NZZ Folio 01/07 - Thema: Schmerz   Inhaltsverzeichnis

Schlagschatten -- Heinrich, Wegbereiter der Welteroberung

© Angelo Boog
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Von Wolf Schneider
Was geht uns ein portugiesischer Prinz namens Heinrich an, den sie den «Seefahrer» nennen, Dom Henrique o Navegador – obwohl er nie das Meer befahren hat? Er ist eine Schlüsselfigur der Weltgeschichte. Er war es, der die Portugiesen hinaus auf nie zuvor befahrene Meere jagte, «por mares nunca de antes navegados» (nach dem Heldenepos des Camões) – bis sie, ausgerechnet dieses kleine Volk im fernen Europa, für ein Jahrhundert alle Küsten des Indischen Ozeans beherrschten und so für fast ein halbes Jahrtausend die europäische Hoheit über den Rest der Welt begründeten.

Unter Heinrichs überlebensgrossem Denkmal am Tejo in Lissabon ist eine Weltkarte ins Strassenpflaster eingelassen, mit den Jahreszahlen, wann und wo portugiesische Karavellen, diese Nussschalen von höchstens 70 Tonnen, bei ihrer Sturmfahrt um die halbe Erde landeten: 1492 in Grönland, 1498 in Indien, 1500 in Brasilien, 1513 in China, 1543 in Japan. Bis zu zwei Jahre waren sie unterwegs, kaum die Hälfte der Schiffe kehrte nach Lissabon zurück. Und 340 Mal so gross wie Portugal ist Afrika, das sie umrundeten.

Ja, Dom Henrique war da lange tot, schon 1460 war er gestorben. Aber alle Pläne hatte er gemacht, die Erschliessung der Erde vorab in seinem Kopf vollzogen, die Tore aufgestossen, das Ziel gesteckt: Das Meer wird portugiesisch! Einen ungeheuren Aufwand an Wissenschaft hatte er betrieben und eine unvergleichliche Fähigkeit, Menschen zu begeistern, an den Tag gelegt.

Dies schon seit 1419: Da war Heinrich, der dritte Sohn des Königs, 25 Jahre alt,

an die äusserste Südwestspitze Europas gezogen, auf die stürmische Halbinsel Sagres, die den Römern als das Ende der Welt gegolten hatte. Forschungsstätten, Vorratshäuser, ein Observatorium liess er dort errichten, Kartographen, Astronomen, Schiffsbauer rief er herbei, Spanier, Italiener, Araber und Juden. Seekarten und Chroniken liess er durchforsten. Alle Kapitäne hatten exakte Logbücher zu führen und sich nach grosser Fahrt in Sagres zum Rapport zu melden.

So entstand zum ersten Mal ein leidlich korrektes Bild der bekannten Küsten der Erde – das Rüstzeug, mit dem die unbekannten Teile dieser noch nie umfahrenen Welt erschlossen werden sollten. Dass sie eine Kugel ist, hatte schon Ptolemäus im 2. Jahrhundert n. Chr. gelehrt; bewiesen war das nicht – und so erschien, hundert Jahre vor Kopernikus, nicht das Weltall als der Inbegriff der Unendlichkeit, sondern die Erde selbst.

Das grösste Hindernis für Heinrichs Pläne war ein unscheinbarer Punkt an der Nordwestküste Afrikas: Kap Bojador. Die Kapitäne weigerten sich, über dieses Kap hinaus nach Süden zu fahren. Hatte doch Aristoteles gelehrt, zwischen den Wendekreisen werde alles Leben von der Sonne versengt – und der nördliche Wendekreis verläuft knapp hinter Kap Bojador! Gab es nicht Gerüchte, im Süden koche das Meer, oder es sei ein salziger Brei, den ein Schiff nicht mehr zerteilen könne? Und die Sonne brenne alle Weissen zu Schwarzen?

Angst durfte man wahrlich haben. Aber warum heftete sie sich gerade ans Kap Bojador? Weil es da Sandbänke und Riffe gibt, Brecher, Strudel und bei Ostwind eine Wolke von rotem Saharasand, die sich, mit Nebel vermischt, zu einer finsteren Mauer verdichten kann.

Nichts also war für Heinrich wichtiger, als den Bann von Kap Bojador zu brechen. 1422 schickte er zum ersten Mal eine Flotte los – sie kehrte um. Jahr um Jahr wiederholte sich das, fünfzehnmal

in dreizehn Jahren. Die gescheiterten Kapitäne empfing Heinrich «mit grosser Geduld, ohne sie je für ihr Unvermögen zu tadeln», wie es in einer Chronik hiess.

Im zwölften Jahr ernannte er seinen Schildknappen Gil Eanes zum Kapitän des nächsten Schiffes, und auch der kehrte um, «von gleicher Angst befallen». 1434 startete Eanes zum zweiten Mal, und diesmal überlistete er das Kap der Finsternis: Mit seinem Zweimaster segelte er von der Küste weg nach Westen, dann nach Süden, dann nach Osten zurück – und merkte, dass das Kap hinter ihm lag.

In Sagres wurde Gil Eanes im Triumph empfangen. Das Meer entzaubert, die zähe Strategie belohnt! Vielleicht war dieses Jahr 1434 eine ähnliche Zäsur in der Geschichte wie das Jahr 1969, als der erste Mensch einen anderen Himmelskörper betrat, den Mond: Das Weltmeer steht uns offen, auf Erden gibt es keine Schranken! Die Kapitäne mussten das natürlich strikt verschweigen. Nur Abschreckendes berichten! ordnete Henrique an. Sonnenglut verbrennt die Schiffe! Durch eine einzige Reise werden alle Haare grau! So fuhren die Portugiesen voran.

Heinrich der Seefahrer, ein athletischer Mann mit schwarzer Mähne, ein Asket im Büsserhemd, den Frauen ebenso abhold wie dem Alkohol, starb 1460, nach 41 Jahren im Dienst des kommenden portugiesischen Triumphs. 28 Jahre später war die Südspitze Afrikas umsegelt, 1498 der Seeweg nach Indien entdeckt – der, den Kolumbus für Spanien suchte und nie gefunden hat. Portugiesisch sprechen heute 180 Millionen Brasilianer.

Wolf Schneider ist Schriftsteller und lebt in Starnberg (D).




Leserbriefe:

Zu Schlagschatten -- Heinrich, Wegbereiter der Welteroberung - NZZ-Folio Schmerz (01/07)

Zu der Zeit war Zeng He, der Chinese, schon laengst unterwegs! 1421 hat er die ganze Welt umsegelt. Auch die Suedspitze.
Charlotte Woerner, Ubud (Bali)



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