WER HUNTINGTON BEACH als seine Wohnadresse nennen kann, hat es zu etwas gebracht im Leben. Der Ort liegt, wie sein Name es erahnen lässt, am Meer; am Pazifischen Ozean, südlich von Los Angeles. Huntington Beach ist Teil des Bezirks Orange County, wo bis vor einer Generation noch Orangenplantagen sich erstreckten und Walt Disney freien Platz für seine Vision einer heilen und lustigen Welt fand. Seither hat sich die Bevölkerung vervielfacht, einen Flickenteppich aus Einfamilienhäusern, Tankstellen und Shopping-Center entstehen lassen, durchsetzt von Flugzeugwerften, High-Tech-Industrien und Dienstleistungspalästen und zusammengehalten mit einem Netz von Freeways, wie die bis zu 18 Spuren breiten Autobahnen hier heissen. Orange County wuchs zum Giganten und überholte, gemessen an seiner Wirtschaftskraft, bereits Anfang dieses Jahrzehnts Länder wie Österreich, Argentinien oder Dänemark.
Urbanisten gerieten sich ob der neuen Umgebung in die Haare. War hier nun über Nacht eine der weiteren Vorstädte von Los Angeles entstanden? Leben die bald drei Millionen Leute in Orange County in Suburbia, Post-Suburbia oder Technopolis? «Es ist fast so, als ob die Stadt zur Feier des Milleniums wieder erfunden worden wäre», schreibt Edward W. Soja, der Orte wie Orange County als Exopolis bezeichnet, als Städte, die eigentlich gar keine sind.
Wie recht er doch hat. Orange County hat weder ein Zentrum noch eine Peripherie. Auch keine Geschichte, was allerdings in den USA nichts heissen will. Dafür einen internationalen Flughafen, benannt nach einem Helden unserer Zeit: John Wayne. Gebe er, der unermüdliche Kämpfer für amerikanische Werte im Solde Hollywoods, den Bewohnern der Exopolis dieses eine Gefühl, nach dem sie sich so bitter sehnen: «A great hometown spirit» - ein Heimatgefühl.
«Melden Sie sich einfach am Tor. Unser Code ist 43», sagte Cathy am Telefon, nachdem sie den Weg von Los Angeles bis Huntington Beach akkurat beschrieben hatte. Ein Katzensprung nur, kaum eine Stunde Fahrt. Cathy lebt mit ihrem Mann und drei Kindern seit neun Jahren an dieser guten Adresse, und zwar nicht in irgendeinem Quartier, sondern in einer abgeschlossenen Siedlung, «gated community» genannt. Dass sich ein Europäer für diese Wohnform interessiert, gar darüber berichten will, wunderte Cathy am Telefon. Doch zum Freund eines Freundes ihrer besten Freundin habe sie genügend Vertrauen, um ihm Red und Antwort zu stehen.
Das mit dem Code klappte beim erstenmal nicht so ganz im Sinne des Erfinders. Cathys Wohnort ist von einer übermannshohen Mauer umgeben, hinter der nur die Dächer der Siedlung, Huntington Court, zu erkennen sind. An der Zufahrt dann wie erwartet ein automatisches massives Gittertor. In etwa zehn Meter Abstand eine Gegensprechanlage, wo sich der Code eintippen lässt. Weit und breit kein Mensch. Tatsächlich: Das schwere Tor öffnet sich. Ein paar Schritte zurück zum korrekt parkierten Auto, Zündschlüssel suchen, Motor anstellen, Automatik auf Drive - offensichtlich zuviel der Umstände. Denn so geisterhaft, wie es sich geöffnet hat, schliesst sich das Tor wieder, und wir stehen immer noch davor. Hinter uns ein Truck mit aufgeladenem Rasenmäher, offenbar ein Gärtner, der auch Einlass begehrt. Wir machen ihm Platz. Er, der Routinier, tippt den Code ein und fährt, ohne eine Sekunde zu verlieren, locker durch. Wir haben begriffen und hängen uns dem nächsten Besucher an die Fersen. Das Tor lässt also auch zwei Wagen durch, ohne dass gleich Alarmsirenen gellen würden.
