NZZ Folio 12/95 - Thema: Die Gabe   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Gewönne doch der Konjunktiv!

Von Wolf Schneider

«WAS WÄRE, WENN . . .?» Irgendwann muss diese Frage zum erstenmal erklungen sein, und mit ihr hatte die Sprache einen Durchbruch von unerhörter Kühnheit vollzogen: Wer so fragte, der wollte nicht mehr beschreiben, was ist, sondern dreist darüber spekulieren, was sein könnte oder sollte. Die Welt wollte er in Frage stellen, die Utopie gegen sie ausspielen, sie mit Zweifeln zersetzen oder mit Forderungen überziehen. Eine verwegenere Tat haben wir mit sprachlichen Mitteln nie vollbracht.

Um so bedauerlicher, dass der Konjunktiv es im deutschen Sprachraum so schwer hat: Seine beiden Formen auseinanderzuhalten und jede korrekt zu verwenden, war heimisch immer nur in einer sprachbewussten Minderheit und hat in den letzten Jahrzehnten weiter an Geltung verloren.

Ja, auch jüngere Leute können Sätze wie diesen noch verstehen: «Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?» (Matthäus 16, 26). Aber sie mögen es nicht mehr, und wenn ein lebender Mensch mit «hülfe» und «gewönne» vor sie hinträte, würden sie ihn auslachen. Schriftsteller und Journalisten, Pfarrer und Werbetexter - wer immer sein Publikum gewinnen will, muss wohl in Rechnung stellen, dass die schönen alten Formen (oh, glömme doch ein Feuer, oh, schmölze das Eis!) auf die meisten Adressaten archaisch wirken, wenn nicht manieriert.

Lebendig ist dieser Konjunktiv der Unwirklichkeit, der Irrealis, nur noch bei den Hilfszeitwörtern (er hätte, ich wäre) und in einigen wenigen anderen populären Formen: Ich möchte, das ginge schon, er käme gern, ich bräuchte dringend Geld. Doch mit dem bräuchte sind wir schon bei einer neuen Not.

Grammatisch wird ja der Irrealis im Regelfall von den Formen der einfachen Vergangenheit abgeleitet: Ich sprach - ich spräche; er trug - er trüge. Das funktioniert indessen nur bei den starken Verben. Die schwachen lassen keine eigenständige Form des Irrealis zu: «Sagtest du mir nur einmal ein freundliches Wort!» ist den Umständen nach ein Konjunktiv, der sich in der Form jedoch nicht von der einfachen Vergangenheit unterscheidet.

Daraus ist offenbar der Drang entstanden, bei den letzten geläufigen Formen des Irrealis eine Unterscheidung in die Welt zu setzen, welche die Grammatik nicht hergibt: statt «Ich brauchte einen Schraubenzieher» lieber «Ich bräuchte ihn». Das mag man begrüssen als Signal dafür, dass wir auf den Konjunktiv eben doch nicht verzichten können; nur ist damit eine Form erfunden, die uns in Teufels Küche brächte, wollten wir sie konsequent verwenden: Täuchte der Taucher, wenn er seinen Schnorchel - schmäuchte der Raucher, wenn er seinen Tabak fände?

Viel schmerzlicher aber wird die Grammatik aufs Rad geflochten, wenn es um die allgegenwärtige Aufgabe geht, den Konjunktiv der Unwirklichkeit (Er käme ja gern, wenn nicht leider . . . ) abzugrenzen gegen den Konjunktiv der indirekten Rede (Er komme gern, sagte er). Und eben dieser, eine noble Besonderheit der deutschen Sprache, ist mehr als ein intelligenter Modus der Mitteilung - er ist eine politische Notwendigkeit.

Wo angelsächsische Zeitungen in jedem Satz einer zitierten Rede ein «he said» einstreuen müssen, um das Bewusstsein wachzuhalten, dass sie nicht etwa für den Inhalt haften - da steht den Journalisten deutscher Sprache das ungleich elegantere Mittel zur Verfügung, jeden Irrtum auszuschliessen durch ein konsequentes «Er sagte, er habe, er sei, er wolle, er werde». Wenn ein Chemie-Unternehmen nach einer Gasexplosion mitteilt: «Für die Anwohner besteht keinerlei Gefahr», so wäre es grotesk, das Wort «besteht» in die Radionachrichten zu übernehmen; vielmehr teilt dort das Unternehmen mit, es bestehe keine Gefahr - und dieses eine e anstelle des t macht jedem klar: Na ja, das sagen die halt.

Wie politisch der Konjunktiv der indirekten Rede ist, wird besonders augenfällig an dem grotesken Umgang mit ihm, den die untergegangene DDR ihren Journalisten anbefahl: «Honecker sagte, die DDR sei . . .» war unzulässig, denn wenn Honecker es so sagte, dann war es auch so; also: «Honecker sagte, die DDR ist . . .» Zwingend aber war der Konjunktiv in Sätzen wie: «Kohl sagte, die BRD sei . . .» Denn wenn Kohl es sagt, ist sie es natürlich nicht.

Wie schön, dass diesem Unfug ein jäher Tod beschieden war. Stürben doch die anderen Missbräuche ebenso gründlich! Der häufigste ist, dass die Formen des Konjunktivs der indirekten Rede, das wolle und das habe , den wenigsten geläufig sind, so dass sie sich arglos der Formen des anderen Konjunktivs bedienen: Er sagte, er hätte - obwohl sie er habe meinen und den Unterschied kennen sollten. Er sagte, er habe Geld, heisst ja: Er hat welches; «er hätte Geld» aber wäre nur korrekt, wenn es weiterginge: «. . . wenn es ihm nicht gestohlen worden wäre»; er hat also keins.

In geschriebenen Texten bewältigen kaum zwei oder drei Prozent der Deutschsprachigen diesen Unterschied, in mündlicher Rede gar nur noch ein Tausendstel davon; und von denen lebt merkwürdigerweise die Mehrzahl in der Schweiz. Hier kann man alte Bergbauern sagen hören: «Er sagte mir, er habe . . .» In bundesdeutschen Ohren klingt das ganz unglaublich intellektuell. Dabei ist es einfach herrlich direkt aus dem Brunnen der Sprache geschöpft, dort, wo er am tiefsten ist.




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