NZZ Folio 03/99 - Thema: Frischer Fisch   Inhaltsverzeichnis

Petri Unheil

Düstere Perspektiven für die Fischereiwirtschaft.

Von Thomas Kreyenbühl

NOCH IMMER GELINGT ES, Jahr für Jahr mehr Wassertiere an Land zu ziehen. In der Fischerei, auf die vier Fünftel der weltweiten Gesamtproduktion von 121 Millionen Tonnen (1996) entfallen, sind die Zuwachsraten jedoch dünn geworden, und seit den starken Niño-Phänomenen der letzten beiden Jahre sind sie wohl sogar negativ. Dafür nimmt der Ertrag aus der Fischzucht um jährlich etwa 10 Prozent zu. Der menschlichen Ernährung dienen aus Fang und Zucht gut 90 Millionen Tonnen höherwertige Fische, Krusten- und Weichtiere, das ist fast sechsmal mehr als unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Pro Kopf der rasch wachsenden Weltbevölkerung hat sich das Angebot in den letzten fünfzig Jahren auf rund 16 Kilogramm jährlich verdoppelt.

Werden auch weiterhin immer mehr Wassertiere in unseren Kochtöpfen enden, und wird künftig aus Zuchten kommen, was die Meere nicht mehr hergeben? Die Experten der in Rom ansässigen Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, FAO, erwarten zwar weitere Produktionssteigerungen in den Zuchten und unter günstigen Bedingungen sogar beim Fang. Der Boom der letzten Jahrzehnte werde sich jedoch kaum fortsetzen, die Zuwachsraten dürften in Zukunft wieder hinter dem Bevölkerungswachstum zurückbleiben.

Vor allem für die Meeresfischerei sieht es insgesamt eher düster aus. In 35 Prozent aller Fischgründe sinken die Jahreserträge, in 25 Prozent stagnieren sie, und nur in 40 Prozent werden sie als entwicklungsfähig erachtet. Ertragssteigerungen werden zurzeit nur noch im nordwestlichen pazifischen Raum, aus dem fast ein Drittel der gesamten Fangmenge (1996: 87 Millionen Tonnen) stammt, und in geringerem Umfang im mittleren Atlantik und im Indischen Ozean beobachtet. Die Nordsee und das Mittelmeer können nicht mehr hergeben, im westlichen und im nordöstlichen Pazifik schrumpfen die Erträge, in der Ostsee ist der Kabeljaufang nicht steigerungsfähig, die Heringfischerei lohnt sich nicht mehr, und im ökologisch gefährdeten Schwarzen Meer sind die Nutzfische weitgehend ausgeräumt worden.

DIE MICKRIGEN WACHSTUMSRATEN oder sogar schrumpfenden Erträge der Fischerei haben ihren Grund im gnadenlosen Raubbau, der in den Tiefen der Meere stattgefunden hat. Und weiterhin jagt die Fischerei mit immer raffinierteren Fangmethoden hinter den dezimierten Beständen her. Mit Hilfe von Satelliten ermitteln die Fischer, wo sich Plankton ansammelt und deshalb Beute zu erwarten ist, mit hochsensiblen Echoloten und Helikoptern orten sie die Schwärme. Die FAO kritisiert die Verwendung von allzu engmaschigen Netzen, in denen die für die Bestandeserholung wichtigen Jungtiere hängenbleiben, und den Einsatz von überdimensionierten Stellnetzen zum Fang wandernder Fischschwärme. Und sie beklagt, dass durch Umweltverschmutzung, durch landwirtschaftliche Erschliessung von Flussdeltas oder durch Ausmerzung von Feuchtgebieten die natürlichen Laichgründe weiter zurückgedrängt werden.

Trotz des Frontalangriffs auf die Bestände seien die Meere aber nicht ausgefischt, nur überfischt worden, betonen die FAO-Experten. Das ist keine sprachliche Spitzfindigkeit, sondern ein entscheidender Unterschied. Auch mit intensivsten Fangtechniken wird es nämlich niemals gelingen, einzelne Fischarten ganz auszurotten. Die Restbestände können sich bei vernünftiger Bewirtschaftung wieder erholen. Pilotprojekte zeigen, dass sich ausgedünnte Fischpopulationen, die unter Schutz gestellt werden, in tropischen Gewässern innerhalb von nur 18 Monaten verdoppeln können. Unter gemässigteren Klimabedingungen und bei hochwertigen Fischarten dauert die Erholung etwas länger. Würde eine nachhaltigere Bewirtschaftung der Meere eingeführt, liesse sich der Fangertrag laut FAO-Berechnungen bis ins Jahr 2010 um 10 bis 15 Prozent steigern.

