NZZ Folio 06/96 - Thema: Vom Reisen   Inhaltsverzeichnis

Fly away

Über die Normalität des Anomalen.

Von Martin Suter

ZEHNTAUSEND METER über dem Atlantik fliegt eine DC-10 Richtung Alte Welt, links die Sonne, rechts der Mond.

Es ist Tag und Nacht. Die unruhige Frau auf A 10 hat das Rollo halb geöffnet und stiert auf die graue Suppe unter ihr. Ein paar Passagiere schlafen, ein paar tun als ob, ein paar haben das Nachtlämpchen an und lesen. Der dicke Mann auf D 12 (Aisle) zum Beispiel «Training your Dog. The Step-by-Step Manual».

Auf J 9 drückt jemand Dellen in seine halbleere Bierdose. «Plop» - «Plop».

Eine kleine Unruhe in Reihe 11. Der Mann im Mittelsitz stemmt sich hoch und versucht, über die ausgestreckten Beine von F 11 zu klettern (halboffener Mund, verrutschte Schlafbrille, Kopfhörer), ohne ihn zu wecken. Es gelingt ihm beinahe. Der rechte Fuss steht schon auf dem Gang, und er hat seinen Oberkörper ohne Körperkontakt zwischen dem Schläfer und der ganz nach hinten geklappten Rücklehne des Vordersitzes vorbeibalanciert, aber beim Nachziehen des linken Fusses bleibt er im Kabel des Kopfhörers hängen.

«Hehe!» brummt der Schläfer.

«Pardon», flüstert der Störer. Dann geht er unsicher die paar Schritte bis zur Toilette.

Ein paar Passagiere sind aufgewacht und schauen dem Störer nach. Ein zerknitterter Hemdzipfel hängt ihm aus der Hose. Er kämpft kurz mit der Falttüre, bekommt sie auf und geht hinein. An der Decke über dem Gang flammt ein Licht auf: «Occupied».

Ein paar Aufgewachte versuchen, wieder einzuschlafen, die andern, nicht auf die geschlossene Toilettentür zu starren und zu warten, bis der Mann mit dem Hemdzipfel wieder herauskommt. Oder ohne.

Zehntausend Meter über dem Atlantik fliegt eine DC-10 Richtung Alte Welt, links die Sonne, rechts der Mond, und in einer ihrer Toiletten steht ein Mann. Oder sitzt.

Über B 13 ist ein Lämpchen angegangen. Jetzt brennt es erwartungsvoll vor sich hin, einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig, und lenkt ab vom «Occupied» über dem rechten Gang.

«Plop» macht die Bierdose auf J 9.

Der Vorhang am Ende des linken Ganges bewegt sich, und jemand linst in die Business Class wie der Direktor eines Provinztheaters in den Zuschauerraum. Dann schlüpft eine Flight Attendant herein und geht auf das Lichtlein über B 13 zu. Sie bleibt stehen. Sie beugt sich hinunter. Ein leiser Wortwechsel. Das Lichtlein geht aus. Die Attendant geht zum Ende des Ganges. Vorhang.

Die Ruhelose auf A 10 zieht das Rollo herunter. Alles dunkel. Alles ruhig. Nur das Licht des «Occupied».

Plötzlich ein Gong. Das Fasten-Seatbelt-Zeichen leuchtet auf, und das Flugzeug beginnt zu bocken. Ein paar Schnallen schnappen zu.

Wer nicht schläft und wer ihn nicht vergessen hat, ist jetzt in Gedanken beim Mann in der Toilette. «Return to seat», befiehlt ihm dort drinnen eine Leuchtschrift. Man wird sehen.

Vorhang. Die Attendant kommt mit einem Glas Mineralwasser, schon eingeschenkt wegen der Turbulenzen, und bringt es B 13. Auf dem Rückweg wird sie von D 10 angehalten. Sie beugt sich zu ihr hinunter, hört zu, nickt. «Occupied» verlöscht. Die Tür geht auf, und der Mann von Reihe 11 (Mittelsitz) tritt betont unbefangen heraus. Als er an H 9 vorbei ist, dreht dieser sich um und konstatiert: der Hemdzipfel hängt nicht mehr aus der Hose. Im Gang bleibt ein Duft von Erfrischungstüchlein zurück.

