NZZ Folio 01/08 - Thema: Jung und jüdisch   Inhaltsverzeichnis

Mein jiddisches Lieblingswort

© Marion Ettlinger/Corbis/RDB
Helen Schulmann Linktext
Das Jiddische hat wenig Worte für Politik, Strategie oder Macht, dafür dreimal mehr als das Deutsche für zwischenmenschliche Beziehungen. Schriftsteller trafen für uns eine Auswahl.
Jackie Mason, Jahrgang 1931, wuchs in New York auf. Sein Vater, sein Grossvater, sein Urgrossvater waren alle Rabbis, seine drei Brüder sind Rabbis – auch Jackie sollte Rabbi werden. Mit 25 aber verliess er die Synagoge, um Komiker zu werden, damit «wenigstens einer in der Familie ein Auskommen hat». Heute ist Jackie Mason einer der bekanntesten amerikanischen Stand-up-Comedians.

Feh

Es ist spät in der Nacht, du gehst mit zu ihr, und als ihr euch langsam näherkommt, sagst du: «Ich kann’s nicht glauben, du bist das Grossartigste, was mir je begegnet ist.» Zu dir selbst sagst du: «Immerhin. Was Besseres gibt’s nicht um diese Zeit, es ist vier Uhr in der Früh. Was hast du denn erwartet?!» Um Viertel nach vier aber, wenn du sie dir genau anschaust und dir eingestehen musst, was du wirklich denkst, gibt es ein einziges Wort, das es treffend zum Ausdruck bringt. Dieses Wort ist Feh. Feh geht einher mit: «Wo kriege ich hier am schnellsten ein Taxi?»


Helen Schulman, Jahrgang 1961, ist Schriftstellerin und lebt in New York. Zuletzt erschien von ihr «A Day at the Beach» (2007).

Knipl

In den 1960er Jahren, als ich ein kleines Mädchen war, hatte meine Familie genug Geld für das Nötigste, aber hin und wieder ging es uns aus. Während einer wahren Pfändungs- und Kieferorthopädierechnungen-Krise wandte sich mein Vater eines Abends in der Küche an meine Mutter und sagte: «Das war’s, Glor. Wir sind pleite. Wie viel hast du in deinem Knipl?» Er sagte das für einen Mann am Abgrund einigermassen munter, er sagte es mit Zuversicht.

Knipl. Ich hatte das Wort noch nie gehört. Jahre später, als ich es einmal gegenüber einem nichtjüdischen Freund brauchte, sagte er: «Wie hiess das noch mal? Kboobie?» Mein kleiner Sohn findet, es klinge wie ein Wort für den Intimbereich. «Was ist ein Knipl?» fragte ich damals meinen Vater. – «Was ist ein Knipl?» sagte er. «Was für eine Jüdin bist du?!» Er war Sohn russischer Flüchtlinge, und obwohl er seit langem mit Gott, der Religion und seinem kleinen jüdischen Heimatstädtchen abgeschlossen und sich in die ganz andere Welt von New York City begeben hatte, konnte er nie verstehen, wie amerikanisch seine eigenen Kinder geworden waren.

«Dave», sagte meine Mutter in dieses kleine Kabarett hinein. Sie blickte etwas zögerlich, etwas verängstigt – was gar nicht, was ganz und gar nicht ihre Art war. «Ich hab keins.»

Knipl. Die Definition, die der «Yiddish Online Dictionary» dafür bereithält, ist «savings», Ersparnisse, oder «nest egg», Notgroschen. Für mich aber wird es immer das Geld bedeuten, das eine jüdische Frau vom Haushaltbudget abzweigt, für sich selbst, ihre eigene geheime Reserve. «Was? Kein Knipl?» Mein Vater erblasste. Er hatte ihr vertraut. Er hatte darauf vertraut, dass sie ihn hintergehen würde.


Etgar Keret, Jahrgang 1967, ist Schriftsteller, er lebt in Tel Aviv. Auf deutsch erschien von ihm unter anderem der Comic «Pizza Kamikaze». Sein erster Spielfilm, «Jellyfish», wurde 2007 am Filmfestival von Cannes als bester Débutfilm ausgezeichnet

Balagan

Wittgenstein sagt, die Grenzen der Sprache seien die Grenzen der Welt, und in meinen Augen ist Jiddisch der lebende Beweis dafür. Das Jiddische bügelt aus, was an der Welt zu rauh ist, und sieht nach, was am Menschen nur menschlich ist. Ein Ausdruck, der in anderen Sprachen unausstehlich ist, kann, ins Jiddische übersetzt, erträglich, gar liebenswert werden. Wenn jemand auf hebräisch, englisch oder deutsch sagt, eine Frau habe «einen schönen Arsch», klingt das nach sexueller Belästigung. Sagt dieselbe Person, die Frau habe einen «scheyneh Tuschis», schwindet alles Abstossende, und was bleibt, ist ein fast charmantes Kompliment.

