Dass sich die Nervenzellen nicht wie andere Körperzellen teilen und somit neu bilden können, ist eine biologische Binsenwahrheit. Wenn der Mensch bei seiner Geburt mit 100 Milliarden Hirnzellen die Freuden und Leiden des Erdenlebens in Angriff nimmt, hat er ein Anfangskapital, das er mengenmässig nur bewahren oder verlieren kann. Untersuchungen an Gehirnen Verstorbener haben gezeigt, dass die Hirnmasse im Lauf des Älterwerdens schrumpft: Zwischen zwanzig und siebzig büsst der Mensch 200 bis 300 Gramm Hirnsubstanz ein; ein Neunzigjähriger verfügt noch über zwei Drittel seines ursprünglich anderthalb Kilogramm schweren Denkapparats. Die frühen Hirnforscher sahen in diesem Substanzverlust kurzerhand die Erklärung für die beobachteten Verminderungen der Hirnleistungen im Alter und hatten bald eindrückliche Zahlen für den schleichenden Zerfall zur Hand: Während des ganzen Lebens gingen Tag für Tag zwischen 10 000 und 100 000 Neuronen (Nervenzellen im Hirn) kaputt. Und wer einen Hang zum Alkohol habe, hiess es, spüle nochmals eine ähnliche Anzahl ins Verderben.
So schrecklich solche Zahlen erscheinen mögen: rechnet man sie hoch, blieben selbst nach einem langen und allenfalls etwas feuchtfröhlichen Leben von den 100 Milliarden Neuronen immer noch weit über 90 Milliarden übrig. Die Botschaft wird noch tröstlicher, nimmt man die Forschungsergebnisse der letzten Jahrzehnte zur Kenntnis, wonach die Neuronenzahl im Laufe des ganzen Lebens weitgehend konstant bleibt und nur in gewissen Hirnarealen merklich abnimmt. Das Leichterwerden des Hirns ist vor allem die Folge von Verlusten an Stützzellen (sie bilden das Gerüst für die Nervenzellen) sowie des Schrumpfens grosser Neuronen; ausserdem vermindert sich die Zahl der Verbindungen zwischen den einzelnen Nervenzellen. Der Organismus sorgt also umsichtig für den Erhalt seiner Kommandozentrale. Und wie sich jetzt zeigt, verläuft bereits die Bildung des Gehirns viel raffinierter, als es sich die Gelehrten früher vorstellten. Der menschliche Embryo beginnt mit seiner Hirnentwicklung etwa in der achten Schwangerschaftswoche. Das Inventar an 100 Milliarden Nervenzellen baut er während der nächsten vier Monate auf – was immerhin eine laufende Produktion von über 500 000 Neuronen pro Minute bedeutet. Die frisch entstandenen Neuronen müssen sich ihren späteren Arbeitsplatz im Hirn noch suchen – eine Völkerwanderung, die etwa bis zur Geburt dauert.
Dieses Bereitstellen der neuronalen Grundstruktur ist durch den genetischen Bauplan streng vorbestimmt, denn die Natur will sich hier keine Zufälligkeiten leisten. Das Gehirn wird indes erst zum Supercomputer, wenn seine Milliarden Bausteine miteinander verknüpft sind und als gigantisches Kommunikationsnetzwerk funktionieren. Da nun jede Nervenzelle über 1000 bis 10 000 Schaltstellen (Synapsen) mit den benachbarten Nervenzellen gekoppelt ist, ergibt sich schliesslich ein unvorstellbar komplexes Datenverarbeitungssystem mit einigen hundert Billionen Verbindungen. Im Computerjargon ausgedrückt, sind in der Hirnmasse nicht weniger als tausend Gigabit (eine Billion Bit) Informationen gespeichert, was einem Textumfang von über 60 Millionen Schreibmaschinenseiten entspricht.
Glaubte man früher, das «Verdrahten» der Neuronen erfolge nach einem fest vorgegebenen genetischen Bauplan und das Gehirn beginne erst zu arbeiten, wenn seine internen Kontakte fertig geknüpft sind, haben die Forschungen der letzten zehn Jahre ein völlig anderes Bild erbracht. Anlass zum Zweifel an der Fixfertig-Hirn- Theorie hat die Überlegung gegeben, die im winzigen Zellkern der Eizelle und der Samenzelle gespeicherte genetische Datenbank könne neben dem Bauplan für den gesamten Organismus nicht auch noch die Detailanleitung für den Aufbau der Myriaden neuronaler Kontakte speichern. Wie also findet das Gehirn zu seiner Funktion?
