NZZ Folio 04/06 - Thema: Alt und Jung   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Der Immigrant

© Ingo Bartussek, Uslar (D).
Der Waschbär wäscht nicht etwa seine Nahrung, er prüft sie bloss vor dem Konsum. Linktext
Vor 30 Jahren wanderte der Waschbär von Deutschland in die Schweiz aus. Eine breite Lobby denunzie r te das Raubtier als gemeingefährlich für Fauna und Flora. Zu Unrecht.

Von Herbert Cerutti

Mit der Broschüre «Glückwünsche zum Vierzigsten, Waschbär!» gratuliert der Zürcher Tierschutz dem putzigen Kleinbären zum runden Jubiläum seiner ersten Schweizer Reise, die er gemäss Beobachtungen im Jahr 1965 von Süddeutschland aus schwimmend über den Rhein in den Aargau unternommen haben soll.

Als Jubiläumspräsent verlangen die Tierschützer von den Behörden, dem Raubtier, das ganzjährig gejagt werden darf, während der Fortpflanzungszeit zwischen April und September eine Schonzeit zu gewähren, damit Jungtiere nach Abschuss der Mutter nicht elend zugrunde gehen. Es sei an der Zeit, den gesetzlichen Status zu verbessern, denn der Waschbär habe sich während seiner bisherigen Niederlassung äusserst manierlich benommen und sei mittlerweile zum einheimischen Wildtier geworden.

Gar nicht einverstanden mit einem solchen Upgrading ist Rolf Anderegg von der Sektion Jagd und Wildtiere beim Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal) – bei aller Sympathie für diese interessante Tierart. Zwar sei der Waschbär bei uns (noch) relativ harmlos. Da er aber ganz klar keine einheimische Tierart sei, wäre ein Bleiberecht weder biologisch sinnvoll noch rechtlich möglich.

Denn das wichtigste Ziel des eidgenössischen Jagdgesetzes sei die Erhaltung und Förderung der einheimischen Vögel und Säugetiere. Nichteinheimische Arten stellten immer ein potentielles Risiko für die einheimische Fauna dar, denn niemand könne vorhersagen, ob eine fremde Tierart auch nach jahrzehntelangem Wohlverhalten eines Tages nicht doch zum Problem werde. Deshalb hätten die Kantone den gesetzlichen Auftrag, dafür zu sorgen, dass sich der Waschbär weder ausbreite noch vermehre.

Dass die Kantone diese Aufgabe erfolgreich durchgeführt haben, lässt sich nicht behaupten. Trotz der Freigabe der unbeschränkten Jagd im Jahre 1977 hat der Waschbär von der Schweizer Nordgrenze her sukzessive das Mittelland erobert. In jüngerer Zeit ist der etwa fuchsgrosse Räuber mit der dunklen Gesichtsmaske sogar am Genfersee und im Wallis aufgetaucht. Wie viele Waschbären es heute in der Schweiz gibt, kann niemand sagen; aufgrund der Einzelbeobachtungen dürften es etliche hundert sein.

Unsichtbarer Jäger

Waschbären werden nur sehr wenige erlegt; in den letzten zehn Jahren waren es gesamtschweizerisch etwa ein Dutzend Tiere. Deshalb ist auch die vom Tierschutz verlangte Schonzeit überflüssig. Der geringe Jagderfolg darf den Jägern jedoch nicht zum Vorwurf gemacht werden. Denn die nächtliche Lebensweise sowie das mit schwarzbraunen und silbrigen Farbtönen perfekt getarnte Fell entzieht den kleinen Bären fast völlig der direkten Beobachtung. So bleiben als Hinweise Trittsiegel im feuchten Boden, Kratzspuren an einem hohlen Wohnbaum und die fingergrossen Röllchen der Losung.


Der Waschbär stammt aus Amerika, wo er vom mittleren Kanada südwärts bis nach Panama in gewässerreichen Misch- und Laubwäldern weit verbreitet ist. Sein weiches Fell machte ihn in den USA zum bedeutendsten Pelzlieferanten. Der Pelztierboom brachte in den 1920er Jahren den drolligen Gesellen auch in deutsche Pelzfarmen. 1934 liess ein Züchter mit Einwilligung der Jagdbehörden zwei Pärchen am nordhessischen Edersee frei, um so eine lokale Wildpopulation zu gründen. Der optimale Lebensraum liess die Kolonie tüchtig wachsen, wobei die Tiere entlang den bewaldeten Flusstälern weiterwanderten. Ein Bombentreffer auf ein Pelztiergehege im brandenburgischen Wolfshagen setzte 1945 weitere zwei Dutzend Waschbären frei.

Heute dürften in Deutschland einige hunderttausend Waschbären leben; die jährliche Jagdstrecke liegt bei 20 000. Schwerpunkt ist nach wie vor der Raum Hessen, wo etwa in den Aussenbezirken der Stadt Kassel einige tausend Tiere als «Stadtwaschbären» leben. Wie der Rotfuchs versteht es auch der Waschbär, vom reichen Futterangebot und von den Versteckmöglichkeiten im Siedlungsgebiet zu profitieren. Er haust in verlassenen Gebäuden, Gartenhäuschen und Dachböden, wobei der geschickte Kletterer als Steighilfe auch das Fallrohr des Dachkännels benutzt. Manchem Bürger ist der Waschbär mit seinem lärmigen Treiben im Dachstock allerdings eine Plage. Und sollte dereinst wieder die Tollwut grassieren, könnten Stadtfuchs wie Stadtwaschbär zum Gesundheitsrisiko werden.