Aus genau dem Grund ist mein liebstes jiddisches Wort Balagan. Es bedeutet totales Chaos. Aber auf jiddisch ist der Begriff einzigartig, denn, im Gegensatz zum latent abwertenden Zug, den die Bezeichnung «totales Chaos» in vielen anderen Sprachen hat, ist der Unterton von Balagan im Jiddischen positiv. Zugegeben, der Unterton ist leise – man ist ein wenig an einen stolzen Vater erinnert, der sein Lächeln über den Unfug, den sein Sohn anstellt, zu verbergen sucht. Balagan heisst Chaos, aber Chaos ist in einer Sprache, die selbst voller Balagan ist, nicht weniger als ein Zeichen von Leidenschaft und Lebendigkeit.

Wo Leute Schlange stehen und drängeln, wo Kinder darauf bestehen, nicht Papier, sondern die Wand zu bemalen, wo in einer Mappe zwischen einem Sandwich und einem Notizzettel mit einem ersten Gedichtentwurf die mit Fettflecken übersäte Steuererklärung liegt, da findet man menschliche Freiheit – die Freiheit, die dem Jiddischen, ob bewusst oder nicht, immer heilig war. Kein Wunder, dass Balagan eines der wenigen jiddischen Wörter ist, die Alijah (Aufnahme in Israel) erlangt haben und, von Europa herkommend, vom hebräischen Slang mit offenen Armen empfangen wurden.


David Konstan, Jahrgang 1940, ist Professor für klassische Philologie an der Brown-Universität in Providence, Rhode Island, USA. Zuletzt erschien von ihm «Terms for Eternity: Aiônios and aïdios in Classical and Christian Texts» (2006).

Kibbitzer

Ein Kibbitzer kommentiert. Zumal Dinge, die ihn nichts angehen. Ein Kibbitzer ist also in erster Linie eine Nervensäge. Spielen Leute Karten, umkreist er den Tisch und erteilt ungefragt Ratschläge. Die können durchaus brauchbar sein – immerhin hat er ja allen in die Karten geschaut –, gern gesehen ist der Kibbitzer dennoch nicht. Er ist nie um einen Witz verlegen: Das dient der Verabreichung seiner Ratschläge. Wer nach dem Kartenstapel greift, wird mit einem «Denk an deine arme Mutter» bedacht.

Meine Mutter erzählte mir einmal, wie sehr es sie bei einer Aufführung von Shakespeares «Othello» in Jiddisch vor Lachen schüttelte: Jiddisch ist wahrlich nicht das Idiom der grossen Monologe, schon gar nicht, wenn der, der sie hält, in Strumpfhosen steckt. Jago ein Kibbitzer? Nie! Jiddisch war immer die Sprache der Unterlegenen. Man konnte sich nie in Sicherheit wiegen; einen Sinn für Humor zu entwickeln – und eine gehörige Portion Selbstironie noch dazu –, war also keine schlechte Idee. Eine so gute Idee gar, dass man dieser Überlebensstrategie mit dem selbstironischen Jiddisch eine eigene Sprache gab.

Wie auch immer – Kibbitzer wollen einem nicht übel; sie sorgen dafür, dass die Konversation nicht versiegt, und das ist gut so. Zugegeben, manchmal zur falschen Zeit am falschen Ort, aber Kibbitzer ist keine feindselige Bezeichnung, keine Beleidigung. Man kann sagen «Ach, he’s such a kibbitzer», mit einem Lächeln der Nachsicht, während man versucht, ihm den Blick in die Karten zu verdecken.


Gilles Rozier, Jahrgang 1963, wurde in Grenoble geboren. Er lernte Hebräisch und Jiddisch und arbeitete in einer Kaufhauskette. Später promovierte er in jiddischer Literatur. Zuletzt erschien von ihm «Abrahams Sohn» (2007).