Ab etwa Mitte der Schwangerschaft beginnen die Axone, die langen Hauptäste der Nervenzellen, die für den Kontakt auf weite Distanz (etwa von der Netzhaut des Auges zum Sehzentrum auf der Grosshirnrinde) verantwortlich sind, zahlreiche Seitenäste zu bilden. Diese Seitenäste verknüpfen sich ziemlich wahllos mit den Seitenästen anderer Nervenzellen. Das so entstehende Netzwerk ist vorerst ein Durcheinander; seine sinnvolle Struktur findet es erst durch die reale Welt. In den ersten Lebensjahren verstärken die Nervenzellen jene Kontaktbahnen, die durch äussere Reize – etwa auf der Netzhaut oder auf der Körperhaut – aktiviert werden. Und sie brechen Nervenverbindungen wieder ab, für die offensichtlich kein Bedarf besteht. So gelangt das Gehirn nach und nach zu einer Struktur, die entscheidend von der spezifischen Umgebung geprägt ist. Die Ansicht, man solle ein Kleinkind mit Spiel und Zuwendung für die Aussenwelt interessieren, hat für die Hirnentwicklung also fundamentale Bedeutung. Was ein Defizit hier bedeuten kann, zeigt das Beispiel der Kinder, die mit einer schweren Linsentrübung zur Welt kommen. Diagnostiziert man diesen Fehler nicht bald nach der Geburt und korrigiert die defekte Augenlinse, verzichtet das Gehirn wegen fehlender Lichtreize auf die betreffenden Nervenverbindungen – das Auge wird und bleibt für immer blind.
Diese plastische Anpassung des jungen Hirns belegen auch Untersuchungen an Säugetieren und Vögeln. So hat man an jungen Katzen studieren können, wie die Sehzellen im Auge erst durch das aktive Sehen ihr Zielareal auf der Sehrinde im hinteren Teil des Gehirns festlegen. Dabei werden in grossem Umfang die Axone und Synapsen der Nerven umgebaut, bis Lichtreize, die auf der Netzhaut nebeneinander auftreffen, auf der Sehrinde ebenfalls benachbarte Stellen reizen und so im Hirn ein Abbild der Aussenwelt erzeugen. Damit das Tier bei diesem neuronalen Lernen zum Zeitpunkt der Geburt bereits einen Vorsprung hat, entstehen schon in der Dunkelheit der Gebärmutter auf der Netzhaut spontan Salven von geordneten nervlichen Aktionsmustern. Wie weit diese Art von Hirnanpassung gehen kann, weiss man von Singvögeln. Sowohl die jungen Männchen als auch die Weibchen besitzen im Vorderhirn Neuronengebilde, die sie zum Singen befähigen. Nach der Geschlechtsreife singen jedoch nur die Männchen, weshalb die Weibchen kurzerhand das gesamte Gesangszentrum im Hirn abbauen.
Dass nun das menschliche Gehirn in seiner frühen Entwicklung ebenfalls je nach Hirnregion eine mehr oder weniger grosse Zahl seiner Neuronen «absichtlich» wieder sterben lässt, ist eine weitere Überraschung der modernen Hirnforschung. Der Abbau erfolgt etwa dort, wo die individuelle Hirnerfahrung zeigt, dass die Zahl der in einem bestimmten Zielgebiet endenden Nervenzellen für die spezifische Aufgabe zu gross ist. Denn das Gehirn mit seinem gezwungenermassen hohen Energieverbrauch kann sich keine unnützen Esser leisten.
Das neuronale Anpassen an die reale Welt dauert weit über die Kindheit hinaus. Die Autopsie von Personen unterschiedlichen Alters hat gezeigt, dass die Dichte der Schaltstellen (etwa im Stirnhirn) im Jugendalter wieder deutlich abnimmt. Vermutlich gehört das zur Strategie des Gehirns, die oftmals noch übersprudelnde kindliche Denkweise in gefestigtere Bahnen zu lenken. Die krankhafte Unfähigkeit, auftauchende Assoziationen ordnen zu können und einen Gedankenfaden zu Ende zu spinnen, ist das Kennzeichen der Schizophrenie. Könnte ein Ausbleiben der nützlichen Straffung der Neuronentätigkeit im jugendlichen Hirn die noch rätselhafte Ursache der Schizophrenie sein? Die Tatsache, dass diese Geisteskrankheit meist in der späteren Kindheit ausbricht, spricht für diese Möglichkeit.