Die Fischereiexperten der FAO beurteilen die Zukunft der Meere zuversichtlicher als die regierungsunabhängigen Umweltorganisationen. Sie vertrauen auf das Seerechtsabkommen der Vereinten Nationen von 1982. Darin haben sich die meisten Meeresanrainer auf exklusive Nutzungsansprüche innerhalb von 200 Seemeilen und bei Gebietsüberlappungen auf die Einrichtung von Mittellinien geeinigt - 90 Prozent der weltweiten Fischgründe befinden sich seither unter nationaler Verantwortung und Aufsicht. Laut FAO sind die Behörden der Vertragsstaaten selbst daran interessiert, ihre Küstengewässer nachhaltig zu bewirtschaften. Die einheimischen Fischer - und die über Lizenzverträge zugelassenen ausländischen - würden, so gut dies auf hoher See eben möglich ist, überwacht und angehalten, sich auf die vereinbarten Arten und Mengen zu beschränken und nur zugelassene Fanggeräte zu verwenden. Einzelne Nationen, darunter die USA, Südafrika und Namibia, haben bereits offizielle Beobachter auf den Schiffen. Die EU, Südafrika und bald auch weitere Meeresanrainer verlangen die Verwendung von satellitenüberwachten Fahrtenschreibern, die eine permanente Kontrolle der Schiffsbewegungen erlauben.

DANK DER KLAREN ABGRENZUNG der Hoheitszonen ist es in den letzten Jahren nur noch vereinzelt zu Fischereikriegen gekommen. Eine Ausnahme bildet das Mittelmeer: Weil die zahlreichen Inseln die Festlegung von Mittellinien erschweren, verzichteten die Anrainer auf die Ausweitung exklusiver Nutzungsansprüche. Tunesien mit seinen fischreichen Schelfgewässern ausserhalb der traditionellen Zwölf-Meilen-Zone hat diese Übereinkunft gebrochen und pocht auf sein Recht, einen grösseren Raum zu bewirtschaften. Weil die sizilianischen Fischer dies nicht akzeptieren, schleppt Tunesien immer wieder italienische Schiffe ab und provoziert diplomatische Zwischenfälle. Die Rechtslage ist nicht ganz klar, weil Mittellinien nicht unilateral festgelegt werden können. Wer die Verhältnisse in den beiden Staaten kennt, führt die Schwierigkeiten allerdings weniger auf den Rechtsstreit als auf Uneinigkeiten zwischen den einflussreichen Gruppen zurück, die in Italien und Tunesien die Fischerei - und andere Geschäfte - kontrollieren.

Die Streitereien zwischen spanischen Fischern und den kanadischen Behörden, die 1995 Schlagzeilen machten, gründeten hingegen nicht auf einem Gebietsdisput. Die kanadischen Behörden gingen damals rechtswidrig gegen die ausserhalb der Hoheitszone Kanadas arbeitende spanische Heilbutt-Fangflotte vor, um die erboste, unter Fanglimitierung und hoher Arbeitslosigkeit leidende einheimische Fischerlobby zu besänftigen. Mit der Ausweitung der nationalen Hoheitszonen sind jedoch längst nicht alle Fischereiprobleme beseitigt worden. Noch sind die zum Schutz der Wanderfische (Thunfische, Schwertfische, Haie) vorbereiteten internationalen Abkommen von den meisten Fischereinationen nicht ratifiziert worden. Und die Antarktis-Konvention vermag nicht zu verhindern, dass Kutter aus Nichtvertragsstaaten in den fischreichen Gewässern im tiefen und rauhen Süden herumwildern.

Ein weiteres Problem ist der Beifang: Nach wie vor wird von den Fischern mehr als ein Fünftel des Fangs ungenutzt wieder über Bord gekippt. Beim sogenannten Rückwurf handelt es sich um kommerziell wertlose, für das ökologische Gleichgewicht unter Umständen aber sehr nützliche Tiere. Oder um Fische, die sich mit den angepeilten Arten durchmischen, um Kleintiere, die aus rechtlichen Gründen nicht angelandet werden dürfen, um Haifische, die in den kilometerlangen Stellnetzen hängenbleiben, um Delphine, die darin ersticken.