Jaschtscherke

Als ich ein Kind war, gab es im Hof meiner Eltern einen Steingarten, der von Eidechsen wimmelte. Eidechsen heissen im Jiddischen Jaschtscherken. Wenn ich dieses Wort ausspreche, kommt die Heimat meiner Grosseltern in mir hoch; die Landschaften und die Gerüche des ländlichen Polen, obwohl ich diese Landschaften in Wahrheit nie bereist, ihre Gerüche nie eingeatmet habe.

Jaschtscherke ist eine der vielen Anleihen des Jiddischen bei den slawischen Sprachen. Sie bezeichnen meist Naturphänomene und stammen bevorzugt aus dem Russischen, Polnischen oder Ukrainischen. Schildkröte zum Beispiel heisst «Tscherepache» und das Eichhörnchen «Veverke». Sie wecken in mir ein Gefühl der Fremdheit – spreche ich doch keine einzige slawische Sprache .

Jaschtscherke hat zu einer der anschaulichsten Redewendungen im Jiddischen Anlass gegeben: «lachn mit jaschtscherkes». Gute Miene zum bösen Spiel machen. Stellen Sie sich ein Portrait vor: Der Mund des Modells ist durch eine dicke grüne Eidechse ersetzt.


Nathan Englander, Jahrgang 1970, wuchs in einer orthodoxen Gemeinde auf. Heute lebt er in New York. Zuletzt erschien von ihm «The Ministry of Special Cases» (2007). Er wurde 2007 vom «Heeb»-Magazin (siehe S. 40) zu einem der zehn wichtigsten jungen jüdischen Schriftsteller gewählt.

Farginen

Ich mag jiddische Wörter mit einem stichfesten englischen Synonym, einem Synonym aber, das dennoch nicht taugt und dich zwingt, das jiddische Wort in deinen Satz einzubauen. Das ist oft der Fall. Das ist so oft der Fall, dass die englisch-jiddischen Mischsätze eine eigene Sprache ausmachen – eine Sprache, die wir Yinglish nennen. Das beste Beispiel für ein solches Wort, das trotz englischer Entsprechung nach seiner jiddischen Variante verlangt, ist farginen. Laut dem Wörterbuch bedeutet es «wish well» (beglückwünschen), «not envy» (nicht beneiden), «indulge» (gönnen, zugestehen). Aber das wird dem Wort nicht gerecht. In meiner Familie benutzen wir farginen nie affirmativ, nie nicht-negiert: Immer wird «can’t» (kann nicht) davorgesetzt, um ein Fehlen von farginen, die Unmöglichkeit von farginen anzuzeigen.

Nehmen wir an, Sie werden in Ihrem Job befördert. Zu Recht befördert. Vielleicht gibt es einen Freund, der sich für Sie freuen müsste, es aber einfach nicht schafft. Er gibt seinen Neid nicht zu, und Pech wünscht er Ihnen auch nicht. Aber irgendwie, in einem dunklen Winkel seiner Seele, kann er Ihnen Ihr Glück nicht gönnen. Das ist kein schlichter Neid, sondern, in den Kategorien meiner Familie gedacht, noch schlimmer: ein Anzeichen für einen kleinlichen Charakter.

Jetzt stellen Sie sich vor, Sie hätten meine Familie am Telefon, die Ihnen «mazel tov» («Viel Glück») zu jener grossartigen Beförderung wünschen will. Sie erwähnen besagten Freund, der Sie nicht beglückwünschen, Sie nicht nicht-beneiden kann. Das ist genau der Moment, in dem meine Familie sagen würde: «He just can’t farginen you.» Und Gnade Gott, wem dieses Urteil gesprochen wird.


Jonathan Ames, Jahrgang 1964, ist Schriftsteller und Amateurboxer. Er lebt in New York. Zweimal stand er als «The Herring Wonder» im Ring, seine Bilanz ist ausgeglichen. 2008 erscheint von ihm zusammen mit Dean Haspiel der Comic «The Alcoholic».

Zindig

Wenn ich mir als Kind Sorgen machte, sagte meine Mutter immer: «Stop zindiging». Sie hängte die englische Endung -ing an das jiddische Verb zindig, das man mit «sich Sorgen machen, an etwas nagen» übersetzen kann. Aber wie die meisten jiddischen Wörter liegt das englische Äquivalent auch hier knapp daneben. Zindig ist mehr als sich Sorgen machen – es bedeutet, sich in den Wahnsinn treiben vor Sorge, um Fassung ringen, sich die Haare raufen, und zwar so sehr, dass es andere nervt.