Zu einer der aufregendsten Entdeckungen gehört die Erkenntnis, dass sich das menschliche Hirn lebenslang auf seine Sinneseindrücke und Denkprozesse abstimmt, sich also laufend selber nachjustiert. Durch Lernen werden bestimmte Synapsen gestärkt und so Gedächtnisinhalte neuronal gefestigt. An Affen konnte gezeigt werden, dass sich durch gezieltes Trainieren bestimmter Finger deren Zielareal auf der Hirnrinde noch im Erwachsenenalter auf Kosten benachbarter sensorischer Adressen vergrössern lässt. Diese Flexibilität ist vor allem auch im Älterwerden nützlich. Denn da sich Nervenzellen nicht neu bilden können, kumulieren sich durch externe Gifte und eigene Stoffwechselprodukte verursachte Schäden. Die schlechte Durchblutung im Alter verstärkt zusätzlich die Schäden an den Neuronen.
So verkümmern etliche der Nervenfortsätze. Auch wird die an den Synapsen mit Hilfe chemischer Botenstoffe bewältigte Informationsübertragung zunehmend ineffizienter. Deshalb beginnt das Denken im Alter von fünfzig bis sechzig Jahren langsamer zu werden, neue Situationen werden weniger rasch begriffen, das Kurzzeitgedächtnis erleidet Einbussen. Lässt man der älteren Person jedoch Zeit, kann sie die gestellte Denkaufgabe nach wie vor lösen. Und Fachmann wie Fachfrau bringt es beim Älterwerden meist fertig, die grössere geistige Wendigkeit der nachrückenden Jugend dank längerer Lebenserfahrung, kumuliertem Fachwissen und psychischer Ausgeglichenheit wettzumachen.
Das Hirn wehrt sich auch anatomisch gegen die Defizite des Alters. Der Hippocampus ist Teil des limbischen Systems, eines Areals des Hirnmantels, das für Lernvorgänge, Erinnerungen und Emotionen wichtig ist. Im Hippocampus verschwinden mit jedem Jahrzehnt der zweiten Lebenshälfte etwa 5 Prozent der Neuronen – bis zum Lebensende insgesamt rund 20 Prozent. Man hat die Nervenzellen im Hippocampus verschiedenaltriger Menschen nach dem Tod untersucht und dabei eine erstaunliche Feststellung gemacht: Misst man die mittlere Länge der Fortsätze der Nervenzellen, ergibt sich zwischen dem fünften und dem achten Lebensjahrzehnt ein deutliches Wachstum. Erst im hohen Greisenalter werden die Fortsätze wieder kürzer. Dieses späte Nervenwachstum könnte sehr wohl das Bemühen besonders tüchtiger Nervenzellen bedeuten, den altersbedingten Ausfall von Nachbarzellen zu kompensieren.
Dass das Gehirn dem Zahn der Zeit gut widerstehen kann, zeigen jene Geister, deren Kreativität bis ins hohe Alter erhalten blieb: Simone de Beauvoir schrieb mit 75 Jahren «Die Zeremonie des Abschieds»; Marc Chagall stattete mit 81 das Zürcher Fraumünster mit Glasmalereien aus; Otto Klemperer dirigierte mit 85 das London New Philharmonia Orchestra; Frank Lloyd Wright leitete mit 92 in New York den Bau des Guggenheim- Museums; George Bernhard Shaw verfasste mit über 90 Theaterstücke, und Bertrand Russell schrieb mit 96 «Die Kunst des Philosophierens». Wie kluge Taktik den altersbedingten Beschränkungen begegnen kann, verriet Artur Rubinstein, der mit 89 noch Klavierkonzerte gab: Er bezwinge die Schwächen des Alters, indem er mehr übe, sein Repertoire bewusst beschränke – und vor schnellen Passagen verlangsame, damit der schnelle Teil flinker gespielt erscheine, als es tatsächlich der Fall sei.
