NZZ Folio 09/96 - Thema: Krank im Kopf   Inhaltsverzeichnis

Die fixe Idee -- Alice Miller und das Kindheitsdrama

Von Peter Haffner

DEN GEFALLEN, eine verpfuschte Kindheit einen vergleichsweise geringen Preis für ein künstlerisches Werk zu heissen, braucht man Alice Miller nicht zu tun. Denn nicht einmal das Gegenteil von dem, was sie behauptet, kann richtig sein. In der Deutung literarischer Texte aus der Kindheitsgeschichte ihrer Verfasser, die sie 1983 in «Du sollst nicht merken» begonnen hat, hat die nach Frankreich emigrierte Schweizer Psychologin in nachfolgenden Büchern wie «Der gemiedene Schlüssel» und «Das verbannte Wissen» eine gedankliche Schlichtheit erreicht, die sich selbst denunziert.

Jeder Roman wird zum Schlüsselroman und sie zur ersten, die durchs Schlüsselloch gucken darf. Josef K. aus Kafkas «Prozess» ist aus dieser Perspektive so gut «das Kind», wie es der Landvermesser K. im Roman «Das Schloss» ist, wobei in ersterem «der Prozess» generell «die Eltern» bezeichnet, während im zweiten «die Mutter» exklusiv mit dem «Schloss» gemeint ist, worin K. vergeblich einzudringen versucht, um bei der Schlossherrschaft (richtig: «den Eltern») vorzusprechen. Damit ist der wohl rätselhafteste Autor der Moderne auch schon abgehandelt.

Kaum besser ergeht es Nietzsche, der, «hätte er als Kind einfach schluchzen dürfen», nicht der geworden wäre, der er ist - «die Menschheit wäre um einen Lebensphilosophen ärmer, aber dafür wäre der Mensch Nietzsche um sein ganzes Leben reicher geworden». Wer nicht nur dessen Philosophie für etwas Schwieriges gehalten und «die Verwirrung auf (sein) eigenes -Konto?» genommen hat, dem erweist Alice Miller mütterlichen Trost und Rat. «Man muss nur», sagt sie über den von Frauen erzogenen Verächter des Christentums, «für das Wort <Christentum> <meine Tanten> oder <meine Familie> einsetzen, und die massiven Angriffe bekommen plötzlich einen Sinn.»

Alles bekommt ihren Sinn. Hatte Alice Miller anfangs immerhin noch achtzig Seiten auf Kafka verwendet, um zu belegen, was für sie ohnehin keines Beweises bedurfte, hat sie sich solcher Sorgfalt später entledigt. Obzwar sich «selten Hinweise auf die Kindheit» in den Biographien Nietzsches finden, ist sein «Werk ein hoffnungsloser und bis zur Geistesauflösung nie aufgegebener Versuch, sich vom Gefängnis seiner Kindheit zu befreien». Wenn man auch «nicht genau» weiss, «was sich gerade zu dem Zeitpunkt» der behaupteten Traumatisierung des kleinen Picasso durch eine Naturkatastrophe ereignet hat, kann sie es sich doch «gut vorstellen». Und da sie sich auch bei der Betrachtung der Bilder von Käthe Kollwitz «auf meine Weise meine Fragen beantworten» kann, verspürt sie «kein Bedürfnis mehr, das Leben dieser Künstlerin in allen Einzelheiten zu verfolgen».

Ob die Belege eines vergangenen Kinder- und Künstlerlebens reichhaltig oder mager sind, die Armut ihrer Werkinterpretation bleibt stets dieselbe. In einer Art von verkehrtem Exorzismus zaubert Alice Miller ihr Kindheitsteufelchen in jedes Leben und jedes Werk, das ihr in die Hände fällt. Hatte sie einst Picasso noch als Gegenbeispiel eines glücklichen Künstlers gefeiert, «frei, verschiedene Wege auszuprobieren, sich immer wieder neu zu entdecken», so triumphierte sie bald, überzeugt, nun doch ein Kindheitstrauma geborgen zu haben: «Ich spürte das Leiden nicht nur in den Themen, sondern auch in der Wucht der Pinselbewegung.»

Wer ihr nicht folgt, wird noch postum verfolgt. Nietzsche hat «unter schweren Kopfschmerzen, Halsentzündungen und rheumatischen Erkrankungen gelitten», weil die wahren Worte in seinem «Hals und Kopf steckengeblieben sind». Zweifellos als «Opfer seiner Schuldgefühle» ist Kafka «an Tuberkulose erkrankt und daran gestorben». Wie auch Galileo Galilei - zu diesem Zeitpunkt immerhin vierundsiebzig! - «erblindete, als er von der Kirche gezwungen wurde, gegen sein besseres Wissen zu widerrufen». Und da Freud, der um den Kindsmissbrauch wusste, «sich selbst verbot, die von ihm entdeckte Wahrheit auszusprechen», litt er «später am Krebs des Mundbodens», an dem er - der süchtige Zigarrenraucher - «schliesslich starb».

Mehrdeutigkeit als Merkmal ernstzunehmender Kunst gilt ihr nichts. Alice Millers Trivialbibliothek der Weltliteratur ist ausgelesen, bevor sie ein Buch zur Hand nimmt. Ihr geht die Lust am literarischen Spiel ab wie einer entnervten Mutter die Freude am Chaos im Kinderzimmer.

Im Gegenzug verspricht sie, ganz biblische Prophetin, nichts weniger als «die Wahrheit», «verbotenes Wissen», Fakten, «deren Kenntnis der Menschheit vieles erklären und Kriege ersparen könnte». Haben wir gelernt, «uns aus dem Gefängnis unserer Kindheit zu befreien», brauchen wir keine Medikamente mehr, keine Schlaftabletten, keine schweren Operationen; es hat ein Ende mit Nationalismus, Völkermord und Religion. So verkündete sie es in der Einleitung zur 1994 erschienenen Neuauflage von «Das Drama des begabten Kindes», die in der nächsten Auflage gestrichen wurde.

Alice Millers Bestseller, die dem Suhrkamp-Verlag waschkörbeweise Leserbriefe bescheren, bedienen ein Publikumsinteresse. Wie die Autorin selber schreibt, sehen sich «die Leser bei dieser Lektüre vor ihre eigene Geschichte gestellt». Doch wenn alle glauben, als Kind misshandelt worden zu sein, werden diejenigen, die es wirklich waren, erneut zum Opfer. Nicht zuletzt um ihretwillen gilt es, auf dem Unterschied zwischen blossen Behauptungen und bitterer Wahrheit zu beharren.


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