In einzelnen Fällen sind Lösungen gefunden worden. In der Garnelenfischerei, in der der Beifang bis zu 90 Prozent des Fangvolumens ausmacht, werden seit einiger Zeit Schleppnetze mit Austrittsventilen für fluchtfähige Fische und Schildkröten verwendet. Die Neuerung wird von den Fischern akzeptiert, weil sie ihnen die Arbeit erleichtert. Zudem glauben die FAO-Fachleute im Gewerbe einen Mentalitätswandel feststellen zu können; auch die Fischer hätten die Gefahren, die aus dem Raubbau erwachsen, erkannt.

SOLANGE DIE FANGKAPAZITÄTEN nicht verringert werden, nützen die Anstrengungen zur Schonung von Fischbeständen und Umwelt jedoch wenig. Die FAO fordert deshalb von den Fangnationen, die Beschäftigungsprobleme an den Küsten nicht länger mit der Subventionierung der Flotten zu bekämpfen. Bisher wurden die Flotten nur dort verkleinert, wo es aus ökologischen Gründen keine Fische mehr gibt, und dort, wo die Mittel zur Subventionierung fehlen, zum Beispiel in vielen ehemaligen Ostblockstaaten. Oder in einigen Industriestaaten, die sich aussichtsreicheren Geschäften zuwandten. Die Flotte der USA verminderte sich zwischen 1991 und 1997 um 11 Prozent, jene von Kanada um 44 Prozent, in Japan waren es 28 Prozent, in Europa 21 Prozent, in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion 12 Prozent.

Die Zahlen sind jedoch mit Vorsicht aufzunehmen. Denn zurzeit liegen keine zuverlässigen Angaben über den weltweiten Flottenbestand vor. Laut dem Lloyds-Register ist die Zahl der Schiffe mit mehr als 100 Bruttoregistertonnen zwischen 1991 und 1997 von 26 000 auf 22 700 zurückgegangen. Oft haben die Schiffe aber nur die Flagge gewechselt: viele in den Industriestaaten ausgemusterte Schiffe werden in den Entwicklungsländern weiterbenutzt. Seit den achtziger Jahren geht fast die ganze in Europa angebotene Secondhand-Tonnage in den fern- und südöstlichen Raum. Allein die Volksrepublik China, die ihre Schiffe im Lloyds-Register nicht eintragen lässt, vergrösserte ihre Flotte zwischen 1991 und 1997 von 7200 auf 15 000 Einheiten mit mehr als 100 Bruttoregistertonnen. Hinzu kommt, dass die in den entwickelten Staaten ausgeschiedene Tonnage zwar nicht vollständig, dafür aber mit sehr viel leistungsfähigerem Material ersetzt wird.

Die FAO nimmt an, dass weltweit die Flotten in den letzten Jahren kaum kleiner, bestimmt aber erheblich effizienter geworden sind. Und die Fanggründe haben sich von Norden nach Süden verlagert. Denn nach der Überfischung der nördlichen Meere richtet sich die Aufmerksamkeit vermehrt auf die noch weniger ausgeschöpften Gewässer der Südhalbkugel. Und weil die Fischerei den Ertragserwartungen in den alten Industrieländern nicht mehr genügt, wird sie mehr und mehr zu einem Geschäft der Entwicklungsländer.

Die Drittweltstaaten steigerten ihren Fischereiertrag zwischen 1988 und 1994 jährlich um durchschnittlich 7 Prozent. Auf sie entfallen unterdessen drei Viertel der Weltproduktion und sie beschäftigen heute 95 Prozent aller Fischer. Die Liste der zwölf wichtigsten Produzenten, auf die 70 Prozent des Meeresfischfangs entfallen, wird von China mit einem Jahresertrag von 14,2 Millionen Tonnen angeführt. Wegen der Überfischung der eigenen Gewässer greift die Volksrepublik zunehmend auf die Weltmeere aus und erwirbt, wo immer möglich, Fischereilizenzen. Damit bekommt die «Distanzfischerei», die nach dem Teilrückzug Japans und Russlands vorübergehend schrumpfte, wieder neuen Auftrieb.