Hirnforscher und Psychiater sind sich heute einig: Bei gesunden Alten ist die Hirnfunktion nicht wesentlich eingeschränkt. Wird das Gehirn jedoch längere Zeit mit Giften belastet, treten krankhafte Veränderungen auf. So zeigt sich bei zwei Dritteln der chronischen Alkoholiker im Röntgenbild eine Hirnschrumpfung. Nach neueren Untersuchungen können Hirnveränderungen bereits bei einem Dauerkonsum von 40 Gramm Alkohol pro Tag auftreten – eine Dosis, die schon ein halber Liter Wein enthält. Dieser Hirnabbau betrifft jedoch vor allem die weisse Substanz des Grosshirns (sie besteht hauptsächlich aus Stützzellen und den Fortsätzen der Nervenzellen), während die graue Grosshirnrinde (das mit Nervenzellen vollgepackte Denkzentrum) vom Abbau verschont bleibt.
Dies bestätigte unlängst eine dänische Studie, die elf Gehirne von verstorbenen schweren Alkoholikern mit elf Gehirnen verstorbener Nichttrinker verglich. Die aus zahlreichen Gewebepräparaten hochgerechnete Gesamtzahl der Nervenzellen der Grosshirnrinde betrug für beide Gruppen 23 Milliarden, und der am Gehirn der langjährigen Alkoholiker festgestellte Gewichtsschwund von etwa zehn Prozent betraf nur die weisse Substanz. Alkoholiker haben deshalb die (mittlerweile auch medizinisch bestätigte) Chance, mittels Abstinenz das geschädigte Hirngewebe7 zu regenerieren. (Für eine zerstörte Leber allerdings kennt die Natur keine Rekursmöglichkeit.)
Den Geniesser eines guten Tropfens mag die Botschaft aus der Universitätsklinik Bordeaux freuen: Wie Untersuchungen an 4000 Personen über 65 Jahren zeigten, reduziert ein Viertelliter Wein pro Tag den Alterungsprozess des Hirns um mehr als einen Drittel. So wird also das Gehirn mit mässigen Alkoholmengen durchaus fertig. Mit einer Ausnahme: In seiner frühen Entwicklung kann schon ein einziger feuchtfröhlicher Abend verheerend wirken. Die Alkoholembryopathie ist die häufigste Entwicklungsstörung bei Neugeborenen. Die traurigen Folgen des Alkoholkonsums während der Schwangerschaft reichen von Lernschwäche und Verhaltensstörungen bis zu Minderwuchs und schwerer motorischer oder geistiger Behinderung.
Das Gehirn ungewöhnlich früh und rasch abbauen und eine grosse Zahl von Neuronen zerstören können krankhafte Prozesse mit noch unbekannter Ursache. Bei der Parkinson-Krankheit, der «Schüttellähmung», zerfallen in der Substantia nigra mehr und mehr Hirnzellen. Da die betroffene Region den chemischen Botenstoff Dopamin produziert, der für die Übermittlung von Signalen für Körperhaltung und -bewegung wichtig ist, verschlechtert sich das Krankheitsbild von anfänglichen Schmerzen in Muskeln und Gelenken zu Steifigkeit, teilweiser Bewegungsstarre sowie Zittern des Kopfes, der Hände und der Füsse. Schliesslich schlurft der Kranke mit kleinen Schrittchen gebückt durch das Leben, die Stimme leise und monoton. Betreffen die Symptome anfangs nur die Motorik, entwickeln die meisten Parkinson-Patienten später auch intellektuelle Defizite. Und während man mit Medikamenten das fehlende Dopamin ersetzen und so die motorischen Störungen stark vermindern kann, lässt sich die Demenz leider noch nicht beheben.
Der weitaus grösste Anteil an seniler Demenz geht indes auf das Konto der Alzheimer-Krankheit, eines Leidens, das von einer raschen Verschlechterung des Gedächtnisses, des Denkens und des Urteilsvermögens gekennzeichnet ist. Symptome also, wie sie auch durch den normalen geistigen Abbau im hohen Alter auftreten können. Nur beginnt Alzheimer nicht selten schon zwischen Vierzig und Fünfzig und durchläuft die Skala der progressiv stärker werdenden geistigen Störungen im Eilzugstempo von wenigen Jahren. Wie bei Parkinson ist auch bei Alzheimer die Krankheitsursache unbekannt. Man kann lediglich den entstandenen Schaden post mortem im Gehirn beobachten: aussergewöhnlich häufige Ablagerungen des Eiweissstoffes Beta-Amyloid (ein in geringen Mengen auch im gesunden Hirn auftretendes Abfallprodukt des Hirnstoffwechsels) und chaotische Knäuel von Neurofibrillen, den Stützstrukturen im Innern der Nervenzellen.