«Wir wiegen uns hier in falscher Sicherheit», sagt Cathy in ihrer geräumigen Wohnküche. Dem Eingangstor spricht sie eher symbolische Bedeutung zu, vor Kriminellen seien die 70 Häuser in Huntington Court keineswegs gefeit. Die meisten ihrer Nachbarn hätten darum eine Alarmanlage installiert. Davon will die resolute vierzigjährige Hausfrau indianischer Abstammung aber nichts wissen. In dieser abgeschlossenen Welt grassiere ein kollektiver Verfolgungswahn, meint sie. Sie kennt zwar die nationale Mordstatistik, die für das vergangene Jahrzehnt 200 000 Mordopfer auflistet, beinahe viermal so viele tote Amerikaner wie in zehn Jahren des Kriegs in Vietnam. Doch sie weiss auch, dass laut andern Erhebungen Huntington Beach zu den sichersten Orten der USA zählt, egal ob ein Quartier nun eingezäunt ist oder nicht.
Alten Bekannten gegenüber schämt sich die in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsene Cathy, ihren Wohnort zu nennen. Der soziale Aufstieg ist ihrer Familie fast in den Schoss gefallen. Das Einkommen ihres Ehemannes, Inhaber eines Malergeschäfts, liess im aufblühenden Orange County nichts zu wünschen übrig. Dank enormer Bodenpreissteigerung lösten sie für ihr erstes bescheidenes Haus in Orange County einen phantastischen Verkaufspreis und konnten sich vor neun Jahren im eben errichteten Huntington Court für 385 000 Dollar eine Villa mit vier Schlafzimmern, drei Bädern und einer Garage für drei Autos erstehen. Den Garten hinter dem Haus füllt ein Swimmingpool mit Jacuzzi. Monatlich bezahlen sie sechzig Dollar an die Vereinigung der Hausbesitzer von Huntington Court, der alle Eigentümer zwangsweise angeschlossen sind.
Die Vereinigung ist verantwortlich für den Unterhalt der Strassen innerhalb der Siedlung, die Umfassungsmauer und das Eingangstor. Weiter wacht sie über die Einhaltung eines 55seitigen Vertrags, den alle Eigentümer in der Siedlung unterzeichnet haben. Und der hat es in sich; Hausordnungen schweizerischer Genossenschaftssiedlungen oder Schrebergarten-Ordnungen lesen sich im Vergleich damit wie anarchistische Pamphlete. Nichts, aber auch gar nichts, das in Huntington Court nicht bis ins letzte Detail geregelt wäre. Die Farbe der Haustüre, jeder Busch oder Gartenzaun im Vorgarten bedarf einer Bewilligung. Garagentüren haben allzeit geschlossen zu sein, Autoreparaturen dürfen nicht vor dem Haus ausgeführt werden, Ölflecken auf der Hauseinfahrt sind unverzüglich zu entfernen, Wohnmobile dürfen nicht vor dem Haus parkiert, Kehrichtkübel müssen sofort nach der Leerung weggeräumt werden. Basketball in der Garageeinfahrt ist verboten. Wäsche darf im eigenen Garten nur so aufgehängt werden, dass sie der Nachbar nicht sehen kann.
