Etwas Neues, etwas Umstürzlerisches gar enthielten die Sätze nicht, die Theophrastus Bombastus von Hohenheim, der sich ironisch und modisch Paracelsus nannte, in die Unsterblichkeit des Zitatenschatzes eingehen liessen. Denn dass Gifte ein Leben sowohl verlängern als auch verkürzen können, war damals einem jeden Zeitgenossen bekannt, der ein wenig Griechisch schludern konnte. Das Wort «pharmakon» stand schliesslich für das Heil- genauso wie für das Unheilbringende, schon bei Plato taucht der Hinweis auf, dass auch Bücher - wie ein pharmakon - ganz gegensätzliche Wirkungen erzielen. Und Plinius bereits berichtet von dem weisen König Mithridates, der täglich ein Schlückchen aus dem Giftbecher nahm, um sich so an den Stoff zu gewöhnen. Da er das Gift allerdings im Blut von Enten aus den pontischen Sümpfen vermutete, darf man sich fragen, ob der König nicht eher ein frühes Opfer des Placebo-Effektes war.
Woher dann das Aufmerken, als jene Worte fielen: «All dinge sind gift und nichts ohn gift. Allein die dosis macht, das ein ding kein gift ist.»?
Das Interesse galt wohl eher dem Mann, der diese beiden Sätze 1538 in der dritten seiner sieben «Defensiones» seinen Widersachern entgegenhielt. Paracelsus war sein Leben lang ein Mensch, der aneckte, darin seinen Epochenbrüdern Martin Luther, Albrecht Dürer und natürlich Thomas Münzer seelen- und auch sprachverwandt. Ganz gleich, worum es ging, ob um Nymphen oder um Syphilis, um Salamander oder die «alchimia»: der Hohenheimer provozierte. Und am stärksten provozierte er seine ärztlichen Standesgenossen.
Diesen niedergelassenen Kollegen war Beweglichkeit in des Wortes mehrfacher Bedeutung fremd, während Paracelsus' Bestimmung die Wanderschaft war: eine Wanderschaft zwischen Einsiedeln und Villach, Wien, Ferrara und Sizilien, Montpellier, Lissabon und Vilnius. In Basel verspricht 1527 die Anstellung als Stadtarzt ein wenig Ruhe, doch schon damals tat sich Basel mit Querköpfen schwer. Also ging es weiter nach Colmar, nach Regensburg, nach St. Gallen . . ., viele Stationen wären zu nennen, keine tat sich rühmlich hervor durch ihren Respekt, durch ihre Neugier auf einen Mann, der ausgezogen war, der Medizin eine neue Position in der Wissenschaft zu erstreiten.
Die Ärzte hätten sich für den damit verbundenen Reputationsgewinn bedanken können, denn es stand nicht gut um ihren Ruf. Selbst führende Kollegen mochten dem Satz nicht widersprechen, den einer der ihren tat: «Viele Arme überleben nur deswegen, weil sie sich eine Behandlung nicht leisten können.» Kuriert wurde nach dem alten Schema Galens, des neben Hippokrates bedeutendsten Arztes der Antike; die ärztliche Weisheit gründete auf scholastischem Buchwissen, und was die Dosierung angeht, so erhellt ein berühmter Vorwurf des Hohenheimers den Stand der Kunst: «Ihr wisset die correctio mercurii nit, sondern ihr schmieret, solange es hinein möge.» Den Arzneimittelherstellern konnte es recht sein.
Hier versuchte Paracelsus als Reformer einzugreifen. Sein grosser Entwurf lag in der umfassenden Auswertung zahlloser Beobachtungen, Rezepturen, Behandlungsformen und deren Verbindung mit spekulativen Einsichten über den Makrokosmos und den Mikrokosmos. Die Weisheiten der Kräuterweiblein, die Erfahrungen der vielen Wundärzte, denen der Hohenheimer auf seinen Wanderschaften begegnet war, erhielten einen neuen Status. Das sollte einem Zeitgeist die Bahn brechen, der die Empirie als die Magd der Erkenntnis einsetzte. Als Francis Bacon wenige Jahrzehnte nach Paracelsus' Tod schrieb: «Erfahrungen und (die Kenntnisse) alter Frauen führten oft zu glücklicheren Therapien als (die Anweisungen) gelehrter Ärzte», nahm der Engländer ein Motiv auf, das Paracelsus schon sehr deutlich formuliert hatte: «Was in der Arznei mit Werken nicht probiert wird, das hat seine Disputation verloren.»
Und zu diesem Wissen zählte ganz entscheidend das Wissen um das rechte Mass aller Dinge.
Heute, da Begriffe wie «Treffereffekt», «homöopathische Dosierung» oder «heilwirksame Menge» zum gebräuchlichen Sprachgut gehören, droht die blitzgescheite Einsicht von Paracelsus zum Allgemeinplatz zu verkommen. Jeder weiss von seiner Medizinfrau aus Afrika: «Fünf Blätter bringen Dich um, drei Blätter retten Dir das Leben.» Der Barfussarzt in China nennt uns die Erfolgsrate von zuviel und zuwenig Rumpfbeugen; wie viele Gimpel auf dem Dach Schaden anrichten und wann der Ginster das Korn spriessen lässt, entnehmen wir unseren esoterischen Ratgebern.
Schlimmer noch: das «rechte Mass» des Hohenheimers, das Wissen um die angemessene Dosis erfährt eine metaphorische Verhunzung in Gestalt des statistischen Durchschnittswerts. «Alles mit Mass» war schon immer der Schlachtruf der Philister, die so recht zwischen Wirkung und Wirksamkeit nicht zu unterscheiden beliebten. Dabei zielte Paracelsus' Anliegen eindeutig auf das letztere - mit der ganzen Besessenheit eines Neugestalters. Und so sollten wir ihn auch in der Erinnerung bewahren. Wenn er sich um Quotierungen besorgte, dann ganz gewiss nicht im modischen Sinn der Einschaltquote, in der Wachstum etwas Positives bedeutet. Vielmehr ging es ihm um die belebende Kraft des Giftes - selbstredend in der effizientesten Dosierung. Denn nur die macht ja, dass «ein ding kein gift ist».