Solche hirnorganische Störstellen setzen eine wachsende Zahl von Neuronen ausser Gefecht – ein mentaler Aderlass, den das Hirn trotz seinen Reparaturmöglichkeiten bald schon nicht mehr zu kompensieren vermag. In der Schweiz gibt es zurzeit 150 000 Alzheimer-Patienten; 60 Prozent aller seniler Demenzen gehen bereits auf das Konto dieser Hirnkrankheit. Und die rapid ansteigende Zahl älterer Menschen wird die Zahl der Alzheimer-Patienten weiter vergrössern. Dazu kommen mit einem Anteil von 20 bis 30 Prozent aller senilen Demenzen die mehrfach auftretenden kleinen Schlaganfälle. Sie sind die Folge von Gefässverkalkungen, wobei die gestörte Durchblutung ganze Hirnareale verkümmern lässt. Für das Jahr 2020 rechnet man in der Schweiz mit 1,6 Millionen Menschen im Pensionsalter. Davon werden fast 7 Prozent hirnkrank und deswegen mehr oder weniger pflegebedürftig sein. Bei den über Achtzigjährigen muss sogar mit 20 Prozent dementer Patienten gerechnet werden. Was andererseits aber auch heisst, dass von den Hochbetagten immerhin vier Fünftel ihr Hirn noch einigermassen gut benützen können.
In der Pharmaforschung herrscht zurzeit ein weltweites Wettrennen auf der Suche nach Medikamenten gegen die Alzheimer-Krankheit und andere Hirnstörungen. Man weiss schon seit geraumer Zeit, dass Nervenwachstumsstoffe die Hirnzellen vor Schäden schützen und ihre Regeneration fördern. Diese Wachstumsstoffe wirken speziell auch auf die Nervenzellen im Hippocampus, der von der Alzheimer-Krankheit besonders stark in Mitleidenschaft gezogen wird. Man hofft, mit biotechnologisch hergestellten Wachstumsstoffen künftig die Krankheit günstig beeinflussen zu können. Ein noch viel grösserer Pharmamarkt als die Hirnkranken sind jene Menschen, die beim Älterwerden um ihre Hirnleistungen bangen und schon geringfügige Einbussen kurieren möchten. Das «hirnorganische Psychosyndrom» (HOPS) als Sammelsurium für Schlafstörungen, Schwindel, vorzeitige Ermüdbarkeit, Gereiztheit und Konzentrationsstörungen ist in den letzten Jahren zum Modebegriff vieler Ärzte geworden. Entsprechend zahlreich tummeln sich Präparate auf dem Markt, die für sich in Anspruch nehmen, dem müder werdenden Hirn wieder auf die Sprünge zu helfen. Als «Vasodilatatoren» sollen sie die Gefässe erweitern und so das Hirn besser mit Blut versorgen; als «Nootropika» wörtlich «den Verstand richten», also Gedächtnis, Sprache und Konzentrationsfähigkeit günstig beeinflussen. Zur Leistungssteigerung sollen ausser verstärkter Durchblutung auch Verbesserungen im Energiestoffwechsel sowie der Synapsenfunktion beitragen.
Wie wichtig solche Hoffnungsträger geworden sind, zeigt ihr Umsatz: Extrakte aus den Blättern des asiatischen Ginkgobaumes stehen in Deutschland an erster Stelle aller verkauften Arzneimittel. Die Ginkgoinhaltsstoffe sollen die Durchblutung des Gehirns verbessern und somit bei Konzentrationsschwäche und Schwindel helfen. Seit über vierzig Jahren ebenfalls in den vordersten Rängen der Pharmahitparade steht das aus verschiedenen Alkaloiden des Mutterkorns hergestellte «Hydergin». Vom LSD-Entdecker Albert Hofmann bei Sandoz ursprünglich als Blutdrucksenker komponiert, ist das Medikament zum Klassiker unter den Nootropika geworden. In zahllosen pharmakologischen und klinischen Studien will man nachgewiesen haben, dass das Mittel altersbedingte Störungen der Signalübertragung im Gehirn korrigiert und damit Gedächtnisleistung, Gleichgewicht, Schlaf und Aufmerksamkeit verbessert.
