NZZ Folio 09/03 - Thema: Diplomaten   Inhaltsverzeichnis

Cyberspace -- Requiem für einen Bildschirm

Von Franz Zauner

ER WIRD NIE wieder leuchten. Damit das klar ist, teilt die Vorsehung diese Gewissheit gleich dreifach mit: im Geruch nach verschmortem Kabel, dieser olfaktorischen Begleitmusik der Kurzschlüsse; im weissen Rauch, der sich wie ein Geist verflüchtigt; in einem Knall, der das Ende beschliesst. Danach bleibt der Bildschirm finster, für immer. Wir können, in der sachlichen Art der EDV, von einem transparenten Totalschaden sprechen. Ein Funktions tod wurde gestorben, nun muss A durch B ersetzt werden. Und doch wird es eine Weile dauern, bis B wieder gleich A ist. Die Hinfälligkeit anorganischer Materie hinterlässt Hinterbliebene und einen Schock.

Der Mensch, chemisch ein weicher Sack aus Wasser, hält Hartes, Kristallines, Stählernes schnell für unvergänglich – auch Geräte aus grauem Plastic zählen in den persönlichen Universen zu den Fixsternen. Wenn sie dann doch verglühen, wähnt man sich Schicksalsmächten ausgesetzt, wird man Hauptdarsteller einer griechischen Tragödie, geschrieben gegen den eigenen Willen, und das «ausgerechnet jetzt»: Was passieren kann, passiert auch, und zwar immer im ungünstigsten Moment (Murphys Gesetz).

Doch was kann schon passieren, und was wäre ein günstiger Moment? Im grimmigen Fatalismus, der in den Kommentaren über das Scheitern der Schaltkreise steckt, verbündet sich die Wehleidigkeit mit der Physik gegen die Realität. Die Entropie im Universum strebt einem Maximum zu, Ordnung endet immer in Unordnung (2. Hauptsatz der Thermodynamik). Leben bedeutet, um ein schwarzes Loch zu kreisen, das irgendwann alles schluckt.

Wärme und Kälte, Schmutz und Luft, Magnetkraft und Stromimpulse reiben und schmirgeln, zerren und ziehen an den Molekülen unserer Besitztümer, bis durch die Risse und Ritzen der Ordnung das Chaos dringt. Eine Glühbirne widersteht ihm 1000 Stunden lang, ein Flachbildschirm 20 000.

Schicksal ist allenfalls, ob der Gerätetod in der Früh-, Normal- oder Spätausfallsphase kommt, ob die mittleren Erwartungswerte der Lebensdauer unterschritten oder übertroffen werden, mit einem Wort: ob wir noch Garantie haben. Meist nicht, denn was passieren soll, passiert nicht. Für die Akkuratesse ihrer Sterblichkeitsmathematik werden die Ingenieure in den Silicon Valleys dieser Welt zu gut bezahlt.


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