An zweiter und dritter Stelle in den Fangstatistiken lagen 1996 die beiden Fischmehl- und Fischölproduzenten Peru und Chile mit 9,5 beziehungsweise 6,7 Millionen Tonnen. Wegen des Niños, der den Sardellenfang empfindlich gestört hat, dürften es seither etwas weniger geworden sein. Japan, früher die Nummer eins unter den Fischereinationen, macht den Produktionsausfall inzwischen mit dem massiven Import von Meerestieren wett und erscheint mit knapp 6 Millionen Tonnen erst an vierter Stelle. Es folgen die USA mit 5 Millionen und die Russische Föderation, deren Fangertrag seit dem Systemwechsel um die Hälfte auf 4,7 Millionen Tonnen zurückgegangen ist, dann Indonesien mit 3,7 Millionen Tonnen, Indien mit 3,5 Millionen, Thailand mit 3,1 Millionen, Norwegen mit 2,6 Millionen, Korea mit 2,4 Millionen und Island mit 2 Millionen Tonnen.

Trotz der Vergrösserung der Fangkapazitäten wird sich der Gesamtertrag der Meeresfischerei vorläufig nicht weiter steigern lassen. Die FAO spricht von einem «Schulbuchfall von Marktversagen». Kaum sehr viel stärker entwickeln sich die Erträge aus der Binnenfischerei (1996 weltweit 7,5 Millionen Tonnen). Sie spielen für die Ernährungssicherung in Afrika und Asien jedoch eine sehr viel wichtigere Rolle, als die Produktionsstatistiken vermuten lassen: der subsistenzwirtschaftliche Fang der bedürftigen Agrarbevölkerung wird nur ungenügend erfasst. In einigen Industrieländern zeichnet sich nach Jahren der Vernachlässigung der Binnenfischerei wieder eine Wende zum Besseren ab. Es fehlt nicht an Versuchen, die durch Wasserverschmutzung, Flussbegradigungen, Dämme, Elektrizitätswerke und die Trockenlegung von Sumpfgebieten verursachten Einschränkungen des Lebensraums der Fische zu korrigieren. Dank der Entlassung von «Setzlingen» an geeigneten Fliessplätzen und der Einrichtung von Fischtreppen dürften sich etwa die Lachse bald auch in Schweizer Rheinzuflüssen wieder heimisch fühlen.

DIE KÜNSTLICHE AUFZUCHT von Fischen, Krusten- und Weichtieren ist jedoch weit expansiver als die Fischerei. Mit jährlichen Zuwachsraten von 10 Prozent sind die Aquakulturen im Verlauf der letzten zehn Jahre wachstumsstärkster Nahrungsmittelsektor der Welt geworden. 90 Prozent der Gesamtproduktion von 26,4 Millionen Tonnen fielen 1996 in Asien an, zwei Drittel in China. Doch der Boom hat auch Schattenseiten: Bei unsachgemässer Zucht können Nährstoffe in die gelegentlich bereits überdüngten Gewässer entweichen. Und wie in der Massentierhaltung auf dem Land werden Krankheiten mit Antibiotika-Zusätzen in der Nahrung bekämpft. In Südostasien und an der lateinamerikanischen Pazifikküste wurden die Zuchtteiche für Garnelen in einigen Fällen über die natürlichen Laichplätze anderer, freilebender Meerestiere gelegt. Und wegen des Platzbedarfs der Farmen sind auch schon ganze Mangrovenwälder abgeholzt worden, was zudem die Küstenerosion fördern kann. Aquakulturen bedrohen das natürliche Gleichgewicht, und in Ecuador, dem wichtigsten pazifischen Garnelenproduzenten, kam es wegen einer Virusinfektion zwischen 1992 und 1995 zu einem massiven Produktionseinbruch.

Die von den Umweltorganisationen angeprangerten Missbräuche haben verschiedene Ursachen. Am Geschäft mit den Krustentieren etwa verdient in erster Linie der internationale Handel. Er drückt die Ankaufspreise und mindert damit bei den normalerweise weniger gut organisierten lokalen Produzenten die Anreize für umweltverträglichere Anbaumethoden. Wenn die Kontrolle durch die Behörden unzureichend und das Umweltbewusstsein wenig entwickelt ist, ist es oft billiger, bestehende Produktionsanlagen «auszulaugen» und dann an einem anderen Standort neu anzufangen.