Ein aus sechs Hausbesitzern zusammengesetztes, von den übrigen Eigentümern gewähltes Komitee wacht über die Einhaltung der Regeln. Anfänglich offenbar zur Zufriedenheit aller, berichtet Cathy. Es gab Zusammenhalt, und man feierte gemeinsam den 4. Juli, den amerikanischen Nationalfeiertag. Heute sei es schwierig geworden, Freiwillige für das Komitee zu gewinnen. Denn beliebt macht man sich in dieser Funktion nicht. Seit Jahren bereits registriert eine im Komitee sitzende Nachbarin minuziös sämtliche Vertragsverstösse der Bewohner auf ihrem Computer; eine Art Blockwartin aus Berufung. Es ist die Nähe zum Strand und zu den Schulen der Kinder, die Cathy und ihren Mann in Huntington Court bleiben lässt. Scheidungen haben die befreundeten Familien, derentwegen sie ursprünglich hierhergezogen waren, auseinandergerissen und versprengt. Neu gekommen sind gut verdienende, berufstätige Paare - Ärzte und Juristen -, die sich die mittlerweile über 600 000 Dollar teuren Häuser leisten können. Mit ihnen hat Cathy kaum Kontakt. Würde sie, falls sie einmal von hier wegzieht, wieder in einer umzäunten, privat verwalteten Siedlung wohnen wollen? «Vielleicht schon», sagt sie, «man gewöhnt sich daran.» COMMON INTEREST DEVELOPMENT heissen in den USA die privaten Siedlungen, ob umzäunt oder nicht. Sie gelten als die Wohnform der Zukunft: Zu Beginn der sechziger Jahre waren es noch kaum 500, im Jahr 1992 bereits 150 000. Derzeit dürften gegen 30 Millionen Amerikaner in Privatsiedlungen wohnen, davon etwa 4 Millionen in umzäunten. Ein Grund für diesen Boom ist die in den USA bereits seit den siebziger Jahren grassierende Finanzknappheit der öffentlichen Hand. Ganz oder beinahe bankrotte Stadtverwaltungen überall im Land waren nur allzu gerne bereit, privaten Unternehmern Infrastrukturaufgaben im Siedlungsbau zu überlassen. Nichts Aussergewöhnliches in einem Staat, wo die Pflege des wohl wichtigsten öffentlichen Guts - der Freeways - längst privaten Sponsoren überlassen wurde. Öffentlicher Raum war in der Diskussion amerikanischer Städteplaner zwar immer ein Thema, aber ein reichlich exotisches; beschrieben etwa von der Urbanistin Jane Jacobs wie ein fremdes Tier aus einem fernen Erdteil.
New York mit seinem Central Park inmitten von Wolkenkratzern bildet in der Geschichte amerikanischer Stadtentwicklung die Ausnahme. Urbild häuslichen amerikanischen Glücks ist die alleinstehende Blockhütte, die mittlerweile zum Einfamilienhaus mit Swimmingpool und Vorgarten mutiert ist. Eine Main Street oder ein Broadway als Zentrum genügte den Ansprüchen an Urbanität. Kein Wunder, dass städtebauliche Konzepte von Utopisten wie Ebenezer Howard und Frank Lloyd Wright in den USA auf fruchtbaren Boden fielen: Ihnen schwebte das Paradies in Form einer dezentralisierten Gartenstadt vor, leicht und luftig, ein Kontrast zu den russgeschwärzten europäischen Fabrikagglomerationen des industriellen Aufbruchs. Howards gegen Ende des letzten Jahrhunderts formulierte Vision sieht einheitlich gebaute Modellstädte vor, politisch und wirtschaftlich kontrolliert von ihren Bewohnern, verwaltet von Technokraten in einer neuen Zivilisation, deren Antriebskraft nicht Eigeninteresse, sondern Dienst am Gemeinwohl ist.
Howards Utopia ist heute x-fach gebaut. Nicht Träumer und Phantasten haben die Idee aufgegriffen, sondern private Investoren. Doch würde Howard in Amerikas derzeit grösster privat verwalteter und eingezäunter Stadt seine philanthropischen Ideen wiedererkennen? CANYON LAKE, SO HEISST DER ORT, der in den sonnenverbrannten Hügeln auf halbem Weg zwischen Los Angeles und San Diego liegt. «Canyon Lake - a bit of paradise» lautet der Slogan seiner Promotoren. Auf der Suche nach diesem «Teil des Paradieses» fährt der Ortsunkundige erst einmal daran vorbei und wendet seinen Wagen kurz vor Sun City, der nächsten grösseren Stadt in der Gegend. Also doch: Die Strassenkreuzung mit Motel, Tankstelle, einem mexikanischen Restaurant und den paar Geschäften, das muss es sein. Wo aber ist der See, der laut Eigenwerbung als Mekka für Wasserskifahrer über eine Uferlänge von 24 Kilometern verfügen soll? Erst jetzt fällt eine weitere Strasse auf, die zu einem Kontrollposten führt, eingelassen in eine Mauer, hinter der Hausdächer und Baumkronen menschliche Besiedlung vermuten lassen. Wie naiv zu meinen, der Weg ins Paradies sei beschildert.