All das vermag dieses eine jiddische Wort, zindig, auszudrücken. Für mich ist Jiddisch die Sprache der Neurose: Eine Last ist nicht einfach eine Last, sie ist ein «Imblich» – ein untragbares Schicksal, ein unüberwindliches Hindernis. Ausserdem klingen die Wörter im Jiddischen nach dem, was sie bedeuten. «Shmata» klingt wie ein Stofffetzen.

Meine Mutter sagte oft «Stop zindiging» zu meinem Vater, der sich ständig ängstigte, sich immer überfordert fühlte. Und heute sage ich es oft zu mir: «Stop zindiging!» – aber es ist so schwierig! Wie mein Vater bin ich oft ängstlich und fühle mich überfordert – unnötigerweise meistens.

Nun gibt es aber etwas, was mir aus gutem Grund ernsthaft Sorgen bereitet: In keinem jiddischen Wörterbuch konnte ich das Wort zindig finden. Ich habe meine Mutter gefragt, woher sie das Wort kenne, sie hat es von ihrer Mutter gelernt, die fliessend jiddisch sprach, und dennoch scheint das Wort offiziell nicht verbürgt.

Wie auch immer – es klingt jiddisch, finde ich, und so wie der englische Wortschatz stetig anwächst, tut es vielleicht auch der jiddische, und vielleicht findet zindig dereinst Eingang ins Lexikon. Bis das geschieht, versuche ich, nicht zu zindigen darüber, und wenn es dann geschieht, werde ich sicher einige «Naches» (Freude der Eltern über ihr Kind) verspüren.


Michael Wex, Jahrgang 1954, ist Schriftsteller. Er ist ein Kind polnisch-jüdischer Einwanderer und lebt in Toronto. Zuletzt erschien von ihm auf deutsch «Die Abenteuer des Micah Mushmelon, jugendlicher Talmudist» (2005).

Kvetshn

Keine Frage, mein Lieblingswort ist kvetshn, «klagen oder jammern» – weniger wegen seiner Bedeutung als wegen der Art und Weise, wie das Wort zu seiner Bedeutung kam. Der Eintrag kvetshn in Uriel Weinreichs «Modern English-Yiddish Yiddish-English Dictionary» vermerkt schlicht: «pressen, quetschen, drücken». Kein Wort über Klagen oder Jammern. Man kann Saft aus einer Orange kvetshn, die Klingel kvetshn, man kann «kvetshn mit di pleytes» – mit den Schultern zucken, wenn die Bedienung trotz Klingeln nicht kommt.

Alles gute und richtige Verwendungen des Verbs kvetshn, und keine von ihnen scheint nur im leisesten mit der Vorstellung von Jammern oder Beklagen verwandt. Der Zusammenhang ist in Weinreichs «pressen» zu suchen, das er für die Definition von «kvetshn zikh» einsetzt, sich selbst quetschen, die reflexive Form des Verbs. In Alexander Harkavys «Yiddish-English-Hebrew Dictionary» von 1928 wird klar, was bei Weinreich nur angedeutet ist: Es meint nicht nur «pressen», sondern «pressen beim Stuhlgang» meint Harkavy. Also ein Problem aussitzen, an dem du, hättest du die verschriebenen getrockneten Pflaumen gegessen, jetzt nicht leiden würdest. Der Zusammenhang mit der Klage liegt, versteht sich, im Tonfall: Jemand, der kvetsht, klingt wie jemand, der sein Rizinusöl nicht genommen hat.

Ein richtig guter Kvetsh hat eine die Eingeweide betreffende Dimension; der Kvetsher wird sich nie zufriedengeben, bevor nicht alles raus ist. Wenn Sie jemanden fragen, wie es ihm geht, und er antwortet Ihnen «Fragen Sie bloss nicht», dann bedenken Sie, dass Sie das bereits getan haben. Die anschliessende zwanzigminütige Litanei über «Tsouris» (Probleme) haben einzig und allein Sie zu verantworten.


Emma Forest, Jahrgang 1977, ist Schriftstellerin. Sie wurde in London geboren und lebt heute in Los Angeles. Zuletzt erschien von ihr auf deutsch «Skin» (2003).

