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Wein und Sein -- Lidia Zuberbühler, Jeanne d’Arc des Malbec
Von Peter Rüedi
ALS DIE ARGENTINIERIN 1964 zum ersten Mal nach Europa kam, war alles noch anders. «Mein erster Eindruck von Europa war, wie bescheiden die Menschen lebten.» Die ausgebildete Kauffrau arbeitete damals auch in Deutschland, «aber nicht lange, weil man in Argentinien viel mehr verdiente». Dann verarmte der Mittelstand des krisengeschüttelten grossen Landes, das so reich ist an Potentialen - so sehr, dass sie sich als Kind der Neuen Welt in der Alten fragte: «Warum habe ich hier so viel mehr Kaufkraft als dort? Die Ungerechtigkeit hat aus mir einen Menschen mit schlechtem Gewissen gemacht.»
Aufgewachsen im Paradies, auf einer Insel im grossen wilden Delta des Paraná nordwestlich von Buenos Aires, spricht das ehemalige Fräulein Tauber als Tochter von Einwanderern aus dem süddeutschen Raum ein fast perfektes Deutsch, aber mit der spanischen Melodie, die die Satzenden fliegen lässt. Sie ist, bis heute, eine Wanderin zwischen den Welten. Nach vielen Reisen hat sie in Bern Walter Zuberbühler geheiratet, eine Tochter mit dem Namen Evita geboren (ein Sohn hiesse vermutlich Diego Armando, hängen doch beide argentinischen Ikonen an der Wand ihres Berner Kontors). Ihre andere Familie ist die, aus der sie kommt (ihr Bruder wohnt nach wie vor auf der Insel im Delta). Die dritte sind ihre Lieferanten.
Im Jahr 1987 beschloss Lidia Zuberbühler das Ihre zur Verminderung der Kontinentalsperre beizutragen und argentinischen Wein einzuführen. Auch da ist Argentinien ein Land mit immensem, lange Zeit jedoch kaum ausgeschöpftem Potential. Produziert wurde bis in die achtziger Jahre für den beträchtlichen Inlandkonsum, ein Export existierte kaum. So wussten vor zwanzig Jahren allenfalls ein paar Spezialisten, dass der Önologe Raul de la Mota mit dem 1977 geernteten Malbec für Weinert einen Spitzenwein kelterte, der keinen Vergleich mit den grössten Bordeaux zu scheuen braucht - im Grunde aber mit nichts zu vergleichen ist. Die Perfektionisten, die in der Folge aus dem Mainstream ausscherten, haben anderes im Sinn als Kopien europäischer Weine.
Was anfangs nicht viel mehr war als eine rührende Aktion exilargentinischer Heimatfolklore, ist zu einer respektablen Weinhandlung mit Sitz an der Mottastrasse 20 in Bern geworden. Lidia Zuberbühler fand bald die Elite jener Weinmacher im Gebiet Mendoza, die nach Höherem strebten: neben Weinert zum Beispiel die Gebrüder Arizu, die eben ihre eigene Marke Luigi Bosca zu entwickeln begannen. Die Traubensorte dieser Gewächse ist vornehmlich der Malbec, der in den relativ hohen Lagen, in grosser Trockenheit, unter gezielter künstlicher Bewässerung, bei grossen Temperaturunterschieden ganz andere Qualitäten entwickelt als in seiner französischen Heimat, dem Bordelais.
Ihre ersten Degustationen veranstaltete Lidia im Privathaus in der Berner Elfenau, für ihre Nachbarn und für Leute, die sie im Tram ansprach. Inzwischen verkaufen die Zuberbühlers rund 200 000 Flaschen argentinische Spitzenweine jährlich. Sie vertreten wenige Produzenten, die aber richtig.
Alle diese Betriebe haben in ihre Rebberge und in ihre Keller investiert, als die Regierung Menem den Peso an den Dollar koppelte und stabilisierte. Jetzt, da die Wirtschaft zertrümmert ist, das Geld knapp und also der Export wichtiger denn je, gehören sie zu den Privilegierten, die ihre Partnerschaften in aller Welt unterhalten und vor allem ihre Betriebe auf längere Zeit hinaus saniert haben. Sorgen haben sie aber alle noch genug. Kann einer die Korken nicht bezahlen, die er aus Portugal einführen muss, springen schon mal die Zuberbühlers ein.
Wir probieren fünf verblüffend unterschiedliche Malbecs und bestaunen die Bandbreite dieser diesseits des Atlantiks unterschätzten Traube. Der «Luigi Bosca» 1996 von Arizu stammt von sehr alten Reben, hat einen mittleren Körper, ist ausserordentlich würzig, pfefferig, voll frischer wilder Kräuter, reife rotbeerige Frucht, geradlinig, zurückhaltend und doch komplex. Die Reserva von Norton 1998 lässt Röstaromen spüren, intensivste Frucht und Veilchen, dabei genug Tannin: viel Wein für 20 Franken.
Der junge Malbec Don Eugenio (Reserva) von Eugenio Bustos ist elegant, ja strahlend, aber keineswegs kitschig: davor bewahren ihn die Bitterkräuter im Abgang. Endlich ein Cadus Malbec 1999 von Nieto Senetiner, in Barriques ausgebaut, intensive Frucht auch hier, satt, tief, von alten Rebstöcken und ein Beispiel der neuen Vinifikation. Und zum Abschluss ein Sprung zurück in die Anfänge des grossen argentinischen Weins, eben der legendäre 1977er Estrella Malbec von Weinert, ein Wein, «der eine Geschichte erzählt», und zwar eine auf mehreren Ebenen. Der, denk ich an Argentinien in der Nacht, auch einige Melancholien ins Schwingen bringt.
Eine gute Nachricht aus Argentinien gibt es übrigens auch: die Ernte 2002 ist die beste, seit Lidia im Geschäft ist. «Wäre Argentinien auch noch Fussballweltmeister geworden», sagt sie, «dann wären wir nicht mehr aufzuhalten gewesen.»
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