Nicht Petrus und seine Engel wachen am Eingang, sondern uniformierte Angehörige der Sicherheitsfirma Wells Fargo, einer in den USA nicht minder traditionsreichen und respektablen Institution. Sie registrieren den fremden Besucher, der, um überhaupt Einlass zu erhalten, sich vorgängig bei den Stadtbehörden angemeldet hat. Stadtbehörden? Eigentlich nicht. Verwaltet wird Canyon Lake von der Eigentümervereinigung, dem Zusammenschluss der gegenwärtig rund 4000 Bodenbesitzer. Die Körperschaft verfügt über ein Jahresbudget von acht Millionen Dollar und beschäftigt gegen hundert Personen. Daneben existiert als politische Behörde eine Stadtverwaltung, zusammengesetzt aus vier Angestellten.
«Ich bin seit 20 Jahren nun in dieser Industrie», sagt Bill Hallman, der Direktor der Eigentümervereinigung, und meint damit die Verwaltung privater Gemeinden. Er ist von dieser Siedlungsform überzeugt und bezeichnet sie als die Rückkehr zu einer Lebensart, die wir alle wollen. «Community» im Sinne einer Gemeinschaft erhalte in Canyon Lake wieder die ursprüngliche Bedeutung.
Hallmans markiger Optimismus bleibt unwidersprochen. Sein Büro liegt im dunklen Untergeschoss von Elinore's Lodge, einem Restaurant mit Bankettsaal, dem einzigen allgemein zugänglichen Lokal innerhalb der Mauern; Läden oder andere Geschäfte sind nur ausserhalb der Umzäunung erlaubt. Ursprünglich waren die Räume im Untergeschoss für die Jugend vorgesehen gewesen, mit einem Billardtisch und was eben in so Lokalen dazugehört. Die Jugend aber trug dem Raum keine Sorge, die Einrichtungen vergammelten. Als dann die ersten Graffiti auftauchten, schritt die Vereinigung ein, verriegelte die Tür und beanspruchte schliesslich den Raum für sich. Denn die Verwaltung von mittlerweile 12 000 Einwohnern erforderte Büroraum.
Nicht an die Jugend, sondern an Pensionäre und Weekend-Freuden dachte die private Investitionsfirma im Oktober 1967, als sie knapp neun Quadratkilometer karges, baumloses Weideland rund um den bereits bestehenden Stausee namens Canyon Lake erwarb. Es entstanden ein 18-Loch-Golfplatz und ein Netz geteerter Strassen, Wasser- und Stromzuleitungen zur Erschliessung der 4800 Parzellen, die zur Hälfte entweder direkt an den See oder an den Golfplatz grenzen. Gigantische Erdbewegungen liessen künstliche Buchten und Landzungen entstehen, welche die Uferlänge des eigentlich winzigen, nur gerade anderthalb Quadratkilometer grossen Sees künstlich erweiterten; Seeanstoss verkauft sich am besten. Auch die Rechte zur alleinigen Nutzung der Wasseroberfläche, bisher von einer staatlichen Wassergesellschaft kontrolliert, sicherte sich die Investitionsfirma.
Grundstücksmakler organisierten Verkaufsparties mit Diavorträgen in Orange County und Los Angeles, und die Interessenten strömten in Scharen herbei. Anfangs waren es eher ältere Leute, «senior citizens», die sich abseits von allem Rummel einen gemütlichen Lebensabend einrichten wollten. Andere kauften sich ein Haus fürs Wochenende und die Ferien, für «outdoor activities»: Reiten, Jogging, Velofahren und natürlich Wasserski. Noch bestand damals die inzwischen geltende Vorschrift nicht, wonach alle Boote im Uhrzeigersinn zu verkehren haben.
Drei Viertel der Grundstücke sind heute bebaut, fast ausnahmslos mit Einfamilienhäusern. Bereits 1970 übernahm die noch junge Grundeigentümervereinigung die Verantwortung für die gemeinschaftliche Infrastruktur und kümmerte sich um Ruhe und Ordnung sowie die Einhaltung der Verordnungen, die sich von denen in Huntington Court nur in Nuancen unterscheiden. Auf ihr Begehren hin umzäunte man den ganzen Ort, errichtete drei Tore, und Wells Fargo erhielt den Auftrag, sich um die Sicherheit der Bewohner zu kümmern, was deren Männer und Frauen mit Hingabe tun. Ihr Chef, Leutnant Williams, war bis zu seiner Pensionierung Pöstler in Orange County und würde niemals dorthin zurückkehren. Canyon Lake sei, so sagt er mit Begeisterung, eine Schönheit. «A beauty, a great place to rise your home and your family.» So wie er empfanden viele. Heute sind es mehrheitlich junge Familien, die sich Canyon Lake zur Hometown gewählt haben.