Zaftig

Mein Lieblingwort ist zaftig, weil es mich daran erinnert, wie ich mich als Teenager fühlte. Mein Arsch, etwas beleidigt über die Aufmerksamkeit, die meine frisch gewachsenen Brüste bekamen, ging plötzlich auseinander. Die Jungs würdigten mich keines Blickes mehr. Ich schwebte durch die Korridore wie ein trauriger, einsamer, praller Ballon. Bis ich eines Tages «Telefon Butterfield 8» im Fernsehen sah. Den Film, für den Liz Taylor einen Oscar erhielt. Sie sieht darin auch aus wie ein Ballon. Meine Mutter kam ins Zimmer und rief «Schau dir die an, so zaftig, aber so wunderschön.» Als der Film vorbei war, posierte ich in Unterwäsche vor dem Spiegel. Und mich überkam das aufregende Gefühl, dass ich das Wort auch auf mich anwenden könnte, irgendwie.


Arnon Grünberg, Jahrgang 1971, ist Schriftsteller. Er lebt in Amsterdam und New York. Zuletzt auf deutsch erschien von ihm der Roman «Gnadenfrist» (2006).

Chuzpe

Wer meine Mutter (1927 in Berlin geboren) fragt, ob sie Jiddisch spreche, kann sich auf eine empörte Reaktion gefasst machen. Sie spreche natürlich Hochdeutsch und kein Jiddisch. Wer meinem Vater (1912 in Berlin geboren) die gleiche Frage gestellt hätte, dürfte zwar keine empörte, aber schon eine verneinende Antwort erhalten haben. Auch er sprach kein Jiddisch. Er kannte vielleicht ein, zwei jiddische Ausdrücke, aber damit hatte sich’s auch schon.

Ich spreche genauso wenig Jiddisch. Entsprechend erstaunt war ich denn auch über die Anfrage dieser Zeitschrift, ob ich einen kurzen Beitrag über mein liebstes jiddisches Wort schreiben könne. Ob wohl auch ein englischer Autor gebeten worden ist, sein liebstes englisches Wort zu küren? Dass es ein Lieblingswort zu küren geben könnte, zeigt schon, dass offenbar von einer nicht ganz ernst zu nehmenden Sprache die Rede ist. Von einem Gemisch aus Edelkitsch und Romantik, das herzerwärmend sein will. Man denke an ein ungarisches Restaurant, in dem Zigeunermusik gespielt wird. Die Anfrage dieser Zeitschrift ist eine Chuzpe. Das Wort steht, auch wenn es aus dem Jiddischen kommt, ganz normal im Wörterbuch und bedeutet unverschämte Frechheit. Ich nehme keinem etwas übel. Auch die besten Absichten können auf unverschämte Frechheiten hinauslaufen. Aber ich möchte doch kurz etwas klarstellen. Ich bin ein jüdischer Autor ohne ein jiddisches Lieblingswort. Das bin ich seit 36 Jahren, und das wünsche ich auch für den Rest meines Lebens zu bleiben.


Tamar Lewinsky, Jahrgang 1975, ist Jiddischdozentin an der Universität München. 2005 schrieb sie das Drehbuch für den Film «Matchmaker – auf der Suche nach dem koscheren Mann»; Regie: Gabrielle Antosiewicz.

Kveln

Ich sprach noch kein Wort Jiddisch, aber mein liebstes jiddisches Wort verstand ich trotzdem. Weil ich es, wie es sich für ein Tätigkeitswort gehört, in Aktion erlebte. Ich gab in der Weihnachtsaufführung im Kindergarten die Maria und sang meinem Puppenjesus ein Wiegenlied. Meine Eltern kvelten. Und zwar nicht ob des interreligiösen Dialogs, sondern meines aufblühenden schauspielerischen Talents wegen. Ein paar Jahre später dann mein erster Auftritt als Nachwuchscellistin. Die zwei leeren Saiten, die ich streichen konnte, ergaben ein recht fades Klangbild. Trotzdem: Die Grossmütter in der ersten Reihe kvelten.

Vermutlich hätte auch das Streichen einer einzigen verstimmten D-Saite genügt, um sie in den Zustand stolzer Entrückung zu versetzen. Und damit wären wir dann auch bei der ureigensten Bedeutung von kveln angelangt. Kveln ist ein durch und durch positiv besetztes Wort. Gewöhnlich drückt es den innerlich jubelnden Stolz einer älteren Generation über die Leistungen der jüngeren Verwandtschaft aus. Und zwar uneingeschränkt, absolut vorbehaltlos und – dies vielleicht die einzige Schattenseite des Begriffes – narzisstischen Tendenzen Vorschub leistend. Kveln brilliert sozusagen als Verb gewordenes Honigkuchenpferd. Natürlich kann man auch im Deutschen Entsprechendes ausdrücken, doch ist das vergleichsweise umständlich: Man kann überquellen vor Glück, vor Stolz platzen und vor Wonne vergehen oder gar von einem Glücksrausch erfasst werden.

