NZZ Folio 11/93 - Thema: Kurden   Inhaltsverzeichnis

Carte Blanche

Das Lächeln der Illusion.

Von Roger Willemsen

«See the Clown perform his amazing tricks.» (Hurricane)

DAS INNIGSTE Verhältnis zum Leben liegt nicht in der Liebe, sondern im Liebeskummer.

Die Liebe ist exklusiv, sie schliesst die Welt nur flüchtig ein, denn wer braucht schon eine Welt, solange er liebt, wer braucht sie schon anders als die Grundierung, von der sich der innere Spektakel des Délire à deux abhebt?

Der Liebeskummer dagegen ist von einem unfreiwilligen Altruismus, er schliesst die ganze Welt ein, aber als Mangel. Alles wird fühlbar: die Wahrheit im Kitsch der Reklame, die Sehnsucht im Unsinn sentimentaler Lieder, die Schönheit von Räumen, die man für immer verlassen hat, die Bedeutung von Gesten, über die niemand nachdachte, als sie noch selbstverständlich waren. Selbst die Paare auf den Strassen sind wie zu deiner Verletzung da placiert, denn dir soll nichts geschenkt werden.

Jetzt hat der Tod in eine Kulisse Einzug genommen, in der man früher leben konnte und in der man jetzt nicht sterben kann: ja, die ganze unterdrückte Welt kehrt zurück, und auf jedem Detail liegt eine Wunde, und jede Wunde trägt einen deiner Namen.

«Objektivieren Sie die Hölle!» hat Alfred Kubin Peter Scher zugerufen, als sich dieser nicht lassen konnte vor Schmerz, aber da ist nichts Objektives. Oder wäre an einem Blick quer durch eine belanglose Abendgesellschaft, wäre an der müden Geste, mit der man den Körper des anderen im Halbschlaf zu sich holt, wäre an dem Blick, den man gemeinsam aus einem Boot über einen schlammigen Fluss schweifen lässt, irgend etwas Sachliches, Reelles, das sich jetzt zum Trost und zur Verallgemeinerung umreissen und verabschieden liesse? Die Liebe war das Sachlichste, ein Faktum, dicht wie eine algebraische Formel und unwiderleglich wie sie. Es gibt keine Objektivität hinter ihr, sie ist die Illusion in Gestalt der Überzeugung, nicht einsam sterben zu müssen.

«Wer heute noch eine Welt hat», steht bei Karl Kraus, «mit dem muss sie untergehen.» Und da geht sie also unter, in ihrem Ende schön wie nie und so ausschliesslich und einzig, dass in ihr die besten Bilder eines Lebens trudeln, und du möchtest sagen: weisst du noch  .  .  . weisst du noch  .  .  . aber es ist niemand mehr da zu hören und zu wissen, niemand wird die unteilbare Welt teilbar machen, und diese ganze, unvermittelbare Welt wandert in einen Koffer, oder sie tritt durch den Spiegel wie der Tod mit den Gummihandschuhen bei Cocteau und kommt als etwas anderes jenseits an. Was Fülle war, ist jetzt Verlust, was Euphorie war, ist jetzt Trauer oder, genauer noch, ist jetzt Euphorie der Trauer, die leidenschaftlicher und brennender ist, als es das praktische Leben in der Liebe jemals zuliess.

Schluss mit dem praktischen Leben also! Jede Geste ist ein Projekt, jedes Telefonat ein Auftritt, und wo die Gesichter anderer in sinnloser Inkongruenz in das deine lächeln und ihre Unberührbarkeit von allem wie eine gelungene Selbstbehauptung forcieren, da reden deine Lippen vor deinem Mund, und die Wärme deiner Worte umhüllt einen Stein.

Herrliches Pathos, in dem du nun deinen Tag zubringst wie in einem eigens aufgetakelten Körper, hässlich durch und durch von verklebtem Make-up, das dir die Züge entstellt und dich bei jedem Blick in den Spiegel fremder ansieht, da deine Verlorenheit Teil deiner Erscheinung geworden ist.

Nein, kein Leben jenseits hiervon, nichts, das du halten wolltest, nichts, das du anders als mit Bosheit an dich heranzögest, um es auch ein bisschen zu zerstören, und sei es nur, indem du es mit deiner Trostlosigkeit infizierst und von Dingen redest, über die man nicht reden kann: das Leben, den Mangel, die Sünde des Verlusts und die Sinnlosigkeit, lauter Dinge also, die wie die ernsten Bärtigen auf alten Familienbildern ein Leben bezeugen, an dem du gar nicht teilgenommen hast, solange du liebtest.

