Blub ist neun und wohnt seit zwei Jahren in besetzten Häusern, momentan in einem schönen Jugendstilhaus in Zürich Enge. «Das Haus gehört eigentlich gar nicht uns, sondern einer Versicherung», sagt er. «Aber es stand leer, und da haben mein Vater und seine Freunde es vor ungefähr einem Jahr besetzt.» Drei Stockwerke mit je zwei Wohnungen. Hohe Räume, Parkett und Stukkaturdecken, Seenähe. Bei der Besetzung war Blub nicht nur dabei, er hat auch einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet: Er hatte, erzählt er, in einem der Briefkästen die Schlüssel gefunden.
Blub ist eines von neun Kindern, die hier derzeit wohnen. Ihre Mütter und Väter leben fast alle voneinander getrennt. Blub und seine zehnjährige Schwester Joujou haben darum noch ein zweites Zuhause bei ihrer Mutter in einem anderen besetzten Haus. «Fascht e Familie» nennt sich das rund 20-köpfige Kollektiv, so wie die TV-Soap. Fast eine Familie sind sie auch, im Haus kümmern sich jeweils die Erwachsenen, die Zeit haben, um die Kinder, gekocht und gegessen wird gemeinsam. Für Aussenstehende ist kaum auszumachen, welches Kind zu wem gehört. Die Gruppe strebt «ein Wohn- und Arbeitskollektiv an, welches, auf niedrigen Fixkosten beruhend, kulturelle Projekte in Bezugnahme auf familiendominierte Strukturen lancieren will». Das haben die Besetzer damals in ihrem Pressecommuniqué geschrieben. Den bisherigen Mietern war gekündigt worden, das Wohnhaus soll einem Geschäftshaus weichen.
Wie sind sie denn eingezogen? Sie werden ja kaum am hellen Tag mit Zügelwagen aufgefahren sein? Da beisst man leider auf Stein, Blub sagt dazu nichts, keiner hier sagt etwas dazu. Auf das «Berufsgeheimnis» berufen sich auch jene einstigen Besetzer, bei denen ich nachfrage, weil sie mittlerweile brave Mieter geworden und vielleicht nicht mehr so zugeknöpft sind. Auch sie bleiben solidarisch, sagen immerhin aber so viel: Eingezogen wird nachts, anfangs nur mit dem Nötigsten, möglichst mit nichts, an dem man hängt, weil es bei der Räumung draufgehen könnte. Der Rest werde dann nach und nach gebracht, es sei immer einer dabei, der ein Auto oder sogar einen kleinen Lieferwagen besitze.
Nachdem man sich Zugang verschafft hat, was man im Jargon «Sauvage» nennt, hängt man ein Transparent an die Fassade und beugt damit einerseits dem Missverständnis vor, es seien Einbrecher im Gebäude, und tut anderseits die Besetzung als politischen Akt kund. Der eine oder andere wisse immer, wie man ins Haus komme. Einmal gab einer, der als letzter aus einem Haus auszog, das renoviert werden sollte, auch einfach den Schlüssel nicht ab, jedenfalls nicht an der vorgesehenen Stelle. Leer stehende Häuser auszumachen, ist nicht sonderlich schwer: Man fährt in der Stadt umher und schaut, wo eine Liegenschaft verlassen aussieht.
Die Besetzer in der Enge sind alle kunstschaffend und ohne geregeltes Einkommen. Als zahlende Mieter müssten sie Konzessionen machen, zu denen sie nicht bereit sind. Sie sehen ihre Wohngemeinschaft aber nicht nur als Zweckbündnis, sie proben und propagieren damit die Rückkehr zur Grossfamilie als Antwort auf die hohen Scheidungsraten, auf die Vereinzelung, die dadurch oft droht. Hier passen die Kinder auch gegenseitig aufeinander auf, und sie haben es lustig. Im ersten Stock reihen sich im Gang kleine und kleinste Schuhe, die Wände zieren bunte Stofftücher oder krakelige Zeichnungen. Wer auf den Balkon will, muss sich den Weg durch Puppen und Stofftiere bahnen.
So ungefähr muss Pippi Langstrumpfs Villa Kunterbunt ausgesehen haben. Joujou möchte immer so leben. «Hier ist es lustig, man hat immer jemanden zum Spielen.» Die neunjährige Zillia nimmt manchmal Schulkameraden nach Hause. Die seien immer ganz beeindruckt und sagten: «Ein solches Haus haben wir noch nie gesehen.» Und es gefällt ihnen natürlich gut.
Oben sind die Erwachsenen, ganz oben hat es Platz für Gäste. Überall Zeichen, dass hier eine Splittergruppe der Neodadaisten wohnt, die vor zwei Jahren das Dada-Haus in der Zürcher Altstadt besetzt hatten. Dieselbe wilde Dekorationslust, zwischen Wänden in grellem Pink oder leuchtendem Grün irrwitzige Installationen aus Fundgegenständen, überall Bilder der hier hausenden Künstler, Fotos, das Tuch mit der Besetzungsbotschaft. Ein Mann habe einen Stein durchs Fenster geworfen, als er seinerzeit das Tuch sah, erzählt Blub. Bestimmt sei der eifersüchtig gewesen.
Klar kam auch hier die Polizei, klar kam auch jemand von den Besitzern, deren Begeisterung über die Besetzung sich sehr in Grenzen hält. So wie es aussieht, werden sie sie aber dulden, bis die Baubewilligung vorliegt. Strom, Wasser, Heizung sind in leer stehenden Häusern meistens abgestellt. Aber der eine oder andere Hausbesetzer ist immer auf solche Sachen spezialisiert. Das Haus in der Enge war voll funktionstüchtig, sagen die Bewohner.
«Mehr sagen wir nicht. Sorry. No future.»
Karolina Dankow ist Volontärin im Ressort Zürich der NZZ.