Kristen und John Kennedy, aufgewachsen in Orange County, sind mit ihren beiden kleinen Töchtern Amy und Katie vor zwei Jahren hierhergezogen. An ihrem letzten Wohnort näher bei Los Angeles hätten sich immer mehr seltsame Leute niedergelassen, sagen sie, «all kind of different people, you know». Die Kriminalität stieg, und die Preise der Grundstücke sanken. Als dann gar am helllichten Tag einer befreundeten Hausfrau mit Waffengewalt das Auto an einer Strassenkreuzung geraubt wurde, hatten die Kennedys die Nase voll und entschlossen sich zum Umzug in eine «gated community».
Sie beide sind begeisterte Wasserskifahrer und hatten in Canyon Lake bereits Freunde, «people of the same interest, you know». Die Verordnung der Hauseigentümervereinigung unterschrieben sie mit Vergnügen. «Ich liebe diese Regeln», sagt Kristen, «ich mag es nicht, wenn die Leute ihre Kehrichtkübel länger als nötig vor dem Haus stehenlassen. Diese Verordnungen gehen doch nicht weiter als die ungeschriebenen Anstandsregeln, wie sie vor dreissig Jahren in unseren Hometowns galten.» Dieses Hometown-Gefühl ist ihnen die von der Vereinigung erhobene Monatsgebühr von 116 Dollar wert.
Wie viele andere Berufstätige in Canyon Lake fährt John jeden Morgen schon vor fünf Uhr zur Arbeit, um auf dem Freeway nicht in den Stau zu geraten. Seine Frau und die Kinder will er tagsüber in Sicherheit wissen. Und Kristen wollte nicht, dass ihre Töchter zusammen mit den Kindern jener andern Leute aufwachsen. Sind jene andern etwa keine Weissen? Die Kennedys übergehen die impertinente Frage. Die Statistik bezeichnet neunzig Prozent der Einwohner von Canyon Lake als «white», fünf Prozent als «hispanic» und je ein Prozent als «black» und «asian»; das durchschnittliche Jahreseinkommen pro Haushalt liegt bei 50 000 Dollar. Was aber geschieht mit all den Wohngegenden, aus denen Leute wie die Kennedys wegziehen? Es seien Zeitbomben, sagen sie, und schweigen betreten.
EINER, DER ZU DIESEM THEMA NICHT SCHWEIGT, ist Professor Edward Blakely, Direktor des Instituts für Stadt- und Regionalplanung der University of Southern California in Los Angeles. «Als Schweizer wissen Sie genau, was es bedeutet, wenn nicht ein Gesetz, sondern eine nationale Philosophie ein Land zusammenhält», erläutert der landesweit wohl fundierteste Kritiker eingezäunter Siedlungsformen beim Morgenkaffee auf dem Universitäts-Campus. «Die Privatisierung von öffentlichem Raum untergräbt in unserem Land einen fundamentalen Wert, den der sozialen Gleichheit. Die American Story, die Geschichte des Tellerwäschers, der zum Millionär aufsteigt, basiert auf der Grundlage, wonach alle, egal welcher Hautfarbe oder Abstammung, im Leben eine Chance haben. Und wer es geschafft hat, der kehrt immer mal wieder in sein Quartier oder seine Hometown zurück, und alle kennen ihn als einen der Ihren. Das sind unsere Grundwerte. Selbst die Armee verteidigte sie, als zeitweise Soldaten schwarzen Schulkindern den Zugang zu Schulen in weissen Quartieren sicherstellten», bekräftigt Blakely, der selbst afrikanischer Abstammung ist. Heute aber sei der Staat moralisch zu schwach, um die soziale Desintegration aufzuhalten.
