NZZ Folio 10/05 - Thema: Reich und Schön   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Jagdszenen aus Solothurn

Von Herbert Cerutti

An einem nebligen Dezembertag fahren wir vom solothurnischen Schönenwerd aus übers Land. Vor uns kurvt in flotter Fahrt ein schwarzer Geländewagen den Feldweg entlang, das Fenster auf der Beifahrerseite offen. Hinter Lostorf hockt auf einer Wiese eine einzelne Krähe, etwa 20 Meter vom Wegrand entfernt.

In dem Augenblick, da der Geländewagen an der Krähe vorbeifährt, löst sich aus dem dunklen Fensterloch ein Schatten. Ein mächtiger Greifvogel braust knapp über das Gelände und hat mit wenigen Flügelschlägen die Krähe erreicht. Zwar war auch die Krähe beim Auftauchen des Schattens sofort gestartet, die kurze Distanz liess ihr indes keine Chance. Schon hat der Räuber seine Krallen in die Beute geschlagen. Er landet mit dem Opfer auf der Wiese, wo die Jagd in einem wüsten Knäuel stiebender Federn ihr Ende findet.

Kaum war der Greifvogel aus dem Autofenster, leuchteten die Bremslichter auf, und Hugo Büchler rannte über die Wiese zu seinem Jagdgenossen, einem acht Jahre alten Habicht. Der Greifvogel hat nun bereits begonnen die Krähe zu rupfen. Büchler holt aus einer Ledertasche ein totes Hühnerküken und hält den Leckerbissen dem Habicht vor den Schnabel. Dieser hüpft auf den mit einem dicken Lederhandschuh geschützten Arm des Betreuers. Und während der Habicht gierig das Küken verschlingt, verstaut Büchler die Krähe in der Falknertasche. Der Habicht soll für weitere Taten in Jagdkondition bleiben und sich erst am Ende des Jagdtages mit der Beute vollfressen. Mit geübter Bewegung stülpt ihm der Falkner eine Lederhaube über Kopf und Augen, was den wilden Burschen lammfromm werden lässt.

Auf der Weiterfahrt macht der Habicht in einer Kiste im hinteren Autoteil Pause. In Bereitschaft wartet jetzt auf einer Holzstange zwischen den beiden Vordersitzen ein Wanderfalke. Sein Betreuer heisst Daniel Kleger. Wir sind nun in der Gegend von Dulliken. Wanderfalken sind wesentlich kleiner als Habichte und jagen ganz anders. Holt sich der Habicht die Beute im horizontalen Flug oder direkt am Boden und kann er mit seinen breiten Flügeln Ausweichbewegungen des Opfers rasch kompensieren, ist der Wanderfalke ein Kampfjet mit schmalem Flügelprofil. Dies erlaubt ihm Sturzflüge mit bis zu 320 Kilometern pro Stunde, wobei er nur mässig enge Kurven fliegen kann. Der Wanderfalke steigt deshalb für die Jagd hoch in den Himmel.

Tödliches Finale am Boden

Fliegt unten Beute, sticht er mit angelegten Flügeln nieder, wählt sich eines der schwächsten Tiere und nähert sich dem Opfer in einer raschen Aufwärtskurve von unten hinten im toten Blickwinkel. Unter der Beute dreht sich der Falke blitzschnell auf den Rücken, packt den Vogel mit den Fängen und flattert für das tödliche Finale zu Boden. Denn während der Habicht mit seinen drei Zentimeter langen Fängen die Beute zu erdolchen vermag, hat der Wanderfalke nur kurze Fänge und tötet in der Regel erst am Boden durch einen Biss ins Genick.

Daniel Kleger fährt durch die Winterlandschaft, bis er auf einem Acker einen Krähenschwarm sitzen sieht. Jetzt startet der Wanderfalke aus dem Fenster. Sofort stieben die Krähen hoch und flüchten ins Geäst eines nahen Baumes, wo sie vor dem Greifvogel sicher sind. Um Beute zu machen, braucht der Falke nun die aktive Unterstützung des menschlichen Jagdkumpanen. Der Greifvogel fliegt höher und höher, bis er als Punkt am nebligen Himmel fast verschwunden ist.

Unterdessen hat Kleger das Auto verlassen. Er rennt über den Acker auf den Fluchtbaum der Krähen zu, schreit und schüttelt wild eine Holzrassel. Das Theater lässt die Krähen auffliegen. Schon fällt wie ein Stein der Wanderfalke vom Himmel. Der Falke kriegt am Schluss seiner Angriffskurve den anvisierten Vogel indes nicht zu fassen, worauf der aufgeschreckte Schwarm bald wieder im Baum sitzt. Der Falke zieht erneut himmelwärts.

