NZZ Folio 04/06 - Thema: Alt und Jung   Inhaltsverzeichnis

Die Nachtragende

Die Künstlerin Louise Bourgeois will nicht vergeben und kann nicht vergessen. Antrieb für ihr Schaffen sind die Angst und die Erinnerung an die eigene Kindheit.

Von Andrea Köhler

Ich wünschte, ich hätte ihre Hände fotografieren können. So zierlich, wie sie sie in einer ihrer Installationen in Marmor gemeisselt hat, nun von Altersflecken gezeichnet. Louise Bourgeois trägt grosse goldene Ohrringe und einen Ehering. Ihr Mann ist 1973 gestorben. Sie wirkt sehr fragil, wie sie da an dem alten Holztisch sitzt, im weissen Hemd, barfuss in groben Sandalen. Ein kleines, zartes Gesicht unterm fein verästelten Faltengitter. Wache, hellblaue Augen, ein bisschen verschmitzt. Louise Bourgeois ist 94, und fotografieren ist nicht erlaubt.

Es gibt eine Kindheitsfotografie von ihr, mit Papa und Sadie, seiner Geliebten, und Pierre, dem jüngeren Bruder, der – endlich – der männliche Nachwuchs war, den der Vater sich immer gewünscht hatte. Louise, die zweite Tochter, nannte sich Louison. Sehr kess steht sie da, die Baskenmütze schräg auf dem Kopf, um den Mund ein spöttisches Lächeln. So lächelt sie noch einmal auf einer anderen Fotografie, 60 Jahre später, Robert Mapplethorpe hat das Bild 1982 gemacht, und es ist berühmt geworden: Louise Bourgeois in einem Zottelpelz, einen riesigen Latexpenis wie ein Maschinengewehr unterm Arm, eine ihrer aggressiv-sexuellen Skulpturen. Fillette, Töchterchen, hat sie sie genannt. Ein Totemphallus gegen die Schutzlosigkeit und die Angst, die Antrieb und Motor ist für ihr Werk. Die Angst, verlassen zu werden: «Sich ihr zu stellen, sie zu exorzieren, sich deswegen zu schämen und schliesslich Angst vor der Angst zu haben – das ist das Thema», hat sie geschrieben.

Immer wieder hat sie betont, wie stark ihre Arbeit von ihren Gefühlen und allem voran von ihrer Kindheit genährt worden ist. Besonders die späten «Cells», klaustrophobische Räume, die zwischen Höhle und Folterkammer, Lust und Schmerz vieldeutig oszillieren, thematisieren archaische Ängste. Die Eltern von Louise Bourgeois besassen in der Nähe von Paris eine Firma zur Reparatur alter Tapisserien – und das Weben und Flicken ist immer ein Hauptmotiv ihres Werkes geblieben. Auch die Gewalt, die Lust am Kaputtmachen gehören zu diesem Repertoire, und dann die Schuldgefühle als Reaktion auf die Aggressionen. So hat sie das Unbewusste in eine Formensprache gebannt, die lebensgeschichtlich geprägt und zugleich archetypisch ist. Den direkten Zugang zu den verschwiegensten Zonen der Seele aber hat Louise Bourgeois stets als ein Privileg des Künstlers bezeichnet, das Verpflichtungen mit sich bringt. Freuds Buch über das Unbewusste erschien im Jahr ihrer Geburt.

New York im Februar, 94 Jahre später. Es ist der Tag des heftigsten Schneesturms seit Anfang der Wetteraufzeichnung, doch der sogenannte Sunday-Salon findet trotzdem statt. Seit dreissig Jahren gibt die Bildhauerin jungen Künstlern aus aller Welt die Gelegenheit, ihre Arbeiten vorzuzeigen; zugelassen ist jeder, «der keine Erkältung hat». Vor der Tür ihres kleinen Hauses in Chelsea schippt ein Mann gegen die fallende Himmelslast an. «You are a part of history», sagt er und meint damit nicht etwa den Besuch bei einer der bedeutendsten Künstlerinnen der Welt, sondern meine Teilhabe am Jahrhundertschneefall.