«Gated communities» sind für Blakely eine Metapher für diese Entwicklung. «Wenn wir unsere Philosophie vor die Hunde gehen lassen, sind wir am Ende und die USA nichts mehr als ein geographischer Begriff, bewohnt von Leuten, die nichts miteinander verbindet.» In seiner Primarschule, so erinnert sich der Professor, waren Kinder aus bitterarmen Verhältnissen, die hatten zu Hause nicht einmal eine eigene Toilette. Ihn interessierten speziell diese Mitschüler, denn sie waren anders. Wohl nicht zu Unrecht glaubt er, dass in allen Kindern diese Art von Neugierde steckt.
CANYON LAKES KINDER haben insofern Glück, als die Erbauer der Stadt wegen deren ursprünglicher Bestimmung für Pensionäre und Weekend-Gäste gar keine Schulen geplant hatten, die Welt vom Schulalter an also gezwungenermassen über die Mauern hinausreicht. Gesetzlich wären staatliche Bildungsinstitute innerhalb von umzäunten Privatsiedlungen ohnehin verboten.
Täglich halten nun rund sechzig Schulbusse vor dem Haupttor, um die Kinder in die öffentlichen Schulen der Nachbarstadt Lake Elsinore zu fahren. Dort aber, so behauptet eine Mutter in Canyon Lake, sei die Kriminalität etwa gleich verheerend wie in der Region South Central Los Angeles, einem Ort, wo laut Statistik in der ersten Hälfte dieses Jahres 200 Personen ermordet worden sind. Lake Elsinore sei ein Ort, so fügt ihr Mann mit Schulterzucken und vielsagendem Blick hinzu, wo sich «white trash» - weisser Abschaum - angesiedelt habe.
Das freundliche Gesicht von Leutnant Williams von Wells Fargo, wir dürfen ihn Bob nennen, verfinstert sich, wenn er in Canyon Lake per Funk wegen einer «domestic situation» - häuslicher Gewalt - zu Hilfe gerufen wird. Das kann Mord heissen. Vorsichtshalber ruft er in derartigen Fällen nun immer die offizielle, von der Stadtverwaltung bezahlte Polizei. Bobs unbewaffnete Sicherheitsleute sind rund um die Uhr auf Patrouillefahrten unterwegs; in Fahrzeugen, die sich kaum von richtigen Polizeiwagen unterscheiden. Er habe nur echte Professionals, berichtet Bob voller Stolz, manche seien Desert-Storm-Veteranen, gestählt vom Einsatz gegen Saddam Hussein. Andere waren vorher bei der staatlichen Polizei, wo sie infolge von Sparmassnahmen wegrationalisiert wurden. Die Privatpolizisten kontrollieren die Einhaltung der Geschwindigkeitsbegrenzung innerhalb der Stadt, fangen entlaufene Hunde ein und fahnden nach falsch parkierten Autos. Übertretungen werden mit Bussen bestraft, zu bezahlen an die Eigentümervereinigung. Strafe droht auch allen Teenagern unter 18 Jahren, die sich nach 22 Uhr abends ohne Begleitung Erwachsener aus dem Haus begeben.
Derartige Strenge veranlasste einen Einwohner von Toscany Hills, einer nicht eingezäunten Nachbarsiedlung, zu einem Leserbrief in der Lokalzeitung, worin er Canyon Lake mit einem Konzentrationslager verglich. Eine bodenlose Frechheit sei dies, ereifert sich ein Grundstücksmakler, der in Canyon Lake die letzten noch unbebauten Parzellen verkaufen will. Dieser Leserbriefschreiber, den er übrigens genau kenne, sei einfach neidisch, weil er in Toscany Hills vom phantastischen Freizeitangebot in Canyon Lake nicht profitieren könne. Das Argument ist nicht von der Hand zu weisen. Es muss hart sein, vom erhöht gelegenen Toscany Hill aus auf Canyon Lakes Wasserfläche eine atemberaubende Aussicht zu geniessen - «a breathtaking view» -, ohne zum Wasser Zugang zu haben. «Wenn die bei uns baden oder Wasserskifahren wollen, dann müssen sie sich eben hier zusätzlich ein Grundstück kaufen», sagt der Makler. «That's how it is.»
