NZZ Folio 07/01 - Thema: Käfer und Co   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Auch Affen haben Kultur

Von Herbert Cerutti

«NIEMAND HAT im Urwald einen fackeltragenden oder einen betenden Schimpansen gesehen», schrieb 1980 Heini Hediger, der frühere Direktor des Zürcher Zoos. Was Mensch und Tier trenne, lasse sich «mit einem Wort umschreiben: es ist das Geistige. Und darunter ist zu verstehen: Wissenschaft, Sprache, Kunst, Religion - kurz Kultur.» Eine Beethoven-Sonate, das Spacelab, die Bibel sind in der Tat himmelweit von allem entfernt, was man bei Tieren je an intelligentem Verhalten gesehen hat.

Deswegen aber Kultur ausschliesslich als menschliche Errungenschaft zu betrachten, wird von einigen Zoologen nun doch in Frage gestellt. Meyers Lexikon definiert Kultur als «das von Menschen zu bestimmten Zeiten in abgrenzbaren Regionen in Auseinandersetzung mit der Umwelt in ihrem Handeln Hervorgebrachte». Ersetzt man hier «Menschen» durch «Lebewesen», finden sich in der Natur durchaus Beispiele, wo die Kulturträger nicht zur Spezies Homo sapiens gehören.

Der Rotgesichtmakak ist sehr anpassungsfähig; er lebt in Japan sowohl an der milden Küste wie im Hochgebirge. In den Shika-Bergen überstehen die Tiere als «Schneeaffen» selbst den grimmigsten Winter. 1948 machten Zoologen der Universität Kyoto eine erstaunliche Beobachtung: In Jigodukani, dem «Tal der Hölle», machen es sich die Affen inmitten der Eislandschaft bequem, indem sie stundenlang bis zum Hals in heissen Quellen hocken. Das bei den Japanern populäre Sitzen in warmem Wasser praktizieren also auch sonst wasserscheue Affen - eine kulturelle Errungenschaft jenseits angeborener Verhaltensweisen.

Was die Wissenschafter wenig später bei einer Gruppe von Rotgesichtmakaken auf der kleinen Insel Koshima am Südzipfel von Japan entdeckten, verdient noch deutlicher die Bezeichnung Kultur. Um die Affen an die Nähe von Menschen zu gewöhnen, streuten ihnen die Forscher als Futter Süsskartoffeln auf den Strand. Eines Tages im Herbst 1953 verblüffte das junge Makakenweibchen Imo durch ein neuartiges Verhalten: Es ging mit einer Süsskartoffel zum nahen Bach und wusch vor dem Essen den störenden Sand von der Knolle.

Einen Monat später fing auch eine Spielkameradin von Imo mit dem Kartoffelwaschen an; vier Jahre später gehörten fünfzehn Affen der Gruppe zum Kulturkreis der Kartoffelwäscher. Schliesslich übernahmen alle neugeborenen Affen das Kartoffelwaschen wie selbstverständlich von den Müttern. Sämtliche Männchen aber, die zur Zeit der Erfindung bereits erwachsen waren, ignorierten die neue Mode.

Jahre später zeigten die Affen auf Koshima eine kulinarische Verfeinerung: Sie wuschen jetzt die Kartoffeln im salzigen Meer - selbst wenn der Weg weiter als zum Bach und die Knolle gar nicht schmutzig war. Die Tiere hatten das Würzen erfunden. Und die Affen ergänzten ihre Kultur laufend. Von den Forschern ausgestreute Weizenkörner wurden von den Tieren erst einzeln aus dem Sand geklaubt. Dann war es wiederum die clevere Imo, die eine verblüffende Lösung fand: Sie nahm eine Handvoll der Körner mitsamt dem Sand und warf die Ladung ins seichte Meer. Der Sand sank auf den Grund, die Weizenkörner schwammen an der Oberfläche. Und auch auf Koshima gelang, was bereits in den heissen Quellen von Jigodukani überrascht hatte: Die ursprünglich wasserscheuen Affen wurden zu Wasserratten, nachdem man sie mit Erdnüssen ins nasse Element gelockt hatte. Mittlerweile sind die Pioniere der Affenkultur auf Koshima längst gestorben. Das Waschen von Kartoffeln und Weizenkörnern, das Baden und Tauchen im Meer sind jedoch zu einer Tradition geworden, die in der Gesellschaft der Rotgesichtmakaken von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Puristen mögen einwenden, das Geschehen auf Koshima sei kein eigenständiger «kultureller Fortschritt», denn durch die Süsskartoffeln und den Weizen habe der Mensch mit fremden Elementen ins Leben der Tiere eingegriffen. Abgesehen davon, dass auch beim Menschen oftmals Kultur durch ungewohnte Elemente entsteht - wir Europäer etwa bekamen die Kartoffel von Fremden und kreierten daraus dann Rösti und Pommes frites -, kennt die Zoologie nun auch Beispiele, wo Tiere weitab von menschlichem Einfluss intelligente Dinge tun, die wohl nicht genetisch vererbt wurden.