Erinnerst du dich noch an das Licht über den Bergen von Wicklow - bloss eine Täuschung, dass wir es gebraucht hätten, dass wir irgendeinen Blick, einen Berg, ein Licht nur wahrgenommen hätten, als wir da standen, nach einem Morgen in den weissen Frotteebademänteln im Hotel, wo die Kellner unsere vollen Aschenbecher und zerrissenen Zeitungen vom Boden klaubten und wir mit dem Phlegma überfressener Tiere sinnlos in einem Sofa lagerten und die Blicke zu müde waren, jeden Griff zu verfolgen? War das Täuschung? Erinnerst du dich noch an die leere Jazzbar in Abidjan, wo wir «Time after Time» in der Miles-Davis-Fassung durch den Raum schickten, wie ein Memento mori für eine damals noch verschlüsselte Botschaft? Erinnere dich an irgend etwas, aber nicht wie du willst, sondern wie es war, ein Sakrament damals, ein Fetisch jetzt.

Erinnere dich auch an die Szenen, in denen wir im kleinem Abschied den grossen fürchteten: berauscht zurückgelassen auf einem Bett bei Freunden, während deine Schritte auf der Strasse verhallten, als du noch eben tanzen gingst, oder als ich abermals verlassen, trostlos entblösst die Nacht im Vorraum eines Hotelzimmers zubrachte, weil du schliefst, und am nächsten Morgen waren wir glücklich, erschöpft zu sein, aber nicht von uns.

Du sagst dir: Es ist alles noch da, aber plötzlich feindlich, wie zur Vernichtung aufgebaut, damit ich an jedem einzelnen Requisit einzeln zugrundegehe. Denn was kann ich machen? Nehme ich alles zusammen, was jetzt den Verlust herausschreit, so bleibt nur Gerümpel, kein Bett, kein Bild, kein Küchentisch und keine Musik. Wenn ich das aus meinem Leben verbanne, was bleibt von mir? Fatale Liebe, die sich schleichend auf all den blinden Objekten des Lebens niederlässt und von ihnen nicht weichen will! Harte Liebe, die sich dem Willen nicht beugt und in die Zeit nicht zurückweicht, aus der sie einmal schwach und unschuldig und überflüssig heraustrat! Verlogene Liebe, die die Wahrheit an einer Stelle zu begründen suchte, an der es keine Wahrheit gibt! Verlorene Augen, die sachlich sehen konnten und mit Ressentiment; verdorbener Mund, der reden konnte und dich nicht meinte!

In dem, was wir verloren haben, sind wir beide verdorben, der Verrat trifft uns gleichermassen, und so teilen wir, ohne teilen zu können, und fressen von dem gemeinsamen Aas, ohne an ihm satt werden oder zugrundegehen zu können, und wir sagen uns abwesend und in grosser Entfernung zeitversetzt - wenn wir irgendwo getrennt liegen in der Nacht und keine Übersicht haben über alles, was uns jetzt noch zusammenhalten soll -, wir sagen uns, dass wir einander bestimmt waren, um beides zu sein: die letzten Menschen und die ersten, die in der Frühe auseinandergehen müssen, wie zwei Angehörige rivalisierender Familien.

Unser Heroismus ist der gleiche, und vom Verlust zehren wir beide auf unsere Weise. Wir sind nicht zueinandergekommen, um uns zu zerstören, wir sind gar nicht gekommen. Wir haben uns ineinander verschränkt mit dem Enthusiasmus einer gemeinsamen Verzweiflung, und auch wenn wir sie nicht fühlen konnten, war sie doch da, um uns ehemals so dicht und mächtig zu machen, und jetzt ist sie wieder da, um zu zerreissen.

Welches Leben knüpft da an? Welche Geste gilt noch ganz? Welcher Satz tritt aus dem Schatten, der noch von der Kuppel der Vergangenheit her auf uns fällt und uns die elenden Sommerabende kühlt? Welche Berührung ist ohne Déjà-vu? Welcher Kuss kein Zitat?

Dieses Leben lässt sich nicht mehr führen, allenfalls erfinden, allenfalls hervortreiben aus jener Untiefe von Erfahrungen, die ehemals für uns nicht wirklich waren. Jetzt sind die übersehenen Bilder, die verschenkten Spannungen, die liegengelassenen Fäden und Gesichter das Material, in das wir unsere Gesichter drücken, um mit unserer Verzweiflung das Unmögliche zu beatmen.

Aber selbst wenn wir beide wiederkämen, um nicht wieder, aber einmal mehr für uns zu sein, wir müssten uns erfinden und wie Menschen sein, die sich nur verlieren konnten, um sich endlich wirklich zu identifizieren, wie man Leichen identifiziert.

Das Wirklichste an uns wird dann nicht mehr die Illusion sein, sondern eine Welt, die durch die Trennung ging. Sie mag belastet sein wie eine Narbe, aber sie wird auch dicht sein wie eine Narbe. In ihr wird das Phantom unserer alten Liebe ein Zuhause haben, um darin zu atmen und zu seufzen, wenn jemand über unser Grab geht, und wir werden gerettet sein in der Erkenntnis, dass das einzig unabdingbare Leben jenes ist, das wir schon hinter uns zu haben glaubten.


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