Der Umsatz von Vasodilatatoren und Nootropika ist beeindruckend: 33 Millionen Franken 1992 in der Schweiz und 2,2 Milliarden Dollar in den USA. Trotz solchem Publikumserfolg begegnen viele Fachleute den Mitteln mit grosser Skepsis. Denn alle bisher nachgewiesenen Wirkungen seien höchstens marginal und die im Hirn gemessenen Verbesserungen der Durchblutung und des Sauerstoff- und Zuckerverbrauchs nur von kurzer Dauer. Auch brächten die Mittel dort, wo sie am nötigsten wären – bei der Langzeittherapie der senilen Demenz –, praktisch keinen Nutzen. Albert Wettstein, Chefarzt des Stadtärztlichen Dienstes Zürich, meinte zur umfangreichen Palette der Vasodilatatoren und Nootropika, noch nie seien Verschlechterungen beobachtet worden, nachdem man sie bei neueintretenden Patienten abgesetzt habe – im Gegenteil. Gerade das Absetzen gewisser Medikamente, insbesondere von Beruhigungsmitteln, die der Patient bisher während längerer Zeit verordnet bekam, bringe oftmals spektakuläre Besserungen und zeige in etlichen Fällen, dass eine «senile Demenz» nur scheinbar bestanden habe.
Entsprechende Konsequenzen hat auch das Bundesamt für Sozialversicherung in Bern gezogen. Standen noch 1977 auf der Liste der vergütungsberechtigten Medikamente 46 «gefässerweiternde Mittel», finden sich 1993 unter «Gefässerweiternde Mittel und cerebrale Aktivatoren» nur noch 15 Produkte, die zusammen lediglich ein halbes Dutzend verschiedener Wirkstofftypen enthalten.
So wenig überzeugend die Erfolge der pharmakologischen Hilfen für das alternde Hirn bisher waren, die Branche zeigt sich keineswegs entmutigt. Neben Multivitaminen als unspezifischem Treibstoffzusatz für Körper und Geist und weiteren Offenbarungen aus der «Apotheke Gottes» rollt jetzt die Welle von «smart drugs» auf die Menschheit zu. Mit «Cognex» kam vor wenigen Monaten in den USA ein erster «cognition enhancer» auf den Markt, ein chemisches Präparat, das Gedächtnis und Aufmerksamkeit markant verbessern soll. Vorläufig erst zur Behandlung von Alzheimer- Patienten zugelassen, zielt das neue Präparat jedoch auf den sehr viel grösseren Markt der Leute mit «Age-Associated Memory Impairment», wie das Nachlassen der Gedächtnisleistung im Verlaufe des normalen Altwerdens als neue «Krankheit» definiert wird. Von den modernen Geistesstützen sollen schliesslich auch Millionen Schüler und Berufsleute, die ihre mentale Effizienz steigern möchten, profitieren. Laut einer pharmakologischen Fachzeitschrift sind zurzeit weltweit mindestens 180 solcher Gedächtnispillen in Entwicklung.
Noch Radikaleres im Sinn haben jene Wissenschafter, die Hirnproblemen mit dem Messer zu Leibe rücken möchten. In den achtziger Jahren hat man in den USA und in Schweden begonnen, Parkinson-Patienten Dopamin-produzierende Zellen aus dem eigenen Nebennierenmark oder aus dem Hirngewebe von Embryonen einzupflanzen. Transplantationsversuche mit Hirnzellen wurden auch an Schizophrenen gemacht; künftige Kandidaten sind Patienten mit neurologischen Störungen wie Alzheimer, Epilepsie und Hirnverletzungen. Dem anfänglichen Enthusiasmus nach ersten günstigen Resultaten ist mittlerweile Ernüchterung gefolgt. Der operative Ersatz von krankem Hirngewebe scheint doch viel schwieriger als ursprünglich angenommen. Denn das Funktionieren des Gehirns ist nicht nur eine Frage der einzelnen Nervenzellen, sondern vor allem auch der gegenseitigen Verdrahtung der Neuronen. Diese aber ist das Ergebnis lebenslanger persönlicher Entwicklung und kann durch kein Transplantat ersetzt werden.
In seinem Buch «Hirnverpflanzung» stellt der Bonner Neurochirurg Detlef Linke noch prinzipiellere Fragen: Ist nicht der chirurgische Austausch von Hirngewebe ein Eingriff in das Ich? Verändert nicht fremde Hirnsubstanz letztlich Individualität und Seele? Dass mit dem Untergang des alten Hirns unweigerlich auch die ursprüngliche Persönlichkeit verlorengeht, wird kein medizinischer Fortschritt ändern können.
Herbert Cerutti ist Wissenschaftsredaktor der NZZ.