NZZ Folio 12/96 - Thema: Wunder   Inhaltsverzeichnis

E-Mail -- The Medium isn't the Message, right?

Von Franz Zauner

KEIN STROM, Strom. Das Raumschiff wartet, der Pilot tippt die Zielkoordinaten ein. Mit der Schubkraft von 10000 Halbleiterchen pro Kubikzentimeter saust er aus dem Wohnzimmer hinaus, unter dem Atlantik durch, über den Mittelwesten drüber. Fünf Sekunden später dockt sein Prozessor an ein paar integrierten Schaltkreisen in Kalifornien an und beginnt, Informationen zu schürfen. Die Wörter eines Essays verwandeln sich in elektrische Zustände, durcheilen winzige Silicium-Kristalle, durchstossen Bänder aus erstarrtem Metalldampf, die nur ein paar Atome dick sind, wandern durch haardünne Kupferröhren in armdicke Backbones; ein rot-grün-blauer Energiestrahl, gebändigt von Magnetfeldern, schleudert schliesslich die fremden Gedanken mit lautloser Wucht gegen die Scheibe des Monitors.

Das Internet, besagt lakonisch die Message, ist ein alter Hut.

Eine mediavistische Guerrilla hat sich formiert und behauptet im Namen der Rose, dass die ersten Surfer Kutten trugen. Es braucht eben keine überseeischen Server, um suchende Seelen zu einer weltweiten Gemeinschaft zu verbinden. Die Mönche des Mittelalters suchten Antworten auf letzte Fragen in Hosts, die Abteien genannt wurden. Aus gewaltigen Bibliotheken kopierten sie begehrenswerte Dateien, ohne Copyright und for free, ganz so wie heute. Auch Laptops gab es, Reisealtäre, mit deren Hilfe die besseren Brüder jederzeit Verbindung zum grossen Ganzen halten konnten und zum trickreichsten aller Provider, dem Vatikan. Der förderte Gottes Space nach Kräften. Ein Interface für künstliche dreidimensionale Räume zählte bald zur Standardausstattung seiner Filialen. Kein Geringerer als Giotto malte die ersten VRML-plug-ins: Balkone, Tore, Zu- und Auffahrten zum Himmel und zurück, die Vorboten der Virtual reality.

Die Kunst, aus nichts etwas zu machen, lässt sich freilich noch weiter verfolgen: Es waren Gottesmänner, die als erste kleine Portionen von Nichts in ihre Texte schmuggelten. Sie erfanden den Wortzwischenraum. Das lästige Murmeln beim Lesen erübrigte sich. Fortschritt in der Textverarbeitung bedeutet seitdem Verbesserung im Umgang mit dem Nichts. Ohne die Backspace-Taste und ihre Fähigkeit zur rückwirkenden Annullierung hätte kein Mönch seine Schreibarbeit elektrifiziert. Übrigens sagt man auch von der Zahl 0, der arithmetischen Repräsentation des Nichts, dass sie eine klösterliche Entwicklung sei, deren Beta-Version einst in der Abgeschiedenheit des Himalaja vom Himmel fiel. 0, 1, Strom, kein Strom - ohne die kontemplative Starre der Elektronen und ihre blitzartige Erlösung gäbe es kein digitales Zeitalter. Am Ende beten die Computer für uns, und wir bemerken es nicht einmal?


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