Doch mal ehrlich. Jeremias Gotthelf hätte sein aphoristisches «Das Glück liegt nicht in den Dingen, sondern in der Art und Weise, wie sie zu unsern Augen, zu unserm Herzen stimmen» knapper ausdrücken können, hätte er doch nur ein wenig Jiddisch gekonnt. Dann hätte nämlich ein prägnantes «me kvelt» völlig genügt.


Leserbriefe:

Zu Mein jiddisches Lieblingswort - NZZ-Folio Jung und jüdisch (01/08)

Ich wollte Sie auf einen Fehler aufmerksam machen: Der Ursprung des Wortes «Balagan», das Etgar Keret als sein Lieblingswort nennt, liegt nicht im Jiddischen, sondern im Persischen. Leider konnte ich keinen deutschen Artikel darueber finden, aber hier der Link aus der Hebrew-Wikipedia ueber das Wort Balagan: http://he.wikipedia.org/wiki/%D7%91%D7%9C%D7%92%D7%9F
Eliane Barnett Jerusalem, Israel



Zu Mein jiddisches Lieblingswort - NZZ-Folio Jung und jüdisch (01/08)

Getreu dem allseits bekannten Umstand "zwei Juden - drei Meinungen" sowie der ebenfalls notorischen jüdischen Besserwisserei möchte ich meinen Kommentar als unvermeidlich, quasi meinerseits als nicht zu unterdrücken verstanden wissen: Oj wej!
Nun denn: ganz und gar muttersprachlich im Jiddischen großgeworden (doch - das gibts!) fällt mir immer wieder auf, wie unsinnig es ist, amerikanische Juden nach Jiddisch zu fragen, wenn man Antworten haben will, die sich, nun ja, auf Jiddisch beziehen. Naturgemäß können sie sich nur zu dem ebenfalls erwähnten Yinglisch äußern, weil sie als Kinder von Immigranten ihre Eltern womöglich Jiddisch haben sprechen hören, es selbst aber nie als Umgangssprache erworben haben. Wie ich spätestens seit Leo Rostens, "Jiddisch" weiß, haben diese Eltern zudem, unter dem Assimilationsdruck und auch -wunsch, der innerhalb des gelobten Landes bestand, Jiddisch veryinglischt. Im "Rosten" habe ich etwa die "upstairssike" gefunden, die Nachbarin von einer Etage höher meinend, bei der mich meine Eltern nur verständnislos angesehen hätten. "Zindigen" wäre ihnen entsprechend für "sich Sorgen machen" auch nicht eingefallen, da es schlicht "sündigen" bedeutet. In diesem Zusammenhang kann man sich allerdings vorstellen, dass das "sindige nischt" als mütterlicher Kommentar in dem Sinn gemeint war, dass man sich gegen Gott versündigt, wenn man sich zu große Sorgen macht, weil man dann nicht darauf vertraut, dass ER schon alles irgendwie richten wird.
Ebenso gibt es das ubiquitäre yinglische Wort "Kvetch" im Jiddischen so nicht. Was es außer "drücken, kneifen, pressen" - sich selbst oder andere/s" - bedeutet, illustriert vielleicht am besten, die mir unvergessliche letzte Anwendung des Wortes durch meinen Vater, möge er in Frieden ruhen: wir schreiben die Achtziger, ich Teenagerin, mein Vater in den Siebzigern - Tina Turner, auf die ihr eigene Weise grimassierend im Fernsehen. Ich glaube es war "What´s love got to do with it", das mein Vater mit "Wos kwetscht se sich epess asoj?" quittierte. Wenn sie eher "gejammert" als sich derart übermäßig und für meinen Vater ohne erkennbaren Nutzen "angestrengt" hätte, würde er eher gesagt haben: "Wos is ihr epess nisch git? Wos krächzt se epess asoj? Wer soll ihr kimmen helfen?"
"Knipl" heißt übrigens "Knoten" - beiseite geschafftes Haushaltsgeld wurde von der gewieften "Balabuste" (Hausfrau) also demnach in etwas versteckt, das man vorzugsweise verknoten konnte. Wen interessierts? Mich! Und wenn Ihr bis hierhin gelesen habt, Euch wohl auch. Darum seit mir alle gesunt, Kup.
Gloria Kuperszmidt, per E-Mail



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