Um halb vier ist Einlass in einen spartanisch eingerichteten Raum; kein Mensch würde vermuten, dass die Werke der Frau, die hier lebt, sich für Millionen von Dollar verkaufen. Hohe Regale, blätternder Putz, an der Wand ein überladenes Brett mit Zeichnungen, alten Zeitungsartikeln, Einladungen und Notizen; zwei Keramikkugeln sind die einzige Anspielung auf ihre typischen Formen. Stifte und ein paar Farben; in einem zufällig aus dem Regal gezogenen Katalog vom Kunsthaus Zürich steckt noch ein Brief aus den 1980er Jahren. Auf dem Tisch Cola, Whiskey und Wein, im Recorder singt Jean Sablon das Chanson «J’attends ton retour». Die Zeit scheint hier stehengeblieben zu sein, irgendwann in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts.

Ausser mir haben an diesem Tag nur drei Künstler den Weg durch den Sturm gemacht: ein junger Mann aus St. Louis, eine Videoperformerin und eine sehr gesprächige Künstlerin aus Paris. Brigitte, Bourgeois’ Assistentin seit vielen Jahren, nimmt die Sitzung auf Video auf. Louise Bourgeois hat einen ganzen Stab von Mitarbeitern, der Umgangston ist fürsorglich und leger. Und dann ist da noch Paolo, der brasilianische Kunstkritiker und langjährige Freund, der Louise Bourgeois nun ein Werk erklärt, mit dem sie gar nichts anfangen kann. «Was soll das bedeuten, ich verstehe das nicht», sagt sie anlässlich der Video-Performance, die jetzt vorgeführt wird; sie meint wohl, dass sie der Film nicht sehr überzeugt. «Louise beurteilt nicht», sagt Paolo, und Louise nickt. «Die meisten, die zu mir kommen, wollen nicht meine Kritik, sie wollen nur meine Zustimmung», sagt sie sehr entschieden. «Mein Impuls aber ist es, die Künstler dazu zu bringen, sich selbst zu verstehen.»

Dabei ist die Gastgeberin dafür bekannt, durchaus nicht immer Gnade walten zu lassen; so mancher ist schon in Tränen wieder von dannen gezogen. «Viele Künstler sind sehr ambitioniert», sagt Louise Bourgeois. «Und viele sind schrecklich neidisch. Die haben ein trauriges Schicksal.» Dieses traurige Schicksal war ihr nicht beschieden, sie hat mit ihren Zeitgenossen nicht konkurriert. Louise Bourgeois ist ihren eigenen Weg gegangen, sie hat sich vom amerikanischen Mainstream, von Minimal, Concept und Pop Art, nicht weiter beeindrucken lassen.

In den 1930er Jahren studierte Bourgeois Malerei bei Fernand Léger und an der Ecole des Beaux-Arts in Paris, 1938 folgte sie ihrem Ehemann, dem amerikanischen Kunsthistoriker Robert Goldwater, nach New York und hat seither ihre eigene Formensprache entwickelt. Sehr spät erst, mit über siebzig, kam der Erfolg: Die grosse Retrospektive 1982 im Museum of Modern Art hat sie berühmt gemacht. Es war der Beginn einer steilen Karriere; seitdem ist sie weltweit in allen grossen Museen ausgestellt. Sie sei dankbar, meint sie, dass sie so spät erst entdeckt wurde; es hat ihr erlaubt, in Ruhe ihre eigene artistische Sensibilität zu entwickeln. Die Etappen der Selbstzweifel, etwa als sie versuchte, ein Leben als Hausfrau und Mutter von drei kleinen Kindern zu führen, liegen mehr als ein halbes Jahrhundert zurück. Die grösste Herausforderung in ihrem Leben aber sei es gewesen, «geliebt zu werden».

Seit den Kindheitstagen, in denen dieser Wunsch ihren Ehrgeiz beflügelte, schreibt sie auch Tagebuch. Das erste «Journal de Louison» ging 1923 während einer Zugfahrt verloren und tauchte 1996 bei einem Buchhändler an den Seine-Quais wieder auf. In welcher Form uns die Vergangenheit wieder einholt, weiss letztlich niemand zu sagen. Ein paar Tagebuchblätter sind in ihren Schriften und Interviews abgebildet. Da sieht man auf dem Novemberblatt 1923 das Résumé ihres Wohlverhaltens: die Handzeichnung einer kleinen Waage. Schwer wiegen die guten Taten; auf der Seite der «mauvaises actions» fällt kein Lot ins Gewicht. Louise wollte geliebt werden.