F 11 hat den Kopfhörer abgelegt, die Schlafbrille auf die Stirn geschoben und schläft wieder. Der Mann aus der Toilette entscheidet sich für den körperzugewandten Wiedereinstieg. Er stützt sich mit je einer Hand auf die Armlehnen des Schläfers, der in diesem Augenblick erschrocken die Augen aufschlägt und den fremden Mann über sich sieht.

«Hehe!»

«Pardon.»

Der Mann ohne Hemdzipfel klettert weiter und setzt sich auf den Kopfhörer von F 11. Dann schnallt er sich an. Das Fasten-Seatbelt-Zeichen erlischt.

Alles in Ordnung. Alles normal.

Ausser, dass man sich zehntausend Meter über dem Atlantik befindet, links die Sonne, rechts der Mond. Ausser, dass man mit wildfremden Menschen in einem künstlich unter Druck gehaltenen Raum die Nacht verbringt. Ausser, dass soeben einer bei über tausend Kilometern pro Stunde auf der Toilette gesessen hat.

Ausser, dass das Ding fliegt.

Nichts ist in Ordnung, und nichts ist normal. Alle wissen es, aber niemand gibt es zu. Das Verkehrsmittel Flugzeug existiert nur dank einer weltweiten Verschwörung zur Vorspiegelung von Normalität während einer absoluten Extremsituation. Ohne sie würde kein normaler Mensch jemals ein Flugzeug betreten.

Und an dieser Verschwörung nehmen alle teil. Die unruhige Frau auf A 10, die auf die Suppe unter ihr stiert und vorgibt, nicht damit zu rechnen, jede Sekunde wie ein Stein mitten in sie hineinzuplatschen. Der dicke Mann auf D 12 (Aisle) mit dem Hundetrainings-Manual, der so tut, als ob er sich nicht bange fragen würde, ob er jemals wieder auf sicherem Boden mit seinem Golden Retriever «Stand-Stay», «Sit and Down» und «Down-Stay» werde trainieren können. Der Mann auf J 9, der Dellen in seine halbleere Bierdose drückt, anstatt das wahrscheinlich letzte Sixpack seines Lebens zu zischen. Der Mann auf F 11, der sich schlafend stellt, anstatt mit weit aufgerissenen Augen kerzengerade im Sessel zu sitzen. Und der Mann mit dem Hemdzipfel, der einen normalen Stoffwechsel simuliert.

Alle sind sie Mitverschwörer und Opfer zugleich. Denn sie befinden sich in einem Zustand der Normalität, der einzig und allein dadurch entsteht, dass alle, die daran teilhaben, ihn vortäuschen.

Sie haben gelangweilt ihr Handgepäck nach Bomben durchleuchten lassen und gelassen zugeschaut, wie das Handgepäck der Mitpassagiere ebenfalls nach Bomben durchleuchtet wurde. Sie haben sich mit der grössten Selbstverständlichkeit nach Handfeuerwaffen, Splittergranaten, Plasticsprengstoff und Stellmessern abtasten lassen. Und sie haben dem Sicherheitspersonal bereitwillig bewiesen, dass ihr Laptop ein Laptop ist und keine Höllenmaschine. Und sie selber normale Passagiere sind und keine Selbstmordattentäter. Sie haben sich blindlings durch ein Fingerdock schleusen lassen, direkt in das Innere dieser Kiste, die sie angeblich über den Atlantik bringen soll, ohne die geringste Chance, einen Blick von aussen darauf werfen zu können. Ohne sich versichern zu können, dass sie keine klaffenden Löcher aufweist oder Öllecks oder platte Reifen, die von unausgeschlafenen, verkaterten, frischgehörnten, unterbezahlten Wartungsleuten übersehen worden sind.

Sie haben dem Kabinenpersonal beiläufig die Boarding Cards zu den Mänteln und Jacketts ausgehändigt, damit sie leichter zu finden seien. «Nach der Landung.» Sie haben ihre Orangensäfte und Champagnerflûtes vor dem Start als «Welcome», nicht als «Farewell Drinks» getrunken. Sie haben sich die Lage der NOTAUSGÄNGE erklären lassen, die Handhabung der SAUERSTOFFMASKEN, die korrekte Stellung bei NOTLANDUNGEN, den Trick, wie sie die SCHWIMMWESTE im eiskalten Atlantik selber aufblasen können, falls sie das nicht automatisch getan hat. Alles ohne zu schreien und darauf zu bestehen, augenblicklich, aber au-gen-blick-lich! rausgelassen zu werden.