Sorge bereitet den Epidemiologen auch der Waschbärspulwurm. In Mitteldeutschland sind um die 70 Prozent der Waschbären mit diesem Darmparasiten infiziert. Über den Kot gelangen die Spulwurmeier in die Umwelt und entwickeln sich oral aufgenommen im menschlichen Körper zu Wanderlarven, was in einigen Fällen zu tödlichen Hirnhautentzündungen geführt hat. Versuche, den Waschbären durch verstärkte Bejagung aus den Stadtgebieten zu vertreiben, waren bisher erfolglos: Abgänge wurden von den in Gruppen lebenden Weibchen jeweils durch grössere Fruchtbarkeit kompensiert.

«Ein gefährlicher Feind»

Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Waschbär von Süddeutschland her auch in die Schweiz einwandern würde. Als erster offizieller Ankömmling gilt ein im waldigen und tümpelreichen Wangental im Kanton Schaffhausen im Frühjahr 1976 flüchtig gesichteter Waschbär. Definitiv bestätigt wurde die Immigration, als im Februar 1978 Jäger im bernischen Wynigen und kurz darauf auch in Huttwil Waschbären zur Strecke brachten.

Die Jagd auf Waschbären war vom Bundesrat auf Antrag der Beratenden Jagdkommission ungewöhnlich rasch freigegeben worden. «Der Waschbär ist ein gefährlicher Feind des Niederwildes; aber auch in ungesicherten Kaninchenställen und Hühnerhöfen haust er nach Marderart. Als Allesfresser sucht er auch mit Vorliebe Obstgärten, Weinberge und Maisfelder auf und richtet dort erheblichen Schaden an», lautete das vorauseilende Sündenregister der Kommission. Und da auch der Schweizerische Bund für Naturschutz vor einer Gefährdung der einheimischen Fauna warnte, gab es für den unerwünschten Besucher kein Pardon.

Der Waschbär hat sich mittlerweile trotz Verfolgung in der Schweiz etabliert und dürfte auch kaum mehr aus der Wildbahn zu entfernen sein. Allen Unkenrufen zum Trotz hat der Räuber bisher weder der Fauna und Flora noch der Landwirtschaft im grösseren Ausmass geschadet. Zwar frisst der Kerl fast alles, was ihm zwischen die Pfoten kommt: im Frühling Vögel und Eier, im Sommer und Herbst Obst, Eicheln, Buchnüsschen, Hafer, Mais und Regenwürmer, im Winter schliesslich Wald- und Wühlmäuse. Und das ganze Jahr fischt er in Flüssen und Teichen nach Insektenlarven, sucht unter Steinen nach Schnecken und Muscheln.

Was wäscht der Waschbär?

Der Waschbär hockt im seichten Wasser, tastet mit den feingliedrigen Fingern der Vorderpfoten nach Essbarem, dreht und wendet dann den Fund prüfend in den Händen, bevor er sich zum Konsum entschliesst. Es war dieses Suchen im Wasser, was Beobachter fälschlicherweise als Waschen der Nahrung interpretierten und was zum Namen «Waschbär» führte.

Das sehr breite Nahrungsspektrum, inklusive Küchenabfällen und Haustierfutter bei den verstädterten Waschbären, dürfte auch der Grund für die bis her unbedeutenden ökologischen Schä den sein. Da der Kleinbär nicht gezielt Jagd auf bestimmte Beutetiere macht, sind seine Raubzüge keine Massaker, sondern breit verteilte Nadelstiche.

Erst die Forschung der letzten Jahrzehnte hat Licht ins heimliche Leben der Waschbären gebracht. So leben Waschbären in einem grösseren Wohngebiet und wechseln dort ständig die Standorte. Sie suchen nicht nur täglich andere Ruheplätze auf, sondern wandern auch im Jahresverlauf zu den jeweils günstigen Nahrungsgebieten. Als Schlaf- und auch Wurfplätze dienen etwa die Baumhöhlen alter Eichen, Nischen in Steinbrüchen sowie Dachsbauten. Es ist nicht zuletzt solches Vagabundenleben, das ein Aufspüren und Bejagen der Waschbären schwierig macht.

Der Waschbär verfügt zur Orientierung im Dunkeln und für die Kommunikation mit Artgenossen mit Hilfe von Duftmarken über einen hervorragenden Geruchssinn. Ein feines Gehör erlaubt dem Räuber, sogar den im Boden grabenden Regenwurm zu orten. Als Überlebenshilfe besonders wichtig sind zudem die grosse Lernfähigkeit sowie das ausgezeichnete Gedächtnis, die den Waschbären schlechte Erfahrungen, aber auch gute Futterplätze nicht so bald vergessen lassen. So konnte sich in einem Experiment ein Waschbär noch nach Jahren an die Kombination eines Schlosses erinnern, mit der sich ein Futterbehälter öffnen liess.


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