Natürlich geht ihr Werk in der lebensgeschichtlichen Lesart nicht auf. Und auch wenn ihre explizit sexuellen Symbole der psychoanalytischen Deutung (oder feministischen Sache) reichlich Anschauung lieferten, sind solche Zuschreibungen natürlich zu plan. Und doch haben Wut und Schuldgefühle den Skulpturen die biographische Signatur verliehen: die Wut auf den Vater, der seine Geliebte als Lehrerin für Louise in den Haushalt einführte, die Wut auf die Mutter, die sich der Anwesenheit der Konkurrentin in ihren eigenen vier Wänden jahrelang ohne Widerspruch beugte; die Wut auf die Lehrerin, von der sich das Kind doppelt betrogen sah; das Gefühl, von allen verraten und verlassen worden zu sein: das ist die oft wiederholte Familienlegende, die sie in ihren Schriften «Kindesmissbrauch» nennt; eine stets offen gehaltene seelische Wunde, die zur Obsession und Energiequelle ihrer Arbeit wurde. «Destruction of the Father» heisst eine Rauminstallation von 1974: eine archaische, in rötliches Licht getauchte Rachenhöhle aus Latex und Holz, in der auf einer Schlachtbank mit phallischen Formen «der Vater gefressen» wird.

«Ich vergebe nichts, und ich vergesse nichts», hat Bourgeois immer behauptet und damit zuerst wohl die kindliche Wucht der Gefühle gemeint. Dennoch: Haben die Störenfriede aus der Erinnerung über die Jahre nicht ihre Kraft verloren? «In der Vergangenheit war meine Arbeit extrem gewalttätig. Jetzt möchte ich keine Gewalt mehr sehen, keine Schreie mehr hören. Die Stille ist schön», meint Louise Bourgeois heute. Die Stille gehört zu der Mutter, zu den hermetischen Räumen, die von der Spinne behütet werden, in deren ambivalentem Bild die Künstlerin ihre Mutter symbolisiert.

Die Stille, der Schlaf, der Traum. Louise, die chronisch Schlaflose, die der fehlenden Nachtruhe einen Teil ihres Werkes verdankt – sie besteht darauf, dass sie «niemals träumt». Vielleicht, weil es ihr so wichtig ist, den Königsweg zum Unbewussten stets hellwach zu beschreiten, in jenem Wachzustand, der sie noch immer jeden Tag arbeiten lässt.

Doch wenn die Kunst für sie eine Art Katharsis ist, wieso hat das Werk die Furien der Vergangenheit nicht beruhigt? Die alte Frau glaubt nicht an die erlösende Kraft der Kunst, jedenfalls nicht über den Akt des Herstellens selber hinaus: «Der Künstler ist dazu verdammt, ein Leben in Wiederholung zu leben. Es gibt keine Heilung, es gibt keine Kur.» Gleichwohl ist ihr das Arbeiten ein «Garant für die Gesundheit», jeden Morgen aufs neue bis auf den heutigen Tag. «Ich bin dankbar für diesen Prozess.»

Vergeben, vergessen? Viel wichtiger ist es, «die Verantwortung für die eigenen Probleme zu übernehmen». Das heisst für sie «Reparieren». «Wer Dinge wiedergutmachen will, übernimmt auch die Verantwortung für den vorangegangenen Schaden.» «I do, I undo, I redo» heissen drei monumentale Arbeiten aus dem Jahre 2000. Die Titel bezeichnen auch den Akt der Übernahme, die Verantwortung für den eigenen Schmerz.

Inzwischen ist es draussen dunkel geworden. Der junge Mann aus St. Louis hat sein Köfferchen ausgepackt und allerlei krudes Zusammengewürfeltes vorgezeigt, und Louise Bourgeois hat freundlich dazu genickt. Nun versinkt sie in Gedanken und will das alte Lied wieder hören. «J’attends ton retour.» Ihr Mann hat es für sie gesungen, wenn sie zurück ins Land ihrer Kindheit fuhr.


Die Bildhauerin Louise Bourgeois wurde 1911 in Paris geboren, wo sie unter anderem bei Fernand Léger Malerei studierte. 1938 zog sie nach New York und arbeitete, während sie drei Kinder grosszog, jenseits aller Kunstrichtungen und Moden an ihren Zeichnungen und Skulpturen. Jahrzehntelang blieb sie ein Geheimtip der Kunstszene, bis sie 1982 durch eine grosse Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art berühmt wurde. Heute zählt sie zu den wichtigsten Künstlern der Gegenwart; ihr – stark autobiographisch geprägtes – Werk ist in allen grossen Museen vertreten.

Andrea Köhler ist Kulturkorrespondentin der NZZ in New York.


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