Die FAO stellt jedoch in den letzten Jahren eine deutliche Besserung fest. Sie empfiehlt, die Garnelenfarmen zwischen den Küsten und den Mangrovenbeständen einzurichten. Es gibt bereits auch Richtlinien zur Reduktion der Nährstoffabgabe auf das Notwendige. Als lobenswertes Beispiel erwähnen die Römer Experten die norwegische Lachs- und die nordamerikanische Welsproduktion, in denen der Antibiotika-Einsatz in den letzten Jahren stark reduziert worden ist. Auch die chilenischen Lachs- und Forellenfarmen entwickeln sich dank einer rigiden Aufsichtspraxis und stabilen Investitionsbedingungen erfreulich. Und auf Druck wichtiger Absatzmärkte wird bald schon erzwungen, was bisher unterlassen worden war: Die USA erlauben neuerdings nur noch die Einfuhr von Zuchtprodukten aus Farmen, welche die amerikanischen Hygiene- und Umweltauflagen erfüllen. Künftig werden deshalb nicht mehr nur die eingeführten Tiere kontrolliert, sondern auch die Anlagen, in denen sie produziert werden. Diese Auflagen sind bereits von einigen weiteren Importstaaten übernommen worden, und auch in der Europäischen Union gelten ähnlich scharfe Bestimmungen. Fehlbare Produzenten und allzu lasch kontrollierende Aufsichtsbehörden werden umlernen müssen; wer nicht mitzieht, verbaut sich den Zugang zu den wichtigen Absatzmärkten.

Weit bedeutender als die rasch wachsende Produktion für den Export ist jedoch die traditionelle, umweltverträgliche Zucht für den Eigenbedarf vieler Entwicklungsländer, auf die noch immer rund drei Viertel des weltweiten Farmertrags entfallen. In China hat die Teichhaltung eine jahrtausendealte Tradition. Mit feinem Gespür für das natürliche Gleichgewicht werden Wassertiere mit unterschiedlichen Ernährungsgewohnheiten zu geschlossenen, von externer Nahrungsmittel- oder Chemiezufuhr weitgehend unabhängigen Nahrungsketten zusammengeführt. Beispielhaft ist auch die Fischhaltung in den Reisfeldern. Die asiatischen Karpfen ernähren sich von Unkraut, Schnecken, Larven von Malariamücken und anderen Schädlingen. Sie ermöglichen einen geringeren Pestizideinsatz in der Landwirtschaft, eine durchschnittliche Steigerung der Reiserträge um etwa 15 Prozent und sind der lokalen Bevölkerung ein wertvoller Proteinlieferant.

DER FISCHFANG hat sich nach Süden verlagert, und die Zucht, die stetig wächst, ist von jeher hauptsächlich ein Geschäft der Entwicklungsländer. Rund 40 Prozent der weltweiten Gesamtproduktion kommen in den internationalen Handel, die Hälfte davon stammt aus der Dritten Welt. 84 Prozent davon werden in den Industrieländern verzehrt, 30 Prozent allein in Japan. Die Fische und anderen Wassertiere bringen dem «Süden» darum nicht nur Beschäftigung und Nahrung, sondern auch immer mehr Devisen: 1995 waren es netto 18 Milliarden Dollar, zehn Jahre früher erst 5 Milliarden.

Die Fachleute der FAO scheuen sich jedoch davor, die gegenwärtigen Trends einfach in die Zukunft fortzuschreiben. Der Fischzucht sind Grenzen gesetzt. Die neuen amerikanischen Einfuhrbestimmungen werden den Investitionsaufwand für exportorientierte Zuchten erheblich vergrössern, und in der Farmproduktion für den Eigenbedarf dürfte das Wachstum durch den grossen Frischwasserverbrauch und den Landbedarf gebremst werden. Darum kann nicht erwartet werden, dass sich das Ernährungs- oder auch das Devisenproblem der Dritten Welt allein mit den Aquakulturen entschärfen lässt.

Thomas Kreyenbühl ist Wirtschaftskorrespondent der NZZ in Rom.


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