NZZ Folio 02/94 - Thema: Städte   Inhaltsverzeichnis

Die Stadt und der Müll

Mexico Citys finstere Aussicht ins 21. Jahrhundert.

Von Homero Aridjis

MEXICO CITY STEHT in der zivilisatorischen Entwicklung ganz vorn. Die mexikanische Hauptstadt wurzelt in der prähispanischen Vergangenheit und befindet sich gleichzeitig bereits in der Zukunft. In einer Zukunft, die uns anschaulich die irreversible ökologische Zerstörung vor Augen führt, mit der zu Beginn des 21. Jahrhunderts auch andere Städte konfrontiert sein werden.

Mexico City ist eine Metropole, die ihre Grenzen gesprengt hat. Und so wie Heraklit von der Sonne sagte, sie würde bestraft, falls sie ihr Mass sprenge, leben wir in Erwartung der schlimmsten ökologischen Strafen für unsere Hauptstadt, die jeden Sinn fürs Mass verloren hat. Ihrer Grösse wegen wird sie von einigen als eigenes Land betrachtet, dessen Zustand in einem Wortspiel zum Ausdruck kommt: Anstatt Distrito Federal – Bundesdistrikt – sagen sie Detritus Federal: Bundesabfall.

Das Wachstum dieser Stadt ist grenzenlos. Ihrer Gefrässigkeit sind die letzten Wälder und Felder, die letzten grünen Hänge und Höhenzüge zum Opfer gefallen. Ihr Durst lässt das Wasser, das über Hunderte von Kilometern mühsam und kostspielig herbeigepumpt wird, versiegen. Ihre geographische Situation verschärft die Verschmutzung: Mexico City befindet sich auf 2240 Metern Höhe in einem schüsselförmigen Tal und ist umgeben von über 3000 Meter hohen Bergen. Wind ist rar, doch sobald er bläst, vertreibt er die Abgasschwaden, und wir sagen: Jetzt ist das Ministerium des Windes am Werk.

Wir sitzen in unserer eigenen Suppe gefangen. Wie Lemminge rasen wir allesamt im Auto in unsern Ruin. Und jedes Jahr nimmt die Zahl der Fahrzeuge um 300 000 zu, schon heute sind es über 3 Millionen. Verkehrsstaus sind jederzeit und überall an der Tagesordnung. Reden wir von einer bestimmten Strecke, interessiert uns nicht die Distanz in Kilometern, sondern das Verkehrsaufkommen.

Nichts ist in Mexiko so gerecht verteilt wie die Verschmutzung. Reiche und Arme, Politiker und Unternehmer, alle inhalieren wir täglich unsere Ration von Ozon, Kohlenmonoxid, Schwefeldioxid, Stickstoffoxid, Schwebeteilchen, Cadmium, Blei und die pulverisierten Exkremente jener Millionen von Einwohnern, die über keine Toiletten verfügen. 35 000 Fabriken (darunter 500, die als hochgradig verschmutzend eingestuft sind) und Dutzende nicht asphaltierter baumloser Strassen tragen zu einer Luftverschmutzung bei, die, laut gewissen Berechnungen, der Wirkung von zwei Päckchen Zigaretten pro Tag entspricht. Im Bundesdistrikt rauchen die Neugeborenen bereits bei ihrer Geburt.

Alljährlich gelangen fünfeinhalb Tonnen chemischer Stoffe und Schwebeteilchen in die Atmosphäre. Im Jahre 1991 überschritt die Ozonkonzentration während 1400 Stunden die erlaubte Obergrenze, die in Mexiko bei 110 ppm (Teile pro Million) liegt. 1992 und auch 1993 wurde dieser Grenzwert überschritten. Die höchste Ozonkonzentration der Stadtgeschichte wurde am 16. März 1992 in der Metrostation Pedregal gemessen. Sie lag über 400 ppm.

Im Winter 1992/93 war die Luftverschmutzung besonders schlimm. Die Ozonwerte erreichten zur Weihnachtszeit, wenn sich die Stadt normalerweise ferienhalber leert und die Luftqualität besser ist, Höchstwerte. In diesen Tagen war es windstill, und der Abgasnebel, der sich aus Dauerstaus im Zentrum, in den Geschäftsvierteln und am Flughafen ergab, blieb im Hochtal von Mexiko hängen. Am Silvestertag war die Luft so schlecht, dass das Notstandsprogramm «Heute wird nicht gefahren» zum Einsatz kam, die Neujahrspredigt in der Kathedrale galt der Luftverschmutzung. Die Ozon-Spitzenwerte sind in Mexico City höher als jene irgendeiner andern Stadt der Welt.

