NZZ Folio 09/10 - Thema: Die Welt von morgen   Inhaltsverzeichnis

Ist das zu verschmerzen?

© Syl Hillier
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Das Kind von heute wird in der Welt von morgen ausgezogen sein.

Von Judith Hermann

In der Welt von morgen wohnen wir nicht mehr, wo wir jetzt wohnen. Das ist ein Vorhaben und eine Gewissheit – so wird es sein.

In der Welt von morgen haben wir nicht mehr die frühe Sonne im Schlafzimmer und die Abendsonne in der Küche. Nicht mehr den Blick auf diesen Park und auf diese Strasse, nicht mehr die grünen Jalousien im Sommer runter und im Winter rauf, nicht mehr die doppelflügeligen Fenster, nicht mehr den Sprung im Fensterglas und die Abziehbildchen darauf, Ritter, Wappen, feuerspeiende Drachen. Die Elstern im Hof, die Flugzeuge über dem Dach, den Efeu an der roten Brandmauer, die Stimmen im Hof.

In der Welt von morgen wird der Baum vor dem Kinderzimmer, der klein war, als wir eingezogen sind, und in den vergangenen zehn Jahren selbstverständlich und unabhängig von allen Ereignissen gewachsen und gewachsen ist, bis vor den Balkon gewachsen sein und darüber hinaus, und wir werden dann aber nicht mehr hier wohnen.

Neun Jahre ist das Kind alt geworden, bis es mich schliesslich, leichthin und an einem späten Mittag im Juni nach der Schule und vor den zu erledigenden Hausaufgaben, Wochenplanerfüllungen, musikalischen Etüden, an der Wohnungstür stehend gefragt hat, warum das Holz vom Türrahmen links neben dem Türschloss so abgesplittert sei. Warum ist das so? Und es hat mit der Hand auf das Holz gedeutet und dabei gegähnt. So haben wir uns vor dem Türschloss nach vorn gebeugt und den Schaden im Holz besehen, zum allerersten Mal besehen – das abgesplitterte, abgeschabte Helle im dunklen Furnier, abgesplittert und abgeschabt vom wie viele Male eigentlich ­geschleuderten und gedrehten Schlüsselbund, vom zehn Jahre lang währenden Öffnen und Schliessen der Tür. Vom Kommen und Gehen.

Das dem Kind zu erklären, einfach so zu erklären und dabei den leisen Schwindel, das Abgrundgefühl, die Irritation zu überwinden, darüber hinwegzugehen im Wortsinn – währenddessen der Schlüssel im Schloss gedreht, die Demonstration des gegen das Holz schlagenden Schlüsselbundes, viel zu viele Schlüssel natürlich, auch welche daran, an deren Schlösser ich mich gar nicht mehr erinnern kann, dazu die Talismane und der Karabinerhaken –, das dem Kind zu erklären ist dann selbstverständlich gewesen, und das Kind hat den Zusammenhang auch sofort verstanden, es hat Ach so gesagt und schon mal ungeduldig gegen die Tür gedrückt, ist dann über die Schwelle getreten und in die Wohnung hinein.

In der Welt von morgen haben wir den Schlüssel für diese Wohnung abgegeben. Dieses Haus mit den grossen lichten Zimmern zum Park hin und den morschen Balkonen und der schönen Brandmauer im Hinterhof ist zu alt, man muss es morgen sanieren, wir werden dann gehen. Werden wir nicht, sagt das Kind, das ganz Gegenwart ist, sich aber schon wappnet, ahnungsvoll, gegen das Vergehen von Zeit. Gut – wer weiss. Vor kurzem noch hat das Kind gesagt, es würde niemals von zu Hause weggehen, es würde immer bei uns bleiben, wohl etwas arbeiten gehen, aber abends nach Hause kommen; jetzt schweigt es auffällig, wenn die Rede auf die ferne Zukunft kommt, morgen wird es dann ausgezogen sein.

In der Welt von morgen kann ich das Kind an die Welt von heute erinnern. Oder das Kind erinnert mich? Was haben wir gelesen, was haben wir gegessen, und wie lange haben wir geschlafen, wie warm waren die Sommer, wie oft waren wir baden, wie viel Schnee ist gefallen, ein endloser Schnee, oder bilden wir uns das nur ein. Was für eine Musik haben wir immer gehört, sind wir manchmal ins Kino gegangen, und wie oft haben wir uns gestritten, wen liebten wir, und wen haben wir verachtet, vor was hatten wir Angst.

