NZZ Folio 02/00 - Thema: Im Netz   Inhaltsverzeichnis

Wein und Sein -- Nicolà Barandun, Sammler aus Freude

Von Peter Rüedi

Nur die Lumpen sind bescheiden, sagt Goethe. Nicolà Barandun, 42, ist das, was man und er selbst einen Zürcher Wirtschaftsanwalt mit aufstrebender Kanzlei nennt, und kein Lump. Ein Protz ist er allerdings auch nicht, und das aus charakterlicher Disposition mehr, als weil's dem Metier abträglich wäre, dem diskreten. Weine, welche der schlichtere Sinnenfreund sich als Ausschweifung gerade mal nach reiflicher Überlegung in der 7,5-dl-Bouteille gestattet, legt er sich freilich mit Vorliebe im grösseren Gebinde in den Keller: in stattlichen Magnum, bulligen Doppelmagnum, ausladenden Jeroboam oder gar in imperialen Abfüllungen. Seinem Erstgeborenen Valentin beschaffte er nach der Geburt gleich mal sechs Magnum Château Ausone 1998 und eine Impériale Mouton-Rothschild.

Allein, mag's glauben, wer will: der Mann gibt nicht an, er teilt einfach gern. Er liebt Feste, an denen sich viele über den gleichen Wein freuen und, in profaner Spätzeit, so etwas wie den mythischen Abglanz: Homer, die Bibel und der Autor, bei dem sich beides kreuzt, Gotthelf - denke ich, und blinzle mit diesem in Bern aufgewachsenen Bündner im Zürcher Exil ins Gold eines 89er Chevalier-Montrachet der Domaine Leflaive, feiere die feinziseliert frisch blütenduftende Nase, taumle dann erst mal zurück vor einer komplexen Wucht und Frucht, allerdings ausbalanciert und in der Üppigkeit gebrochen durch mineralische Noten (das Terroir). Mehr kann Weisswein nicht sein, denken wir als Schrumpfbesetzung einer barandunschen Weinverkostung unisono; doch warte nur.

Wein, sagt Barandun, ist ein Medium; er führt Menschen zusammen, bricht Vorurteile, Ängste, Unsicherheiten. Anders als die Kunst, die an seinen Wänden hängt, ist er nicht elitär. Einen wirklich grossen Wein erkennen auch Laien als solchen. Sie loten ihn vielleicht nicht aus bis in die letzten Geschmacksassoziationen und Verästelungen, sie verfügen nicht über das degustationsspezifische Vokabular und vor allem nicht über das spezifische Geschmacks- und Geruchsgedächtnis (die kurzgeschlossenen Anklangsnerven des Gaumens und des Hirns). Doch sie sind in der Lage zu geniessen, was sie vielleicht nicht oder noch nicht oder nicht mehr bezahlen können.

Wein ist vergänglich, er ist ein Konsumgut, auch in seinen superlativen Erscheinungsformen. Er ist lebendig wie der Mensch, also sterblich. Deshalb trinkt Barandun, von wenigen Ausnahmen abgesehen, Weine, die nicht älter sind als sein Verständnis für sie (ab 1982). Dieses hat ihm nicht sein Vater vermittelt, eher im Gegenteil. Silvio Barandun war Naturwissenschafter, Immunologe, eine Autorität und wohl auch autoritär: «Er hat die Autorität der Natur für sich beansprucht», lacht der Sohn, «er glaubte an die totale Analysierbarkeit des Weins vermittels Spektralanalyse, womöglich durch die Flasche hindurch.»

Geht nicht. So wenig ein Quadratmeter bewegte Wasseroberfläche auf eine Formel zu bringen ist, so wenig der Wein, den Nicolà Barandun auch noch aufstellt und vor dem es uns die geblümte und schwierige Sprache der Weinbeschreibung allerdings verschlägt. Ein Château d'Yquem 1967 ist, was er ist, mit nichts vergleichbar ausser mit sich selbst. Und gewiss einer der grossen Weine dieses sterbenden Säkulums. Weil denn nur Lumpen bescheiden sind: ein Jahrhundertwein.


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