Andere kauften sich in Canyon Lake nicht wegen der Wasserfreuden ein Haus. Im Coffee-Shop ausserhalb des Zauns ist die Rede von «Crack-Houses» in der Stadt, von Häusern, in denen mit harten Drogen gehandelt wird. «Die Dealer haben gemerkt, wo sie am sichersten sind», sagt einer und wendet sich wieder der Lektüre des «Friday Flyer», der Wochenzeitung von Canyon Lake, zu. Da ist auf der Titelseite zu lesen, dass sich in der Stadt Diebstähle aus parkierten Autos in letzter Zeit alarmierend häuften. Ist im Paradies die Hölle los?
Als Vorsteher der staatlichen Stadtverwaltung sitzt Jeff Butzlaff in einem als City Hall bezeichneten ehemaligen Ladenlokal spärlicher Grösse. Der freundliche Beamte verströmt die Schüchternheit des passionierten Marathonläufers. Seinen Posten trat er vor über fünf Jahren an. «Wir erfinden hier etwas Neues», sagt er. Das reize ihn. Privatstädte seien die Folge des epochalen Volksentscheids, der «Proposition 13» von 1978, als die Bevölkerung Kaliforniens drastische Steuersenkungen beschloss, und der Staat dadurch Einnahmen verlor. Zuständig ist Butzlaff für die Feuerwehr, die Kontrolle der Haustiere, die Polizei, für zwei öffentliche Parkanlagen und ein eben geöffnetes Jugendlokal (mit einem Billardtisch und was eben in so Lokalen dazugehört), untergebracht gleich nebenan in einem ehemals leerstehenden Ladenlokal. Bill Hallman, den Vorsteher der Eigentümervereinigung, trifft er jede Woche einmal zum Golfspiel. Nein, beteuert er, ein Konkurrenzverhältnis zwischen staatlicher und privater Verwaltung bestehe nicht. Tatsächlich? Wie hoch sein privates Gegenüber für seine Verwaltungsarbeit entlöhnt wird, will der staatliche Verwalter gar nicht wissen, sagt er wenigstens. Vielleicht ist das auch besser so.
Manchmal allerdings macht sich Butzlaff schon Gedanken. Zum Beispiel, als vor vier Jahren die Stadtbevölkerung nicht wie erwartet staatstreu und republikanisch, sondern mehrheitlich für den skurrilen und ultraliberalen Millionär Ross Perrot gestimmt hatte. In den späten sechziger Jahren, so glaubte er, habe der Staat als Folge der Bürgerrechtsbewegung den Rassismus besiegt. Er war damals an der Universität, ist heute mit einer Asiatin verheiratet und hat seither erfahren, dass der damalige Sieg des Staates nur ein vermeintlicher war. Für ihn ergibt sich ein Widerspruch, den zu lösen ihm auch auf seinen ausgedehnten, einsamen Trainingsläufen nicht gelang. Denn die Erfahrung in Canyon Lake hat ihn, wie er sagt, eines gelehrt: «Privatstädte funktionieren nur dann wirklich erfolgreich, wenn ihre Bevölkerung homogen ist.»
Genau aus diesem Grund haben sich Chuck Bishop und seine Frau Dorothy in Canyon Lake vor 22 Jahren eines der ersten Häuser gebaut. Chuck war damals sechzig, frisch pensioniert und erhoffte sich einen ruhigen Lebensabend unter seinesgleichen. Doch es wurde nichts aus dem Traum. Den alten Leuten ist die Stadt zu unruhig geworden, neue Nachbarn kamen, mit denen sie nichts gemeinsam haben. Auch eigenartige Leute seien darunter. Warum griff Chuck nicht ein? Als langjähriges Vorstandsmitglied der Eigentümervereinigung und freiwilliger Chronist der Stadt hätte sein Wort doch Einfluss bei der Auswahl neuer Zuzüger? «It's against the law» - das ist nicht gesetzlich -, sagt er, und schweigt. Knapp und hart formuliert wie weiland von John Wayne im ewigen Kampf für das Gute. Die Bishops wollen nun ihr Haus verkaufen und nach Sun City umziehen, in eine Privatsiedlung, in der sich nur Leute ab 55 Jahren niederlassen dürfen. Auch ihr neuer Wohnort ist wieder umzäunt. «Wie eine mittelalterliche Stadt in Europa», sagen die netten alten Leute wie aus einem Munde, und ihre Augen leuchten dabei.