Ich erzähle dem Kind, dass ich, als ich Kind war, auf dem Fensterbrett der Kindheitswohnung in Berlin Neukölln gesessen, in den düsteren Hinterhof hinaus gesehen und darauf gewartet habe, dass ein Erdbeben kommen wird. Der Seitenflügel einstürzt, das Quergebäude und das Vorderhaus, die Kastanie knickt um wie ein Streichholz, die Teppichstange bricht in der Mitte entzwei, die Mülltonnen fallen in einen schwarzen Schlund. Ich erzähle dem Kind, dass ich mich vor einem Erdbeben gefürchtet und mir nichts sehnlicher gewünscht habe als ein Erdbeben. Aber es gibt hier gar keine Erdbeben, sagt das Kind. Sachlich. Hier, wo wir sind, gibt es keine Erdbeben, wäre ich damals bei dir gewesen, hätte ich dir das sagen können. Was das Kind heute weiss, wusste ich, als ich ein Kind war, nicht.

Die Wohnung, auf deren Fensterbrett ich sass, im sogenannten Berliner Zimmer, ein grosses dunkles Zimmer auf den Hinterhof hinaus mit einem Fenster neben dem Küchenfenster, und wenn das Abendbrot fertig war, klopfte es aus dem Küchenfenster heraus mit einem Kochlöffel an meines, diese Wohnung gibt es nicht mehr.

Als wir sie ausräumten, tröstete das fünfjährige Kind mich über den Abschied hinweg, es versprach, falls ich vergessen sollte, mir immer erzählen zu können, wie es in dieser Wohnung ausgesehen hat – der lange Flur, links das erste Zimmer, dann das Mittelzimmer, dann das dritte Zimmer und rechts die Küche, dann der kleine Flur, wo immer das Licht gebrannt hat, auch mitten in der Nacht, und dann kam dein altes Kinderzimmer, es war ja ganz quadratisch gewesen, und du hattest ein Kasperletheater und eine Puppenstube, und hinten in der Ecke war das Fenster, wo du immer auf dem Fensterbrett gesessen und auf das Erdbeben gewartet hast. Aber das Erdbeben ist gar nicht gekommen. Stimmt’s? Ja, das stimmt. So ist es ge­wesen.

Die Tatsache, dass die Wohnung, in der ich ein Kind gewesen bin, nicht mehr existiert, ist erstaunlicherweise zu verschmerzen. In der Welt von morgen, die die Welt des Kindes sein wird, werden etliche Dinge zu verschmerzen gewesen sein, das ist es wohl, was die Welt von morgen ausmacht. Meine Angst vor Erdbeben ist die gleiche geblieben und hat sich in andere Ängste verwandelt.

Hattest du auch Angst vor der Dunkelheit, fragt das Kind, ja, sage ich, das Kind nickt lange und nachdenklich, es knipst dabei sein Nachttischlicht an und aus und an und aus und wieder an. Und jetzt? Habe ich keine Angst vor der Dunkelheit mehr. Auch keine Angst vor Aufzählungen wie dieser: In der Welt von morgen werde ich das Kind nicht mehr zur Schule bringen und nicht mehr aus der Schule abholen, wir werden am Abend nicht mehr zusammen essen und nicht mehr zusammen lesen, und ich werde das Kind nicht mehr am Morgen wecken, geschweige denn es lange anschauen, bevor ich es wecke. Ich werde nicht mehr die Stunden zählen, die das Kind geschlafen hat. Nicht mehr entscheiden, ob es zu kalt oder zu warm ist für diese Schuhe und jene Jacke, keine Äpfel mehr vierteln und keine Mathematikarbeit mehr unterschreiben, nie mehr am Elternabend auf dem Stuhl des Kindes an seinem Pult sitzen und sehen, wie es seinen Namen in futuristischen Buchstaben ins Holz geschnitzt hat. Ich werde nie mehr sagen, setz deine Mütze auf und binde dir deine Schnürsenkel zu.

Was werde ich stattdessen sagen? Worüber werde ich nachdenken, und worüber werde ich mich sorgen? In der Welt von morgen ruft das Kind mich im glücklichsten Falle am Sonntagabend an. Vielleicht können wir einen Spaziergang miteinander machen. Vielleicht werde ich dem Kind Fragen stellen, die es ausweichend und rücksichtsvoll beantworten wird. Wird das so sein? Und ist das zu verschmerzen? Ach na ja.

In der Welt von morgen haben wir den Schlüssel für die Wohnung, in der wir jetzt wohnen und leben, also einfach abgegeben. Wir haben schon Abschied genommen und das Schlimmste hinter uns gebracht. Der Tisch, an dem ich jetzt sitze, wird an einem anderen Fenster stehen mit Blick auf eine andere Strasse und auf andere Bäume. Elstern. Und Efeu an Brandmauern.

