smart.»

Sich selbst als schön zu bezeichnen, verbietet ihr die Erziehung. Sie ist in einem modernen und überdurchschnittlich liberalen Haushalt in Delhi aufgewachsen. Ihr Vater, Jatin Das, ist einer der herausragenden zeitgenössischen Maler und Kunstsammler des Landes, der sich neben seiner künstlerischen Tätigkeit für den Erhalt des traditionellen Handwerks engagiert. Jatin ist verheiratet mit der anerkannten Schriftstellerin und Verlegerin Varsha Das.

«Wir haben materiellen Dingen nie Bedeutung beigemessen. Mein Vater glaubte, Geld muss in Bewegung sein, es kommt und geht. Er erzog uns, bescheiden, natürlich und ehrlich zu sein. Wichtig war, dass wir nur Baumwolle trugen, denn das ist ein Naturprodukt und stammt aus unserem Land. Ich versuche, einfach zu leben. Mein Mann und ich beschäftigen nur eine Hausangestellte. Sie lebt in unserem Haus und isst dasselbe Essen wie wir. Sie ist ein einfaches Mädchen, kann nicht lesen und schreiben. Aber sie kann Telefonanrufe entgegennehmen – ich habe ihr beigebracht, Mitteilungen in Zeichen aufzuschreiben. Ich vertraue ihr. Und wenn ich spät nach Hause komme, rufe ich sie an und erlaube ihr, dass sie vor uns isst.»

Wird sich ein reicher indischer Mann wie im Westen vorzugsweise mit einer schönen Frau liieren? Er wird es wohl versuchen. Und wer als Frau schön ist, kann, wie im Westen, durchaus einen höheren Status für sich geltend machen. «Natürlich kommt es immer häufiger vor, dass eine wunderschöne Frau einen reichen Mann wählt, um ihr soziales Standing zu verbessern. Und wieso nicht? Denn viel öfter ist es noch immer so, dass sich ein Reicher ein junges, hübsches Mädchen holt, um sich mit ihm zu zeigen und an Parties aufzufallen.»

Als Nandita vor drei Jahren Soumya Sen, einen Boss der internationalen Werbeagentur Ogilvy & Mather, heiratete – sie wählte ihn, nicht umgekehrt –, hat sie einem äusserlich durchaus durchschnittlichen Mann den Vorzug gegeben. «Er ist nicht besonders muskulös und hat keinen V-förmigen Oberkörper. Vielleicht sollte er tatsächlich öfter ins Fitnessstudio gehen, wie er glaubt. Jedenfalls hat er ein sehr hübsches Lächeln.»

Und so ist es in Indien wie überall: die wahre Mitgift der Frauen ist die Selbständigkeit. Doch die allerwenigsten sind in einem Masse zur Unabhängigkeit erzogen worden wie Nandita. Eine arrangierte Heirat hat es in ihrer Familie nicht gegeben, solange man zurückdenken kann. Und dennoch: als Nandita in Delhi ohne Trauschein mit einem Franzosen zusammenlebte, sorgte das für Stirnrunzeln in der Nachbarschaft. Selbst Nanditas Freundinnen rümpften die Nase. «Mein Auftritt in Cannes wurde in den indischen Medien gefeiert. Ich sei wunderschön, grossartig, repräsentiere Indien auf eine vollkommene Weise. Sie lobten mich aber nicht für meine Ansprachen oder für mein Engagement. Sie waren stolz auf mich, weil ich einen Sari trug.»

Daniele Muscionico ist Kulturredaktorin der NZZ.


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