Eine Studie des Nationalen Polytechnischen Instituts hat ergeben, dass 70 Prozent der Einwohner des Hochtals von Mexiko an Augenbeschwerden leiden und dass sich die Fälle von viraler Bindehautentzündung in den letzten Jahren verdreifacht haben. Eine andere Untersuchung, die Ende 1993 von der Nationalen Medizinischen Akademie und der Nationalen Kommission für Menschenrechte veröffentlicht wurde, besagt, dass 1992 in Mexiko 10 172 396 Menschen an akuten Entzündungen der Atemwege litten, 1993 überschritt diese Zahl 11 Millionen. Im Hochtal von Mexiko ist es dunkler geworden. Alljährlich reduziert sich der Lichteinfall um jeweils 5 Prozent. Nur selten noch sehen wir die Vulkane Popocatepetl und Ixtaccihuatl. Der Flughafen bleibt manchmal während Stunden geschlossen, weil die Sicht wegen der Verschmutzung zu schlecht ist. Der Gesundheitsminister hat verneint, dass es in Mexiko oder sonstwo Daten über gesundheitliche Schäden gebe, die aus länger andauernder Luftverschmutzung resultieren. Der Minister behauptete, die Schädigungen seien vorübergehend und der Körper erhole sich von ihnen.

Im «Jahr 2-Haus», wie es in ihrer Zeitrechnung hiess (A. D. 1325), erreichten die Mexica (später Azteken genannt) unter der Führung ihres Gottes Huitzilopochtli das Hochtal von Mexiko. Inmitten von Schilf und Gestrüpp sahen sie einen Adler, der auf einem Feigenkaktus hockte und eine Schlange verschlang. Sie deuteten das als Zeichen, dass ihre Wanderung zu Ende gegangen sei. Ihre Priester nahmen den Ort in Besitz, indem sie im Süss- und Salzwasser der zahlreichen Seen ein rituelles Bad nahmen.

Albrecht Dürer nannte Mexiko-Tenochtitlan eine ideale Stadt. Die spanischen Eroberer, Missionare und Siedler waren sprachlos, als sie sie sahen. Die Hauptstadt der Azteken, von Kanälen und Wasserstrassen durchzogen, lebte ganz vom Wasser. Nachdem Hernán Cortéz die Stadt geschleift hatte, entwarf der spanische Baumeister Alonso García Bravo Pläne für eine spanische Stadt. Tag und Nacht schleppten Tausende von einheimischen Fronarbeitern Vulkanstein, Balken und Kalk herbei. Aus den Steinen des zerstörten Haupttempels der Azteken entstanden neue Bauten. Bereits um 1554 erwähnte ein Chronist den Gestank in der Lagune und im Aquädukt, der das Trinkwasser in die Stadt führte. 1993 gibt es noch einen einzigen Bach, den Magdalena. Alle anderen fliessen heute durch Rohre oder sind Abwasserkloaken geworden.

Beim Versuch, Mexico City in ein «internationales Handels- und Finanzzentrum» zu verwandeln, nahmen die Stadtbehörden der Regierung Salinas drei kostspielige Projekte an die Hand: erstens die ökologische Rettung der sogenannten schwimmenden Gärten von Xochimilco, Reste von Lagunen und Sümpfen, die sich früher über weite Teile des Hochtals von Mexiko erstreckten und die heute ein Labyrinth schmutziger, übelriechender Kanäle geworden sind, erstickt von Abfällen und Wasserlilien. Zweitens die Umwandlung der riesigen Müllhalde von Santa Fé in eine Bauzone, die als «exzellentes Tor für den einheimischen und ausländischen Tourismus» und als «Modellstadt des 21. Jahrhunderts» bezeichnet wird. Und drittens die Umgestaltung von 647 Bauten im Perimeter A des 3,2 Quadratkilometer grossen historischen Zentrums, das 1500 Gebäude umfasst, darunter die Überreste aus der aztekischen und spanischkolonialen Epoche. In dieser Zone, unweit vom früheren Haupttempel der Azteken, versinken währenddessen die Hauptkathedrale und der Nationalpalast wie steinerne Schiffe im lehmigen Untergrund. Ursache ist das übermässige Abpumpen des Grundwassers.

Jede Sekunde werden im Stadtbereich 63 Kubikmeter Wasser verbraucht. Nur 40 Kubikmeter davon stammen aus dem Hochtal von Mexiko, der Rest aus zwei weit entfernten Flüssen, dem Lerma und dem Cutzamala. Ein Prozent der gesamten in Mexiko produzierten Energie wird benötigt, um dieses Wasser über 150 Kilometer und aus 700 Metern Höhe zum Bundesdistrikt hochzupumpen. Pro Kopf beträgt der tägliche Wasserverbrauch 360 Liter, das Leitungsnetz umfasst 12 000 Kilometer, 25 Prozent der gesamten Wassermenge versickern. In Anbetracht des Wasserproblems verhehlen viele Stadtbewohner ihren Pessimismus nicht: Wenn Mexico City eines Tages stirbt, dann stirbt es am Durst. Der Abfall ist ein Geschäft: Tag für Tag fallen 18 000 Tonnen Abfälle an, sie bringen den Verwertern Tag für Tag 6 Millionen Peso ein. Es gibt in der Stadt drei grosse Abfallhalden unter freiem Himmel und Dutzende illegaler Müllhalden. Über 15 000 sogenannte Pepenadores durchwühlen diese Abfallberge auf der Suche nach Karton, Alteisen, Glas und Plastik. Nicht selten entzünden sich ölige Pfützen, und das Feuer schlängelt sich den Abflussrinnen entlang.