Kein Sprung im Fensterglas, keine Abziehbildchen. Das Kind wird seinen eigenen Schlüsselbund haben und darauf Wert legen, nie mehr Schlüssel bei sich zu tragen, als es wirklich braucht. Es wird mit Sicherheit einmal nach Neuseeland gegangen und heil wieder zurückgekommen sein. Wird es studieren? Oder wird es ein Bootsbauer werden? Ein Sportler. Musiker. Mit Familie oder ohne, verheiratet oder nicht. Die Nachrichten aus der Welt um uns herum werden andere sein und dieselben wie heute, wir brauchen noch immer acht Stunden Schlaf und klopfen drei Mal aufs Holz, um das Unglück abzuwehren, das Unglück wird noch immer selten alleine kommen.

Das Kind nimmt in die Welt von morgen mit hinein, was es will. Die Erinnerung – wenn es will. An den viel zu ­schmalen Flur, an die Bücherregale und die Garderobe, ein Leuchtturm aus Holz, angebracht in einem Meter Höhe. Links erst das Bad und dann die Küche, der Küchentisch mit den vier Stühlen darum herum und an der Wand das kleine Bord, an dem die Muschelketten aus allen Sommern hängen, die Hühnergötter und die Bernsteine. Rechts das Kinderzimmer, die Bleistiftstriche am Türrahmen, ihre Datierungen, Zentimeterchen, ihr Triumph. Zimmer zur Stras­se raus, Schreibtisch am Fenster mit dem Blick auf den Park, und die Wipfel vom Baum vor dem Haus wuchsen hoch bis zum morschen Balkon und weiter noch nicht. Das Bett an der rechten Wand, am Morgen die Sonne, am Abend das blaue Licht vom Globus und der Globus immer auf die östliche Halbkugel gedreht.

Überhaupt – die Weltkarte, die Weltkarte an der Wand neben dem Bett. Die Kontinente und Ozeane, ihre friedliche Darstellung, alle Epizentren ausser Acht gelassen und Blauwale vor den Antillen, Schneegänse auf Spitzbergen und der Kookaburra in der Grossen Australischen Bucht. Ein Weltfrieden. Die Kriege in den Märchenbüchern. In Bildern. Und das sichere Nachttischlicht. Und unter dem Bett der Koffer mit den Faschingskostümen, Löwe, Ritter, Indianer, Magier, Spiderman und Kosmonaut. Sonst nichts unter dem Bett ausser diesem Koffer und den Staubmäusen und den Hausschuhen. Die Geräusche am Abend – das Radio in der Küche und das Klappern von Geschirr, ab und an das Telefon und die Stimmen im Wohnzimmer und spät die leise sich schliessende Wohnungstür. Sind das meine Erinnerungen? Oder wessen.

Gute Nacht, sagt das Kind, es geht barfuss aus der Küche ins Zimmer hinüber in einem Schlafanzug aus blauem Flanell. Lässt die Tür offen stehen, lässt das Nachttischlicht brennen, liest noch ein wenig.

Und er versuchte noch einmal ins Haus zurückzukehren, um den Koffer zu retten, die Kiste, die Papiere und die Bilder, doch da war es schon zu spät, und die Flammen schlugen über dem Dach zusammen…

Habe ich als Kind Angst vor Feuer gehabt? Nein. Nicht wirklich. Hast du Angst vor Feuer? Manchmal. Vielleicht. Damals haben wir dann immer das Licht ausgemacht, das blaue Licht vom Globus durfte anbleiben, und durch die grünen Jalousien fiel der Schein der Strassenlaternen in Streifen ins Zimmer hinein. Wir haben gesagt: Gute Nacht. Und schlaf schön. Steht noch dahin – bis morgen.

Zur Biographie von Judith Hermann


Leserbriefe:

Zu Ist das zu verschmerzen? - NZZ-Folio Die Welt von morgen (09/10)

Judith Hermanns Geschichte hat mich sehr berührt. Jeder Frau, die Kinder hat, mögen solche Gedanken schon durch den Kopf gegangen sein. Es ist eine schmerzliche Vorstellung, dass wir Mütter in dem Leben, das unsere Kinder dereinst führen werden, nicht mehr den wichtigsten Platz einnehmen. Unsere Aufmerksamkeit und Liebe, die in diesem Text so wunderbar und sensibel beschrieben werden, sind das, was wir ihnen schenken können. Aber wer von Herzen schenkt, tut dies selbstlos und ohne mit einem Gegengeschenk zu rechnen.
Maria Reiter, Wien



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