Sie haben gelesen, als die Maschine zur Startbahn rollte, und kaum aufgeblickt, als sie Anlauf nahm, Anlauf nahm, Anlauf nahm und in Zeitlupe dann doch noch irgendwie vom Boden loskam und eine Schrekkenssekunde lang fast stehenblieb, wie wenn sie es sich doch noch einmal überlegt hätte, und dann doch in den Abendhimmel über New York vibrierte. Sie haben sich, als sie dabei einen kurzen Herzaussetzer hatten, mit einem Seitenblick zum Sitznachbarn versichert: Der liest auch. Alles in Ordnung. Alles normal. Und als die wider alle Gesetze der Schwerkraft immer noch fliegende Kiste sich an ihrem akustisch kritischsten Punkt befunden und die dünne Illusion der Normalität nun doch zu platzen gedroht hatte, hatte your Captain instinktsicher die Initiative ergriffen, mit einem GONGSCHLAG die Nichtraucherzeichen gelöscht und das Kabinenpersonal losgeschickt, ein paarmal zwanglos die steilen Gänge raufzustapfen und runterzutrippeln. Von da an hatten sie sich ganz der Vorspiegelung von Normalität durch das Personal hingegeben. Das hat ab sofort konsequent nur noch Dinge getan, die man in Situationen, die auch nur im geringsten von der Normalität abweichen, niemals tun würde.

Oder würde ein vernünftiger Mensch steril verpackte Kopfhörer und Wolldecken verteilen, falls er auch nur im entferntesten ernsthaft damit rechnete, dass deren Empfänger deren Gebrauch nicht mehr erleben würden? Würde er auch nur eine Sekunde damit verschwenden, sich zu erkundigen, ob man seine Bloody Mary mit dem Bloody-Mary-Mix nehme oder mit dem normalen Tomatensaft, Salz, Pfeffer, Tabasco, Worcestershire Sauce, wenn auch nur theoretisch die Möglichkeit bestünde, dass jederzeit die Sauerstoffmasken herunterbaumeln?

Noch bevor your Captain hatte ankündigen können, man habe jetzt die Cruising Altitude von unnatürlichen zehntausend Metern senkrecht über dem Atlantischen Ozean erreicht, hatte die Cabin Crew die Prioritäten neu gesetzt gehabt. Man hat sich jetzt mit der Frage befasst, ob man sich für die kalorienarme Vorspeise entscheiden, dafür aber jetzt noch schnell einen Gin Tonic kippen soll, und ob man jetzt zur Toilette soll, wo sie frei war und das Tischchen noch in der Armlehne verstaut. Oder erst später, wenn man musste, aber die Filme begannen. Bis ins letzte Detail war die Normalität beschworen worden. Bis in die Speisenzusammenstellung: trockenes Kalbssteak, mehlige Erbsen, verdorrter Kartoffelstock, Kaffee wie verbrannter Gummi - würde eine solche Mahlzeit serviert, wenn auch nur das geringste Risiko bestünde, dass es die letzte wäre?

Bis in die Bordunterhaltung: Müssten wir uns allen Ernstes mit der Frage beschäftigen, ob Emma Thompson Hugh Grant kriegt, wenn es möglich wäre, dass es die letzte ist, die sich uns stellt?

Zehntausend Meter über dem Atlantik fliegt eine DC-10 Richtung Alte Welt, links die Sonne, rechts der Mond und innen 247 normale Menschen.

Sie sagen sich, zwei, drei, fünf, schlimmstenfalls zehn menschliche Wesen würden gemeinsam Kopf und Kragen riskieren. 247 menschliche Wesen nicht. Wenn 247 menschliche Wesen, sagen sie sich, gemeinsam was auch immer besteigen, um damit wie hoch und schnell auch immer wohin auch immer zu fliegen, dann muss das etwas sehr Normales sein. Je mehr das tun und je öfter sie es tun, desto unwahrscheinlicher ist es, dass es sich dabei um etwas Abnormales handelt. Dadurch, dass viele Leute gemeinsam Flugzeuge besteigen, erreichen sie, dass viele Leute gemeinsam Flugzeuge besteigen.

Zehntausend Meter über dem Atlantik fliegt eine DC-10 Richtung Alte Welt, links die Sonne, rechts der Mond und innen 247 Menschen, von denen keiner hier sitzen würde, wenn die andern nicht hier sitzen würden.

Alles in Ordnung. Alles normal.

Martin Suter, Schriftsteller, lebt in Ibiza und Guatemala.


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