Vor einigen Jahren wurde Rafael Gutiérrez Moreno, der Abfallkönig, ermordet. In der Müllhalde Santa Catalina Yecahuizotl beutete er 5000 Pepenadores aus. Auf diesem grössten Dreckberg der Welt hatte er auf einer Fläche von zwei Quadratkilometern einen Palast bauen lassen. Gutiérrez Moreno besass einen Helikopter und kommunizierte per Funk mit seiner Flotte von Abfallwagen und seinen mit Maschinenpistolen bewaffneten Leibwächtern. Er hatte den Mund voller Goldzähne und Konten voller Geld in den USA, in der Schweiz und in Japan. Er verfügte über 14 Frauen, über die Töchter seiner Pepenadores übte er das Herrenrecht aus. Er wollte es auf 180 Kinder bringen, schaffte aber nur 120.

Die Felder, die Täler, die Abhänge der Berge und Vulkane sind von «verlorenen Städten» überzogen, von Zementbehausungen, Bürogebäuden, Glaskästen. Entlang der Überlandstrassen wurden die Wälder umgelegt, an ihrer Stelle stehen notdürftig errichtete Dörfer, verwahrlost und ohne Infrastruktur. Auf einer Fläche von 3000 Hektaren erheben sich illegal erstellte Bauten. 1940 umfasste die Stadtfläche 9920 Hektaren, 1990 waren es 63 482, das entspricht 1500 Quadratkilometern. Gemäss einer eben publizierten Umweltstudie der Nationalen Universität beträgt die Bevölkerung von Mexico City 15 Millionen, um die Jahrhundertwende waren es 540 000. Diese Zahl beruht auf der Volkszählung von 1990 und berücksichtigt die Bevölkerung der an den Stadtrand anschliessenden Zonen nicht. Die Siedlungsdichte beträgt 5569 Einwohner pro Quadratkilometer, das sind 30 Prozent mehr als in Städten wie Singapur, Hongkong oder Tokio.
Ein Bericht der Kommission für ländliche Entwicklung hält fest, dass es 1975 im Bundesdistrikt 48 000 Hektaren Wald gab, heute seien es noch 36 000 – ein Ergebnis des grenzenlosen Wachstums und auch der Verwüstungen in Naturschutzgebieten wie jenen von Ajusco, Desierto de los Leones, Sierra de Guadalupe.
Mexico City ist zweimal erobert worden. Einmal durch die Spanier, das zweite Mal durch die Massen. Diese zweite Eroberung ist gravierender, denn ein grosser Teil der Umweltprobleme im Stadtbereich ergeben sich aus der Bevölkerungsexplosion.

Die Regierung ist machtlos angesichts einer Einwohnerzahl, die im Grossraum Mexico City die 23 Millionen überschritten hat. Die Bevölkerung wächst Tag für Tag. Wenn es uns nicht gelingt, die Zahlen in den nächsten Jahren zu stabilisieren, sind alle umweltschützerischen Massnahmen sinnlos.

Gemäss einem Bericht der Kommission zur Verhütung der Verschmutzung im Hochtal von Mexiko werden in der Stadt täglich 43 Millionen Liter Brennstoff und 600 Tonnen Lösemittel verbraucht. Damit könnte man das Olympiastadion 22mal füllen. Täglich werden 15 000 Tonnen gefährliche chemische Substanzen produziert, das nächstliegende sichere Depot befindet sich in 1400 Kilometern Entfernung. Abfälle werden auf wilde Müllhalden, in Flüsse und Entwässerungskanäle gekippt. Der Dreck der Hauptstadt ist noch in Hunderten von Kilometern Entfernung nachweisbar, im Golf von Mexiko etwa oder in Tula, wo die steinernen Adlerkrieger der alten Tolteken eine Landschaft überblicken, die von den Fäkalien einer der grössten, bevölkerungsreichsten und verschmutztesten Städte der Welt verseucht ist.

Homero Aridjis war Botschafter Mexikos in Holland und der Schweiz. Er ist Schriftsteller und Präsident der Umweltschutzorganisation Grupo de los Cien; er lebt in Mexico City.


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