Kleger, nun direkt unter dem Baum, wirft einen roten Stab ins Geäst. Was das schwarze Volk einmal mehr aufstieben lässt. Der zweite Sturzangriff bringt dem Wanderfalken den Jagderfolg. «Das hat jetzt gut geklappt», sagt Daniel Kleger mit zufriedener Miene. «Oftmals lassen sich die gescheiten Krähen aber nach einer ersten Attacke durch nichts mehr in die Luft bringen, selbst wenn ich am Baum wie beim Obstschütteln rüttle.» Nach einer guten Stunde sind drei Krähen in den Falknertaschen. Genug für heute und Zeit für das Picknick. Hugo Büchler hat eine der toten Krähen auf die Wiese gelegt, setzt den Habicht auf den Boden und schiebt die Brustfedern zur Seite, damit der Vogel an das zarte Muskelfleisch kommt.

Während der Habicht frisst, hält er seine Schwingen wie einen schützenden Schirm über seine Beute – ein angeborenes Abwehren allfälliger Schmarotzerkollegen. Nachdem der Habicht die Brustmuskeln und einige Knochen verzehrt hat, trennt ihn Hugo Büchler von der Beute. Denn überliesse man dem Greifvogel die Krähe, würden auch noch die Gedärme weggeputzt, wodurch sich das wertvolle Tier mit Bakterien und Parasiten infizieren könnte.

Auch der Wanderfalke erhält sein Fressen. Bald schon hocken die beiden Greifer mit dicken Kröpfen im Gras, rundherum ein schwarzer Federteppich. «Hierher brauchen wir ein paar Tage lang nicht mehr zu kommen, denn die Krähen werden den Platz meiden», weiss Kleger aus Erfahrung. Die beiden Jagdvögel haben ohnehin bis übermorgen Pause; sie erhalten auch kein weiteres Futter. «Unsere Vögel müssen wie Löwen oder Schlangen für die Jagd hungrig sein. Auch setzen wir sie regelmässig auf die Waage, denn ihr Gewicht muss wie bei Spitzensportlern stimmen», erläutert der Falkner die Ernährungspraxis.

Kleger ist Förster und Büchler Betriebsleiter; von September bis März sind die beiden fast jeden Tag während ihrer Mittagspause unterwegs. Da die Krähen schlechte Erfahrungen nicht so schnell vergessen, müssen die Falkner immer wieder andere Routen fahren.

Wie sind Daniel Kleger und Hugo Büchler zu ihrem ungewöhnlichen Hobby gekommen? Kleger machte 1985 die Jägerprüfung und hat sich schon damals für die Beizjagd interessiert. Er hat heute eine Pflegestation für verunglückte wilde Falken und züchtet auch selber Wanderfalken. Hugo Büchler ist seit 1991 Jäger. Er kam auf eher ungewöhnliche Weise zu seinem Habicht. Der Greifvogel war im Kanton St. Gallen in einen Taubenschlag eingebrochen und dort während des Massakers verhaftet worden. Mit Bewilligung der Jagdbehörden durfte Büchler den Wildfang adoptieren. Die Falknerei hat er dann von Daniel Kleger gelernt.

Die Wut der wehrhaften Krähe

Um ein effizientes Jagdteam zu werden, muss der junge Falke auf den Menschen geprägt werden. Und der Falkner muss das Tier auf die künftige Beute fixieren. In der Wildnis interessiert sich der Wanderfalke vor allem für Tauben und Singvögel. Die intelligenten und wehrhaften Krähen aber sind ihm eine Nummer zu gross; Klegers Wanderfalke hat etliche Narben am Kopf. Denn während er die Krähe in den Fängen hält und zu Boden trägt, hackt ihm das wütende Opfer noch ein paar Mal mit dem Schnabel an den Schädel.

Um den frisch geschlüpften Falken auf die Schwarzröcke zu fixieren, legt ihnen der Falkner das Futter auf eine schwarze Unterlage. Bald schon erhalten sie als Nahrung tote Krähen. Und im Alter von 60 bis 80 Tagen sollte der Jungvogel seine erste Krähe fangen.

Die Jagd aus dem fahrenden Auto ist eine besondere Sache. Die traditionelle Beizjagd, wie sie im Mittelalter in hoher Blüte stand und wie sie noch heute bei den reichen Scheichs gepflegt wird, benutzt das Pferd als Transportmittel. Im Galopp soll die Beute überrascht werden. Der Galopp und heute das Auto geben schweren Greifern wie Habicht oder Adler eine vorteilhafte Startgeschwindigkeit.

Daniel Kleger und Hugo Büchler erbeuten pro Jahr mit den beiden Greifern zwischen 1 20 und 1 30 Krähen; die acht aktiven Schweizer Falkner zusammen kommen auf 500 bis 600 Tiere. Gemessen an den 1 4 000 Rabenkrähen, die in der Schweiz pro Jahr erlegt werden, ist der Beitrag der Falkner also eher gering. Die Beizjagd ist aber insofern bedeutend, als sie dort, wo Krähenschwärme grosse Schäden an frisch gesätem Getreide und Mais oder in Salatfeldern anrichten, eine Art «biologischer Schädlingsbekämpfung» bietet. Denn der Greifvogel als natürlicher Feind der Krähen stört allein schon durch sein Auftauchen die gefrässige Schar.

Von Herbert Cerutti erschien im September im Verlag Hier + Jetzt «Schneller Bock – schlaue Sau. Die Jagd im Kanton Aargau». Der Artikel ist die gekürzte Fassung eines Buchkapitels.


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