Anfang der sechziger Jahre begann die Engländerin Jane Goodall in Gombe am Tanganjika-See in Ostafrika das Verhalten freilebender Schimpansen zu studieren. Dabei machte sie die Entdeckung, dass die Tiere mit dünnen Halmen Termiten aus den Löchern der Wohnhügel angeln, wobei die Werkzeuge situationsabhängig zurechtgebastelt werden: Die Schimpansen in Gombe hatten in ihrer langen Entwicklungsgeschichte irgendwann die Angeltechnik erfunden und dann verfeinert.

Eine nicht minder sensationelle Schimpansentradition enträtselte in den achtziger Jahren das Schweizer Forscherpaar Christophe und Hedwige Boesch im Thaï-Urwald der Republik Elfenbeinküste in Westafrika. Geheimnisvolle Schlaggeräusche im dichten Regenwald führten die Zoologen zu einer veritablen Werkstatt: Mit Knebeln oder Steinen als Hammer und Bodenmulden oder flachen Baumwurzeln als Amboss knacken die Affen serienweise harte Nüsse. Das Inventar umfasst fünf verschiedene Sorten protein- und zuckerreicher Nüsse, wobei für die Coulanuss Schläge mit einem Stecken genügen, für die extrem harte Pandanuss aber bis zu zwanzig Kilogramm schwere Granitbrocken nötig sind. Dass solches Know-how nicht vom Himmel fällt, zeigt die vierjährige Lehrzeit, die ein junger Schimpanse bei seiner Mutter absolvieren muss, bis er die Nüsse selbständig knacken kann.

In den letzten Jahrzehnten sind in Afrika an sehr vielen Schimpansengemeinschaften lokale Eigenheiten im Verhalten beobachtet worden. Um eine Aktivität nun als «kulturell» werten zu können, sollte sie an einem Ort wenigstens gelegentlich, an einem andern Ort aber nie vorkommen, obwohl auch dort die Verhältnisse diese Tätigkeit durchaus erlaubten.

So gibt es auch in Gombe Nüsse; die Schimpansen öffnen sie jedoch nicht mit einem Hammer, sondern schmeissen die Ware mit aller Kraft an Baumstämme oder Felsen. Dafür aber kennen die Thaï-Schimpansen das Termitenangeln nicht; sie fangen diese Beute gelegentlich mit der blossen Hand.

Im Jahre 1999 haben die verschiedenen Forschungsteams die Beobachtungen der letzten Jahrzehnte zusammengefasst, um so eine Gesamtschau der lokalen Schimpansentraditionen in Ost-, Zentral- und Westafrika zu gewinnen. Die Sammlung umfasst neununddreissig verschiedene Verhaltensmuster, die so unterschiedliche Tätigkeiten wie Werkzeuggebrauch, Fellpflege und Brautwerbung umfassen.

Allein schon der Umgang mit lästigen Parasiten zeugt von kultureller Vielfalt: In Gombe setzt man den im Fell des Kumpanen gefundenen Schmarotzer erst auf ein Blatt, zerdrückt dann das Viech mit dem Finger und schiebt es sich ins Maul. In Budongo, Uganda, kommt das Insekt ebenfalls erst auf ein Blatt. Dort wird es aber vom Jäger genauestens begutachtet und schliesslich gefressen oder weggeworfen. Im Thaï-Wald jedoch setzt der Schimpanse den aus dem Fell des Artgenossen geklaubten Parasiten auf den eigenen Unterarm, schlägt ein paar Mal mit dem Finger drauf und vertilgt dann das Tier.

Das Gesamtinventar lässt nun auch Kulturbarrieren erkennen wie etwa den Fluss N'Zo-Sassandra in Westafrika. Von den 24 regionalen Schimpansensippen kennen nur die Sippen westlich des Flusses das Nüsseknacken, während die Tiere östlich des Wassers von der Erfindung offenbar nichts wissen - weil Schimpansen nicht schwimmen können, ist der Fluss zur Kulturscheide geworden.

Im animalischen Keimen von Kultur finden sich übrigens auch feministische Noten. Im Thaï-Wald spielen die Schimpansenfrauen in der Gesellschaft eine wichtige Rolle und wählen ihre Liebhaber selber aus. Die Geschlechtsgenossinnen in Gombe jedoch zeigen (noch immer) ein eher unterwürfiges Verhalten.


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